Die Geschichte : Das Auge der Revolution

Der November 1910 gilt als Beginn der Mexikanischen Revolution – und Hugo Brehme ist dabei. Die Bilder des deutschen Fotografen gehen um die Welt

Christina Horsten
Emiliano Zapata (links) und sein Bruder Eufemio, 1911.
Emiliano Zapata (links) und sein Bruder Eufemio, 1911.Foto: Völkerkundemuseum Hamburg

So weit war noch keiner gegangen: Mit Kameras, Stativen und Proviant, getragen von zwei Packeseln, kletterte der deutsche Fotograf Hugo Brehme auf den schneebedeckten Gipfel des knapp 5500 Meter hohen Vulkans Popocatépetl . Andere hatten ihre Bilder stets von weiter unten gemacht. Brehme kämpfte sich in der dünnen Höhenluft bis zum Krater in der mexikanischen Sierra Nevada vor.

Seine Aufnahmen von diesem Tag werden sich später tausende Male verkaufen und über die ganze Welt verbreiten. „Das Großartigste, was dieses an herrlichen Landschaften so reiche Land zu bieten hat, sind wohl seine mit ewigem Schnee bedeckten Berge“, schwärmte der 1882 im thüringischen Eisenach geborene Fotograf in seinem Buch über Mexiko. Brehme galt als pflichtbewusster Gentleman, in der Öffentlichkeit zeigte er sich immer korrekt gekleidet mit Filzhut, Anzug und Weste, den Schnauzbart gezwirbelt. Hinter seiner Kamera wartete er stundenlang auf den richtigen Lichteinfall. Die Schönheit des Landes sollte ihn bis zu seinem Lebensende nicht mehr loslassen.

Aber unter der malerischen Oberfläche Mexikos gärte es. Am 20. November 1910 brach eine blutige Revolution aus. Im Zuge der jahrelangen Kämpfe verlor etwa jeder siebte Mexikaner sein Leben. Und Männer wie Emiliano Zapata und Pancho Villa stiegen zu Volkshelden auf. Hugo Brehme fotografierte auch die neuen Revolutionshelden, mit Sombrero, Schnauzer, Gewehr und Patronengürtel. Unfreiwillig wurde er zum Chronisten der Revolution. Aus den Aufständen wurde ein Bürgerkrieg, der das Land sieben lange Jahre in Atem hielt. Der Einsatz neuester Kampfmittel wie Fliegerbomben und Maschinengewehre ließ die Mexikanische Revolution zu einem traurigen Vorboten für den Ersten Weltkrieg werden, der schon bald in Europa Millionen Opfer fordern sollte.

Wie viele andere hatte auch der Fotograf aus Deutschland die Zeichen nicht erkannt. In seinem Buch „Das malerische Mexiko“ schrieb Hugo Brehme: „Unter der Regierung des Präsidenten Porfirio Díaz dehnte sich Mexiko Stadt aus und die Lebensbedingungen verbesserten sich.“ Díaz hatte zu diesem Zeitpunkt schon 34 lange Jahre wie ein Diktator über Mexiko geherrscht. „Porfiriat“ sollte diese Zeit später genannt werden.

Wirtschaftlich hatte er das Land modernisiert, aber die Gesellschaft tief gespalten. Er verschärfte den seit Jahrhunderten schwelenden Konflikt zwischen der Oberschicht, die in ihrer Mehrheit von den Nachfahren europäischer Einwanderer gebildet wurde, und der Bevölkerungsmehrheit indianischer Herkunft, indem er zuließ, dass ihre Bauerngemeinden das Land an Großbetriebe verloren – insgesamt mehr als die Hälfte der Ackerflächen Mexikos. Von einem auf den anderen Tag fanden Kleinbauern ihre Felder eingezäunt mit Stacheldraht. „Pflanzt doch euren Mais in Blumentöpfen“, bekamen die Indios zu hören, als sie vergeblich versuchten, ihre Äcker vor Gericht zurückzuerstreiten.

