Die Geschichte : Eine unmögliche Nonne

Hildegard von Bingen nennt sich selbst „Gottes kleine Posaune“: Sie bläst Kaiser und Klerus kräftig den Marsch, wirkte als Ärztin, Forscherin, Äbtissin, Dichterin. 1179 stirbt sie mit über 80 Jahren.

Kerstin Decker
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Barbara Sukowa (Mitte) als Hildegard von Bingen.Foto: Concorde

Eine Frau und ein Mann steigen von ihrem Klosterberg herab und ziehen in die Welt. Dort waren sie noch nie. Ein mildes Licht begleitet ihren Auszug. Ein Abschiedslicht? Ein Ankunftslicht? – So endet „Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen“, der neue Film von Margarethe von Trotta. Mit dem unbestimmten Aufbruch einer Nonne, gespielt von Barbara Sukowa, und ihres Grammatiklehrers, den Heino Ferch darstellt.

Und was geschieht dann, im Leben, nicht im Kino? Es ist das Jahr 1158. Die Nonne Hildegard von Bingen beginnt das Leben einer Vortragsreisenden. Ihr größter Ruhm liegt noch vor ihr. Sie predigt dem Klerus zu Köln: „Ihr seid die Nacht, die Finsternis aushaucht … kein Halt für die Kirche“. Sie predigt dem Klerus zu Trier: „Die Magister und Prälaten haben die Gerechtigkeit Gottes verlassen und schlafen.“ Sie ist über 60 Jahre alt. Ein Ur-Alter, kaum einer erreicht es im 12. Jahrhundert.

Schon in ihrem allerersten Buch hatte sie über das Alter nachgedacht. Vielleicht fand bis heute niemand mehr so präzis-schöne Worte dafür: „ … so treten auch die Kräfte der Seele im Greisenalter, wenn das Mark und die Adern sich schon zur Schwachheit neigen, zurück, und der Geist wird gleichsam des menschlichen Wissens überdrüssig.“ – Wir sagen Demenz oder gar Alzheimer, sie sagt es anders. Sie sagt vieles anders, naiver und doch genau, auf merkwürdige Weise reifer, klüger. Vielleicht ist sie auch deshalb nach mehr als 800 Jahren nicht vergessen. Ihr Menschen- und Weltbild: „Alles, was in der Ordnung Gottes steht, antwortet einander.“ In einer Welt der Unordnung Gottes, in der fast nichts mehr einander zu antworten scheint, entfalten diese Sätze eine merkwürdige Faszination.

Wer war Hildegard von Bingen?

Wir haben „Hildegardis Schönheitswasser“, „vor Morgentau fein gesammelt, dass keine Kraft vergehet“, wir haben Hildegards Wermutsalbe und Hildegards Herzsaft, es gibt Hildegard-Kochbücher, Hildegard-Psychotherapien und sogar eine Hildegard-„Edelstein-Uhr“. An all dem trägt sie keine Schuld.

Sie ist Nonne, Theologin, Komponistin, Dichterin, Liebessachverständige, Letzteres mit einem für eine Klosterfrau erstaunlichen Sinn fürs Konkrete: „Wenn ein Mann sowohl mit dem Erguss eines kräftigen Samens als auch in der rechten Liebe und Zuneigung zu seiner Frau den Beischlaf ausübt …“

Hildegard von Bingen ist Ärztin, Apothekerin und Naturforscherin – sie verfasst die erste deutsche Naturkunde. Bis weit in die Neuzeit hinein habe niemand mehr die Süßwasser-Fischwelt so genau beschrieben, loben die Experten. Sie ist Politikberaterin, Vortragsreisende, Armenfürsorgerin, Klosterabspalterin und -neugründerin und Verwaltungsvirtuosin. Sie leitet zwei Abteien gleichzeitig. Hildegard von Bingen ist gewissermaßen der Goethe des zwölften Jahrhunderts: Das ganze Weltwissen in meiner Brust! Und bei alledem ist sie – nur eine Frau, und damit, laut Thomas von Aquin, „ein Missgriff der Natur … mit ihrem Feuchtigkeitsüberschuss und ihrer Untertemperatur körperlich und geistig minderwertiger … eine Art verfehlter, misslungener, verstümmelter Mann“, definierte der größte Kirchenlehrer aller Zeiten. Und nun ist sie auch noch eine alte Frau, eine ohne das mindeste Talent für altersgerechtes Verhalten.

