Zeitung Heute : Die Geschichte des Officers

Ein New Yorker und der Film über sein 9/11

Verena Mayer

Von den Anschlägen hat der New Yorker Polizist Will Jimeno nicht mehr mitbekommen als den riesigen Schatten eines Flugzeugs. Kurz darauf war er schon im World Trade Center, die Türme stürzten ein, Will Jimeno wurde verschüttet, und dann war alles um ihn Schutt und Dunkelheit, viele Stunden lang. In der Nacht hat man ihn und seinen Vorgesetzten schließlich gefunden und geborgen. Die beiden waren unter jenen 20, die lebend aus den Trümmern gezogen werden konnten. Aus Jimenos Geschichte ist ein Kinofilm geworden: „World Trade Center“ von Oliver Stone.

Will Jimeno wird von einem Leibwächter in eine Suite des Berliner Hotels Adlon begleitet. Er ist 38 Jahre alt, ein vom Fitnesstraining gedrungener Mann mit dunklem Haar und einem freundlichen Mondgesicht. Er trägt ein blaues T-Shirt, auf dem die Zwillingstürme eingestickt sind und das Logo der Hafenpolizei, in deren Dienst Officer Jimeno stand, als er am 11. September zum World Trade Center beordert wurde. Jimeno legt die Hände auf den Tisch und macht ein abwartendes Gesicht. Er strahlt Gelassenheit aus, er wirkt wie ein Filmstar, der es gewohnt ist, Fragen zu beantworten.

Er erzählt, was vor fünf Jahren passiert ist. Wie er feststeckte, wie Feuerbälle auf ihn herabfielen, wie die Pistole eines toten Kollegen losging und wie ihm irgendwo zwischen Tod und Leben Jesus erschien. Nicht ein Bild oder ein Geräusch hätten sich ihm am meisten eingeprägt, sagt er, sondern der Schmerz. Am liebsten aber spricht Jimeno über Amerika.

Mit zwei Jahren ist er mit den Eltern aus Kolumbien nach New Jersey gekommen, er ging dort zur Schule, heiratete und gründete eine Familie. Er hat erst bei der Navy gearbeitet, dann bei der Hafenpolizei. Jimeno sagt: „Ich komme aus Kolumbien, aber geblutet habe ich in Rot, Weiß und Blau.“

Und nun also ist er unterwegs und beantwortet Fragen zum Film. „World Trade Center“ ist eine Heldengeschichte, in der das Böse in die Welt kommt und am Ende das Gute siegt. Es geht nicht um Politik, sondern um Trost. Das gefällt Jimeno. „Ich sage jedem: Wenn du den Film siehst und du gehst nicht heraus mit dem Gedanken an Glaube, Liebe, Hoffnung, dann hast du die Botschaft verpasst. Und diese Leute tun mir echt leid.“

Jimeno war nach seiner Rettung monatelang im Krankenhaus, in den ersten acht Tagen wurde er 13 Mal operiert. Inzwischen ist er pensioniert. Dann sagt er noch, dass damals nicht Amerika angegriffen worden sei, „sondern das World Trade Center, also die ganze Welt“. Dass die Türme nicht mehr standen, hat er erst in dem Augenblick gemerkt, als man ihn unter den Trümmern hervorzog.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben