Die Geschichte : Bertha Benz fährt vor

Carl Benz ist ein genialer Erfinder, doch niemand interessiert sich für sein Automobil. Da setzt sich seine Frau 1888 selbst ans Steuer und fährt 100 Kilometer weit – das gab’s noch nie. Wie Bertha Benz ihren Gatten zum Erfolg trieb.

Angela Elis
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Die Fernfahrt. Zeitgenössiche Darstellung der ersten Reise mit dem Benz-Motorwagen. Am Steuer Bertha Benz, neben ihr ihre Söhne...

Der Teufel! Der Teufel! Der leibhaftige Teufel“ – so kreischen zwei Jungen in einem badischen Kornfeld, als sie in unmittelbarer Nähe ein Fauchen, Knattern und Spucken hören, wie sie es noch nie in ihrem Leben vernommen haben. Als es dann auch noch wie Pech und Schwefel zu riechen beginnt, beten sie ein vermeintlich allerletztes „Vater unser“, sinken auf die Knie und erwarten, im nächsten Moment vom Fürst der Finsternis in die Hölle geschleppt zu werden. Doch der Teufel kommt nicht.

Viele Jahre später, als Erwachsene, haben die beiden Augenzeugen der Lokalpresse gern davon erzählt, wie es in jenen Augusttagen des Jahres 1888 war, als Bertha Benz mit dem Patentmotorwagen sagenhafte 100 Kilometer von Mannheim nach Pforzheim fuhr – oder besser gesagt: vor sich hin explodierte. Sie wagte damals die erste Fernfahrt der Welt mit einem pferdelosen Wagen, später auch Automobil genannt. Doch wer wusste schon von der Existenz dieser Erfindung, und so sorgten diese ersten Begegnungen zwischen Mensch und motorisiertem Straßenkarren für Angst und Schrecken.

Was die damals 39-jährige Bertha Benz unternahm, war verboten, lebensgefährlich und äußerst anstrengend. Verboten, denn wieder einmal hatte das Großherzogliche Badische Ministerium am 1. August desselben Jahres trotz aller Bitten nur eine eingeschränkte Fahrerlaubnis für die neue Erfindung erteilt; über einen Radius von 15 Kilometern durften die Benzens mit ihrem Wagen nicht hinausfahren.

Lebensgefährlich, weil die Wege von vierrädrigen Kutschen ausgefahren waren. Bertha aber ratterte auf drei Rädern dahin, weil ihr Mann das mit dem Differential und der Achsschenkel-Lenkung erst etliche Jahre später (1893) hinkriegen sollte, und daher die Benz-Motorwagen bis zu diesem Zeitpunkt keine vier Räder hatten. Deshalb schlackerte in den heißen Sommertagen 1888 das zierliche Vorderrad bedrohlich über Huckel, Grasbüschel oder Stein und es ist nahezu ein Wunder, dass die allererste Frau am Steuer nicht im Graben landete.

Extrem anstrengend war diese erste Überlandfahrt zweifelsohne auch – es gab noch keinen Gang für steile Berge. Also hieß es: absteigen und schieben. Und weil es noch keine einzige Tankstelle gab, konnte sie froh sein, dass sie rechtzeitig eine Apotheke fand, die das Fleckenwasser Ligroin vorrätig hielt, mit dem der erste Wagen angetrieben wurde.

Warum aber riskierte Bertha Benz ihr Leben, um die Erfindung ihres Mannes bekannt zu machen und zu beweisen, wie fahrtüchtig dieser Teufelskarren tatsächlich war? Immerhin war sie zu dieser Zeit schon Mutter von vier Kindern – ein fünftes sollte später noch hinzukommen – und hatte genug um die Ohren. Um das zu begreifen, muss man ihre Geschichte kennen, die Biografie einer außergewöhnlichen Frau.

