Die Geschichte : Die Kaffee-Pioniere

Sie nannten ihre Fincas „Hammonia“ und „Bavaria“, Hamburg und Bayern. Im 19. Jahrhundert machten deutsche Einwanderer in Nicaragua den Kaffee von einer Zierpflanze zum Exportgut: Die Geschichte der Familie Kühl.

Toni Keppeler Cecibel Romero
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Otto Kühl war einer der deutschen Kaffee-Pioniere in Nicaragua.Foto: privat

Ein bisschen sieht das metallene Monster aus wie ein Dampfwalze. Vor mehr als 100 Jahren war es der Stolz der Kaffee-Pflanzer von Matagalpa, einer Provinzstadt im Norden von Nicaragua. Sie nannten es „Terrocarril“, die „Erdbahn“, weil es im Unterschied zum Ferrocarril, der Eisenbahn, nicht auf Schienen fuhr, sondern auf Erdwegen.

Die mit Holz befeuerte Dampfmaschine zog acht Wagen voll mit Kaffeesäcken die Berge hinunter in die pazifische Tiefeben. Vier Tage lang brauchte der Zug für die gut hundert Kilometer bis in den Ort La Paz Centro. Dort kam die Eisenbahn vorbei und nahm die Ladung mit in den Hafen von Corinto, wo die Bohnen dann verschifft wurden. Die meisten gingen nach Großbritannien und nach Deutschland.

„Das schwere Ding versank immer wieder im Schlamm“, erzählt Eduardo Kühl. „Nach sechs oder acht Reisen hat man die Idee wieder aufgegeben.“ Eduardo Kühl sitzt im Speisesaal seines Hotels in den Bergen über Matagalpa. Selva Negra heißt sein Hotel, Schwarzwald, genau wie seine Kaffeeplantage.

Tatsächlich sehen die Berge rund um Selva Negra ein bisschen aus wie das Mittelgebirge im Südwesten Deutschlands. Nur dass hier keine Tannen stehen, sondern tropischer Regenwald. Von den rund 500 Hektar, die Eduardo Kühl besitzt, hat er 150 Hektar im ursprünglichen Zustand belassen, ein kleiner privater Naturpark. Hier gibt es Hirsche, Tukane und Ozelote. Auf dem übrigen Land stehen unter schattigen Bäumen Kaffeesträucher mit grün-silbrig glänzenden Blättern.

Eduardo Kühls Großvater Otto hatte das Terrocarril 1905 zusammengebaut. An das einzigartige und nicht besonders effektive Transportmittel erinnert im Speisesaal des Hotels Selva Negra ein riesiges Ölgemälde: In zehn kreisrunden Porträts rund um die Dampfmaschine und ihre Wagen sind zehn Männern verewigt. Europäische Gesichter mit Vollbärten oder beeindruckenden Schnauzern: Die Investoren, die Nutzer, der Maschinist und eben Otto Kühl, der Konstrukteur.

Rund 90 Prozent des nicaraguanischen Kaffees werden rund um Matagalpa produziert. Das Klima hier in den Bergen ist für den Anbau ideal: In über 1000 Metern Höhe ist es nicht mehr so tropisch heiß. Unter schattigen Bäumen reifen die Kaffeekirschen langsamer als unten in der Ebene. Die Bohnen sind deshalb stärker und aromatischer.

Es waren deutsche Einwanderer, die die Provinz Matagalpa zur Exportregion für Spitzenkaffee machten. Als Otto Kühl 1891 nach Nicaragua kam, gab es hier schon ein halbes Jahrhundert lang eine kleine deutsche Kolonie. Die ersten, die kamen, waren Abenteurer, die in Nicaragua die mittelamerikanische Landbrücke von der atlantischen auf die pazifische Seite überquerten, um danach möglichst schnell hinauf in den Norden nach Kalifornien zu gelangen, wo damals der große Goldrausch herrschte. Und ein paar blieben im Hinterland von Matagalpa hängen, denn dort gab es ebenfalls Gold.