Während die Armen hungerten, begründeten die Reichen eigene Viertel in den Großstädten, wo sie nach den neuesten Moden aus Paris, New York und London lebten. Porfirio Díaz, Sohn eines Handwerkers und teils selbst indianischer Abstammung, sei nicht in der Lage gewesen, das politische System Mexikos zu modernisieren, sagt Stefan Rinke, Historiker am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin. „Er hatte schon so viele Jahre geherrscht, trotzdem war seine Nachfolge noch ungeregelt. Als Greis hat er 1910 noch einmal um die Präsidentschaft kandidiert und damit das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht.“

Zu Díaz’ größtem Gegenspieler wurde Francisco Madero. Der Sohn reicher Großgrundbesitzer aus dem Norden des Landes hatte es sich zum Ziel gesetzt, den Diktator abzulösen. Mit Kampfschriften beschwor er das mexikanische Volk. Bei Arbeitern und Mittelschicht fand er zahlreiche Mitstreiter, der „Maderismus“ wurde zu einer Volksbewegung. Im Wahlkampf ließ Díaz Madero und seine engsten Mitarbeiter einsperren. Gleichzeitig erklärte sich der Diktator, dessen Macht bereits bröckelte, zum erneuten Sieger der Präsidentschaftswahlen. Madero gelang die Flucht ins Exil nach Texas. Von dort aus rief er erneut zum Widerstand auf – diesmal mit Waffen.

Am 16. September 1910 hatte Mexiko noch aufwendig den 100. Jahrestag der Unabhängigkeit von den spanischen Eroberern gefeiert. Für den 20. November, einen Sonntag, kündigte Madero den Beginn der Revolution an. Mit zehn Komplizen und hundert Gewehren überquerte er im Morgengrauen die texanisch-mexikanische Grenze. Doch seine Pläne waren der Polizei verraten worden. Der Auftakt der Revolution scheiterte jämmerlich – dennoch gilt der Tag bis heute als historische Zäsur.

Erst ein halbes Jahr später, im April 1911, gelang den Revolutionären schließlich der erste bedeutende Sieg: Sie nahmen Ciudad Juárez ein, die Stadt an der nordamerikanischen Grenze – heute im Zentrum des Krieges zwischen Drogenmafia und Staatsmacht. Vom Erfolg angestachelt, erhoben sich im ganzen Land Aufständische.

Im November 1911 löste Francisco Madero den Langzeitdiktator Díaz als Präsidenten ab. Reformen sah er aber entweder als unnötig an oder fand keine Mehrheit im Parlament. Und die meisten alten Würdenträger beließ er auf ihren Posten. Doch die wollten nichts anderes, als ihn so schnell wie möglich wieder wegputschen. Nur zwei Jahre nach seinem Amtsantritt wurde Madero von Militärs erschossen – angeblich hatte er auf einem Transport vom Nationalpalast ins Staatsgefängnis fliehen wollen. Mexiko versank im Chaos.

„Mit einem Schlag sind die Straßen leer gefegt: Die Läden lassen ihre eisernen Rollläden herunter, in den Häusern schließt man Türen und Fenster“, erinnert sich Hugo Brehmes Enkel an die Erzählungen seines Großvaters. Für einen Katalog zu einer aktuellen Ausstellung in Mexiko über Brehmes Revolutionsfotografie hat Dennis Brehme die Erlebnisse seines Großvaters während der Revolution aufgeschrieben. Hugo Brehme habe um sein Leben gebangt. Aber so eifrig und diszipliniert, wie er zuvor malerische Landschaften festgehalten hatte, fotografierte er nun Soldaten, Gefechte und Tote.

Bald nach dem Tod Maderos hießen die starken Anführer im Land Emiliano Zapata für den Süden und Pancho Villa im Norden. Beides kräftige Männer indianischer Abstammung mit schwarzem, pomadisiertem Haar und gezwirbelten Schnauzbärten, die sich gerne mit Sombrero, Patronengürtel und Winchester-Gewehr zeigten. Beide erlangten weltweite Bekanntheit. In ihrer Heimat werden sie heute noch verehrt, rund 90 Jahre nach ihrem Tod. „Viva Zapata!“, riefen seine Anhänger, wenn der groß gewachsene Mann mit den dunklen Augen auf seinem weißen Pferd in ein Dorf einritt. Kirchenglocken läuteten und Salutschüsse knallten. Zapata, der Analphabet, war „el hombre“, der Mann, der schon als Jugendlicher alle Rodeos im Süden Mexikos gewonnen hatte. Aber auch Pancho Villa, eher klein und rundlich, war ein hervorragender Reiter mit berüchtigtem Temperament.