Geboren wurde sie als Bertha Ringer am 3. Mai 1849 unmittelbar nach den Revolutionsjahren in Pforzheim. Ihr Vater hatte es als Zimmermannmeister und Bauspekulant zu einigem Reichtum gebracht und hoffte, als er die 40 bereits überschritten und endlich eine mehr als 20 Jahre jüngere Frau geheiratet hatte, nun bald einen Stammhalter präsentieren zu können, der sein Lebenswerk fortführen würde. Doch nach den ersten beiden Töchtern kommt mit Bertha erneut „leider wieder nur ein Mädchen“ auf die Welt – wie die Zehnjährige später in der Familienbibel lesen muss. Fünf Worte nur, aber sie bedeuten eine Kränkung von Anfang an. Und werden für sie zum lebenslangen Antrieb, zu beweisen: was Männer können, können Frauen auch. Schon als Kind ist es ihr Ziel, den Makel des falschen Geschlechts wettzumachen. So zeigt sie, sehr zum Ärger ihrer Mutter, kein Interesse für Nadel und Faden, sondern für „Männersachen“. Der Vater nimmt sie schließlich mit auf seine Baustellen und erklärt ihr den Einsteigeschuppen, wie man Bahnhöfe damals nennt. So einer entsteht direkt vor Berthas Haustür und sie träumt davon, irgendwann die Enge ihrer Heimat zu verlassen.

Es dauert zwar noch Jahrzehnte, bis Frauen ab 1900 immer öfter uneingeschränkten Zugang zu Universitäten bekommen – noch propagieren Gelehrte erfolgreich, das weibliche Gehirn wiege weniger als das männliche und sei deshalb für Intellektuelles nicht geeignet, außerdem schade zu viel Nachdenken der Gebärfähigkeit – aber immerhin finanziert der Vater ihr die Höhere Töchterschule. Bildung gilt zunehmend als erstrebenswertes Gut, will man den Aufstieg in der ansonsten wenig durchlässigen Gesellschaft schaffen.

Bertha hatte alle Chancen nach oben zu heiraten, hinein ins aristokratische Großbürgertum, wie es ihre Eltern ganz sicher auch erhofft haben. Doch davon will sie nichts wissen, ist eher gelangweilt von den vornehmen Herren mit Frack und Zylinder, die ihr zwar ein vergnügliches Leben in Aussicht stellen, bei denen sie aber immer „das Mädchen“ geblieben wäre.

Also wählt Bertha Carl Benz – den nahezu mittellosen Sohn einer alleinerziehenden Witwe, die ihm gerade so das Studium am Polytechnikum Karlsruhe ermöglichen konnte. Sie wählt den Tüftler und Maschinenträumer, der mit Frauen aufgrund seiner Leidenschaft für Werkbank und Bohrer kaum Erfahrungen hat. Carl, der die Hände und Hosen meist schmutzig von Schmiere und Öl hat, ist ganz klar ein Mann, der besser über Technik als über Gefühle reden kann. Das Verblüffende – Bertha stört das nicht. Ganz im Gegenteil. Genau das zieht sie an. Als Carl Benz ihr 1869 von seinem Traum vom Wagen ohne Pferde erzählt, macht sie diese Vision sofort zur gemeinsamen Sache. Kaum hat Charles Darwin seine Lehre von der Entfaltung der Arten publiziert, kommen Bertha und Carl zu dem Schluss, dass dem Menschen nach dem Laufenlernen nun das Fahrenlernen beschieden sei.

Von Anfang an ist es mehr als nur Liebe, was die beiden miteinander verbindet und zu einer 60-jährigen Lebens- und Arbeitsgemeinschaft werden wird. Er hat das Wissen, sie wird seine treibende Kraft. Wenn er verzweifelt, drängt sie ihn vorwärts. Wenn sein Motor stockt, gibt sie Gas.

