Zeitung Heute : Die gepanzerte Zeit

„Die RAF ist Teil meines Lebens.“ Kurt Breucker war 13 Jahre Richter in Terroristenprozessen. Oft packt ihn heute noch der Zorn

Frank Bachner[Stuttgart]

Die Haustür ist ungewöhnlich schwer. Der Hausherr klopft mit dem Knöchel der rechten Hand gegen die Scheibe, es klingt dumpf. „Panzerglas“, sagt Kurt Breucker. „Bei uns wird nie eingebrochen. Hat aber 9000 Mark gekostet.“

Das Panzerglas wurde 1975 eingebaut, die erste Sicherheitsmaßnahme. Dann kamen die Doppelstreifen der Polizei, die vor dem unauffälligen Haus mit dem Giebeldach und dem kleinen Vorgarten patrouillierten. Und der bewaffnete Beamte, der aufs Fahrrad stieg und neben Breucker rollte, wenn der abends joggte. Die Nachbarn mitten im bieder-bürgerlichen Stuttgart-Möhringen hatten ihr Thema. Breuckers Leben war in Gefahr, seit dem 21. Mai 1975 genau genommen, da begann der Baader-Meinhof-Prozess in Stuttgart-Stammheim. Kurt Breucker war Beisitzender Richter.

Der spektakulärste RAF-Prozess endete am 28. April 1978, die damaligen Angeklagten sind längst tot, die RAF hat sich 1998 offiziell aufgelöst, nur die Panzerglas-Haustür ist noch da. Sie steht als Symbol für den Alltag des Hausherren. Kurt Breucker hat mit dem Thema RAF nie abgeschlossen. „Terrorismus und Rote Armee Fraktion sind Teil meines Lebens geworden“, sagt er.

Breucker hastet in den zweiten Stock seiner Wohnung, er geht viel in die Berge, er hat Kondition. Breucker ist jetzt 73 Jahre alt, ein untersetzter Mann, der manchmal etwas hektisch wirkt, wenn er ins Erzählen kommt. Aber bevor er erzählt und Fragen beantwortet, testet er seine Besucher. Prüfungsthema ist die RAF. Breucker erwähnt ein paar Namen und Anschlagsorte, wer sie einordnen kann, der hat bestanden. Kurt Breucker sitzt an seinem Esszimmertisch, umgeben von Aquarellen an der Wand, und sagt schnaubend: „Ich hatte hier schon Reporter, die wussten nicht, wer Holger Meins war.“ Meins, der RAF-Terrorist, der sich 1974 zu Tode hungerte. Bei solchen Leuten bleibt Breucker dann reserviert. Sie würden ihn nicht wirklich verstehen. Sie würden nicht begreifen, weshalb er unzählige Dokumente von RAF-Prozessen zu Hause lagert, weshalb er alle 26 000 Seiten des Protokolls des Baader-Meinhof-Prozesses besitzt, eingelagert beim Oberlandesgericht Stuttgart. Sie können schwer nachvollziehen, warum er jährlich rund 20 Vorträge hält und bei Podiumsdiskussionen und Symposien auftritt. Sie würden feststellen, dass er etwas von einem Missionar hat, aber sie würden sein Engagement nicht begreifen.

Kurt Breucker will aufklären. Oder wie er es nennt: mit Legenden aufräumen. Denn auf die Vorwürfe, die er damals, vor 30 Jahren, gehört hat, stößt er heute noch. In der emotionalen Hochphase des Terrorismus, beim Baader-Meinhof-Prozess, im deutschen Herbst, da formulierten RAF-Sympathisanten, linke Intellektuelle und diverse Journalisten ihre Thesen: Die Justiz sei nur der verlängerte Arm einer hysterischen Politik, die den Polizeistaat organisiere. Die RAF-Gefangenen würden durch Isolationshaft gefoltert. Zwei Anti-Terror-Pakete wurden vom Bundestag beschlossen. Nun konnten konspirierende Verteidiger leichter ausgeschlossen werden, ein Anwalt durfte nur noch einen einzigen Angeklagten vertreten, die Zahl der Wahlverteidiger wurde auf drei beschränkt. Die „Bild“-Zeitung heizte die Stimmung noch an, so dass der Schriftsteller Heinrich Böll empört von „Lynchjustiz“ sprach.

In den Zellen traten die RAF-Gefangenen in Hungerstreik, um gegen ihre angebliche Isolationshaft zu protestieren, auf den Straßen demonstrierten tausende Sympathisanten für die Zusammenlegung der Terroristen. Und für viele war ohnehin klar: Die Urteile im Baader-Meinhof-Prozess standen von vornherein fest. Das Verfahren galt aus Sicht der RAF und ihrer Sympathisanten als Farce, es gab pöbelnde Angeklagte und Richter, die auf einige Beobachter kleinkariert und überfordert wirkten. In dieser Atmosphäre blieben Fragen und Zweifel: Wurde gegen die RAF wirklich fair verhandelt? Wurden die Gefangenen von Stammheim nicht doch ermordet? Wie sollen denn in einen Hochsicherheitstrakt unbemerkt Waffen gekommen sein?

