Zeitung Heute : Die Generation Bachelor startet durch

Die Humboldt-Universität modernisiert ihre Lehre. Das eröffnet für Studierende und Dozenten neue Chancen und Perspektiven

Heinz-Elmar Tenorth

Situationsberichte über das deutsche Bildungswesen lesen sich im Guten wie im Schlechten offenbar zunächst immer wie Wegweiser durch Oberitalien: Pisa steht für die Leistungsschwäche des deutschen Schulwesens, Bologna für die Reformversprechen in Lehre und Studium der Hochschulen. Dass an den Schulen in Sachen Pisa mehr schief liegt als der Turm, ist inzwischen bekannt. Aber was ist mit der Anspielung auf die älteste Universitätsstadt Europas gemeint?

In der Bologna-Erklärung verabredeten die Bildungsminister der Europäischen Staaten am 19. Juni 1999, bis 2010 einen „einheitlichen europäischen Hochschulraum“ zu schaffen. Dieser Raum sollte charakterisiert sein durch eine gemeinsame Form, also Studiengänge mit einheitlichen Abschlüssen, Bachelor und Master. Der Bachelor, so lautete der Plan, sollte der erste berufsqualifizierende Abschluss werden, in der Dauer und die Lehrelemente, die Module und studienbegleitenden Prüfungen nach vergleichbaren Standards aufgebaut sind. Die Studiengänge sollten sich an einer gemeinsamen „Währung“ orientieren, mit der man Studien-Leistungen vergleichend bewerten und von einem Land ins andere transferieren kann: Dem ECTS-Modell – dem European Credit Transfer System. Sie sollten in Akkreditierungs-Verfahren auf die Qualität geprüft werden, also in von Fachleuten verbürgten Anerkennungsverfahren. Inzwischen redet man nicht mehr nur über Pläne, sondern über einen sich rapide verändernden Hochschulraum – und die Humboldt-Universität ist dafür ein prominentes Beispiel.

Das alte System von Studiengängen kannte drei Abschlussarten nebeneinander: Diplom, Magister, Staatsexamen. Seit dem Sommer 2000 werden sie an der Humboldt-Universität mit zunehmendem Tempo in das neue System überführt. Schon im Wintersemester 2004/05 bilden Studiengänge mit dem Abschluss Bachelor und Master das dominierende Modell mit einem Anteil von 49 Prozent aller Studiengänge. Nachdem die Lehrerbildung in das Bachelor- und Mastersystem integriert wurde, gibt es das Staatsexamen nur noch in Jura und Medizin. 44 Prozent aller Erstsemester studieren bereits in den neuen Studiengängen. Bei gleichem Tempo wird die Umstellung noch vor 2010 im Wesentlichen abgeschlossen sein. Die HU übertrifft in der aktuellen Situation deutlich den vergleichbaren Bundesdurchschnitt. Dort sind 2004/2005 erst 26,3 Prozent der Studiengänge neu gestaltet. Bundesweit sind an diesem Veränderungsprozess nur 7,5 Prozent der Erstsemester beteiligt.

Im Alltag wird dieser Reformprozess ambivalent erlebt: als Chance einer umfassenden Studienreform, aber auch als Bedrohung durch neue und unbekannte Formen der Ausbildung. Selbstverständlich gibt es immer Übergangsprobleme, die von den Kritikern als Systemfehler bezeichnet werden können. In der grundlegenden Orientierung aber, da sind sich Fakultäten, Fächer und die Hochschulleitung einig, bietet der Anstoß von außen die Chance, die dringend notwendige Reform des Studiums an den deutschen Universitäten energisch voranzutreiben.

Noch immer dauert das Studium zu lange, noch immer gibt es viel zu viele Studienabbrecher, noch immer ist das Studium deshalb zu teuer und zu ineffektiv. In zu vielen Fächern eröffnet es nur selten hinreichend die Perspektive für eine befriedigende Berufspraxis.