Der Goldrausch hatte auch Luis Elster aus Hannover und seine Frau Katharina Braun aus Baden-Baden nach Amerika gezogen. Sie waren 1852 die ersten Deutschen in Matagalpa, so haben es die Recherchen von Hobby-Historiker Eduardo Kühl ergeben. Viel Glück hatten sie bei ihrer Goldsuche nicht, aber ein kleiner Fund reichte aus, um einen Neuafang zu machen: In der Handelsstadt León in der pazifischen Tiefebene kauften sie von dem Erlös 25 Pfund Kaffeebohnen.

Die Kaffeepflanze gab es zu der Zeit bereits in Nicaragua. Eduardo Kühl vermutet, dass sie Ende des 18. Jahrhunderts von entlaufenen Sklaven der französischen Kolonie Haiti ins Land gebracht worden war. Sie wurde allerdings zunächst mehr als Zier- denn als Nutzpflanze betrachtet, vor allem Priester schmückten damit ihre Gärten. Sie waren oft die einzigen im Dorf, die es sich leisten konnten, das Land rund um ihr Haus nicht für Obst und Gemüse, sondern zur geistigen Erbauung zu nutzen.

Die erste Kaffee-Finca wird 1825 in Jinotepe im Südwesten Nicaraguas erwähnt. Später gab es ein paar weitere Pflanzungen an den Hängen der Vulkankette entlang der pazifischen Küste. Die Produktion freilich war spärlich, von geringer Qualität und wurde nur auf dem lokalen Markt verkauft.

Luis Elster und Katharina Braun hatten mit ihren 25 Pfund Größeres im Sinn: Sie dachten von Anfang an an den Export. Die beiden Eigenbrötler, die kaum Kontakt zum Bürgertum in der Stadt hatten und im abgelegenen Hochland wohnten, legten gleich eine auf Ertrag ausgerichtete Pflanzung an.

Die erste Ernte brachte Elster mit dem Maultier nach León und verkaufte sie dort an zwei Kolonialwarenhändler: den Österreicher Heinrich Löw und den Deutschen Walter Zeyss. Die beiden wiederum verschifften die Ware vom Pazifikhafen Corinto um Kap Hoorn an der Südspitze Amerikas herum nach Hamburg und ab 1880 auch über den Mittelmeerhafen Triest nach Österreich. Damals konnten Elster und Braun schon gut 100 Säcke pro Ernte liefern. Das Geschäft lief so gut, dass Kolonialwarenhändler Walter Zeyss von León nach Matagalpa zog und dort eine eigene Finca aufbaute.

Als Otto Kühl 1891 ins damals knapp 20 000 Einwohner zählende Matagalpa kam, war die deutsche Kolonie von Kaffeebauern schon gut im Geschäft. Die nicaraguanische Regierung hatte erkannt, dass die Einwanderer Geld ins Land brachten. Seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts warb Nicaragua daher mit Plakaten in den Bahnhöfen von Hamburg und Berlin neue Siedler an.

Wer kam, konnte einfach ein Stück unerschlossenes Land abstecken, welches dann auf seinen Namen registriert wurde. Auf die Indios, die das Land seit Jahrhunderten bewohnten, nahmen weder die Einwanderer noch die Regierung Rücksicht.

Kühls Freund Albert Vogl, ein Bayer aus Kempten, war dem Aufruf 1888 gefolgt. Vogl und Kühl hatten sich in Hamburg ein Zimmer geteilt und als Schreiner und Mechaniker auf Werften gearbeitet. Otto Kühl war dazu noch ein begnadeter Bastler und hatte sich in Deutschland einen zusammenklappbaren Skattisch patentieren lassen.

Drei Jahre nach Vogls Abreise entschloss auch er sich, nach Nicaragua auszuwandern. Seine Finca nannte er Hammonia, nach dem lateinischen Namen für Hamburg, der Allgäuer Vogl seine „Bavaria“. Beide Fincas existieren bis heute. Wenn sich im Deutschen Klub von Matagalpa damals die Kaffeepflanzer trafen, kamen nicht nur die Herren Kühl, Zeyss und Vogl, sondern auch Travers, Übersezig, Mayer, Kraudy, Jericho und Bosche.