Noch vor der Hochzeit im Juli 1872 überredet Bertha ihren Vater, Carl ihre Mitgift und ihr Erbe zur Verfügung zu stellen, damit er sich eine eigene Existenz in Mannheim aufbauen kann. Doch welche Maschine der studierte Ingenieur auch erfindet, er bekommt zu hören, dass Arbeiter billiger und leichter austauschbar sind und keiner Wartung bedürfen. Gewerkschaften oder ein Sozialplan existierten damals noch nicht.

An ihrem fünften Hochzeitstag ist das Erbe verbraucht, Bertha mit dem dritten Kind hochschwanger und der Gerichtsvollzieher lässt die Werkstatt räumen. Hinfallen und wieder aufstehen wird von da an ein Muster, das ihr gemeinsames Leben bestimmt. Während er ans Aufhören denkt, fordert sie ihn auf, mit dem Erlös aus den letzten Schmuckreserven nun nicht mehr herzustellen, was jeder kann, sondern endlich seinen Traum vom selbst fahrenden Wagen zu verwirklichen. Dafür schleppt sie ihre Nähmaschine in die Werkstatt, damit sie ihm, wenn die Kinder schlafen, helfen und zum Beispiel Induktionsspulen wickeln kann.

Rund 20 Jahre nach ihrer ersten Begegnung und etlichen finanziellen Talfahrten ist der Motorwagen straßentauglich. Bertha und Carl sind außer sich vor Glück. Doch die Behörden winken ab. Und die Gendarmerie verteilt Fahrverbote, weil immer wieder Hühner unter die Räder kommen oder Pferde scheuen und Fuhrwerke umkippen. Noch schlimmer aber ist, es findet sich zunächst niemand im Deutschen Reich, der den Wagen kaufen will. Man geht zu Fuß oder nutzt die Kutsche, wer ganz modern ist, die Eisenbahn – wozu also dieses knatternde Ungeheuer, das nur für Unruhe auf den Straßen sorgt?

Es sind wohlhabende Kapitalgeber, die Carl Benz immer wieder vor dem Untergang retten. Nicht ohne ihn dabei über den Tisch zu ziehen mit Verträgen, bei denen er kaum noch etwas zu sagen hat. Das sind die Momente, in denen er seine geliebten Uhren vor sich ausbreitet oder zum Bahnhof läuft, um die Zeit zu holen, wie er das ausdrückt. Das regelmäßige Ticken verschafft ihm Trost, das selbstverständliche Voranschreiten der Zeiger vermittelt ihm Sicherheit. Marotten, an die sich Bertha gewöhnt, längst hat sie an seiner Seite zu leiden gelernt. Und sie glaubt an ihn und sein Können, ihr Traum ist länger als die Nacht und überdauert alle Zweifel.

Carl Benz konnte zwar auch gesellig sein, aber im Geschäftsleben agierte er gänzlich undiplomatisch. War ihm jemand nicht sympathisch, verhielt er sich mürrisch und abweisend und ohne jedes kaufmännische Geschick. Fragte jemand nach seiner Erfindung, für die er am 29. Januar 1886 als Erster weltweit das Patent erhielt, erklärte er gern ausführlich, wie viele Probleme er noch nicht gelöst hatte. Ein Perfektionist, der sich nur dann wohlfühlte, wenn er jedes Teil selber konstruiert und den Wagen, bevor er vom Hof rollte, eigenhändig überprüft hatte.

Das wurde zunehmend unmöglich bei immer schneller werdenden Produktionsschritten in immer größer werdenden Autofabriken. So avancierte Carl Benz, kaum dass sich das Automobil endlich durchgesetzt hatte, innerhalb kürzester Zeit vom Avantgardisten zum Bedenkenträger. Er wollte vor allem verlässliche Wagen bauen, die möglichst nie versagten oder eine Reparatur nötig hatten. Damit hat er das Image der Benzwagen nachhaltig geprägt. Aber auf den Straßen und mehr noch auf den Rennstrecken sollten die Autos auf einmal vor allem eines sein: immer schneller. Eben noch hatte man ernsthaft diskutiert, ab welcher Geschwindigkeit der Mensch platzen würde oder ob das Gehirn des Menschen die Rasanz einer Autofahrt vertragen könne. Plötzlich war Tempo angesagt. Es dauert nicht lange, bis Fahrbahnen zu Blutbahnen werden. All das gipfelnd im Hurra-Patriotismus des Ersten Weltkrieges.

