Die Geschichte : Die Fliegerin

Sie war ein Star – und das Idol vieler Frauen. Als Amelia Earhart 1937 versuchte, die Erde zu umrunden, verschwand die Pilotin spurlos. Jetzt hat Hollywood ihr Leben verfilmt

Amelia Earhart vor der Lockheed Electra.
Amelia Earhart vor der Lockheed Electra.Foto: Purdue University Libraries

Am 8. Dezember 1941, einen Tag nach Pearl Harbor, kam der Krieg auch nach Howland Island. Mit 14 Bombern griffen die Japaner an, zwei Tage später beschoss ein U-Boot das winzige, gut 3000 Kilometer südwestlich von Hawaii gelegene Atoll, und später tauchte noch zweimal ein Kampfflugzeug auf und entlud seine tödliche Last. Zwei der vier Inselbewohner starben, erst nach Wochen rettete ein US-Zerstörer die Überlebenden.

Ein absurdes Bombardement. Aus der Luft musste Howland Island allerdings als lohnendes Angriffsziel erscheinen, gab es doch neben Gebäuden auch einen einfachen Landeplatz und eine Art Leuchtturm mit schwarz-weißer Markierung. Woher sollte ein japanischer Aufklärer auch wissen, dass man die Piste nur für ein einziges Flugzeug fertiggestellt hatte: die Lockheed Electra der amerikanischen Pilotin Amelia Earhart und ihres Navigators Fred Noonan. Doch die beiden kamen nie dort an. Auf ihrem Flug rund um den Globus war die berühmteste Pilotin ihrer Zeit, ein umjubelter Liebling der Massen, spurlos verschwunden.

Sommer 1937. Auf dem sonst vor sich hindämmernden Eiland herrschte fieberhafte Aktivität. Seit dem 26. Juni ankerte die „Itasca“, ein Kutter der U.S. Coast Guard, vor Howland Island, an Bord Treibstoff und Ersatzteile für die beiden Flieger, dazu Offiziere von Army und Navy, Mechaniker sowie zwei Journalisten. Die Tage vergingen mit letzten Arbeiten an der Landezone, am 1. Juli wurde es ernst.

Am späten Vormittag war die 39-jährige Amelia Earhart auf Neuguinea gestartet, rund 4000 Kilometer und ein 19-stündiger Flug lagen vor ihr. Den ersten Funkkontakt hatte die „Itasca“, so schildert es die Coast Guard, nachts um 2.45 Uhr Ortszeit, dreieinhalb Stunden später meldete die Pilotin, dass sie 320 Kilometer entfernt seien. Der Kapitän veranlasste nun, dass der Schornstein des Schiffes eine schwarze Rauchwolke ausstieß. Um 7.42 Uhr glaubte Amelia Earhart, ganz nah zu sein, dafür sprach auch der gute Empfang: „Wir müssen über euch sein, können euch aber nicht sehen. Treibstoff wird knapp. Flughöhe 350 Meter.“ Noch einige Funksprüche folgten, die immer dringlicher, zuletzt panisch klangen, sie selbst hatte offenbar allenfalls bruchstückhaften Empfang. Um 8.43 Uhr notierte der Funker der „Itasca“ eine letzte verwirrende Nachricht: „Sind auf der Positionslinie 157-337. Wir fliegen Nord und Süd.“

Über das Ende Earharts und ihres Navigators gab es viele Spekulationen, ähnlich wie bei dem Piloten und Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry, dem 1944 über dem Mittelmeer verschollenen, wahrscheinlich abgeschossenen Vater des „Kleinen Prinzen“. Während aber vor einigen Jahren gefundene Wrackteile eindeutig seiner Lockheed P-38 Lightning zugeordnet werden konnten, steht ein ähnlicher Erfolg bei Earhart aus, trotz immer wieder neuer Suchexpeditionen. Wahrscheinlich war es einfach so, dass sie sich verflogen hatte und mit leeren Tanks ins Meer stürzte, wie dies in Mira Nairs Spielfilm „Amelia“ suggeriert wird, der jetzt in die deutschen Kinos kommt, mit Hilary Swank in der Titelrolle und Richard Gere als Ehemann der Pilotin. Für die Faszination, die Earhart gerade in den USA noch heute auf viele ausübt, ist es wohl auch besser, dass das Rätsel um ihren letzten Flug ungelöst blieb. So wurde sie zu einem die Fantasie immer aufs Neue beflügelnden Mythos. Sonst hätte es vielleicht nur zur Legende gereicht, und die war sie zu Lebzeiten ohnehin schon – als „Lady Lindy“, das weibliche Gegenstück zu Charles Lindbergh.