Angesichts der unübersehbaren Schwächen des alten Systems musste deshalb an der HU der Übergang in das neue System auch nicht von oben oder von außen verordnet werden. Er begann als Initiative von unten, er beruhte auf dem Konsens der beteiligten Fächer und wurde als Chance verstanden, die eigene Wirklichkeit der Lehre zum Besseren zu verändern. Inzwischen treten in der Pionierfakultät, der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen, und in den früh beteiligten Fächern, wie den Sozial- und Erziehungswissenschaften, die ersten Studierenden in die Master-Studiengänge ein. Die ersten Bachelor-Absolventen der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät haben sich erfolgreich in das Berufsleben integriert. Damit kann sich das Profil der Studienreform an der HU beweisen.

Den Kern stellen Kompetenz und individuelles Profil dar. Die neuen Studiengänge binden sich nicht eng an häufig verstaubte Fachtraditionen, sondern wollen das Interesse an der Vermittlung und dem Erwerb von Fähigkeiten wecken, die selbstständiges Arbeiten ermöglichen.

Neue Lehr- und Lernformen müssen hinzukommen, unter anderem in Projekten oder in intensiverer Betreuung der Studierenden und in gemeinsamer wissenschaftlicher Arbeit von Beginn an, verbunden mit Veranstaltungen, die auch den Zugang zu Berufsfeldern erschließen. Mehr als 60 Reformvorhaben sind inzwischen etabliert, in denen die Möglichkeiten der neuen Medien intensiv genutzt werden. Die Universität hat ein eigenes Multimedia-Lehr-und-Lernzentrum aufgebaut, um den Modernisierungsprozess der Lehre zu unterstützen. Vergleichbar ist ein Career-Center aufgebaut worden, das Berufsfelder erschließende Aktivitäten in den Fächern gemeinsam mit außeruniversitären Partnern unterstützt und Angebote zur Vermittlung von Schlüsselkompetenzen entwickelt.

Jetzt muss der neue Geist in allen neuen Studiengängen auch umfassend zur Geltung gebracht werden. Denn Übergangsprobleme sind nicht zu leugnen. Sie resultieren einerseits aus den bekannten Strukturproblemen der Berliner Hochschulen, vor allem also aus der notorischen Geldknappheit. Sie beruhen andererseits auf ungewohnten Effekten der neuen Studiensysteme. Hochschullehrer stellen erstaunt und dann von der Arbeit überwältigt fest, dass jetzt die Studierenden wirklich präsent sind. Die Studierenden erwarten jetzt auch die Lehre, die von den Modulbeschreibungen versprochen wird. Sie suchen die Betreuung und intensive Kommunikation und Kooperation, die als Profil der HU typisch werden soll. Für die Studierenden und die Lehrplaner macht eine modularisierte Lehr- und Studienorganisation Zeitprobleme bewusst. Der Abstimmungsbedarf muss erst bewältigt werden. Und schließlich: Man muss der Außenwelt erklären, was das neue System leistet und was die Studierenden an neuen, nützlichen und zukunftsfähigen Kompetenzen mitbringen.

All das gelingt selbstverständlich nicht von heute auf morgen. Man muss die Politiker überzeugen, dass die personellen und institutionellen Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit die Reform nicht zum Etikettenschwindel wird. Man muss die Liebhaber des Alten daran erinnern, dass Chaos und Verantwortungslosigkeit in der Lehre nicht mit der, weiterhin unentbehrlichen, akademischen Freiheit verwechselt werden dürfen. Erfreulich und ermutigend bei dem umfassenden Reformvorhaben ist das Engagement der Lehrenden und Studierenden vor Ort: Sie sehen die Chance und werden mit der Erfahrung neuer Lehr- und Lernformen zum Motor der Erneuerung. Darauf werden wir aufbauen.

Der Autor ist Vizepräsident für Lehre und Studium der Humboldt-Universität.

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