Die Geschichte : Der kurze Prozess

30 n. Chr.: Roms Militärverwaltung soll für Ruhe sorgen in der Provinz Judäa. Und ein Jahr nach seinem ersten Auftritt wird Jesus verhaftet. Eine Rekonstruktion

Daniel Bühler
Der Prozess gegen Jesus in der Kunst: Hier aus der Moskauer Christi-Erlöser-Kathedrale.
Der Prozess gegen Jesus in der Kunst: Hier aus der Moskauer Christi-Erlöser-Kathedrale.Foto: culture-images/fai

Um die sechste Stunde, das entspricht etwa 12 Uhr mittags, wurde es plötzlich finster über Golgatha, der Hinrichtungsstätte nordwestlich des alten Jerusalem. Den Schaulustigen, die an diesem Freitag vor dem Passahfest aus der Stadt herüber gekommen waren, bot sich ein grausiger Anblick: Drei Menschen waren auf Befehl des römischen Statthalters von Judäa, Pontius Pilatus, gekreuzigt worden. Über einem der Gekreuzigten hatte man eine Tafel angebracht, die seinen Namen und seine Schuld verkünden sollte: INRI, Jesus von Nazareth, König der Juden.

So steht es in der Passionsgeschichte der Evangelien, die über Jesu Leiden und Tod berichtet. Der römische Schriftsteller Tacitus bestätigt als eine der wenigen nichtchristlichen Quellen die Hinrichtung in seinen Annalen. Und zwar in jener Passage über den Brand des antiken Roms, in der er erklärt, was das für Leute gewesen sind, „die das gemeine Volk wegen ihrer Schandtaten verhasst Chrestianer nannte“: „Der Urheber dieses Namens, Christus, war unter dem Herrscher Tiberius durch den Prokurator Pontius Pilatus mit dem Tode bestraft worden.“ Wenigsten in einem Punkt irrte Tacitus wohl. Pontius Pilatus war nicht Prokurator sondern Präfekt, er diente seinem Kaiser in Judäa als Militärbefehlshaber.

Der Tod durch Kreuzigung war keine seltene Strafe im Machtbereich des alten Roms. So richtete man Delinquenten hin, die keine römischen Bürger waren, als Aufrührer galten. Die Anhänger des Spartacus traf dieses Schicksal, jenes legendären Anführers eines Sklavenaufstands. 100 Jahre vor Jesus sollen etwa 6000 von ihnen entlang der Via Appia ans Kreuz geschlagen worden sein.

Die Schuld des Verurteilten auf einer Tafel mitzuteilen war hingegen ungewöhnlich. Es existiert jedoch ein Bericht des römischen Historikers Cassius Dio über die Kreuzigung eines Sklaven in Rom, der seinen Herren denunziert hatte. Gut möglich also, dass man bei Jesus am 7. April des Jahres 30 so verfahren war. Dies ist das wahrscheinlichste Datum seines Todes, das auf einen Freitag vor dem Passahfest gefallen sein soll. Eine Konstellation, die in Verbindung mit anderen Umständen für diesen Tag spricht.

Die Frage, wer Jesus wirklich war und warum man ihn verurteilt hat, beschäftigt die Menschen seit fast 2000 Jahren. Im Zuge der europäischen Aufklärung wurden die Autorität der kirchlichen Lehre und der Wahrheitsgehalt der kanonischen Evangelien, die die Hauptquellen zum Leben Jesu darstellen, zunehmend angezweifelt. Vor rund 200 Jahren begannen Historiker und Theologen daher, die heilige Schrift mittels der Methoden der Geschichtswissenschaft auf ihre Glaubwürdigkeit hin zu untersuchen.

Man fand heraus, dass viele Textpassagen Gedankengut und Probleme der frühchristlichen Gemeinden wiedergeben, in deren Umfeld die Evangelien in den Jahren 70 bis100 entstanden waren. In Abgrenzung davon wurde versucht, die Stellen zu identifizieren, die eine Erinnerung an den historischen Jesus bewahrt haben oder sogar echte Worte Jesu wiedergeben.

