Die Geschichte : Das Ellsberg-Paradox

1971 druckt die „New York Times“ Hunderte streng geheimer Dokumente über den Vietnamkrieg. Die Quelle: ein hochrangiger Militärexperte

Am 1. Oktober 1969, einem Mittwoch, verlässt im kalifornischen Santa Monica ein 38-jähriger Mann sein Büro. Daniel Ellsberg grüßt im Erdgeschoss die Wachmänner, dann überquert er den Parkplatz, wie jeden Abend. Als er sein Auto erreicht, hämmert sein Herz mit der Taktfrequenz eines Maschinengewehrs.

„Mir war klar, dass ich den Rest meines Lebens hinter Gittern verbringen könnte“, sagt Daniel Ellsberg heute, gut vier Jahrzehnte später, am Telefon. Seine Stimme ist erkennbar die eines alten Mannes, trotzdem klingt sie dringlich. „Ich hatte meine Entscheidung getroffen.“

In Ellsbergs Aktentasche befanden sich an jenem Abend die ersten hundert Seiten einer Studie über den Vietnamkrieg, auf jedes Blatt waren in Großbuchstaben die Worte TOP SECRET gestempelt. Schon als Ellsberg sie über die Schwelle seines Büros trug, machte er sich strafbar, aber was er vorhatte, ging viel weiter: Er stand im Begriff, in aller Öffentlichkeit seine Regierung bloßzustellen.

Wie Ellsberg zu diesem Schritt kam, ist eine lange Geschichte. Sie beginnt, vielleicht, an einem heißen Sommertag im Juli 1946, da war Ellsberg 15, er saß mit seinen Eltern im Auto. Die Fahrt war lang, die Hitze muss den Vater ermüdet haben. Die Augen fielen ihm zu. Das Lenkrad glitt ihm aus den Händen. Als Daniel 36 Stunden später im Krankenhaus zu sich kam, waren seine Mutter und seine Schwester tot.

Daniel Ellsberg lernte an jenem Tag, dass Menschen nicht immer aus bösem Willen töten. Es reicht, wenn sie ein Risiko falsch einschätzen, wenn sie vergessen, was sie zu verlieren haben.

Später, in Harvard, studierte er Wirtschaft, seine Dissertation untersuchte, wie Menschen Entscheidungen treffen. Ellsberg entwarf einen komplizierten Versuchsaufbau, eine Art Spiel, bei dem der Spieler selbst die Regeln festlegen muss, ohne genau zu wissen, was auf dem Spiel steht. Die Entscheidungen, die seine Versuchspersonen trafen, widersprachen Grundannahmen der Entscheidungstheorie, weshalb man das Experiment als Paradox bezeichnete. Und so wird es bis heute genannt: das Ellsberg-Paradox.

Wissenschaftlich drückt man es so aus: Rx(U$100-U$0) L Bx(U$100-U$0) l=L Bx(U$100-U$0) L Rx(U$100-U$0).

Anders ausgedrückt: Menschen lassen sich in die Irre führen, wenn sie nicht wissen, was sie zu verlieren haben.

Als Ellsberg nach dem Studium im Verteidigungsministerium anheuerte, wusste er noch nicht, was sein Land zu verlieren hatte. Aber er begriff es schnell. Am ersten Arbeitstag stürmten Kuriere mit Eilmeldungen über die Flure: Im südchinesischen Meer, hieß es, werde ein US-Zerstörer von vietnamesischen Torpedobooten beschossen. Ellsberg fasste die Meldungen für den Minister zusammen, der Minister informierte Lyndon B. Johnson, den Präsidenten. Wenige Tage später verabschiedete das Parlament eine von Johnson initiierte Resolution, die dem Präsidenten das Recht gab, „kommunistische Aggressionen“ in Südostasien auch ohne Kriegserklärung militärisch zu beantworten. Formal begann damit der seit langem schwelende Vietnamkrieg, aus dem Amerika erst elf Jahre später wieder herausfinden sollte. Im Ministerium aber sprach sich bald herum, dass der Torpedoangriff in dieser Form nie stattgefunden hatte. Johnsons Kriegsresolution basierte auf einer Falschmeldung. Alle wussten es, niemand sprach es aus. Auch Ellsberg nicht. Er war kein Kriegsgegner. Ellsberg war Sicherheitsexperte, der Krieg war sein Job.