Der Atlantikflieger will schon im Alter von zehn Jahren, während er Schauflügen zusah, die Begeisterung für die Fliegerei entdeckt haben. Amelia Earhart – die Anfangssilbe des Nachnamens spricht man passenderweise wie „air“ aus – erlag erst als junge Frau dieser Leidenschaft, als ihr Vater ihr am 28. Dezember 1920 im kalifornischen Long Beach einen Rundflug spendierte: „Sobald wir den Boden verlassen hatten, wusste ich, dass ich fliegen musste.“ Nichts aber deutete damals darauf hin, dass sie hinter dem Steuerknüppel eine beispiellose Karriere machen würde. Zwar war ihr Großvater mütterlicherseits wohlhabend. In dessen Haus in Atchison, Kansas, wurde sie am 24. Juli 1897 geboren, dort wuchs sie zeitweise auf. Das Einkommen ihres Vaters aber hätte nie mehr als ein Rundflugticket zugelassen. Auch sprach ihre Berufswahl kaum für fliegerische Ambitionen. Das College hatte sie 1918 abgebrochen, um in Toronto als Schwesternhelferin in einem Lazarett zu arbeiten. Ein Jahr später begann sie in New York ein Medizinstudium, das sie bald wieder verwarf.

Allerdings, eine Neigung zu tollkühnen Abenteuern war schon in der Kindheit zu erkennen, ein unbedingter Freiheitsdrang und begeisterter Eifer, gerade das zu tun, was man von wohlerzogenen Fräuleins nicht erwartete – etwa mit dem Gewehr auf Rattenjagd zu gehen oder so halsbrecherisch zu rodeln, dass Amelia beim Auftauchen eines Pferdeschlittens nur noch unter dem Tier durchsausen konnte. Dass ihr diese Waghalsigkeit mal zum Verderben werden könnte, schloss sie wohl aus.

Zunächst aber half sie ihr, den Himmel zu stürmen. Bereits sechs Tage nach dem Rundflug nahm sie auf einem Flugplatz bei Los Angeles ihre erste Flugstunde – bei einer Pilotin. Knapp ein Jahr später besaß sie die begehrte Lizenz, ihr erstes Flugzeug, einen gelben Doppeldecker, hatte sie sich schon vorher gekauft – beides finanziert durch häufig wechselnde Jobs, getreu ihrem Leitsatz: „Kein Geld – kein Fliegen, keine Arbeit – kein Spaß.“

Wegen ihrer Familie zog sie 1924 nach Boston, verkaufte die Maschine, nicht ohne einen Höhenrekord für Frauen aufgestellt zu haben: 4300 Meter. An der Ostküste unterrichtete sie Einwandererkinder in Englisch – und flog, wann immer sich die Möglichkeit bot. Bald wurde sie zur lokalen Berühmtheit. Eine Frau um die 30, unverheiratet, berufstätig, damit selbstständig, war so schon eine Rarität, als Pilotin war sie eine Sensation. Männer dominierten den Himmel, und der strahlendste Held unter ihnen war Lindbergh. Am 20./21. Mai 1927 war er als Erster allein über den Atlantik geflogen war, war binnen kurzem zum Medienstar aufgestiegen. Erheblichen Anteil daran hatte der New Yorker Verleger George Palmer Putman, eine Supernase beim Aufspüren publikumswirksamer Geschichten. Lindberghs Erfolg war so eine, Palmer hatte ihn erfolgreich vermarktet. Der erste Atlantikflug einer Frau würde dem kaum nachstehen, und Amelia Earhart schien dem PR-Genie genau die Rechte zu sein: das ideale American Girl, dynamisch, schlank, attraktiv, mit kurzem, stets hübsch verstrubbeltem Haar, selbst kleinere Mängel – ein Spalt zwischen den oberen Schneidezähnen, den sie durch zurückhaltendes Lächeln kaschierte, eine dozierend-leiernde Art, von ihren Abenteuern zu erzählen – passten gut zu der ihr bestimmten Rolle, die mit einer Sexbombe fehlbesetzt gewesen wäre. Zudem war sie begabte Pilotin, allerdings war für sie nur die Rolle als Passagierin oder, wie sie später schrieb, als „Sack Kartoffeln“ vorgesehen. Eine Frau am Steuerknüppel schien bei diesem Unternehmen noch undenkbar. Immerhin hatte man sie für den von einer Multimillionärin finanzierten Flug als „Commander“ der beiden männlichen Piloten deklariert.