Kaum war Otto Kühl in den Bergen Nicaraguas angekommen, erfand er die erste Maschine, die das Fruchtfleisch der Kaffeekirsche von der Bohne trennte. Vorher war dies eine mühsame Arbeit gewesen: Man hatte die Kirschen in der Sonne getrocknet und dann das harte Fruchtfleisch von Hand abgeschält. Mit Otto Kühls Maschine konnte die industrielle Kaffeeproduktion beginnen.

Die Konstruktion war denkbar einfach: Die Kaffee-Kirschen wurden langsam über einen rotierenden Holzzylinder geschüttet, der mit tausenden kleiner spitzer Nägel gespickt war. Diese rissen das Fruchtfleisch von den Bohnen. Danach ließ man den Kaffee einen Tag lang in Wasser fermentieren und wusch dann die aufgeweichten Reste des Fruchtfleischs ab. Die Bohnen wurden dann in der Sonne getrocknet.

Bis heute wird Kaffee nach diesem Prinzip aufbereitet. Etliche Jahre nach der Erfindung wollte Otto Kühl seine Maschine endlich in New York patentieren lassen. Er kam zu spät. Kurz nach ihm hatte ein anderer einen ähnlichen Apparat konstruiert und war ihm mit der Patentanmeldung zuvorgekommen.

Ein großer Produzent war der Erfinder allerdings nicht. Der große und kräftige Mann mit buschigem Schnauz war eher ein stiller Grübler. Es lag ihm nicht, übers Land zu reiten und seine Arbeiterschar zu überwachen. „Seine eigene Finca war nie sehr gepflegt", sagt der Enkel. „Mein Großvater war Mechaniker und hat vor allem für die anderen Kaffeebauern Aufbereitungs- und Trocknungsanlagen gebaut.“ Und später dann das Ungetüm des Terrocarril.

Sein Großvater heiratete in die nicaraguanische Oberschicht ein: Otto Kühl und sein Freund Albert Vogl ehelichten in Matagalpa die beiden Töchter des dortigen Gouverneurs. Der Lokalfürst war Deutschen gegenüber sehr aufgeschlossen, er hatte von ihnen gelernt und selbst mit Kaffee ein kleines Vermögen gemacht. Die Verbindung zur Politik und zur nicaraguanischen Oberschicht rettete die Familie Kühl im Zweiten Weltkrieg: Anfang der 40er Jahre drängten die USA ihre Verbündeten in Mittelamerika, alle Bürger deutscher oder japanischer Herkunft gefangen zu nehmen und auszuliefern, egal, ob diese die Staatsbürgerschaft ihrer Gastländer besaßen oder nicht. Die Deutschen aus Nicaragua wurden in Lager nach Texas gebracht und dort zum Austausch mit US-amerikanischen Kriegsgefangenen in Deutschland und Japan verwendet.

Eigentlich war der damalige nicaraguanische Diktator Anastasio Somoza ein glühender Verehrer von Adolf Hitler. Trotzdem beugte er sich gerne dem Druck aus Washington. Die Auslieferung der Deutschen war für ihn durchaus rentabel: Ihre gut geführten Kaffee-Fincas wurden verstaatlicht und dann bei meist gezinkten Versteigerungen zu Spottpreisen verschleudert. Viele landeten gleich in den Händen des Somoza-Clans.

Eduardo Kühl, Jahrgang 1940, war damals noch ein Baby. Aus Erzählungen weiß er, dass auch sein Großvater Otto und sein Vater Klaus verhaftet wurden. 40 Tage saßen sie in Managua fest. Doch die Familie ließ ihre Verbindungen spielen und die beiden kamen wieder frei. Die deutsche Kaffee-Kolonie in Matagalpa aber verschwand, genauso wie eine zweite ähnlich erfolgreiche Kolonie in Cobán im Norden von Guatemala. Auch dort hatten Deutsche ein kleines Kaffee-Imperium geschaffen. In der Gegend von Matagalpa, sagt Kühl, „gibt es außer meiner nur noch eine Finca im Besitz von Deutschstämmigen.“

Er selbst hatte zunächst mit den Bohnen nicht viel zu tun. Die Finca Hammonia wurde verkauft, er studierte Bauingenieurswesen in der Hauptstadt Managua und baute dort Mitte der 60er Jahre eine Fabrik für Fertighallen auf. 1975 aber, in einer tiefen Krise auf dem Weltmarkt für Kaffee, kaufte er die Finca billig zurück und baute das Hotel Selva Negra.