„Bockige Bertha, beweg dich!“, so hatte Carl Benz oft am Anfang geschimpft, wenn „seine Benzine“ nicht laufen wollte, und Schritt für Schritt seine Fortschritte gefeiert. Doch nun zeigt die Zeit ein neues Gesicht.

Um 1900 war „Benz & Cie“ einer der weltgrößten Autohersteller. Aber weil der Erfinder des Autos nicht einsieht, Wagen zu bauen, die schneller als 50 km/h fahren – warum auch, wenn einem dann nur die Teile ins Gesicht fliegen, so sein Kommentar – übernehmen andere zügig die Marktführung. Und als die Wirtschaft nach dem Ersten Weltkrieg im Deutschland der 20er Jahre am Boden liegt und die Inflation viele Familien und Unternehmen ruiniert, wird auch das Vermögen der Benzens wertlos. Die einstigen Konkurrenten Daimler und Benz müssen 1926 fusionieren, weil sie als Einzelkämpfer auf dem hart umkämpften Automarkt keine Chance mehr haben.

Er dürfe „als gebrochener Mann zu bezeichnen sein“ schreibt der Bürgermeister des letzten Wohnortes Ladenburg kurz bevor Carl Benz am 4. April 1929 stirbt. Aus dem Duett wird ein Solo. Bertha überlebt ihren Mann um 15 Jahre. Jahre, in denen in Deutschland die Nazis die Macht übernehmen. Ihr Führer, Adolf Hitler, entdeckt die Mobilität für sich und seine Propagandazwecke. Auto und Flugzeug ermöglichen es ihm, an vielen verschiedenen Orten präsent zu sein. Und er beschließt, der Glaube an die Kraft deutscher Technik solle auch sein deutsches Volk mobil machen.

Der Autobahnbau wird vorangetrieben, der Volkswagen für alle erdacht, eine einheitliche Reichsverkehrsordnung verabschiedet und die Luxussteuer für Automobile abgeschafft. Es dauert nicht lange, bis die Propagandamaschine auch die Autopioniere für ihre Zwecke entdeckt. Bereits Ostern 1933 wird in Mannheim ein riesiges Denkmal für den Autoerfinder eingeweiht.

Bertha Benz, inzwischen fast 85 Jahre alt, ist tief gerührt über die Huldigung ihres Mannes nach so vielen Misserfolgsjahren, kann nichts Verwerfliches daran entdecken, dass man sie als vorbildliche deutsche Mutter verehrt. Viel zu spät wird ihr bewusst, dass dieser Hitler, in dem sie den Retter Deutschlands glaubte zu sehen, ein Mörder und Kriegstreiber ist. Bitter muss sie erkennen, dass selber nichts Böses zu tun nicht davor schützt, doch das Falsche gemacht zu haben.

An ihrem 95. Geburtstag, am 3. Mai 1944, wird ihr jedoch eine letzte persönliche Genugtuung zuteil. Die Technische Hochschule Karlsruhe, an der ihr Mann einst vor Jahren studierte, verleiht ihr als erster Frau überhaupt die Würde einer Ehrensenatorin – für die Frau, die an der Entstehung des ersten Motorwagens mitgewirkt hat, ihn als erste Frau über Land kutschierte und so ihren Mann zum Weltruhm fuhr. Ihren Kampf, zu beweisen, dass auch Frauen technischen Verstand haben können, hat sie damit am Ende gewonnen. Zwei Tage später stirbt sie.

Über Bertha Benz hat die Autorin auch ein Buch verfasst: Am 19. März erscheint „Mein Traum ist länger als die Nacht“. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg, 352 Seiten. 20 Euro

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