Zeitung Heute : „Die Gerechtigkeitsfrage stellt sich zu Recht“ Wie Arbeitsmarktforscher das Phänomen bewerten

Foto: IAB
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Herr Lehmer, heute arbeiten auch Ärzte und Juristen in Zeitarbeit. Weitet sich diese Beschäftigungsform immer weiter aus?



Personaldienstleister für Akademiker sind eher Ausnahmen. Noch immer arbeitet der größte Teil, nämlich ein Drittel, der Leiharbeitnehmer als Hilfspersonal in der Industrie.

Zeitarbeit gilt als Chance zum Einstieg in den Arbeitsmarkt. Trifft das zu?

Das kann man sagen. Wir haben festgestellt, dass rund 25 Prozent derjenigen, die in die Leiharbeit gehen, in den zwei Jahren davor überwiegend arbeitslos waren. Die Leiharbeit ist ein Einstieg in den Arbeitsmarkt – für Personen, die sich sonst schwer tun, eine Arbeit zu finden.

Aber nur wenigen gelingt der Sprung in die reguläre Beschäftigung. Wie hoch sind die Chancen dafür?

Der Klebeeffekt, der meint, dass ein Leiharbeitnehmer von einem Betrieb übernommen wird, liegt bei sieben bis 15 Prozent. Das wichtigere Kriterium ist aber der Brückeneffekt: Wie viele Arbeitslose schaffen es, hinterher einen Job zu haben, egal in welchen Betrieb?

Und wie groß ist dieser Brückeneffekt?

Empirisch betrachtet doch eher begrenzt. In einer Studie haben wir festgestellt, dass er rund sieben Prozent beträgt. Das heißt: Nur sieben Prozent der vormals Langzeitarbeitslosen schaffen es durch Leiharbeit, in Beschäftigung außerhalb der Zeitarbeitsbranche zu kommen – und zwar ohne weitere Leiharbeitsphasen.

Zeitarbeitsverbände sprechen von Brückeneffekten bis zu 30 Prozent.

Wenn man nicht nur die Gruppe der vormals Langzeitarbeitslosen betrachtet, sondern die Gesamtgruppe aller Leiharbeitnehmer, kommt man tatsächlich auf höhere Werte – insgesamt auf bis zu 25 Prozent. Aber Werte in Höhe von 30 Prozent sind nicht nachhaltig. Für uns ist aber die Nachhaltigkeit maßgeblich: Wir messen, wie sich die Erwerbstätigkeit in den zwei Jahren nach dem Einstieg in die Leiharbeit entwickelt. Diesbezüglich muss man eher von einem schmalen Steg sprechen als von einer breiten Brücke.

Zeitarbeit erfordert eine hohes Maß an Flexibilität, für die Beschäftigten kann das eine große Belastung sein. Was könnte man daran verbessern?

Es gibt in einigen Fällen durchaus eine Hire&Fire-Praxis: Leiharbeiter werden für einen Auftrag geholt und sofort danach wieder entlassen. Besser wäre, die Beschäftigten blieben längerfristig bei den Zeitarbeitsfirmen angestellt und die Phasen zwischen den Einsätzen könnten zur Weiterbildung genutzt werden. Dazu wären gesetzliche Vorgaben sinnvoll – oder zumindest Ansätze, eine entsprechende Selbstverpflichtung der Zeitarbeitsfirmen zu befördern. In Frankreich etwa zahlen die Zeitarbeitsfirmen einen Beitrag in einen Qualifizierungsfonds.

Leiharbeitnehmer verdienen fast 50 Prozent weniger, hat kürzlich eine Studie ergeben. Warum ist die Kluft so groß?

Dabei muss man auch beachten: Leiharbeitnehmer sind im Durchschnitt jünger, geringer qualifiziert, haben oft keine Berufsausbildung, waren arbeitslos. Rechnet man diese Faktoren ein, kommt man noch auf einen Lohnunterschied von 20 Prozent. Das ist schon ein Problem – die Gerechtigkeitsfrage stellt sich zu Recht.

Was schlagen Sie vor, um Lohngerechtigkeit zu erreichen?

Die Frage ist: Wie kann man den Lohnunterschied verringern, ohne die Möglichkeit des Einstiegs in Arbeit zu reduzieren? Starre Fristen sind nicht ohne Risiko. Wenn es die Vorgabe gäbe, dass Leiharbeitnehmer nach zwei Monaten das Gleiche verdienen müssen – dann würden wir ziemlich sicher in den Daten sehen, dass viele kurz vor Ablauf der Frist wieder arbeitslos werden. Das IAB schlägt deshalb ein Stufenmodell vor: die schrittweise Lohnerhöhung nach einem, drei und fünf Monaten. Das könnte noch einen anderen Effekt haben: Bei gleichem Stundenlohn wäre der Leiharbeitnehmer im Endeffekt sogar teurer – da ja noch die Entleihgebühr dazu kommt. Gleiche Löhne könnten also auch den Anreiz für die Betriebe vergrößern, sie regulär zu übernehmen.

Florian Lehmer, 34, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsgruppe des Direktors am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Mit ihm sprach Barbara Kerbel

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