20 Jahre nach ihrem Aufbruch in die Welt sieht eine dunkle Nacht die 80-Jährige (!) auf dem Friedhof ihrer Abtei Rupertsberg am Rhein. Sie beaufsichtigt mitternächtliche Korrekturen an einem frischen Grab. Eben erst war ein junger Adliger dort hineingesenkt worden. Als die greise Äbtissin hochzufrieden den Ort wieder verlässt, ist das Grab nicht mehr auffindbar. Jetzt kann der Mainzer Bischof den ganzen Friedhof umgraben, wenn er den jungen Mann exhumieren und in ungeweihter Erde bestatten lassen will. Und genau das will er, denn der Adlige sei im Kirchenbann gestorben. Ausgraben! – Niemals!, antwortete Hildegard, denn der junge Mann hatte bereut, ein Priester ihm vergeben, bevor er starb. Aber die Kirche vergab ihm nicht!, beharrte der Bischof. Vielleicht erwiderten ihm nur ihre Augen: Wer ist die Kirche?

Dass sie die Kirche ist, würde sie nie zu denken wagen. Hildegard von Bingen ist lebenslang verlegen um ein Selbstbild, das unscheinbar genug wäre. „Ein kleines Zelt“ hat sie sich einmal genannt, und den unerhörten Umstand, dass der Allerhöchste sich an sie wandte, so formuliert: „Er aber, der ohne Minderung groß ist, hat jetzt ein kleines Zelt berührt, damit es Wunder schaue, unbekannte Buchstaben bilde und eine unbekannte Sprache erklingen lässt.“ Unbekannt ist diese Sprache tatsächlich, das Volk kann kein Latein – sie eigentlich auch nicht –, und die Theologen üben sich gerade in die Hochscholastik ein und erfinden täglich neue Begriffe. Nicht mehr lange, und Thomas von Aquin wird seine große Synthese des Glaubens und des Wissens verkünden, die „Summa Theologica“. Auch als „paupercula forma“, als „armseliges Förmchen“ Gottes hat sie sich vorgestellt und: als „kleine Posaune“ Gottes.

Die kleine Posaune ist inzwischen bedenklich laut geworden, auch ist sie ein durchaus erschreckendes Instrument, nämlich das des Jüngsten Gerichts.

Bischöfe müssen sich von ihr mit „O du Asche!“ anreden lassen, und Kaiser Friedrich Barbarossa, in seinem Dauerstreit mit Rom, hat sie auch schon vernommen. „Gib acht“, empfahl ihm die kleine Posaune, „dass der höchste König dich nicht zu Boden streckt wegen Blindheit deiner Augen, die nicht richtig sehen, wie du das Zepter zum Regieren in deiner Hand halten musst.“ Das ist riskant. Normalerweise müsste der Urheber solcher Ratschläge damit rechnen, selbst zu Boden gestreckt zu werden.

Auch die Mainzer bischöfliche Behörde weigert sich, sich von einer so kleinen Posaune den Marsch blasen zu lassen und belegt Hildegards Kloster tatsächlich mit Verbot von Gottesdienst, Kommunion und Psalmengesang. So viel Ärger ist nicht gut für eine Überachtzigjährige. Kein Jahr später, am 17. September 1179 stirbt Hildegard von Bingen. Jedes Jahr am 17. September wird in ganz Deutschland das Hildegard-Fest begangen.

