Die Geschichte : Das zoologische Manifest

Der russische Fürst Kropotkin war Naturforscher – und milder Anarchist. Über die Solidarität unter Tieren schrieb er ein Standardwerk. Der Lenin-Gegner starb 1921.

Cord Riechelmann
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Sohn eines Fürsten, diente als Kosak in Sibirien und begann dort mit seiner wissenschaftlichen Forschung.
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Sohn eines Fürsten, diente als Kosak in Sibirien und begann dort mit seiner wissenschaftlichen...Foto: picture-alliance / Russian Pictu

Hunderttausend Menschen folgten dem Sarg, endlos wogte das Meer der schwarzen Fahnen – und sie wurden nicht als Symbol der Trauer getragen. Als Peter Kropotkin am 13. Februar 1921 in Moskau beerdigt wurde, verdrängten zum letzten Mal die schwarzen Fahnen der Anarchisten die roten Banner der Bolschewiki von den Straßen. Die Familie Kropotkins hatte das angebotene Staatsbegräbnis abgelehnt. Anarchistische Gruppen übernahmen stattdessen die Organisation der Bestattung.

Die Beerdigung wurde zu einer Demonstration der Beliebtheit Kropotkins in der russischen Bevölkerung. Gleichzeitig beendete sie die öffentliche Präsenz der anarchistischen Bewegung in Lenins neu gegründetem Staat. Einigen bereits inhaftierten Anarchisten hatten die Bolschewiki für diesen Tag gestattet, das Gefängnis verlassen zu dürfen. Danach verfolgten sie die Anarchisten gnadenlos mit ihren Mitteln, zu denen Einkerkerung und Erschießen genauso zählten wie die Verbannung nach Sibirien.

Ausgerechnet Sibirien. Für Kropotkin sollte der wilde Osten des zu jener Zeit noch zaristischen Russlands die entscheidende Station seines Lebens werden. Hier wendete er sich endgültig ab von dem für Leute seines Standes vorgesehenen Karriereweg.

Petr Alekseevic Kropotkin, wie sein Name in der Transliteration aus dem Russischen geschrieben wird, wurde am 9. Dezember 1842 in Moskau in eine Familie der höchsten russischen Aristokratie hineingeboren. Sein Vater Alexander war ein Gutsbesitzer, der über 1200 Leibeigene herrschte. Kropotkins Mutter starb früh, als Peter gerade mal vier Jahre alt war.

Wie dann aus dem Fürsten Kropotkin einer der bedeutendsten Theoretiker des Anarchismus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts wurde, das ist eine Geschichte aus Begabung und dem andauernden Versuch, diese Begabung durch Verzicht auch immer wieder dem Gemeinwohl zuzuführen. Ein Gemeinwohl, für das ihm die Bibliothek des British Museum in London als Muster diente. In der künftigen Gesellschaft sollte wie in dieser Bibliothek nicht mehr nach den Verdiensten und Ansprüchen, sondern nur nach den Bedürfnissen gefragt werden, ganz gleich ob der Benutzer „ein Darwin oder ein einfacher Amateur“ sei, wie Kropotkin in einem seiner Hauptwerke, „Die Eroberung des Brotes“, schrieb.

Mit dem Namen Darwin hat man den neben Sibirien zweiten Dreh- und Angelpunkt, der Kropotkin sein Leben lang begleiten wird. Die fünf Jahre, die der 25-Jährige in Sibirien als Mitglied eines obskuren Kosakenregiments zubrachte, führten ihn, wie er schrieb, in die „wahre Schule des Lebens und des Charakters“ ein. Er kam mit Leuten „jeder Gattung in Berührung, den besten und den schlechtesten, mit den Spitzen der Gesellschaft wie mit den Tiefstehenden, den Vagabunden und sogenannten unverbesserlichen Verbrechern.“ Es bot sich ihm reiche Gelegenheit, das tägliche Leben der Bauern, ihre Lebensweise und Gewohnheiten, zu beobachten, und „noch mehr Gelegenheit zu der Erkenntnis, wie wenig ihnen die Staatsregierung, auch wenn sie von den besten Absichten beseelt war, zu bieten vermochte.“ Dazu lernte er auf ausgedehnten Reisen, „wie wenig der Mensch wirklich nötig hat, sobald er aus dem Bannkreis der konventionellen Zivilisation hinaustritt.“

