Die Geschichte : Das Exempel

Keinen hatte die DDR so sehr im Visier wie den Schriftsteller Jürgen Fuchs. Im Westen ging der Psychoterror durch die Stasi weiter – bis hin zur Autobombe. Sein Krebstod 1999 schürte den Verdacht, er sei radioaktiv vergiftet worden.

Jochen Thermann
DDr-Künstler aus der Haft nach West-Berlin entlassen
Jürgen Fuchs (rechts) mit den Freunden Christian Kunert, Gerulf Pannach und Wolf Biermann (von links) 1977 in West-Berlin.Foto: pa/dpa

Im Mai 1982 häufen sich die Merkwürdigkeiten plötzlich. Der Schriftsteller Jürgen Fuchs lebt mit seiner Familie im dritten Stock eines Mietshauses am Tempelhofer Damm. Gegenüber erstreckt sich das Feld des Flughafens. Nach hinten aber, wo die Straßen die Namen von Kampfpiloten des Ersten Weltkriegs tragen, haben die Häuser Vorgärten, führen ältere Herrschaften ihre Hunde spazieren. Doch der Alltag der Familie Fuchs am Rande der Gemächlichkeit dieses bürgerlichen Vororts bekommt Risse.

Ein Autoverwerter klingelt, er sei beauftragt worden, den Wagen abzuholen. Familie Fuchs hat ihn nicht gerufen. Taxifahrer warten auf ihre Fuhre, manchmal mitten in der Nacht, Fuchs hat sie nicht bestellt. Der Kammerjäger, ausgerüstet mit Sprühgerät und Giftflasche, steht vor der Wohnungstür. Er sei alarmiert worden, um Ungeziefer zu vernichten. Familie Fuchs hat keine Probleme mit Schädlingen, folglich auch niemanden beauftragt. Man könnte annehmen, es läge ein Missverständnis vor. Doch die Irritation ist kalkuliert, die Zermürbung geplant.

Erst sehr viel später, im Januar 1991, wird Jürgen Fuchs seine Stasi-Akte einsehen und Gewissheit bekommen. Der Auftritt der Schädlingsbekämpfer war arrangiert. Denn Jürgen Fuchs galt der DDR als Staatsfeind. Die wenig zimperliche Symbolik, dem Autor und Bürgerrechtler vor seinen eigenen vier Wänden mit Insektizid zu drohen, trug die Handschrift der Stasi. „Verschärfung der operativen Bearbeitung“ hieß das in deren Jargon. Jürgen Fuchs sollte sein politisches Engagement einstellen – ansonsten würde Gift versprüht. Auch in West-Berlin.

Fuchs war 1977, nach neun Monaten Haft in Hohenschönhausen, aus der DDR ausgewiesen worden, weil er über Dinge sprach und schrieb, über die in der Diktatur geschwiegen werden musste. „Das Fußballspiel“, ein kurzes Prosastück, das einen Selbstmord in der NVA nachzeichnete, benannte ein solches Tabu. „Gar nichts Besonderes, nur ein Sonnabendnachmittag im Juni, die Kaserne ruht, ein angeketteter Schäferhund bellt, einige Soldaten spielen Fußball. Die drei Schüsse waren kaum zu hören, etwas dämpfte den Schall. Na und, der Posten am Tor ist tot, das kommt vor, seine Herzteile hängen oben im Postenpilz. Kein Grund zur Panik, Genossen, er war etwas schwermütig veranlagt, das kommt vor, und überhaupt, was weiß denn ich, was sich so einer dabei denkt.“ Solche Sätze verzieh die Partei ihm nicht. Dass er ihnen den Wortlaut ablauschte und ihren Zynismus protokollierte.

Auf keinen Menschen konzentrierten sich im MfS, dem Ministerium für Staatssicherheit, so viele offizielle und inoffizielle Mitarbeiter, so viele Akten und Maßnahmen wie auf den Dichter und Bürgerrechtler aus dem Vogtland. Seine Freunde schätzten seine Aufrichtigkeit, der Mann mit der hellen Stimme und dem Kinnbart hörte zu, er war sanft und zugleich unerbittlich, auch als junger Mann wirkte er weise. „Ich horchte auf das, was er sagte, ich hörte auf ihn“, schreibt sein Freund Ralph Giordano, der viel älter war, aber das Gefühl hatte, Fuchs sei der Ältere. Udo Scheer, der ein ausgezeichnetes Buch über das Leben von Fuchs geschrieben hat, beschreibt dessen scharfe Wahrnehmung, sein klares, aufforderndes „Ja!, sein unduldsam forderndes ,Ja, tu das! Das musst du tun, hörst du!’“ Dass er zuhörte und genau hinhörte, machte ihn für seine Freunde unersetzlich, für seine Feinde unerträglich.

25 Bände Akten befassten sich allein mit dem Schriftsteller während seiner Zeit in West-Berlin, 40 verschiedene inoffizielle Mitarbeiter waren in den 80er Jahren auf ihn angesetzt. Sie horchten Telefongespräche ab, streuten Gerüchte, suchten nach kompromittierenden Informationen – „Kompromat“ lautete der Fachbegriff in der Bürosprache des MfS. Von den 25 Bänden sind 22 vernichtet worden. Die Spuren der aberwitzigen Verfolgung sollten wie Fuchs selbst beseitigt werden.

