Die Geschichte : Der erste Tote des Zweiten Weltkriegs

Hitler wollte 1939 Polen angreifen, suchte einen Anlass – und ordnete einen fingierten Überfall an. SS-Männer um Alfred Naujocks stürmten den Sender Gleiwitz und hinterließen eine Leiche.

Florian Altenhöner
Gebäude des Senders Gleiwitz
Das Gebäude des Senders Gleiwitz. -Foto: Ullstein

Am Abend des 31. August 1939 lag im Gebäude des Rundfunksenders im oberschlesischen Gleiwitz eine Leiche. Niemand schien den Toten zu kennen, er blieb noch auf Jahrzehnte namenlos. Angeblich handelte es sich um einen polnischen Aufständischen, der beim Versuch, den Sender zu überfallen, erschossen worden war. So meldeten es jedenfalls am nächsten Tag die deutschen Zeitungen. Was die meisten damals nicht einmal ahnten: Der Mann sollte nur der erste Tote von über 50 Millionen sein. Der erste Tote des Zweiten Weltkriegs.

Bloß Stunden nach dem vermeintlichen polnischen Überfall verkündete Adolf Hitler am 1. September in der Berliner Krolloper unweit des Brandenburger Tors: „Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen“. Einer ahnungslosen Öffentlichkeit im In- und Ausland wurde eingehämmert, der beginnende Krieg gegen Polen sei reine Selbstverteidigung. Dabei hatte Hitler schon am 22. August vor Generälen und Admirälen erklärt: „Ich werde propagandistischen Anlass zur Auslösung des Krieges geben, gleichgültig, ob glaubhaft oder nicht.“

Gleichzeitig bereiteten sich SS-Kommandos darauf vor, den gewünschten Vorwand zu inszenieren. Wenige Stunden vor Beginn der Kampfhandlungen fingierten sie entlang der Grenze drei polnische Überfälle auf deutsches Gebiet: auf das Zollhaus bei Hochlinden, das Forsthaus in Pitschen und den Sender in Gleiwitz. Im Mittelpunkt der deutschen Propaganda stand der Scheinüberfall von Gleiwitz, angeführt von SS-Sturmbannführer Alfred Naujocks.

Naujocks hatte sich im nationalsozialistischen Deutschland als Mann fürs Grobe bewährt. Ein britischer Geheimdienstoffizier charakterisierte ihn 1945 als „Desperado und Schurke(n)“, dem jeder Auftrag, wie gefährlich auch immer, anvertraut werden konnte. Gegenüber dem Historiker Jürgen Runzheimer räumte Naujocks ein: „Ich war Nachrichten(dienst)mann, jenseits von Gut und Böse.“ Im Alter von 19 Jahren trat Naujocks 1930 in Kiel der NSDAP und der SS bei, behauptete sich in zahlreichen Straßenschlachten. Rasch machte er im SD, dem Nachrichtendienst der SS, Karriere. 1938 war der gelernte Orthopädie-Mechaniker schon Sturmbannführer im Auslandsnachrichtendienst – ein Rang, der einem Major der Wehrmacht entsprach. Anfang 1939 trugen nur sieben Männer im SD-Auslandsnachrichtendienst seinen oder einen höheren SS-Dienstgrad.

Hintergrund dieses Aufstiegs war die Bereitschaft des ehrgeizigen Mannes, skrupellos Befehle auszuführen: 1935 ermordete er etwa den deutschen Emigranten Rudolf Formis in der Tschechoslowakei. Nach außen wirkte Naujocks nicht wie ein kaltblütiger Verbrecher. Als die Prager Polizei nach dem Mord Zeugen befragte, war diesen Naujocks’ gepflegtes Aussehen und sein sehr temperamentvoller Charakter aufgefallen. Wenige Monate nach Gleiwitz wurde Naujocks von Reinhard Heydrich, dem Gestapo- und SD-Chef, zum Kopf eines Kommandos ernannt, das in einem waghalsigen Unternehmen zwei britische Geheimdienstoffiziere aus den Niederlanden entführte. Ein niederländischer Offizier wurde dabei erschossen. Im gleichen Jahr entwickelte er den Plan, britische Banknoten zu fälschen, um so das Pfund in die Knie zu zwingen.

„Punkt 20 Uhr waren wir im Sender. Es ging ganz programmgemäß“, erinnerte sich Naujocks 1963 in einem „Spiegel“-Interview an den „Überfall“ in Gleiwitz. Die SS-Männer trugen Zivilkleidung, als sie das Sendergebäude stürmten. Drinnen schossen sie in die Luft und machten, so Naujocks, „ein bisschen Krawall“. Das eingeschüchterte Senderpersonal wurde in den Keller gesperrt. Auf Polnisch rief ein Mann des Kommandos zum polnischen Aufstand in Oberschlesien auf. Etwa nach einer Viertelstunde verschwanden die Eindringlinge wieder und ließen im Gebäude einen Toten zurück.