Außerhalb dieses Bannkreises standen auch die Pflanzen und Tiere Sibiriens. Sie waren keinem Staatswesen unterworfen. Gerade in seinen Schilderungen der Menschen und der Natur Sibiriens kann man nachvollziehen, wie sein Blick von den Tieren zu den Menschen und umgekehrt wandert, auf der Suche nach dem richtigen Leben. Er kam allerdings auch nicht unvorbereitet nach Sibirien, im Gegenteil: Trotz seiner jungen Jahre war er auf der Höhe der wissenschaftlichen Auseinandersetzung seiner Zeit.

1857, mit 15 Jahren, war er in das St. Petersburger Pagenkorps eingetreten, Ausbildungsstätte des russischen Hochadels. Die Schule hatte schnell sein naturwissenschaftliches Interesse geweckt, früh wird er zu einem Kenner der Diskussionen um die Evolutionstheorie. In Kropotkins wahrscheinlich bis heute bekanntester Schrift, der „Gegenseitigen Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“, führt er später seine sibirischen Erfahrungen und seine Interpretation von Darwins Evolutionslehre auf eine einmalige Weise zusammen. Die „Gegenseitige Hilfe“, die zuerst 1902 unter dem Titel „Mutual Aid. A Factor of Evolution“ in England erschien, kann als das Resümee seines Lebens als Naturforscher, anarchistischer Aktivist und glücklicher Exilant gelesen werden.

Dass das Buch in England in englischer Sprache erschien, ist dabei kein Zufall. Kropotkin hatte von 1886 bis 1917 in England das Leben eines Privatgelehrten geführt, der auch in den angesehensten wissenschaftlichen Organen publiziert. Er schreibt Artikel für die Encyclopaedia Britannica über Russland, Asien, den Anarchismus, veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Nature“ Beiträge zur geophysikalischen Struktur Asiens, die bis heute gültig geblieben sind und arbeitet an einer Geschichte der französischen Revolution. Dabei wird er nicht nur zu einem geachteten Geologen und Historiker, sondern auch zu einem Anziehungspunkt in der englischen Gesellschaft.

Das geistige Klima muss im London der 1880er und 1890er Jahre bemerkenswert offen gewesen sein. In diesen Jahren entsteht das Bild des „Anarchistenfürsten“ Kropotkin. Oscar Wilde sah in Kropotkin einen „Mann mit der Seele jenes schönen weißen Christus, der aus Russland hervorzugehen scheint“. Und für George Bernhard Shaw war Kropotkin „so liebenswürdig, dass es ans Heilige grenzte, und mit seinem roten Vollbart und seinem gütigen Gesicht hätte er ein Hirte aus den lieblichen Bergen sein können“. Einfachheit und Fremdheit machten den russischen Emigranten zu einem Ereignis in der englischen Gesellschaft, die Kropotkin offenbar mit einer erstaunlichen Gelassenheit zur Kenntnis nahm. Der dänische Kritiker und Philosoph Georg Brandes drückt es in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe von Kropotkins „Memoiren eines Revolutionärs“ so aus: „Selten ist unstreitig ein Revolutionär so human gewesen und – seines Widerwillens gegen das Bürgertum ungeachtet – so mild. Er war nie ein Rächer, oft ein Märtyrer; er hat nie anderen, stets nur sich selbst Opfer auferlegt.“

Zu diesen Opfern zählten auch seine Jahre in russischen und französischen Gefängnissen. 1874 wurde Kropotkin wegen anarchistischer Agitation in Russland verhaftet und in die „Peter und Paul Festung“ in St. Petersburg gesperrt. Aus dem übel beleumundeten Gefängnis gelang ihm nach zwei Jahren die Flucht. Danach lebt er hauptsächlich in der Schweiz und in Frankreich. Nach dem Tod Bakunins 1876, dem intellektuellen Haupt der militanten Fraktion, war Kropotkin in der Öffentlichkeit zu dem führenden Vertreter des Anarchismus überhaupt geworden.