Heute werden diese Fragen anders formuliert, differenzierter, weniger emotional. Aber sie werden formuliert, und Breucker ärgert sich maßlos darüber. Dann knurrt er, dass er doch selber die Anwälte verurteilt habe, die Pistolen und andere Dinge zu Baader und den anderen schmuggelten. Und irgendwann klopft er erregt mit dem Knöchel des rechten Mittelfingers auf die Tischplatte. „Ich bin Verteidiger des Rechtssystems, nicht des politischen Systems!“

Kurt Breucker hatte als Richter 13 Jahre lang in Terroristen-Prozessen gearbeitet, sieben Jahre lang führte er die Verfahren, so viel Erfahrung hat kein anderer Richter in Deutschland. 1974 wurde er in den Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Stuttgart berufen, damit begann seine Zeit mit der RAF. Breucker hat einen Teil der Schleyer-Entführer verurteilt, er hat die Attentate auf den Bankier Ponto und die Generäle Kroesen und Haig verhandelt, ebenso wie die Anschläge auf die US-Basis in Ramstein und die Bundesanwaltschaft. Er zählt die Namen und Orte fast im Stakkato auf.

Seit Monaten beleuchten Fernsehsender, Zeitungen und Zeitschriften alle Aspekte des Deutschen Herbstes. Aber Breucker sagt: „Bei mir kann nichts hochkommen an Erinnerung. Ich bin nie aus dem Thema ausgestiegen.“ In seinem Bücherschrank stehen Werke zur RAF, auf dem Glastisch im Wohnzimmer liegen fünf Bücher zum gleichen Thema.

Breucker hat neun Jahre lang auch eine Große Strafkammer des Landgerichts Stuttgart geleitet. Aber da konnte er den Tag in Dienst und Feierabend aufteilen. Bei den RAF-Prozessen ging das nicht. Lebensgefahr und juristische Probleme verzahnten sich. „Eine Wahnsinnsbelastung“, sagt Breucker.

In dem Moment, in dem Breuckers Zeit als Richter in den RAF-Prozessen begann, änderte sich sein Leben. Als Richter musste er die Beschimpfungen der Angeklagten emotionslos hinnehmen, jede falsche Silbe hätte zu einem Ablehnungsantrag führen können. „Wir haben immer versucht, uns nicht in das Freund-Feind-Verhältnis reinziehen zu lassen“, sagt er, „aber manchmal fiel das schwer, wenn einen Baader als faschistisches Arschloch bezeichnete.“ Einmal sprang der RAF-Terrorist Klaus Jünschke, als Zeuge im Baader-Meinhof-Prozess geladen, über den Richtertisch und stürzte sich auf den Vorsitzenden Richter Theodor Prinzing. „Für Ulrike, du Schwein“, brüllte er. Kurz zuvor hatte sich Ulrike Meinhof erhängt. Prinzing fiel zu Boden. Breucker und seine Kollegen haben sich auf Jünschke gestürzt und ihn weggerissen.

Über so einen Vorfall konnte er abends reden, es hatte ja jeder mitbekommen. Andere Empfindungen und Eindrücke verschwieg er, alles, was seine Neutralität in Frage gestellt hätte. „Ich habe auch in der Familie nie etwas erzählt, das mich angreifbar gemacht hätte“, sagt er. Da ging es ums Prinzip. „Man hat als Richter gelernt, Emotionen unter Kontrolle zu bekommen.“

Der Mensch Breucker ist wertkonservativ, das wird schnell klar. Irgendwann rutscht ihm im Zusammenhang mit den Prozessen der Begriff „linke Vögel“ raus. Der Richter Breucker aber versichert, er habe größten Wert auf Neutralität gelegt. Er erzählt auch, wie ihn Freunde abends beim Bier oft fragten, warum er im Gericht mit den Terroristen denn so geduldig sei. Da beugte sich Breucker dann vor, faltete die Hände und redete von Sach- und Rechtslage. Das wollte aber keiner hören. Breucker sagt müde: „Die hatten ja keine Ahnung, welche Möglichkeiten die Verteidiger hatten.“

Solche Leute haben das Attentat auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback anders erfahren als der Richter Kurt Breucker. Für ihn war es, drei Wochen vor dem Urteil im Baader-Meinhof-Prozess, ein Schock. „Da habe ich gemerkt, wie nahe ich der Geschichte doch bin.“ Er hatte noch Gudrun Ensslins Satz im Ohr: „Lieber einen Richter umlegen als einer sein.“ Erst schien das eine Drohung von vielen, jetzt wurde sie blutiger Ernst. Er war damals im Osterurlaub im Schwarzwald. Zwei Polizisten kamen in sein Ferienhaus. „Sie werden ab jetzt dauerhaft bewacht“, sagten sie. Bis dahin hatte die örtliche Polizei bloß ab und zu mal vorbeigeschaut.