Früh war der Dichter ins Fadenkreuz der Staatssicherheit geraten. Als sich der 20-Jährige mit einem Freund während eines Urlaubs im heimischen Reichenbach über Nietzsche und Hesse unterhalten hatte, sah sich ein Spitzel, vermutlich ein Lehrer, veranlasst, die Vorgänge umgehend zu melden. In einem „dringlichen“ Telegramm wurde festgehalten, dass er andere Schüler „mit idealistischem gedankengut bürgerlicher philosophen beeinfluszt. nach bisherigem ermittlungsergebnis kann eingeschätzt werden, dasz fuchs als inspirator zu bezeichnen ist, und es zur bildung eines negativen clubs kam“.

Die Stasi witterte die Konterrevolution. Als Fuchs begann, in Literaturzirkeln und auf Lesungen seine Texte über das bürokratische Spießertum der Diktatur vor Studenten vorzutragen, wurde er vorgeladen. Er sollte eingeschüchtert werden, drehte jedoch den Spieß um. Fuchs dokumentierte und verarbeitete literarisch, wie der lange Arm des Staates in Leben und Alltag eingriff.

Die Partei- und Staatsorgane hatten empfindliche Sinne, besonders wenn ihr Apparat selbst beschrieben wurde. Man sah sich bloßgestellt, hässlich, formlos, brutal und treffend. Es war die offensichtliche Monstrosität des Staates, die Fuchs aufzeigte, das falsche, zwanghafte „Wir“ der Partei: „Wer kein Vertrauen zu uns hat, wird zur Rechenschaft gezogen. Zu uns: Da sind immer viel mehr gemeint als die gerade Anwesenden. (...) Zu uns: Da sind immer ganze Mächte gemeint, Parteien, Regierungen, Körperschaften mit vielen Armen und Beinen, die weit greifen und sehr tief treten können.“

Dass der 1950 geborene Dichter, von dem Wolf Biermann sagte, er sei „ein unvermischtes DDR-Produkt“, ausgerechnet „die Klassiker“ kannte, also Marx und Engels gelesen hatte, seine Eltern noch dazu Arbeiter waren, und er in den Anhörungen über seine Texte Rosa Luxemburg oder Lenin zitierte, um sich zu rechtfertigen, machte die Sache für den Apparat nicht einfacher. Umso hartnäckiger ging man gegen den jungen Mann vor, als sich herausstellte, dass er sich nicht duckte.

Fuchs wurde aus der SED ausgeschlossen und kurz vor seinem Abschluss in Psychologie – seine Diplomarbeit war noch als ausgezeichnet bewertet worden – zwangsexmatrikuliert. Die Arbeit als Psychologe wurde ihm ebenso unmöglich gemacht wie die als Schriftsteller. Schon in seiner ersten Publikation, den „Gedächtnisprotokollen“, in denen diese Erfahrungen verzeichnet sind und die 1977 bei Rowohlt in der Bundesrepublik erschienen, wird deutlich, wie eng Diktatur, Leben und Werk bei Jürgen Fuchs miteinander verknüpft waren. Und die Verknüpfung wurde immer enger.

Mit Jürgen Fuchs beschäftigte sich seit Mitte der 70er Jahre ein wachsender Stab von Geheimpolizisten. OPK oder OV nannten sie ihre eigenen Aktivitäten, das stand für „Operative Personenkontrolle“ und „Operativer Vorgang“. Alles und jeder trug hier einen Decknamen, auch die OVs. „Pegasus“ war in dieser Behörde, an der so vieles an Orwells „1984“ erinnert, nicht mehr das geflügelte Pferd, das die Dichter reiten, es war der Name eines Operativen Vorgangs, in dem Dichter wie eine terroristische Gruppe beschattet wurden.

Durch das Berufs- und Publikationsverbot blieb Jürgen Fuchs nur die Rolle des Dissidenten. Er hatte zahlreiche Kontakte zur Opposition geknüpft und war mit Wolf Biermann und dem Bürgerrechtler Robert Havemann befreundet. Auf dessen Grundstück in Grünheide bei Berlin fand er vorübergehend Unterschlupf mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter. Als Wolf Biermann 1976 in Köln ein Konzert gab und danach ausgebürgert wurde, verschärfte sich die Situation für die Opposition in der DDR. Jürgen Fuchs hatte die Ausbürgerung in einem Interview als „Waffe der Nazis“ bezeichnet. Er war gerade mit Robert Havemann in Berlin unterwegs, als ihn die Stasi aus dessen Auto heraus im November 1976 verhaftete. Sein Pass wurde ihm abgenommen, es gab keine Erklärungen, nur Kommandos und Vernehmungen.