Damit machte er sich nicht nur Freundes, im Gegenteil, es brachte ihn auch in Zusammenhang mit allen möglichen Aufständen und Anschlägen. Als er sich 1882 in Lyon befand und sein Aufenthalt mit einer Reihe von Anschlägen im Zentralmassiv zusammenfiel, wurde er mit anderen Anarchisten verhaftet. Im als Lyoner Anarchistenprozess berüchtigt gewordenen Verfahren erhielt er mit fünf Jahren die Höchststrafe. Dabei konnte keine Verbindung der Angeklagten zu den Ereignissen im Zentralmassiv nachgewiesen werden. Was auch kein Wunder war, Kropotkin hatte tatsächlich nichts damit zu tun.

Der Prozess gilt heute als ein rechtsgeschichtliches Musterbeispiel eines politischen Verfahrens ohne Fakten. Er war aber schon damals Anlass für internationale Proteste, und so wurde Kropotkin 1886 nach drei Jahren entlassen. Wer nach einem Beleg für das milde Wesen Kropotkins sucht, muss nur die entsprechenden Passagen zu den Gefängnisjahren in Lyon und Clairvaux in den „Memoiren eines Revolutionärs“ lesen. Man findet dort kein böses Wort, nicht einmal über den fiesesten Gefängniswärter.

Auf seine Art gehören die Gefängnisjahre zu dem, was Kropotkin den „Weg ins Volk“ nennt. Die Suche nach diesem Weg war es, die ihn dazu bewegte, auf eine wissenschaftliche Karriere zu verzichten. Den Weg des Verzichts war er aber schon vor seinen politischen Aktivitäten gegangen. So hatte er bereits beim Militär die Chance auf eine Karriere ausgeschlagen, indem er sich eben nicht für ein Garderegiment entschied, sondern sich einer Kosakeneinheit im fernen sibirischen Amurgebiet anschloss. In Sibirien wandte er sich dann mit mehr Eifer Land und Leuten zu als seinen militärischen Pflichten. Und auf einer seiner Reisen an den Amurfluss machte er dann jene Beobachtung, die ihn aktiv in die Auseinandersetzung um die Evolutionstheorie eingreifen ließ und die einer der zentralen Belege für seine Erweiterung der Darwin’schen Lehre darstellen.

Das Erste, was ihm in Sibirien auffiel, war die dünne Besiedlung des Landes nicht nur mit Menschen, sondern auch mit Tieren. Manchmal zeigt sich tagelang kein Hirsch und kein Zobel, bis er eines Tages an der engsten Stelle des Amur „Tausende und Abertausende von Hirschen“ über den Fluss schwimmen sah. Aus den ungeheueren Weiten Sibiriens waren die sonst zerstreuten Gruppen zusammengekommen, um vor einem schrecklichen Kälteeinbruch über den Amur in wärmere Regionen zu entfliehen. „Wenn man sich die Schwierigkeiten vorstellt“, schrieb er, „die zu überwinden waren, bevor alle Hirsche auf die gemeinsame Idee kamen, den Amur weiter südlich zu überschreiten, dann muss man das soziale Empfinden dieser intelligenten Tiere aufs Tiefste bewundern.“ Eine Bewunderung, die ihn nicht mehr losließ.

Er sammelte überall, im Leben und in der Literatur, nach Belegen für gesellig lebende Tiere. Er wurde fündig bei amerikanischen Bisons, Antilopen, Gazellen und Steinböcken. Mit den südamerikanischen Tschajas (Chauna chavaria) fand er sogar Vögel, die sich manchmal in „ungeheueren Zügen versammeln und in solchen Fällen häufig ein Konzert zusammen singen.“

Kropotkin machte dabei auch noch die Entdeckung, dass „die Scharen aus außerordentlich vielen kleinen Gruppen bestanden, die sich nie untereinander vermengten“. Eine Beobachtung, die ganz aktuell von der Schwarmforschung besonders an Staren bestätigt worden ist. Herden oder Schwärme setzen sich demnach aus kleinen Einheiten von sechs oder sieben Tieren zusammen, die über äußerst schnelle Kommunikationsnetze miteinander interagieren und dabei ohne eine übergeordnete Zentrale auskommen. Kropotkin hatte damit ein Modell gefunden, das seine Vorstellung kleiner Gesellschaftseinheiten ohne Staat sozusagen erdete. Seine sibirischen Erfahrungen machten es möglich, seinen Anarchismus zu verwissenschaftlichen. Sie boten aber auch die Möglichkeit, in die Kämpfe in der englischen Gesellschaft einzugreifen.