Sicher ist, Jesus starb unter der Herrschaft des Kaisers Tiberius (14-37). Rom hatte das im ersten Jahrhundert vor der Zeitenwende eroberte Judäa lange durch den jüdischen König Herodes verwalten lassen. Die Einsetzung dieses Herrschers von Roms Gnaden hatte es der Weltmacht ermöglicht, auf die kostspielige dauerhafte Besetzung des Landes zu verzichten. Zumal keine Legionen übrig waren. Die Truppe stand weiter nördlich in der Provinz Syrien, in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Parthern, Roms mächtigem Feind. Nach dem Tod des Herodes im Jahre vier vor der Zeitwende brachen jedoch Unruhen aus, die seinerzeit durch den Statthalter in Syrien, Publius Quinctilius Varus, niedergeschlagen wurden. Varus ließ zur Vergeltung 2000 Juden ans Kreuz schlagen. Kurz darauf wurde der Statthalter nach Germanien abberufen, wo er mit seiner Armee in der Schlacht im Teutoburger Wald ums Leben kam.

Judäa wurde zur besseren Kontrolle der direkten Verwaltung eines römischen Präfekten unterstellt. Es gab nun nicht einmal mehr einen König von Roms Gnaden. Doch viele Bewohner Judäas sehnten sich in dieser Zeit nach einer Erneuerung des Judentums, das man von der übermächtigen Kultur des römischen Weltreiches bedroht sah. Sie hofften, so schrieb der jüdische Historiker Flavius Josephus im ersten Jahrhundert, auf das Auftreten eines charismatischen Anführers, der das Volk von der römischen Besatzungsmacht befreien könne. Einen solchen, von Gott berufenen Heilsbringer bezeichnete man als Gesalbten, als Messias, oder griechisch: Christos. Von diesen erschienen einige im Palästina des ersten Jahrhunderts.

In dieser Zeit wuchs Jesus auf. Er war in den letzten Regierungsjahren des Herodes im Ort Nazareth geboren worden, als ältestes von mehreren Kindern des Bauhandwerkers Joseph und seiner Frau Maria. Als frommer Jude hatte er in den Synagogen den Schriftgelehrten beim Verlesen und Auslegen der Thora zugehört und den Glauben an den einen Gott Israels gelernt. Seine Heimat war das ländliche Galiläa der Kleinbauern und Tagelöhner. Größere Städte scheint Jesus – mit Ausnahme Jerusalems – gemieden zu haben. In Galiläa sprach man wie in ganz Palästina einen aramäischen Dialekt – wie er heute noch in Teilen Syriens gesprochen wird. Vielleicht verstand er ein paar Brocken der Weltsprache Griechisch. Latein war im Osten des römischen Reiches dagegen nicht gebräuchlich.

Dem Evangelisten Lukas zufolge begann Jesus im 15. Jahr der Regierung des Tiberius, also im Jahre 29, öffentlich aufzutreten und als Wanderprediger durch Galiläa und die benachbarten Gegenden zu ziehen. Eine Zeitlang hatte er zu den Anhängern des Propheten Johannes gehört, der in Erwartung eines baldigen Endgerichts die Menschen zur Umkehr aufgerufen hatte. Wie viele andere ließ sich Jesus zur Vergebung seiner Sünden von Johannes taufen, doch sehr bald hatte er sich dazu berufen gefühlt, seine eigene Botschaft vorzutragen.

Theologen und Historiker sind heute übereinstimmend der Meinung, dass er von der nahenden Königsherrschaft Gottes predigte. Gottes Wille, so Jesu Überzeugung, würde sich durchsetzen in dieser Welt. Das Heil wird denjenigen Menschen zuteil, die diesem Willen folgen; nur wer das Heilsangebot ablehnt, wird dem strafenden Endgericht verfallen. Im Zentrum seiner Botschaft standen ethische Vorschriften, zuallererst das Gebot der Liebe, das heißt der Liebe zu Gott und der Nächstenliebe. Diese Forderungen finden sich bereits im alten Testament. Jesus übernahm sie, erweiterte sie jedoch radikal: „Liebet eure Feinde“ sind Worte des historischen Jesus.