Er war frisch geschieden. Auf einer Party lernte er eine Frau kennen, Patricia, sie gefiel ihm. „Ich habe demnächst einen freien Tag“, sagte er. „Wie wär’s, sehen wir uns die Kirschblüten an?“ Patricia aber musste arbeiten, als Journalistin sollte sie von einer Friedenskundgebung berichten. „Wie wär’s“, fragte sie, „sehen wir uns die Pazifisten an?“ Als die beiden ein paar Tage später zwischen demonstrierenden Studenten spazieren gingen, gab Ellsberg sich Mühe, keinem Fotografen vor die Linse zu laufen. Ungern hätte er seinen Kollegen erklärt, warum ein Kriegsexperte seine Freizeit auf einer Friedensdemo verbringt. Doch kein Fotograf hielt fest, wie die beiden Spaziergänger ein Paar wurden.

Ein Jahr lang arbeitete Ellsberg im Pentagon, er sammelte Argumente für den Krieg. Oft telefonierte er mit dem US-Militär in Vietnam. „Der Präsident“, sagte er, „braucht bis morgen Beispiele für Gräueltaten, die der Feind an Amerikanern verübt. Ich will Details. Ich will Blut.“ Das Blut floss zuverlässig. Abends im Fernsehen versicherte der Präsident: „Wir streben keine Ausweitung des Kriegs an.“

Nach einem Jahr wechselte Ellsberg ins Außenministerium und ließ sich nach Vietnam schicken. Er wollte ihn sehen, diesen Krieg, den er nach wie vor nicht ablehnte, schließlich verhinderte sein Land in Vietnam eine stalinistische Diktatur. Für Ellsberg war es ein gerechter Krieg, auch wenn ihm zunehmend klar wurde, dass er nicht gerecht geführt wurde: Man bombardierte vietnamesische Dörfer und belog die amerikanische Öffentlichkeit. Wer aber sollte den Krieg gerechter machen, wenn nicht ein Kriegsexperte?

Patricia, inzwischen Ellsbergs Verlobte, besuchte ihn. Ein paar Tage lang sah sie sich um, dann fragte sie: „Wie kannst du das hier nur unterstützen?“ Ellsberg war gekränkt. Tat er denn nicht sein Möglichstes, um die Bombardements zu begrenzen? Wie sollte er etwas verändern, wenn nicht als Teil des Systems? Sie stritten. Als Patricia abreiste, betrachtete Ellsberg die Verlobung als aufgelöst.

Kurze Zeit später wurde er erstmals Zeuge, wie eine US-Patrouille von Guerilla-Kämpfern attackiert wurde. Aus dem Nichts warfen sie sich den Amerikanern in den Weg, zwei Vietcong, die so lange feuerten, bis sie getroffen zusammenbrachen. Ellsberg begriff: Diese Leute würden nicht aufgeben. Er zweifelte langsam, ob der Krieg überhaupt zu gewinnen war.

„Wir werden gewinnen“, sagte der Fernsehpräsident.

Als Ellsberg in die USA zurückkehrte, stieg er bei einem sicherheitspolitischen Think Tank ein. Seine erste Aufgabe war die Mitarbeit an einer Studie über den Krieg, bestimmt zur internen Verwendung im Pentagon, sie dokumentierte den kompletten Kriegsverlauf. Ellsberg las, und seine Zweifel wurden zu Gewissheiten. Vier Präsidenten, von Truman bis Johnson, hatten das Land systematisch in den Krieg gesteuert, genauso systematisch, wie sie öffentlich ihre Absichten leugneten.