Die Route führte am 17./18. Juni 1928 von Neufundland nach Wales, in 20 Stunden und 40 Minuten – und plötzlich stand die Hobbypilotin ganz vorn im Rampenlicht der Öffentlichkeit. Von den Männern war kaum die Rede, Earhart aber wurde gefeiert, in der feinen Gesellschaft herumgereicht, bekam in New York ihre erste Konfettiparade und landete mit „20 Hrs 40 Mins“ wie erwartet den ersten Bestseller.

Putman blieb der Mann an ihrer Seite, vorerst nur als Verleger, Manager und PR-Berater, der sie in den Medien präsent hielt, ihr unzählige Vorträge, später auch Reklameauftritte verschaffte und die weiteren Flüge, etwa als erste Frau solo quer durch die USA, klug in Szene zu setzen wusste. Für viele amerikanische Frauen wurde Amelia Earhart zum Vorbild. Und wenngleich sie selbst sich nicht als Feministin im engeren Sinne sah, war ihr doch sehr bewusst, was ihre Rekorde für einen Wandel des Frauenbildes bedeuteten: „Es gibt keinen fundamentalen Unterschied zwischen Mann und Frau, der verhindern könnte, dass Frauen beim Fliegen dieselbe Freude haben können wie Männer.“ Dass sie gleich oder gar höher qualifiziert sein können, hatte Amelia, die 1929 den Pilotinnenverband „The Ninety Nines“ mitgründete, ohnehin bewiesen. Klar, dass einer wie ihr vor der traditionellen Rolle der Ehefrau grauste. Als sie Putman 1931 nach einer Serie von Heiratsanträgen endlich erhörte, hatte sie sich zuvor in einem Brief jegliche Freiheiten ausbedungen. Und kein Wunder, dass es sie wurmte, nur als Kartoffelsack über den Ozean geflogen zu sein. Eine Pioniertat wie Lindberghs Soloflug würde sie endgültig in den Fliegerolymp versetzen, bislang hatte so etwas niemand wieder geschafft – bis zum 20. Mai 1932, als Amelia in Neufundland abhob, allein in einer roten Lockheed Vega.

Die Maschine ist wie Lindberghs „Spirit of St. Louis“ im Smithonian Air and Space Museum in Washington zu sehen. Aber viel hätte wohl nicht gefehlt, dass die tollkühne Pilotin mit ihr im Ozean versunken wäre. „Eine Schweißnaht brach, kurz nachdem ich Harbor Grace verlassen hatte, und ich konnte sehen, wie der Schaden im Verlauf der Nacht größer wurde“, berichtete Earhart. Nach vier Stunden sei sie in einen Sturm geraten, „den schlimmsten, den ich je erlebt habe“. Höhen- und Geschwindigkeitsmesser fielen aus, die Tragflächen vereisten – es wurde eine knapp 15-stündige Strapaze, an deren Ende aber doch Irland unter ihr lag. Auf einer Wiese nahe Londonderry setzte sie auf, begrüßt von einem Kuhhirten, der auf die Frage, wo sie sei, verdattert antwortete: „Auf Gallaghers Wiese.“

Eine zweite Konfettiparade war fällig, Empfang bei Präsident Herbert Hoover, Dinner, Galas, Vorträge, PR-Auftritte für die Sache der Luftfahrt, der Frauen und sich selbst, arrangiert von Putnam, dazu ein neuer Bestseller: „The Fun of It“. Amelia Earhart hatte es endgültig zum omnipräsenten Idol der Zeit und ihrer technikbegeisterten Aufbruchsstimmung geschafft, brillierte sogar als Modedesignerin, die erst ihre Pilotinnenkluft salonfähig machte, dann eine ganze Kollektion entwarf. Weitere fliegerische Großtaten folgten, so der erste Soloflug von Hawaii nach Kalifornien. Mittlerweile war sie oft Gast im Weißen Haus, wo nun Franklin D. Roosevelt regierte. Dessen Frau Eleanor wurde von ihr zu einem Nachtflug eingeladen, die First Lady war entzückt.

1934 wurde Earhart Dozentin an der Purdue University in Lafayette/Indiana, um Studentinnen auf ihrem Weg ins Berufsleben zu beraten – eine hilfreiche Verbindung, als sie ihren größten und letzten Rekordflug plante. Langsam schien die Pionierzeit der Luftfahrt sich dem Ende entgegenzuneigen, auch wurde sie älter, das Fliegen anstrengender, aber einmal wollte sie es noch wissen: „Ich habe das Gefühl, dass ich noch einen Flug in meinem System habe … den Trip um die Erde.“ Sie entschied sich für eine zweimotorige Lockheed 10 Electra, finanziert durch die Purdue University. Schon 1931 war ein Flug um die Welt geglückt, den langen Weg in Äquatornähe hatte noch keiner versucht, geschweige denn eine Frau. Alleine zu fliegen war diesmal ausgeschlossen, schon wegen Amelias Schwächen beim funkgestützten Navigieren. Auch ging solch ein Mammuttrip nicht ohne Hilfe der Regierung, dank des Drahts zu den Roosevelts war das kein Problem.

Die Route verlief von Oakland gen Westen. Schon nach der ersten Etappe, beim Start auf Hawaii am 20. März 1937, machte die Maschine Bruch, musste zurück nach Kalifornien. Erst am 1. Juni konnten Earhart und ihr Navigator erneut starten, diesmal wegen geänderter Wetterverhältnisse in Miami gen Osten. Über die Reise war wieder ein Buch geplant, dessen Titel „World Flight“ musste Putman später nur wenig ändern, in „Last Flight“.

Es dürften mehrere Faktoren gewesen sein, die zur Tragödie vor Howland Island führten, dem Ziel der drittletzten, längsten Etappe. Pilotin und Navigator waren nach dem wochenlangen Flug in der laut dröhnenden Electra ausgelaugt, wiederholt hatte Earhart in Berichten an die „Herald Tribune“ über Übelkeit und Benzindämpfe im Cockpit geklagt, die mit Zusatztanks vollgestopfte Maschine glich einem fliegenden Spritlaster. Dazu wurde Noonans Alkoholismus immer deutlicher, die Funkanalage war unzulänglich, Gegenwind erhöhte den Benzinverbrauch, und bei der Suche nach dem Eiland flog die Electra in die aufgehende Sonne.

Zwei Stunden nach dem letzten Kontakt begann die „Itasca“ mit der Suche nach der Maschine, Auftakt zu einer beispiellosen, von Roosevelt angeordneten Rettungsaktion. Neun Schiffe, darunter ein Flugzeugträger, waren beteiligt, gefunden wurde nichts. Später kam die Vermutung auf, das Flugzeug sei auf einem Eiland 500 Kilometer südöstlich notgelandet, eine Möglichkeit, für die man Indizien, aber keine Beweise fand. Spekulation ist auch die Theorie, Earhart habe sich im Auftrag des Präsidenten absichtlich verflogen, um Stützpunkte der Japaner auszuspionieren, sei aber abgeschossen worden.

Soviel Ungewissheit um das tragische Ende eines Idols ist ein guter Nährboden für Publikationen aller Art, schillernde wie seriöse. Zu letzteren gehört die soeben im Verlag Friedrich Pustet veröffentlichte, sehr lesenswerte Biografie „Amelia Earhart – Der Traum von grenzenloser Freiheit“ von Ronald D. Gerste. Das Schicksal der Pilotin inspirierte viele Musiker, so Joni Mitchell zum Song „Amelia“. Auch Hollywood steht in solchen Fällen nicht fern, zuletzt mit der Komödie „Nachts im Museum 2“, in dem Earharts Wachsfigur zur Geisterstunde erwacht und mit ihrer Lockheed Vega herumkurvt, und nun mit dem Biopic „Amelia“. Regisseurin Mira Nair beteiligt sich zum Glück nicht an der Spekulation um einen gescheiterten Spionageauftrag, lässt Pilotin und Navigator einfach abstürzen.

Vielleicht war es aber auch ganz anders, Steven Spielberg hat diese Möglichkeit in einer Version des Films „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ angedeutet: Im Finale werden allerlei Erdlinge aus dem Raumschiff der Aliens freigelassen, die im Laufe der Jahrzehnte entführt worden waren. Auch eine Pilotin ist darunter, die unter mysteriösen Umständen im Pazifik verschwand: Amelia Earhart.

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