Die Aufmerksamkeit, die er besonders den Armen, den Kranken und den Sündern schenkte und deren Tische er teilte, empfanden manche als Skandal. Doch den Außenseitern der Gesellschaft versprach er zuerst die Rettung durch die Herrschaft Gottes. Dort, so eine der wenigen konkreten Ausgestaltungen dieser Zukunft, werden alle Geretteten zu einem gemeinsamen Mahl zusammenkommen. Und dieser Zeitpunkt stand unmittelbar bevor.

Jesus war kein Revolutionär. Er erwartete die Durchsetzung der Gottesherrschaft weder von Menschenhand noch durch Waffengewalt, allein Gottes Eingreifen sollte die Wende bringen. Für ein römisches Weltreich, mit einem kultisch verehrten Kaiser an der Spitze, für die althergebrachte Gesellschaftsordnung wäre dann allerdings kein Platz mehr gewesen: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Reich Gottes kommt.“

Zum Verhängnis wurden ihm die Erwartungen seiner Zeit und die Hoffnungen, die er geweckt hatte. Manche hielten Jesus für einen Anführer, der Judäa befreien und der Fremdherrschaft der Römer ein Ende bereiten werde. War nicht prophezeit worden, dass der Messias aus dem Hause David stammen werde, und wurde nicht Jesus eine Verwandtschaft mit dem legendären König Israels nachgesagt? Auch Petrus hatte seinen Meister missverstanden und die Errichtung einer menschlichen, nicht göttlichen Herrschaft erwartet. Jesus weist ihn mit scharfen Worten zurück. Er selbst hat sich nie ausdrücklich als Messias bezeichnet. Dem Theologen Gerd Theißen zufolge, Autor des modernen Standardwerkes zum historischen Jesus, verzichtete Jesus auf jegliche Art von „Hoheitstitel“.

Jesus zog mit seinen Jüngern im April des Jahres 30 nach Jerusalem, in Erwartung der Herrschaft Gottes. Es kam jedoch anders: An einem Donnerstag, zwei Tage vor dem Passahfest, wurde er auf dem Landgut Gethsemane verhaftet, seine Jünger flohen in Panik.

Unmittelbarer Anlass seiner Ergreifung war sein Angriff auf den Tempel, das Zentrum der jüdischen Religion. Dort pflegten jüdische Pilger aus aller Welt ihr Geld bei den Wechslern zu tauschen, um dann die angebotenen Opfertiere zu erwerben. Jesus aber hatte die Tische der Händler umgestoßen und die bevorstehende Zerstörung des Tempels angekündigt. In der anbrechenden Herrschaft Gottes würde er nicht mehr benötigt werden.

Mit seiner Aktion gegen den Tempel war Jesus zu einer Gefahr für die öffentliche Ordnung geworden. Jerusalem war wegen des Passahfestes überfüllt mit Pilgern, Kritik am Allerheiligsten war geeignet, Unruhe zu schüren. Religiöse Erregung konnte sich damals in Palästina schnell mit nationalistischen Parolen verbinden und zu einem antirömischen Aufruhr führen.

Pontius Pilatus, der römische Präfekt und ein erfahrener Militär, wusste das. Als ihm zugetragen wurde, dass der Unruhestifter zuvor von einer neuen Gesellschaftsordnung gepredigt hatte und dass man in den Gassen Jerusalems hinter vorgehaltener Hand bereits davon sprach, dieser sei womöglich der erwartete Messias, befürchtete er das Schlimmste.