1968 eskalierte der Krieg. Erstmals erlitten die USA massive Verluste, die die Öffentlichkeit völlig unvorbereitet trafen – hatte der Fernsehpräsident nicht gesagt, der Krieg laufe blendend? Lyndon B. Johnson verlor das Vertrauen der Wähler und trat Ende 1968 nicht mehr an. Sein Nachfolger Richard Nixon zog mit dem Versprechen ins Amt, ein „ehrenhaftes Ende“ für den Krieg zu finden. Der Fernsehpräsident hatte jetzt ein anderes Gesicht. Die Lügen aber blieben. Nixon dachte nicht an einen Rückzug, jeder im Verteidigungsministerium wusste das.

Bei einer Konferenz lernte Ellsberg damals junge Männer kennen, die sich weigerten, in Vietnam zu kämpfen. Die Wehrdienstverweigerer erzählten: Gestern haben sie Steve ins Gefängnis gesteckt, vorgestern Jim, mein Prozess beginnt morgen. In einer Kaffeepause brach Ellsberg auf dem Männerklo zusammen, eine Stunde lang lag er weinend auf den Fliesen. Als er aufstand, hatte sich etwas in seinem Bewusstsein verschoben. Er fühlte sich wie ein Spieler, der plötzlich sieht, was auf dem Spiel steht – und was er zu verlieren hat. Diese Männer, dachte Ellsberg, sind bereit, ins Gefängnis zu gehen. Was, wenn ich es auch wäre? Könnte ich, wenn ich dieses Risiko in Kauf nähme, nicht ein viel größeres abwenden – den Krieg?

Und so kommt es, dass Ellsberg am 1. Oktober 1969 die Wärter im Erdgeschoss grüßt, den Parkplatz überquert und zum Staatsfeind wird. Während er die 47 Bände der Studie über Wochen hinweg heimlich kopiert, trifft er Patricia wieder. Er erzählt ihr von seinem Wandel. Beiden ist klar, dass Ellsberg möglicherweise den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen wird. Sie heiraten trotzdem.

Bei der „New York Times“, deren Reportern Ellsberg schließlich die Studie übergibt, schlägt sie ein wie eine Bombe. Schwarz auf weiß, erinnert sich später ein Herausgeber, seien da die Lügen von vier US-Präsidenten zu lesen gewesen. An einer Stelle etwa werden unverblümt die Kriegsgründe der Johnson-Regierung benannt: „Zu 70 Prozent: um eine erniedrigende US-Niederlage zu vermeiden. Zu 20 Prozent: damit das Territorium nicht den Chinesen in die Hände fällt. Zu 10 Prozent: um den Menschen ein freieres, besseres Leben zu ermöglichen. Außerdem: um ohne inakzeptablen Rufschaden wegen der verwendeten Methoden aus der Krise herauszukommen.“

Am 13. Juni 1971 erscheint auf der Titelseite der „New York Times“ ein erster Teil der Studie, verbunden mit der Ankündigung weiterer Auszüge. In den Morgenstunden schickt Nixon der Redaktion ein Telegramm: Er fordert, die Publikation einzustellen. Trotzdem erscheint am Folgetag der zweite Auszug. Nixon schäumt. In einem Telefongespräch schreit er seine Berater an: „Bei Gott, ich werde diese Hurensohn-Zeitung bekämpfen!“

Am dritten Tag erwirkt die Regierung eine einstweilige Verfügung gegen die „New York Times“. Prompt aber setzt die „Washington Times“ die Veröffentlichung fort. Als die Regierung auch gegen sie prozessiert, springen 15 weitere Zeitungen ein, ausgestattet mit Dokumenten, die Ellsberg ihnen zuspielt. Dann erst erklärt der Oberste Gerichtshof, die Regierung habe ihr Publikationsverbot nicht schlüssig begründet. Damit ist die weitere Veröffentlichung sichergestellt, und Ellsberg, der untergetaucht war, stellt sich den Behörden. Bei seiner ersten Anhörung umlagern Hunderte von Reportern die Staatsanwaltschaft. Einer fragt, als Daniel und Patricia Arm in Arm ins Freie treten: „Haben Sie keine Angst, dass man Sie ins Gefängnis steckt?“ Ellsbergs Antwort: „Würden Sie nicht ins Gefängnis gehen, um diesen Krieg zu verhindern?“