Dabei ist sie nie heiliggesprochen worden. 1979, im 800. Todesjahr, schlug die Arbeitsgemeinschaft katholischer Frauenverbände in Deutschland vor, Hildegard von Bingen zur „Kirchenlehrerin“ zu erheben. Rom dachte fast zehn Jahre lang nach, und teilte dann mit, dass Hildegard von Bingen leider erst dann zur Kirchenlehrerin ernannt werden könne, wenn sie heiliggesprochen sei. – Dann sprecht sie doch heilig!, antworteten die katholischen Frauen und die deutschen Bischöfe. Bisher konnte sich Rom noch nicht dazu entschließen. Was soll man auch von einer Frau halten, die sich für die mitternächtlichen Friedhofsarbeiten so entschuldigte: Sie hätte dem Mainzer Bischof so gern gehorcht – demütig gern gehorcht –, doch hätte sie die Furcht vor Gott daran gehindert.

Und ihre Predigtreisen? Predigen dürfte sie, die Frau, die Laiin heute ohnehin nicht mehr. Aber auch damals war es überaus anstößig. Eine Frau spricht ohne männliche Obhut und geistliche Aufsicht auf Marktplätzen? Das taten damals vor allem die päpstlichen Rufer zum Kreuzzug. Und die Ketzer, die Katharer. Wie leicht konnte sie verwechselt werden. Aber auch dieses in den Augen der Zeit unmögliche Betragen wusste die unmögliche Nonne zu begründen. Der göttliche Geist habe sie nicht nur dazu angestiftet, nein, er habe sie geradezu genötigt.

Wo man auf solche Argumentationen stößt, darf man sicher sein, einen Mystiker, eine Mystikerin vor sich zu haben. Die Mystik ist für unseren Alltagsverstand nicht viel mehr als eine Verstiegenheit zu Gott, ein Schwärmertum von Leuten, denen der Geist etwas lose sitzt. Und was heißt hier: Sie hatte Visionen? Deutet ein so beklagenswerter Zustand, rein wissenschaftlich betrachtet, nicht auf akuten Sauerstoffmangel im Gehirn?

Niemand hat das Wesen der Mystik schöner beschrieben als Hildegards späterer Mitmystiker Meister Eckhart: Mystik, das sei die Wiedergeburt Gottes auf dem Grunde der Seele. Das ewige Skandalon dieses Vorgangs: Auch wenn es nie ganz gewiss sein sollte, ob Gott uns erschaffen hat, so steht doch ganz außer Frage, dass die Mystiker Gott erschaffen. Das ist die unaufhebbare atheistische Spitze aller Gottesschau.

Die nächsten Verwandten des Mystikers sind die Propheten und die Dichter. Propheten folgen eher dem Muster: „Ich glaube an Gott, aber ich lehne seine Welt ab!“ Hildegard von Bingen klingt manchmal so, aber das täuscht, sie liebt seine Welt mit einer bis dahin beispiellosen Diesseitsfrömmigkeit. Sie liebt sogar den Klerus – wenn er sich nur ein wenig bessern würde. Das ist ein weiteres Merkmal der Mystiker. Sie wollen die Kirche nicht abschaffen, sie wollen nicht einmal eine ganz andere Kirche. Sie hören im Zweifelsfall bloß eher auf Gott als auf die Kirche. Die Verwandtschaft der Mystiker mit den Dichtern muss man nicht erklären, in der neueren Zeit nennt man die größten Mystiker – Rilke, Else Lasker-Schüler – vorzugsweise Dichter.

Die sehr schöne Hildegard von Bingen-Biografie von Christian Feldmann heißt im Untertitel „Nonne und Genie“. Sören Kierkegaard hat einmal eine große Betrachtung darüber angestellt, wie sich ein Apostel von einem Genie unterscheidet und ist zu dem für ihn niederschmetternden Ergebnis gekommen, dass er höchstens zum Genie tauge, nicht aber zum Apostel. Der Apostel transportiert grundsätzlich eine Inspiration, die nicht in ihm selbst liegt, das Genie verkündet vor allem eins: sich selbst. Vor nichts wäre Hildegard von Bingen tiefer erschrocken.

Nur weil sie sich selbst als niederstes Gefäß des Höchsten sah, brachte sie schließlich den Mut auf zu schreiben, zu sprechen. In eigenem Auftrag sprach im Mittelalter, dem vorjournalistischen Zeitalter schlechthin, niemand. Das Risiko ihres Schritts an die Öffentlichkeit lag darin, dass ihr Mandat geprüft wurde – und das doppelt, dreifach sorgfältig, weil sie eine Frau war. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Teufel aus ihr sprach – sie nennt ihn meist nur „die alte Schlange“ – war ungleich größer und vor allem plausibler.