1978 wurde es eröffnet, noch im selben Jahr musste Eduardo Kühl ins Exil fliehen: Bei einer Versammlung des Unternehmerverbands hatte er öffentlich den Rücktritt von Diktator Somoza gefordert und damit sein Leben aufs Spiel gesetzt. Versteckt in einem offiziellen Wagen der deutschen Botschaft wurde er am 13. September 1978 auf den Flughafen von Managua gebracht und von dort nach Costa Rica ausgeflogen.

Es sollte ein langes Exil werden. Zwar wurde Somoza schon zehn Monate später von der linken sandinistischen Guerilla gestürzt und Kühl wegen seines Muts zu gefährlicher Zeit in den diplomatischen Dienst der jungen revolutionären Republik aufgenommen. Aber er hat sich schnell auch mit den neuen Machthabern überworfen. „Schon nach ein paar Wochen hatten im Außenministerium die Moskautreuen das Sagen. Ich war ein liberaler Unternehmer und in deren Augen ein Klassenfeind.“ Er packte seine Sachen und ging mit der Familie in die USA, wo er als Bauingenieur arbeitete. Erstaunlicherweise wurde seine Finca nie enteignet, „vielleicht wegen meiner frühen Verdienste für die Revolution.“

Erst als die Sandinisten die Wahl von 1990 verloren, kehrte er nach Selva Negra zurück. Er begann mit dem Anbau von ökologischem Kaffee, eigentlich war er dagegen, zu viel Arbeit – aber seine Frau und seine vier Töchter waren dafür, „und so habe ich bei der Abstimmung verloren.“ 200 Arbeiter sind ständig auf der Finca beschäftigt und wohnen mit ihren Familien in einer kleinen Siedlung mit eigener Grundschule und Krankenstation. Zur Erntezeit kommen noch einmal so viele Helfer.

Inzwischen ist Kühl glücklich über die Entscheidung. Die Finca war eine der ersten im Land, die zertifizierten ökologischen Kaffee verkaufte. „In guten Jahren sind traditionelle Fincas viel rentabler, aber der Markt für ökologisch angebauten Kaffee ist stabiler.“ Die letzte Kaffeekrise um die Jahrtausendwende hat Selva-Negra-Kaffee ohne Probleme überstanden.

Eduardo Kühl, der lediglich ein paar schwer verständliche Brocken Deutsch spricht, widmet sich heute fast nur noch seinem Hobby: der Geschichte des Kaffees in Matagalpa. Für das Geschäft sind längst Frau und Töchter verantwortlich, 90 Prozent der Ernte von „Selva Negra“ verkauft die Familie an eine kleine Kette für exquisiten Kaffee in den USA. Die Packungen schmückt ein stilisiertes Porträt von Großvater Otto.

Otto Kühl konstruierte eine

Maschine, die das Fruchtfleisch der Kaffeekirsche vom Kern trennte (links). Weniger Erfolg hatte sein Zug

„Terrocarril“ (oben), der Kaffee in die Stadt transportieren sollte.

Als Otto Kühl 1891 nach Nicaragua auswanderte, fand er dort in Matagalpa bereits eine kleine deutsche

Kaffeekolonie: Luis Elster und Katharina Braun aus Baden-Baden hatten die erste Finca gegründet.

Auch Otto Kühl baute eine Finca,

die heute im Besitz seines Enkels Eduardo Kühl ist, der ökologischen Kaffee anbaut und die Geschichte des Kaffees in Nicaragua recherchiert.Fotos: T. Keppeler, privat

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