Zeitung Heute : „Die Geräusche der Nachbarn sind für viele kaum auszuhalten“

Umweltamtspräsident Troge über gefühlte Lautstärke, wirkliche Lärmquellen und den Unterschied zwischen nord- und südeuropäischem Radau

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ANDREAS TROGE (53)

ist seit 1995 Präsident des Umweltbundesamts. 1996 wurde er zudem

Honorarprofessor an der Universität Bayreuth.

Foto: Mike Wolff

Herr Troge, was ist Lärm?

Für jeden etwas anderes. Das macht es so schwierig, eine für alle gültige Definition dafür zu finden. Wer nachts eine Autotür zuknallt, empfindet das nicht als laut. Aber der Nachbar, der davon aufwacht, schon. Wer laut Musik hört, genießt den Klang. Der Nachbar, der einen anderen Musikgeschmack hat oder sich auf etwas anderes konzentrieren will, kann sich aber stark gestört fühlen.

Sind die Deutschen besonders empfindlich?

Tatsächlich gibt es in Europa ein NordSüd- Gefälle bei der Wahrnehmung von Lärm. Südeuropäer fühlen sich etwa durch laute Geräusche weniger gestört als Nordeuropäer. Das liegt vermutlich daran, dass im wärmeren Süden viel größere Teile des Lebens und des Alltags auf den Straßen stattfinden als im kühlen Norden.

Welche Geräusche stören am meisten?

Das Umweltbundesamt befragt alle zwei Jahre Bürgerinnen und Bürger zu ihrem Lärmempfinden. Unsere aktuellen Zahlen aus dem Jahr 2002 zeigen, dass sich 17 Prozent der Bevölkerung vom Straßenverkehr „hochgradig“ belästigt fühlen. Knapp sieben Prozent finden Fluglärm schwer erträglich. Und immer mehr Bürger finden die Geräusche ihrer Nachbarn kaum auszuhalten. Inzwischen sind das sechs Prozent. Dieser Wert wächst.

Liegt das daran, dass wir immer spießiger werden, oder werden die Leute tatsächlich lauter?

Es gibt eine Tendenz, sich zurückzuziehen in die eigenen vier Wände und mehr für sich sein zu wollen. Da wirken die Geräusche der Nachbarn schnell als Eindringen in die eigene Privatsphäre. Und dann stören sie. Zudem es ist auch so, dass wir alle viel mehr Möglichkeiten haben, Lärm zu machen. Zwar sind die Rasenmäher inzwischen etwas leiser geworden. Dafür ist der technische Standard im Kleingarten inzwischen ein lärmender Laubsauger. Wir haben kein Taschenradio mehr in der Wohnung stehen, sondern Stereoanlagen, mit denen sich die ganze Nachbarschaft beschallen lässt. Oder die Küchengeräte, für die es auch keinen Schallschutz gibt. Die Welt ist lauter geworden. Wir alle sind lauter geworden.

Viele Leute fühlen sich von Autolärm gestört, das hindert sie aber nicht daran viel zu fahren.

Dieses Paradox haben wir oft. Natürlich fühlen sich die Leute von einer Straße direkt vor ihrem Haus gestört. Aber gleichzeitig wollen sie doch darauf nach Hause fahren. Es ist bei den meisten Umweltproblemen so, dass wir auch selbst ein Teil des Problems sind.

Ist Lärm trotzdem ein politisches Thema?

Natürlich. Lärm ist sogar ein sehr wichtiges politisches Thema, denn es berührt die Menschen an einem sensiblen Punkt. Auch in Europa hat man das erkannt. So hat beispielsweise die Europäische Union eine Umgebungslärm-Richtlinie erlassen. Die soll helfen, herauszufinden, welchem Lärm die Menschen ausgesetzt sind. Man muss ja bedenken, dass die meisten Menschen nicht nur eine Lärmquelle stört. In Deutschland soll das Fluglärmgesetz reformiert werden, um die Menschen wirksamer zu schützen. Und es gibt schon eine Vielzahl von Vorschriften für den Lärmschutz bei neuen Straßen. Was fehlt sind Regelungen für bereits bestehende Straßen und Schienenwege. Manchmal wird der Schallschutz nicht einmal berücksichtigt, wenn Nahverkehrsstrecken saniert werden. Die S-Bahn direkt vor meiner Haustür beispielsweise, ist ein Jahr lang nicht gefahren, weil die Strecke saniert wurde. Tatsächlich sind auch leisere Züge angeschafft worden. Was allerdings nicht bedacht wurde, war, dass die Züge nun viel schneller fahren. Damit ist der lärmmindernde Effekt wieder aufgebraucht. Das passiert übrigens häufig. Automotoren beispielsweise sind viel leiser geworden. Inzwischen ist das größte Lärmproblem im Straßenverkehr das Abrollgeräusch der Reifen. Es gibt inzwischen allerdings auch leisere Reifen.

Also doch keine vergebliche Mühe?

Bestimmt nicht. Das Umweltbundesamt hat Mitte der 90er Jahre ausgerechnet, welche Kosten der Verkehrslärm verursacht, für die der Verursacher bisher nicht aufkommt. Damals sind wir auf knapp 7,5 Milliarden Euro im Jahr gekommen. Das zeigt auch die ökonomische Dimension des Problems.

Das Gespräch führte Dagmar Dehmer.

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