Doch alle im Sender hatten überlebt – die Leiche war von den SS-Männern mitgebracht worden. Sie sollte als „Corpus Delicti“ für spätere Propagandakampagnen dienen. Doch wer war der Tote? Und wer hatte ihn umgebracht? Naujocks leugnete zeit seines Lebens, den Mann ermordet zu haben, stritt auch ab, jemand aus seinem Kommando habe geschossen. Gegenüber dem „Spiegel“ machte er dafür ein „Konservenkommando“ der Gestapo verantwortlich. Als „Konserven“ wurden im Sprachgebrauch der SS-Männer die während der Scheinüberfälle Ermordeten bezeichnet.

Noch am Abend des 31. August 1939 rief Naujocks Reinhard Heydrich an und meldete stolz Vollzug. Doch statt ihn zu loben, beschimpfte ihn sein Chef: „Sie lügen, ich habe die ganze Zeit (auf die Sendung) gewartet!“ Heydrich hatte den Aufruf im Radio nicht hören können.

Tatsächlich war das Kommando im Sender auf unerwartete Schwierigkeiten gestoßen. Naujocks war bei der Vorbereitung entgangen, dass Gleiwitz kein eigenes Programm ausstrahlte, sondern nur ein Nebensender des 150 Kilometer entfernten Reichssenders Breslau war, von dem man das Radioprogramm übernahm. Erst nach minutenlanger Suche fanden die SS-Männer in einem Schrank ein sogenanntes Gewittermikrofon, mit dem den Hörern normalerweise Programmunterbrechungen bei Unwettern mitgeteilt wurden. Über dieses Mikrofon sendeten sie schließlich ihren Aufruf – gehört werden konnte er aber nur im unmittelbaren Umfeld des Senders.

Einer der wenigen Ohrenzeugen aus Gleiwitz erinnerte sich über 20 Jahre später: „Unruhe, Unterbrechung der Sendung, Tumult, einige polnische Redewendungen als eine Art Ansprache, dann wieder Tumult.“ Außerhalb von Gleiwitz wurden die Ereignisse erst durch Radio- und Presseberichte bekannt. So schrieb das Berliner „12 Uhr Blatt“ am 1. September 1939: „Die polnischen Insurgenten meldeten sich am Mikrophon als der ,polnische Sender’ Gleiwitz und sprachen im Namen des ,polnischen Freiwilligen Korps oberschlesischer Aufständischer’.“ Der Zeitung zufolge konnten die Angreifer verhaftet werden. Ein „polnischer Insurgent“ sei getötet worden. Doch in den folgenden Tagen und Wochen verzichtete die Nazi-Propaganda darauf, die Gefangenen und den Toten zu präsentieren. Auch über die sofort einsetzenden Ermittlungen der Polizei wurde nie näher berichtet. Nach dem Krieg blieb Naujocks’ Aussage vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg lange die einzige Quelle zum Scheinüberfall von Gleiwitz.

Ein Jahr nach dem Überfall hatte Naujocks’ SD-Karriere ein abruptes Ende gefunden, nach Korruptionsvorwürfen wurde er verhaftet und aus dem SD entlassen. Er kämpfte zunächst als Soldat der Waffen-SS an der Ostfront, wurde rehabiliert und dann Abteilungsleiter in der deutschen Militärverwaltung in Brüssel. Noch immer setzte ihn die SS für geheime Aktionen ein. Anfang 1944 entschied SS-Führer Himmler persönlich, dass Naujocks in Dänemark den sogenannten Gegenterror gegen die dortige Widerstandsbewegung organisieren sollte. Aber angesichts der drohenden Niederlage des Deutschen Reiches lief Naujocks acht Monate vor Kriegsende zu den Alliierten über. 1946 floh er aus einem Internierungslager, konnte aber kurz darauf verhaftet und an Dänemark ausgeliefert werden. Dort wurde er wegen seiner Beteiligung an den Gegenterrormorden verurteilt.

Über Naujocks’ Leben im Nachkriegsdeutschland ist viel spekuliert worden. Nach seiner Freilassung 1950 zog der einstige SS-Mann nach Hamburg. In seinen letzten Jahren soll er Gerüchten zufolge ein einäugiger Rausschmeißer in einem Bordell auf der Reeperbahn in St. Pauli gewesen sein. In Wirklichkeit lebte er in eher durchschnittlichen Verhältnissen, arbeitete als Angestellter, heiratete zum vierten Mal und wurde Vater einer Tochter. Anders als immer wieder behauptet, war Naujocks in Hamburg keineswegs „untergetaucht“. Er wohnte dort unbehelligt, gab Journalisten Interviews und Historikern Auskunft. Lange Zeit stand sein Name sogar im Telefonbuch. Erst als das Medieninteresse zunahm, ließ er den Eintrag sperren – er wollte seine „Ruhe“ haben.

Anfang der 60er Jahre war es damit vorbei und gegen Naujocks wurde wegen des Mordes von Gleiwitz ermittelt – das Opfer aber, die Leiche aus dem Sendergebäude, blieb zunächst noch immer namenlos. Dass es überhaupt zu einem Verfahren kam, war eine Folge des Defa-Spielfilms „Der Fall Gleiwitz“. Unter der Regie von Gerhard Klein entstand 1961 ein beeindruckender Film, für den Günter Rücker und Wolfgang Kohlhaase („Sommer vorm Balkon“) das Drehbuch schrieben. Grundlage des Films war vor allem die 1945 von Naujocks in Nürnberg gemachte Aussage. Denn erst im Herbst 1962 erschien in den „Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte“ der erste wissenschaftliche Aufsatz zu Gleiwitz, verfasst von Historiker Runzheimer.