Trotz aller Gemeinsamkeiten seien die Ziele von Zapata und Villa unterschiedlich gewesen, sagt der Lateinamerika-Historiker Rinke: „Zapata ging es vor allem um die Wiederherstellung des indigenen Landbesitzes und um die Eindämmung der landfressenden und wasserschluckenden Haciendas.“ Die Viehzüchter-Eliten aus dem Norden, von denen auch Pancho Villa abstammte, kämpften dagegen vor allem für mehr Macht.

Zapata und Villa standen an der Spitze im Krieg gegen die verhasste Regierung des Militärgenerals Victoriano Huerta, der Francisco Madero hatte erschießen lassen und nun selbst Präsident war. Villa versteckte beispielsweise 2000 Anhänger unter Kohlebergen und fuhr mit ihnen in einem Güterzug in die Hauptstadt. Sie überraschten die schlafenden Soldaten Huertas, metzelten sie nieder. Brutal schlug die Armee zurück, mit Maschinengewehren und Fliegerbomben. Moderne Militärtechnik ermöglichte ein Morden und Schlachten, wie es Lateinamerika noch nicht gesehen hatte.

Brehmes Fotos gehörten zu den ersten Aufnahmen der Revolution, die in europäischen Zeitungen gedruckt wurden. Große Hüte, Schnauzbärte und Kakteen fallen auf diesen Bildern als Erstes ins Auge – dazu Gewehre, vor der Brust gekreuzte Patronengürtel und schneebedeckte Vulkane im Hintergrund. Brehmes Bild von Mexiko schaffte es in das kollektive Gedächtnis der Weltbevölkerung. „Mexiko war die erste große Revolution des 20. Jahrhunderts, die weltweit rezipiert wurde“, sagt Revolutionsforscher Rinke. Ihre Symbole wurden Allgemeingut.

Die Ikonen Zapata und Villa arbeiteten kräftig mit am eigenen Mythos. Villa hatte mitunter ganze Heerscharen von US-amerikanischen Journalisten im Gepäck. Bewusst diktierte er ihnen Heldengeschichten und Legenden in die Schreibblöcke und ließ sich für ihre Bilder kraftstrotzend in Szene setzen.

Nach Brehme und seinen Kollegen kamen die Maler. Die Werke des Künstler-Paars Diego Rivera und Frida Kahlo, die immer wieder idealisierte Szenen der Revolution und ihrer Anführer malten, rundeten das Mexiko-Bild ab. Rivera porträtierte den Revolutionsführer Zapata als Erlösergestalt: mehr als zwei Meter groß und ganz in Weiß gekleidet, am Zügel einen edlen Schimmel. Kahlo malte sich selbst als kokette junge Dame, im Hintergrund Villa, der mit seinen vielen Frauen und mindestens zehn Kindern zum Inbegriff der ungestümen Männlichkeit geworden war. Später ließ die 1907 geborene Künstlerin ihr Geburtsdatum nur noch mit 1910 angeben, so sehr fühlte sie sich mit dem Revolutionsausbruch verbunden.

Auch der russische Regisseur Sergej Eisenstein reist nach Mexiko. Als er Anfang der 30er Jahre in das Land kommt, ist er auf dem Höhepunkt seines Ruhmes. Sein Revolutionsfilm „Panzerkreuzer Potemkin“ geht um die Welt. Fasziniert von Mexiko, dreht er, finanziert vom US-Autor Upton Sinclair, den Film „Que Viva México“, er wird nie vollendet. Doch viele Prominente aus Hollywood folgen Eisenstein nach Mexiko. Mehr als zehn internationale Filme handeln schließlich von der Revolution, besetzt mit Bud Spencer, Anthony Quinn, Franco Nero und natürlich Marlon Brando. Durch die Filmmusik verbreiteten sich „corridos“ – Revolutionslieder, die ursprünglich dem Austausch von Nachrichten dienten. Das bekannteste handelt von einer Küchenschabe und sein Refrain spielt auf die Drogensucht des Präsidenten Huerta an: „La Cucaracha, la Cucaracha, ya no puede caminar, porque no tiene, porque le falta, Marihuana que fumar“ – „die Küchenschabe kann nicht mehr laufen, weil sie kein Marihuana mehr hat“.