Dann die Schleyer-Entführung, Herbst 1977. „Kein Verbrechen hat mich persönlich so getroffen wie diese Aktion“, sagt Breucker. Zwei der erschossenen Polizisten kannte er persönlich, sie hatten auch ihn schon beschützt. Und Hanns-Eberhard Schleyer, der Sohn des Arbeitgeberpräsidenten, war früher sein Referendar. Gleichzeitig ließ ihm die Arbeit keinen Raum zur Trauer, er saß an der Begründung für die Urteile im Baader-Meinhof-Prozess. „Ich bin mit diesem Prozess ins Bett gegangen und wieder aufgestanden“, sagt er. „Er gehörte zum Schwierigsten, was ich jemals bearbeitet habe.“

Wieder wird seine Bewachung verstärkt, der Leiter des Personenschutzes kommt mit zusätzlichen Beamten, darunter einem Hundeführer, vorbei. „Es gibt Hinweise auf einen Anschlag auf Sie“, sagt er. Abends kam seine ahnungslose Mutter aus dem Theater zurück. Sie sah auf der Straße den Polizeihund und in der Wohnung ihren Sohn mit dem Leiter des Personenschutzes vor Weingläsern. „Was ist los?“ – „Eine Übung“, antwortete Breucker. „Der Hund muss sich an die Umgebung gewöhnen.“

Einer der Gründe, aus denen sich Breucker immer noch so engagiert, ist Peter-Jürgen Boock. Er gehörte zu den Schleyer-Entführern, 1998 kam er frei. Boock ist für Breucker heute eine der größten Reizfiguren. Breucker hat den Eindruck, dass es Boock mit seinem Dackelblick und Reue in der Stimme immer stärker gelingt, Attentate kleinzureden. Als wären die Morde von Buback, Ponto, Schleyer bloß Ausrutscher gewesen. Breucker hatte Boock in seinem Gerichtssaal, der RAF-Terrorist war als Zeuge geladen. Und vor Breucker hatte er erstmals gestanden, dass er bei der Schleyer-Entführung mitgeschossen hatte. Bis dahin hatte Boock vor Gericht nur zugegeben, dass er den Fluchtwagen präpariert hatte.

Breucker erhebt sich beim Thema Boock, kerzengerade steht er vor seinem Stuhl. „Mir wird schlecht, wenn ich im Fernsehen diesen Menschen sehe.“ Im RAF-Zweiteiler von Stefan Aust zum Beispiel. Boock steht darin gebeugt vor dem Grab der RAF-Führungscrew auf dem Dornhaldenfriedhof in Stuttgart. „Ich habe eine solche Wut“, sagt er – auf Baader und die anderen, meint er. Boock, der Verführte, Boock, das Opfer. Als Breucker das sah, „da stieg der Zorn in mir hoch“.

Bei Spaziergängen führt Breucker manchmal Besucher auf den Dornhaldenfriedhof, zur der Grabplatte, unter der Baader, Ensslin und Raspe liegen. Der Friedhof liegt in der Nähe seiner Wohnung. Breucker weigert sich bis heute, gemeinsam mit Ex-Terroristen bei einer Talkshow oder Podiumsveranstaltung aufzutreten.

Bad Boll war deshalb so etwas wie die Grenze seiner Toleranz. In Bad Boll fand 1998 eine Tagung statt, mit Beteiligten und Betroffenen der RAF-Prozesse, Richter, Staatsanwälte, frühere Verteidiger, Angehörige von Opfern, auch die Ex-RAF-Terroristin Silke Maier Witt war gekommen. Eine Massenveranstaltung, der Versuch einer Versöhnung. Die RAF hatte sich gerade offiziell aufgelöst, Linksterrorismus war endgültig Geschichte. Am zweiten Tag saß Breucker beim Frühstück mit Regine Röhl am Tisch, einer der Töchter von Ulrike Meinhof. Röhl neigte sich zu ihm und sagte: „Die RAF hat den Kampf aufgegeben, jetzt könnte sich die Justiz entschuldigen.“ Breucker war fassungslos. „Wie bitte? Die RAF hat Menschen getötet, wir haben Recht angewandt, wofür soll ich mich entschuldigen?“ Breucker sagt, er wisse nicht, ob sie das verstanden hat.

Aber er wusste, dass er nun immer noch nicht würde schweigen können.

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