Die neun Monate Haft in Hohenschönhausen waren ein Krieg zwischen den Vernehmern und einem Einzelnen, der sich nichts hatte zuschulden kommen lassen. Der Festgenommene wurde über die Absichten der Vernehmer bewusst im Unklaren gelassen. Man ließ ihn warten, stundenlang, isoliert, ohne Kontakt zur Außenwelt. Auch die Verhörmethoden waren darauf abgestellt, den Häftling psychisch zu zerstören. Irgendwann begann Jürgen Fuchs zu schweigen. Er ignorierte die Versuche, ihn zu Geständnissen zu zwingen.

Auch hier spielte die Literatur eine Rolle, denn Fuchs speicherte die Geschehnisse in seinem Gedächtnis, um nicht den Verstand zu verlieren. Als er auf Druck der westdeutschen Öffentlichkeit gemeinsam mit anderen politischen Häftlingen aus Hohenschönhausen entlassen und aus der DDR ausgewiesen wurde, machte er sie publik. Seine „Vernehmungsprotokolle“ klärten erstmals darüber auf, was in den dunklen Räumen der Staatssicherheit vorging. „Das Erschreckende und Beispiellose besteht nicht in dem gewöhnlichen, alltäglichen Vorgang einer Verhaftung, der unzählige Entsprechungen hat“, schreibt Fuchs in den „Vernehmungsprotokollen“, „das Nicht-Sagbare besteht darin, dass du verhaftet wirst. Du und kein anderer.“ Fuchs schrieb damit seine Dokumentation der staatlichen Zwangsmaßnahmen fort. Was bei Kafka noch die ins Phantastische verschobene obskure Herrschaft des Büros war, das war hier ganz in die Wirklichkeit eingedrungen.

Der Kampf zwischen Staat und Einzelnem war mit der erzwungenen Ausreise 1977 in die Bundesrepublik keineswegs vorbei. Ein neues Stadium der Verfolgung wurde eingeläutet und forciert, weil sich Fuchs auch im Westen weiterhin für Freiheit und Menschenrechte einsetzte. Er schrieb Artikel, hielt Kontakte. Briefe und verbotene Schriften kursierten während des Kalten Kriegs von Ost nach West und von West nach Ost. Jürgen Fuchs war ein Knotenpunkt in diesem Netzwerk. Deshalb bekämpfte ihn die Geheimpolizei der DDR mit maximalem Einsatz.

„Zersetzung“ hieß die Strategie, mit der die Stasi seit Ende der 70er Jahre ihre Gegner zu verunsichern und zu zermürben suchte. Der Auftritt der Schädlingsbekämpfer vor der Haustür von Jürgen Fuchs war nur eine Episode in einem langen, grotesken und traurigen Drama, dessen Bühne die Wirklichkeit war. Eines Tages war spätabends das Auto aufgeschlossen, die Türen waren geöffnet, nichts weiter, nur der Kindersitz war ausgebaut und stand auf dem Bürgersteig.

Zu diesem Psychokrieg gehörten ebenso Kampagnen, die darauf zielten, seinen Ruf zu zerstören. Pornohefte, versehen mit einem Aufkleber, der Name und Adresse von Jürgen Fuchs trug, wurden in einen Fahrradkorb in der Nachbarschaft gelegt. Auch Gewalt zählte zu den Drohgebärden der Staatssicherheit. Vor der Haustür der Familie explodierte eine Autobombe, nachdem sich Jürgen Fuchs an einem oppositionellen Radiosender in Berlin beteiligt hatte. Diese konzertierten Maßnahmen zwischen lächerlicher Schmutzkampagne, chiffrierter Drohung und manifester Gewalt hatten ausdrücklich das Ziel, Fuchs zu „ vernichten“. Es ist bis heute ungeklärt, ob der seltene Blutkrebs, an dem Jürgen Fuchs im Alter von 48 Jahren am 9. Mai 1999 starb, eine Folge radioaktiver Strahlung war. Dass die Wirkung radioaktiver Gifte von der Stasi erforscht wurde, ist dokumentiert, ob sie zum Einsatz kamen, kann nicht mit Gewissheit gesagt werden.

Die Erinnerung an Jürgen Fuchs und sein Werk ist aber nicht allein mit der Unmenschlichkeit der Diktatur verbunden; sie ist auch die Erinnerung an die gefährdete Menschlichkeit des Einzelnen, die bei Jürgen Fuchs nie vollständig verblasst, wie in seinem Text „Die Ankunft“ nachzulesen: „Am zweiten Tag marschierte das ganze Bataillon zur politischen Schulung in die Stadt, in den Kinosaal, links, links, links zwo drei vier. In einer Schaufensterscheibe marschierte ein grauer Stahlhelm, darunter ein blasses Gesicht, und nur in der Herzgegend ein heller Stich: Die Augen hatten mich nicht erkannt.“

Am 9. Mai erinnert eine Gedenkveranstaltung in der Heinrich-Böll-Stiftung, Schumannstr. 8, an den zehnten Todestag von Jürgen Fuchs, den Abschluss bildet eine szenische Lesung am 10. Mai in der DT-Box im Deutschen Theater.

Die „Vernehmungsprotokolle“ sind gerade im Berliner Jaron-Verlag neu aufgelegt worden. Dort ist auch die Biografie „Jürgen Fuchs. Ein literarischer Weg in die Opposition“ von Udo Scheer erschienen.

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