Pilatus entstammte keiner der großen Familien Roms, daher hoffte er, die Stelle des Präfekten von Judäa als Sprungbrett für eine weitere Karriere zu nutzen. Seine Aufgabe als Statthalter war klar definiert: Er hatte in seiner Provinz für Ruhe zu sorgen. Normalerweise tat er das von seiner Residenz in Caesarea aus, einer antiken Stadt am Mittelmeer. Nach Jerusalem begab er sich wegen des Passahfestes, mit dem die Juden an den Auszug der Israeliten aus ägyptischer Gefangenschaft erinnerten. Kontaktpflege zu den örtlichen Würdenträgern war für ihn wichtig, zumal er sich bei seiner Machtausübung nicht auf reguläre, römische Legionen stützen konnte. Die standen wie schon zu Varus’ Zeiten weit weg in Syrien. Pilatus kommandierte lediglich Hilfstruppen, rekrutiert aus den nichtjüdischen Bewohnern Palästinas.

Wollte er nicht riskieren, mit seinen geringen Kräften plötzlich einem Aufstand gegenüber zu stehen, so musste er jede Unruhe sofort im Keim ersticken und den vermeintlichen oder tatsächlichen Feind Roms unschädlich machen. Der Jerusalemer Stadtadel, der den Tempelkult beaufsichtigte, war zwar vermutlich in die Verhaftung Jesu involviert. Auch er hatte ein großes Interesse an der Wahrung der staatlichen Ordnung. Ein Todesurteil konnte jedoch nur der Vertreter Roms aussprechen. Die Behauptung der Evangelien, Pilatus habe Jesus nicht verurteilen wollen und ihre kollektive Schuldzuweisung für seinen Tod an „die Juden“, ist historisch unhaltbar. Die frühen Christen wollten damit zeigen, dass ihr Religionsstifter mit Rom nicht in Konflikt geraten war und ihren Gehorsam gegenüber dem römischen Staat demonstrieren.

Wäre Pontius Pilatus nicht in der Stadt gewesen, hätte es wohl erst einmal keinen Prozess gegeben. Der Delinquent hätte nach Caesarea transportiert werden müssen, oder er wäre in Haft geblieben, bis zum nächsten Besuch des Statthalters. So ging alles ganz schnell. Am Freitagmorgen wurde Jesus von Pilatus verhört. Laut den Evangelien stellte Pilatus Jesus die Frage, „Bist du der König der Juden?“ – „Du sagst es“, soll Jesus geantwortet haben. Tatsächlich muss wohl ein Dolmetscher zugegen gewesen sein, denn Pilatus wird kein Aramäisch gesprochen haben. Die Anschuldigung des Pilatus drückte in römischer Terminologie aus, was der Begriff Messias zu dieser Zeit beinhaltete: Jesus war angeklagt, ein politischer Unruhestifter und Aufrührer zu sein.

Wie Jesus wirklich auf den Vorwurf reagiert hat, weiß niemand. Da er sich nicht als politischer Führer verstand, ist seine oben zitierte Antwort wohl nicht historisch. Und Pilatus dürfte sich für die theologischen Feinheiten in der Verkündigung des Angeklagten kaum interessiert haben. Der Prozess gegen Jesus war wahrscheinlich nicht einmal ein formelles Gerichtsverfahren. Die cognitio hätte nach Regeln des Rechts verlaufen müssen. Pilatus wird vom coercitio genannten Recht eines Statthalters Gebrauch gemacht haben, Zwangsmaßnahmen gegen jeden durchzuführen, der die Ordnung Roms störte. Jesus war kein römischer Bürger, es war nicht nötig, sich lange mit ihm aufzuhalten. Ebenso wenig, wie mit zwei anderen Angeklagten, die am gleichen Tag zum Tode verurteilt wurden. Nach dem Bericht des Evangelisten Markus handelte es sich um Räuber, mithin also gesetzlose Banditen und Aufrührer.

Jesus hatte sich getäuscht. Die Herrschaft Gottes war nicht angebrochen, Jesus starb einen qualvollen Tod am Kreuz.

Einige Tage später soll es in Galiläa jedoch zu einer Erscheinung Jesu gekommen sein, wie eine sehr alte mündliche Überlieferung berichtet, die bereits Paulus um das Jahr 50 gekannt hatte. Der Glaube, dass dies Jesus selbst war, der als Sohn Gottes von den Toten wiederauferstanden war, ist zur Grundlage des Christentums geworden.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar