Die Geschichte : Die Entscheidung von Marathon

Bürgerrechte oder Unterwerfung: Die Athener entscheiden sich vor 2500 Jahren für den Kampf. Rettete ihr Sieg die westliche Zivilisation? Über den Ursprung einer großen Lauftradition

Daniel Bühler
Die Ankunft des Marathonläufers in einer Darstellung aus dem 19. Jahrhundert.
Die Ankunft des Marathonläufers in einer Darstellung aus dem 19. Jahrhundert.Foto: akg-images

Sein Atem ging schwer, die Oberschenkelmuskeln zitterten vor Anstrengung. Mit letzter Kraft erreichte der Läufer sein Ziel, einen schmucklosen Rundbau am Marktplatz von Athen. Der Schweiß lief ihm unter seinem schweren bronzenen Hoplitenhelm in die Augen, so dass er kaum die Männer erkennen konnte, die dort voller Sorge um das Schicksal ihrer Armee versammelt waren und auf die erlösende Nachricht warteten: „Seid gegrüßt! Wir haben gesiegt!“ („Chairete! Nenikekamen!“). Nach diesen Worten brach er zusammen und starb entkräftet noch im selben Moment.

Auf diese Weise soll die Bevölkerung Athens von einem großartigen Sieg erfahren haben. Den hatte das athenische Aufgebot im September des Jahres 490 v. Chr. gegen ein angeblich zahlenmäßig weit überlegenes persisches Heer bei Marathon errungen, auf einer Ebene rund 40 Kilometer nordöstlich der Stadt. So überliefert es der Schriftsteller Plutarch, der allerdings kein Augenzeuge war. Erst 600 Jahre nach diesen Ereignissen schrieb er seinen Bericht.

Dennoch gehört die Episode zu den bekanntesten Geschichten der Antike. Erst recht, seit bei den ersten olympischen Spielen der Neuzeit 1896 in Athen ein moderner sportlicher Langstreckenlauf eingeführt und als Reminiszenz an den athenischen Läufer „Marathonlauf“ genannt wurde. Im 20. Jahrhundert gewann der Marathon als sportliches Großereignis, in drei Wochen wird er wieder in Berlin ausgetragen, zunehmend auch bei Hobbysportlern und Zuschauern an Popularität – erstaunlicherweise möchte man sagen, wenn man auf das tragische Ende des Läufers blickt.

Dem vorausgegangenen Ereignis, der Schlacht von Marathon, die exakt vor 2500 Jahren geschlagen wurde, maß man im 19. Jahrhundert eine enorme Bedeutung bei: Ein Sieg der Perser, so dachte man, hätte schwerwiegende Konsequenzen für die weitere Geschichte und die Entwicklung der gesamten westlichen Zivilisation gehabt. Denn deren kulturellen Ursprung glaubte man im Athen des fünften Jahrhunderts v. Chr. gefunden zu haben. Dem englischen Philosophen John Stuart Mill zufolge war die Schlacht von Marathon „selbst als ein Ereignis der englischen Geschichte“ wichtiger „als die Schlacht bei Hastings“.

Das ist gerade für einen Engländer ein bemerkenswertes Diktum, hatten doch bei Hastings die Normannen im Jahre 1066 ihre Regentschaft über England begründet. Ein Athen unter persischer Herrschaft aber – so wohl die Vorstellung Mills – hätte weder die Tragödien des Sophokles noch Platons Werke hervorgebracht, es hätte keinen Hellenismus gegeben, nichts, was die Römer übernehmen und die Renaissance hätte wiederentdecken können, so dass „Britons and Saxons“ (Mill) vielleicht heute noch durch die Urwälder streiften.

Der Angriff der Perser auf Attika war die Antwort des persischen Großkönigs Dareios auf die Beteiligung Athens am Aufstand der Griechen in Kleinasien, der dort zehn Jahre zuvor gegen die persische Herrschaft ausgebrochen war. Die Athener hatten die Rebellen damals mit einer kleinen Flotte von 20 Schiffen unterstützt. Gegen die militärischen Machtmittel des persischen Weltreichs war die mutige Erhebung jedoch ohne jede Chance gewesen. Die Flotte der Griechen wurde geschlagen, Milet, Ausgangspunkt der Empörung, vollständig zerstört. Die Einwohner wurden deportiert. König Dareios aber forderte nun auch von den Städten Griechenlands die Unterwerfung, die bislang außerhalb seines Machtbereiches gelegen hatten. Fast alle fügten sich angesichts der militärischen Übermacht der Perser schnell und übergaben den Boten des Großkönigs die geforderten Symbole der Kapitulation, Erde und Wasser.

Aber die Athener lehnten ab (und mit ihnen die Spartaner); denn das Schicksal, das ihnen zugedacht war, hätte den Verlust der soeben erst errungenen Freiheit der Bürgerschaft bedeutet. Die Perser planten, den Tyrannen Hippias wieder in seine Herrschaft über Athen einzusetzen. 17 Jahre lang hatte Hippias sein Regime ausgeübt, bis er im Jahre 510 v. Chr. von den Athenern vertrieben worden war. Der Feldherr Miltiades, Mitglied einer Adelsfamilie, die „von alters her in Athen berühmt“ war (Herodot), setzte in einer dramatischen Entscheidung schließlich den Beschluss durch, den Angriff der Perser nicht hinter den schützenden Mauern Athens zu erwarten, sondern dem Gegner in einer offenen Feldschlacht entgegenzutreten. Er vertraute damit auf die Fähigkeiten und die Schlagkraft der Hoplitenphalanx: Die Soldaten kämpften ausgerüstet mit einem großen Rundschild und einem zweieinhalb Meter langen Speer in mehreren eng gestaffelten Schlachtreihen.

Im September, angeblich drei Tage nach Vollmond und damit am 12. dieses Monats, des Jahres 490 v. Chr. griff die athenische Phalanx (griechisch „Walze“) bei Marathon das persische Heer im Laufschritt an. Die Männer rannten wie die Wahnsinnigen, um mit der Wucht ihres Ansturms die gegnerischen Reihen zu durchbrechen. So überlieferte es der griechische Historiker Herodot, die Hauptquelle für die Schlacht von Marathon, und schließlich war es den Athenern gelungen, das Gefecht für sich zu entscheiden.

Aber nicht nur der Kämpfer in der Phalanx musste ein trainierter Läufer sein. Zahlreiche Passagen in den Quellen belegen die Existenz professioneller Meldeläufer und Eilboten, sogenannte Hemerodromoi, die Botschaften, zumeist militärischer Natur, über große Entfernungen transportierten und dafür – wie der Name schon sagt – mindestens einen Tag unterwegs waren (Hemera = der Tag).

So erreichte der Athener Pheidippides, „ein Tagläufer von Beruf“ (Herodot), der vor der Schlacht von Marathon nach Sparta geschickt wurde, um dort Hilfe gegen die Perser zu erbitten, die etwa 200 Kilometer entfernte Stadt bereits am zweiten Tag. Der Olympiasieger im Schnelllauf des Jahres 328 v. Chr., Ageus, lief nach der Siegerehrung einfach weiter, um die Nachricht von seinem Sieg höchstpersönlich und noch am selben Tag in seiner Heimatstadt Argos verkünden zu können. Die Sporthistorikerin Yvonne Kempen vermutet, dass er dabei eine Strecke von etwa 120 Kilometer zurückgelegt hatte.

Angesichts dieser Leistungen ist es verwunderlich, dass der Bote von Marathon vor Entkräftung gestorben sein soll, nachdem er die vergleichsweise geringe Entfernung von 40 Kilometern zurückgelegt hatte. Zudem stellt sich die Frage, warum diese Aufgabe nicht von einem professionellen Hemerodromos übernommen worden war. Daher wird die eingangs beschriebene Geschichte vom Lauf des Soldaten nach Athen heute von den meisten Althistorikern als Legende betrachtet. Gegen ihren möglichen Wahrheitsgehalt spricht nicht nur, dass die Geschichte an sich wenig plausibel ist – warum sollte sich zum Beispiel ein Läufer in voller Rüstung auf den Weg machen. Ihr Autor hat überdies 600 Jahre nach der Schlacht gelebt, während Herodot etwa 60 Jahre nach Marathon bezeichnenderweise nichts von einem Marathonläufer zu berichten weiß.

Der Historiker Michael Jung deutet die Erzählung vom Marathonlauf daher als Legende. Entstanden sei sie zur Erklärung eines Wettlaufes, der ab Ende des vierten Jahrhunderts v. Chr. bei einem Fest zu Ehren der Göttin Artemis veranstaltet und von athenischen Wehrpflichtigen in Waffen durchgeführt wurde. Man gedachte mit dieser Erzählung das Bild zu unterstreichen, das die Stadt von ihren als Helden verehrten Kämpfern von Marathon seit langem propagiert hatte: Wie diese habe auch der Bote eine „exzeptionelle, unerreichbare Tat“ vollbracht, „verbunden mit dem Selbstopfer für die Polisgemeinschaft.“

Ähnlich verhält es sich vermutlich auch mit dem Läufer, der nach dem Sieg der vereinigten Hellenen gegen die Perser elf Jahre nach Marathon bei Plataiai im mittelgriechischen Böotien vom Schlachtfeld nach Delphi und wieder zurück lief, um eine reine Flamme vom dortigen Heiligtum des Apollon zu holen. Auch er soll, gleich nachdem er zurückgekehrt war und seine Mitbürger begrüßt hatte, verstorben sein.

Warum aber – so die Frage angesichts der zahlreichen Berichte über Schnellläufer – liefen die Melder zu Fuß, warum wurde nicht einfach ein Bote zu Pferd entsandt, der doch dann wesentlich schneller sein Ziel hätte erreichen können?

Zum einen ist Griechenland äußerst gebirgig und unwegsam, ein Fortkommen war in manchen Gegenden tatsächlich nur einem Fußgänger möglich. Pausanias, der Autor einer Reisebeschreibung des antiken Griechenlands, weiß beispielsweise von einem Pass auf der Peloponnes, der so steil war, dass man ihn durch künstliche Stufen begehbar gemacht hatte, und der von da an Klimax („Leiter“) genannt wurde.

Dort, wo es Straßen gab, waren sie schmal, so schmal, dass es zwischen zwei entgegenkommenden Reisenden zu Handgreiflichkeiten um die Vorfahrt kommen konnte; manchmal mit tödlichem Ausgang, wie einer der bekanntesten Mordfälle der Literatur zeigt: Ödipus erschlug an einem Engpass seinen Vater Laios. Möglicherweise, so Lionel Casson, Autor eines Buches über Reisen in der Antike, habe der Wagen des Laios mit seinen Rädern jedoch in Vertiefungen gesteckt, die an so mancher Stelle in die Straßen des antiken Griechenland gehauen worden waren und den Wagen wie auf Schienen führten. In diesem Fall hätte der bedauernswerte Laios gar keine Möglichkeit gehabt, auszuweichen – selbst wenn er es gewollt hätte.

Zum anderen waren Pferde teuer, damit äußerst wertvoll, und die Tiere sind dem Menschen nur auf Kurzstrecken deutlich überlegen. Die zahlreichen überlieferten Nachrichten über die Verwendung von Schnell- und Tagläufern bei den Hellenen, die – trotz mancher Übertreibung, was deren Höchstleistungen angeht – keineswegs alle auf Legenden zurückgeführt werden können, lassen somit einen überraschenden Schluss zu: Der Mensch war dem Tier, der Meldeläufer war dem berittenen Boten ebenbürtig oder angesichts der geografischen Besonderheiten Griechenlands sogar überlegen. Das belegen auch Versuche aus der Neuzeit:

Dem Historiker Wolfgang Riepl zufolge hatte der Gewinner eines Distanzlaufes von Wien nach Berlin im Jahre 1893 fünf Tage für die Distanz von etwa 578 km benötigt. Damit war er zwar zwei Tage länger unterwegs gewesen als die Sieger eines Wettreitens ein Jahr zuvor, die dieselbe Strecke in drei Tagen bewältigt hatten. Die Tiere hatten den Hochgeschwindigkeitsritt jedoch nicht überlebt, sie waren noch am Ziel verendet. Der Reiter eines überlebenden Pferdes hingegen war kaum schneller unterwegs gewesen als der Läufer.

Eine Gruppe um den Experimentalarchäologen Marcus Junkelmann war 1985 in den rekonstruierten Marschausrüstungen der römischen Legionäre zu Fuß nur wenig langsamer als Jahre später bei einem ähnlichen Versuch zu Pferd. Auch die römischen Briefboten zur Zeit der Republik scheinen zumeist gelaufen zu sein. Wesentlich höhere Geschwindigkeiten bei der Nachrichtenübermittlung waren nach Junkelmann erst dann zu erzielen, als es der cursus publicus – eine Art staatlicher Kurierdienst – während der römischen Kaiserzeit möglich machte, die berittenen Boten an den zahlreichen Versorgungsstationen ständig mit frischen Pferden zu versorgen.

Der Mensch ist, so die banale Erkenntnis, dank gezielten Trainings zu außergewöhnlichen Leistungen fähig. Somit musste – bei entsprechender Vorbereitung – weder ein Läufer der Antike noch muss ein Sportler des 21. Jahrhunderts befürchten, dass auch ihn das traurige Schicksal des Boten ereilen könnte, der der Legende nach von Marathon nach Athen gelaufen war.

Auch die historischen Fakten des Jahres 490 v. Chr. und ihre weltgeschichtliche Bedeutung werden heute nüchterner beurteilt als es etwa der eingangs zitierte John Stuart Mill tat. Eine griechische Niederlage gegen die Perser bei Marathon hätte zwar den politischen Aufstieg und die kulturelle Blüte Athens zunächst verhindert, einen entscheidenden Einfluss auf die Entfaltung der abendländischen Zivilisation hätte sie jedoch nicht gehabt. Denn die Entwicklung der hellenischen Hochkultur wäre auch unter persischer Herrschaft möglich gewesen.

Für die Perser, so der Engländer Robert Graves in seinem Gedicht „The Persian Version“, war der athenische Sieg vor nunmehr 2500 Jahren bei Marathon nur eine Niederlage in einem „kleinen Scharmützel“ irgendwo am Rande der Welt, die sie kaum wirklich bekümmert haben dürfte. Die Athener sahen dies naturgemäß anders, wie nicht nur die Geschichte des Marathonläufers zeigt: Der große Tragödiendichter Aischylos, der schon in der Antike berühmt war für solche herausragenden Werke wie die Orestie, und der in zahlreichen Tragödienwettbewerben gesiegt hatte, wollte auf seinem Grabstein keine dieser Leistungen erwähnt wissen. Der Nachwelt sollte dort einzig und allein die Tatsache verkündet werden, dass er, Aischylos, Sohn des Euphorion, bei Marathon gekämpft habe.

Heute steht Marathon für den friedlichen Wettkampf zwischen den Läufern verschiedenster Nationen. Die Haltung des Aischylos steht gleichwohl auch dem Hobbyläufer zu. Auch wenn er erst lange nach der Ankunft der großen Stars und unbeachtet von den meisten sein Rennen ins Ziel bringt, so kann er dennoch sagen: „Ich bin ihn gelaufen, den Marathon.“

Der Autor ist Althistoriker, von ihm erschien 2009 das Buch „Macht und Treue. Publius Ventidius: Eine römische Karriere zwischen Republik und Monarchie“, Allitera Verlag, München.

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