In fast dokumentarischen Bildern schildert der Film kühl und sachlich, wie Naujocks den Überfall organisiert und durchführt. Gedreht wurde unter anderem im Sendergebäude in Gleiwitz, das nun in Polen lag und Gliwice hieß.

Der Film wurde im April 1961 im Rahmen der Eröffnung der Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen im Berliner Kino Babylon uraufgeführt und kam im August 1961, 14 Tage nach dem Mauerbau, in den Verleih. In der DDR stellten Zeitungen die Provokation von Gleiwitz in eine Reihe mit angeblichen Provokationen aus Westdeutschland, die zum Mauerbau führten. Die Macher des Filmes hatten zuvor eine Rahmenhandlung mit Bundeswehrsoldaten in sowjetischen Uniformen abwenden können. Drehbuchautor Kohlhaase warnte: „Wenn wir den Zuschauern erzählen, was heute in Westdeutschland geschieht, schalten sie ab.“

Obwohl in den Feuilletons der Bundesrepublik sehr gelobt, kam „Der Fall Gleiwitz“ dort nicht in die Kinos. Im Herbst 1963 wurde er unter Teilnahme der Drehbuchautoren Kohlhaase und Rücker aber in einigen Filmclubs aufgeführt.

Als er in Frankfurt bei einer geschlossenen Veranstaltung der Naturfreundejugend gezeigt wurde, unterbrach die Polizei die Veranstaltung und beschlagnahmte den Film. Wenige Tage später wurde er aber doch freigegeben und konnte gezeigt werden. In Hamburg lud der Filmclub zu einer besonderen Veranstaltung ein, die in einem Schulgebäude stattfand. Als Zeitzeuge war Alfred Naujocks angekündigt, der sich „freundlicherweise bereit erklärt“ hatte, „eine kurze Einführung zu geben und in der anschließenden Aussprache über den historischen Ablauf der Aktion zu berichten“. Nach Protesten untersagte die Hamburger Schulbehörde Naujocks’ Teilnahme, und die Aufführung fand ohne ihn statt. Die Aufregung um die Einladung blieb jedoch nicht folgenlos. In Hamburg wurde nun die Staatsanwaltschaft auf Naujocks aufmerksam und leitete ein Ermittlungsverfahren gegen ihn ein. Neben den Recherchen des Historikers Runzheimer ist dieses Verfahren Grundlage des heutigen Wissensstandes über den Scheinüberfall von Gleiwitz.

Erst durch das Verfahren konnte der in Gleiwitz Ermordete identifiziert werden. Anders als lange vermutet, handelte es sich nicht um einen KZ-Häftling. In Gleiwitz musste ein Deutscher sterben, der als „Sympathisant des Polentums“ galt. Es war der 1898 geborene Franz Honiok, ein Vertreter für Landmaschinen. Er hatte 1921 an dem polnischen Aufstand in Oberschlesien teilgenommen, wurde daher als „Polenfreund“ angesehen. Als angeblicher polnischer Aufständischer war Honiok damit das perfekte Opfer. Am Vorabend des Scheinüberfalls wurde er in seinem oberschlesischen Heimatort Hohenlieben von Karl Nowak festgenommen. Der frühere Kriminalsekretär bei der Gestapo in Oppeln sagte 1968 aus, wie er Honiok verhaftet und in das Polizeipräsidium in Gleiwitz gebracht hatte. Zuvor war ihm von einem SS-Führer eingeschärft worden: „Das, was Sie heute sehen, darüber dürfen Sie weder heute noch in 100 Jahren zu irgend jemand etwas sagen.“

Am Abend des 31. August wurde Honiok von Gestapo-Beamten zum Sender gebracht. Er wirkte benommen – vermutlich hatte er eine Spritze bekommen, die ihn ruhigstellte. Ein SS-Mann aus Naujocks’ Kommando sagte aus, er habe beim Verlassen des Senders „an der Tür einen Mann liegen gesehen, er lag leblos da“. Die Frage, wer Honiok im Sendergebäude erschossen hatte – Naujocks oder ein Angehöriger des „Konservenkommandos“ – konnte aber nie beantwortet werden. Auch die letzte Ruhestätte von Franz Honiok ist unbekannt.

Alfred Naujocks starb 1966 in Hamburg, ohne dass je Anklage wegen des Toten von Gleiwitz gegen ihn erhoben worden war. Nach seinem Tod wurde vergeblich versucht, die Männer des „Konservenkommandos“ zu ermitteln. Wie so viele andere Verfahren gegen NS-Kriegsverbrecher wurde auch dieses eingestellt. Die Sendergebäude und der Antennenturm überstanden den Zweiten Weltkrieg. Heute beherbergt das Gebäude in Gliwice ein Museum für Medienkunst und die Geschichte des Radios.

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