Hildegard von Bingen, geboren 1098, war das zehnte Kind einer Adelsfamilie im rheinhessischen Bermersheim. In dieser Platzierung in der Reihe der Geschwister bestand ihre Lebenschance und ihr Lebensrisiko zugleich. Im Alter von acht Jahren gab ihr Vater sie als lebendigen Zehnten, als „Oblation“ in die Obhut eines Klosters und sprach dazu die vorgeschriebenen Worte: „Ich halte es für billig, dass wir unserem Schöpfer auch von unserer Frucht geben. Deshalb will ich diese unsere Tochter namens Hildegard …“.

Für das Mädchen war es wohl ein Glücksfall. Wäre sie den weltlichen Weg der Frau gegangen, sie wäre wohl das lebendige Besitztum eines Mannes geworden, in einer rauen Zeit rauer Sitten, die erst viel später und auch nur an wenigen Orten Empfehlungen zum Umgang mit Privateigentum aussprechen wird: Frauen seien „nur mit Maß und Ziel“ zu prügeln. Es war viel sicherer, Eigentum Gottes zu werden als das eines Mannes.

Am Allerheiligentag 1106 wurde die Grafentochter Jutta von Sponheim mit zwei kleinen Mädchen – eines hieß Hildegard – in das Benediktinerkloster auf dem Disibodenberg über dem Nahetal aufgenommen. Es war ein Männerkloster, in dessen Schutz sich die kleine Frauenklause befand, aus der lange keine Nachrichten nach draußen drangen.

41 Jahre später hielt Papst Eugen III. eine große Synode in Trier ab. In Rom konnte der Papst das gerade nicht tun, weil die Römer zu der Auffassung gekommen waren, ohne die üblen Geschäfte und Intrigen der Kurie ruhiger zu leben, weshalb sie diese aus der Stadt vertrieben hatten. Nun saß der Papst also in Trier, als ihm das merkwürdige Manuskript einer kleinen Nonne vorgelegt wurde, das vielleicht schon damals den Titel „Scivias“ („Wisse die Wege“) trug. Niemand anders als der Papst könne entscheiden, ob es von Gott oder vom Teufel war. Eugen schickte eine Prüfungskommission von Bischöfen auf den Disibodenberg.

Vielleicht lässt sich der Tenor des Auftritts der Nonne, die längst zur Äbtissin ihres Klosters gewählt worden war, so zusammenfassen: In äußerster Nüchternheit – eine Nichtekstatikerin schlechthin – erklärte sie, dass sie nur die Pforte sei für die Worte des Höchsten. Vielleicht war es eine besondere Gunst der geschichtlichen Stunde. Der Papst in Trier mochte denken, wenn schon ein Papst aus Rom fliehen muss, warum soll dann nicht auch Gott durch den Mund einer Frau sprechen können? Und selbst der mächtige frauenhassende Abt Bernhard von Clairvaux erhob keine Einwände, im Gegenteil.

So las der heimatvertriebene Papst im November 1147 persönlich auf der Synode zu Trier das schlechte, kunstlose Latein einer kleinen Nonne vor, diese Theologie in Bildern, mit der sie sich selbst noch einmal erklärte, wie alles mit allem zusammenhängt. Auch, wer Gott ist und warum er auf die verrückte Idee einer Schöpfung verfiel: „Ich, der Ich ohne Ursprung bin und von dem jedes Beginnen ausgeht und der Ich der Alte der Tage bin, Ich sage: Ich bin aus mir selber, ein Tag, der nicht aus der Sonne erstrahlt, durch den vielmehr die Sonne entflammt ward … So habe Ich zur Anschauung Meines Anlitzes Spiegel geschaffen, in denen Ich alle Wunder Meiner Ursprünglichkeit, die nimmermehr aufhören, betrachte. … Dieses habe Ich gemacht, Ich, der Alte der Tage.“

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