Als Thomas H. Huxley, der als „Darwins Bulldogge“ in die Geschichte eingegangen ist, 1888 sein erbarmungslos sozialdarwinistisches Pamphlet „Der Daseinskampf in der menschlichen Gesellschaft“ veröffentlichte, war der Moment für Kropotkins Intervention gekommen. Huxley hatte in seiner Schrift jede Solidarität mit den Schwachen als Gefühlsduselei verworfen, die den Fortschritt der menschlichen Gesellschaft behindere, weil der sich nur durch den Sieg der Starken im „Kampf ums Dasein“ einstellen würde.

Kropotkins Kritik setzte nun in der „Gegenseitigen Hilfe“ zuerst mit einer genauen Lektüre Darwins ein, aus der hervorging, dass der Kampfbegriff bei Darwin eine metaphorische Funktion hatte. Es ging Darwin nicht um ein tägliches Hauen und Stechen zwischen Individuen einer Art, sondern um die lange Sicht auf das Verschwinden und Entstehen von Individuen und Arten in der Geschichte. Kropotkin stimmte mit Darwin ganz darin überein, dass es Individuen sind, die die Evolution vorantreiben. Er wollte die Theorie nur dadurch ergänzt sehen, dass Individuen auch als Gruppe handeln können und dabei im Kollektiv erfolgreich sind.

Damit wird die Formel vom Kampf ums Dasein aus dem Streit jeder gegen jeden herausgenommen und ins Teamwork überführt. Dieser Gedanke Kropotkins spielt neuerdings in der Evolutionsbiologie wieder eine Rolle. Zu seiner Zeit blieb er dort wirkungslos. Dennoch gab es Evolutionsbiologen wie Henry Walter Bates, die Kropotkin unterstützten. Der Entdecker der Batesschen Mimikry, nach der wehrlose Arten wehrhafte nachahmen, bestärkte Kropotkin in seiner Kritik gegen Huxley.

Indem Kropotkin sich gegen Huxleys Pamphlet positionierte, hatte er sich auf die Kämpfe um den politischen Darwinismus eingelassen. So wurde sein Buch hauptsächlich als politische Schrift im Kampf um eine friedliche Gesellschaft ohne Staat wahrgenommen. Falsch war das natürlich nicht, denn Kropotkin hat sich immer zuerst als Revolutionär verstanden. Die Wissenschaft ordnete er seiner Agitationsarbeit unter. Sie war für ihn ein Mittel unter vielen, den Ausblick auf eine „allmähliche Ausdehnung der Prinzipien der gegenseitigen Hilfe“ zu bebildern. Wobei es nicht ohne Witz ist, dass es heute gerade die naturwissenschaftlichen Überlegungen sind, die neben seiner aus dem Nachlass veröffentlichten Ethik eine erneute Lektüre lohnen.

Politisch sind die Verhältnisse über ihn hinweggegangen. Kropotkin selbst hat das noch erlebt und sich wohl auch deshalb am Ende seines Lebens der Ethik zugewandt.

Sein erster großer politischer Fehler war, während des Ersten Weltkriegs zum gemeinsamen Kampf gegen Deutschland aufzurufen. Das isolierte ihn nicht nur in der anarchistischen Bewegung, die den Krieg an sich ablehnte. Es brachte ihn auch früh in Gegensatz zu Lenin.

Nachdem Kropotkin 1917 nach Russland zurückgekehrt war, stellte er sich gegen den Separatfrieden Lenins mit Deutschland. Er wollte die russischen Truppen weiter im Krieg halten. In der Folge wurde Kropotkin zum entschiedenen Gegner Lenins, 1920 rief er gar in einem „Brief an die Arbeiter der westlichen Welt“ dazu auf, aus den Fehlern der russischen Revolution zu lernen. Nur wegen seiner Beliebtheit duldeten die Bolschewiki Kropotkin als Privatier in einem kleinen Dorf bei Moskau. Dort starb er am 8. Februar 1921 an den Folgen einer Lungenentzündung, die durch Unterernährung verschärft worden war.

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