Militärgeneral Victoriano Huerta stürzte 1914, sein Nachfolger im Amt des Präsidenten, Venustiano Carranza, wurde 1920 ermordet. Seiner Herrschaft entstammt zumindest eine Revolutionsverfassung, in der 1917 einige soziale Forderungen der Revolutionäre als Staatsziele festgehalten wurden. Die blutige Gewalt konnte damit aber nicht gestoppt werden. Es sollte noch weitere 20 Jahre dauern, bis unter der Präsidentschaft von Lázaro Cárdenas die Trennung von Kirche und Staat und die Nationalisierung der Bodenschätze umgesetzt wurden, auch dafür hatten Revolutionäre gekämpft. Nach Zapatas Idee wurden Millionen Hektar Land an mittellose Kleinbauern verteilt.

Cárdenas’ „Partei der institutionalisierten Revolution“ (PRI) regierte bis ins Jahr 2000 und stellt heute die Opposition. Viele Zusagen an die Revolutionshelden von einst machte die PRI im Zuge einer neoliberalen Modernisierung rückgängig, viele Versprechen blieben unerfüllt.

Zapata wird 1919 ermordet. Mit dem Versprechen, ihm dringend benötigte Munition zu geben, locken ihn regierungstreue Soldaten in eine Hacienda. Er kommt allein. Als er den Innenhof erreicht, tauchen plötzlich überall auf den Zinnen des Gebäudes Soldaten auf. Zapata wird von hunderten Kugeln durchsiebt, seine Leiche später auf dem Marktplatz zur Schau gestellt. Trotzdem glauben die Dorfbewohner nicht an den Tod ihres großen Helden – bis heute leben Zapata und sein weißes Pferd der Legende nach in den Bergen im Süden Mexikos weiter.

Pancho Villa wird 1923 Opfer eines Attentats. „Villa, Villa“, ruft ein Mann ihm auf der Straße zu. Villa stoppt sein Auto und tappt in die Falle. Sieben Attentäter schießen dutzende Male auf ihn und seine Mitfahrer. Villa wird von neun Kugeln getroffen und ist sofort tot.

Bis heute gelten Emiliano Zapata und Pancho Villa als Nationalhelden und Kämpfer für die Armen, auch wenn die Kluft in der mexikanischen Gesellschaft nicht kleiner geworden ist. 100 Jahre nach der Revolution lebt fast die Hälfte der 110 Millionen Einwohner in Armut. Die gefährliche Flucht ins Nachbarland USA ist für viele die einzige Hoffnung auf ein besseres Leben. Auch mehrere Enkel von Emiliano Zapata sollen illegal in den Vereinigten Staaten leben. Der Telekommunikationsmilliardär Carlos Slim, dessen Vater zur Revolutionszeit günstig Immobilien erwarb und damit ein Vermögen begründete, verkörpert als reichster Mann der Welt die andere Seite Mexikos.

Hugo Brehme, der Fotograf aus Eisenach, wäre schon während der Revolution eigentlich lieber nach Kalifornien emigriert. „Einen Tag vor seiner Abreise wurden die meisten seiner Sachen gestohlen“, sagt der Enkel. Brehme blieb. Er starb 1954, drei Jahre nachdem er die mexikanische Staatsbürgerschaft angenommen hatte. Gemeinsam mit seiner Frau Auguste und seinem Sohn Arno war er dort heimisch geworden. Die Geschäfte seines Studios für Porträtfotografie und Postkarten mit der leicht zu merkenden Telefonnummer 1 – Brehme besaß den ersten Anschluss in Mexiko-Stadt – liefen bestens. Keiner der drei kehrte je nach Deutschland zurück.

Anders der fotografische Nachlass, von der Unesco zum Weltkulturerbe gekürt: Bedeutende Teile werden heute im Berliner Ibero-Amerikanischen Institut und im Hamburger Völkerkundemuseum aufbewahrt. Eine Ausstellung seiner Werke ist für das kommende Jahr in Berlin geplant.

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