Sein Gerichtsverfahren wird eingestellt. Die Regierung, erklärt der Richter, habe eine faire Beurteilung des Falls unmöglich gemacht. Vorangegangen sind dieser Entscheidung Vorfälle, an die sich Ellsberg auch 40 Jahre später noch mit Wut in der Stimme erinnert. Erst wird in die Praxis seines Psychoanalytikers eingebrochen, man versucht, Ellsbergs Akte zu stehlen, um ihn zu belasten. Dann stellt sich heraus, dass der Geheimdienst sein Telefon abgehört hat, ohne Gerichtsbeschluss. Schließlich taucht eine geheimdienstliche Anweisung unklarer Herkunft und Bestimmung auf, die fordert, „D. E. vollständig außer Gefecht zu setzen“.

„Nixon“, sagt Ellsberg am Telefon, „hatte begriffen, dass mich eine Gefängnisstrafe nicht abschreckt. Also griff er zu anderen Mitteln.“

Nixon tritt 1974 zurück, nach dem Watergate-Skandal, in dessen Verlauf eine entgeisterte Öffentlichkeit erfährt, dass im Auftrag des Weißen Hauses ein sogenanntes „Klempner-Team“ ins Hauptquartier der Demokratischen Partei eingebrochen ist. Die „Klempner“, stellt sich heraus, sind dieselben Leute, die Nixon auch auf Ellsberg angesetzt hatte.

Nixons Nachfolger Gerald Ford rief Amerikas Truppen aus Vietnam zurück. Der Krieg endet im April 1975 mit dem Sieg der Vietcong. Zwei Millionen Vietnamesen sind tot und 58 000 Amerikaner.

„Ich war Teil einer Kette, die das Kriegsende ermöglicht hat“, sagt Ellsberg.

Er denkt in diesen Tagen oft an die Ereignisse von 1971 zurück, nicht nur, weil sie sich zum 40. Mal jähren, auch nicht, weil aus diesem Anlass die Geheimhaltung der Pentagon-Studie offiziell aufgehoben wurde. Ellsberg denkt, wenn er sich erinnert, an seine Kinder aus erster Ehe. Robert war 13, Mary zehn, beide halfen ihm beim Kopieren der Studie. Bewusst habe er die beiden eingeweiht, sagt Ellsberg, aus zwei Gründen. „Erstens sollten sie wissen, warum ich das tue, damit man ihnen nicht einreden kann, ich sei verrückt.“ Wichtiger noch war der zweite Grund. „Sie sollten wissen, dass sie eines Tages vor einer ähnlichen Entscheidung stehen könnten, und dass es Mut braucht, sich richtig zu entscheiden. Mir hatten diesen Mut die Wehrdienstverweigerer geschenkt, und ich wollte ihn weitergeben.“

Ellsbergs Kinder mussten sich nicht entscheiden. Andere Menschen schon.

Knapp drei Monate ist es jetzt her, da saß Daniel Ellsberg, inzwischen ein weißhaariger Mann von 80 Jahren, vor einem Marinestützpunkt in Quantico, Virginia. Er stand erst auf, als Polizisten ihn in Handschellen abführten. Mit anderen Demonstranten protestierte er gegen die Haftbedingungen eines Mannes hinter den Stützpunktmauern. Es ist ein Mann, dem aus naheliegenden Gründen Ellsbergs Solidarität gilt: Bradley Manning, der US-Soldat, dem man vorwirft, rund eine halbe Million vertrauliche Dokumente der Enthüllungsplattform Wikileaks zugespielt zu haben.

„Kollaboration mit dem Feind“ wirft man Manning vor, im schlimmsten Fall steht darauf die Todesstrafe, in diesem Monat soll die Anhörung beginnen. Ellsberg ist vorsichtig, wenn er über Manning spricht, er will sich nicht vorwerfen lassen müssen, was er Präsident Obama vorwirft: einen laufenden Prozess durch Vorverurteilungen zu beeinflussen. Eins aber steht fest für Ellsberg: „Falls Manning getan hat, was man ihm zur Last legt – dann ist er mein Held.“

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