Die Geschichte : Gewürze, die die Welt bedeuten

Für die Muskatnuss gaben die Holländer einst Manhattan. Um Nelken wurde Krieg geführt, der Pfeffer in Gold aufgewogen. Fünf weihnachtliche Aromen und ihre Geschichte.

Matthias Glaubrecht
Der deutsch-holländische Krieg von 1667 - es ging um Gewürze aus Übersee.
Der deutsch-holländische Krieg von 1667 - es ging um Gewürze aus Übersee.Wiki

„Im Anfang war das Gewürz“, beginnt Stefan Zweigs berühmter Roman über den Seefahrer Fernando Magellan. Über viele Jahrhunderte war die Suche nach Zimt und Pfeffer, Muskatnuss und Nelken eine wichtige Antriebsfeder menschlichen Handelns. Sie führte zu folgenreichen Entdeckungen, Kriegen und neuen Allianzen. So lässt sich die Geschichte unserer Zivilisation auch als Geschichte der Gewürze schreiben; ohne sie wäre die Welt eine andere als die, die sie heute ist.

ZIMT VERBINDET VÖLKER

„Sie war eine schöne Jungfrau, frischer als alle Kräuter der Welt“, rühmten Hofpoeten die Pharaonin Hatschepsut. Sie war die Tochter Thutmosis II., eine der ersten großen Frauen der Weltgeschichte. Ihr verdankte Ägypten um 1470 vor Christus Aufschwung und Ansehen – und eine abenteuerliche Gewürz-Expedition in das sagenhafte Land Punt. Von dort, so die Überlieferung, sollten nicht nur die Götter, sondern auch kostbare Gewürze stammen. Hatschepsut ließ fünf Segelschiffe ausrüsten, die von Theben nilabwärts zum Delta fuhren, um dann durch einen Kanal ins Rote Meer und südwärts an der Küste entlang nach Punt zu gelangen. Schwer beladen kehrten Hatschepsuts Schiffe nach Theben zurück. „Niemals, seit Könige leben, sind ihnen ähnliche Dinge gebracht worden“, so die Berichte am pharaonischen Hof. Neben Elfenbein und Ebenholz, Gold, Panthern und Pavianen entlud man unter den Augen der staunenden Thebaner auch getrocknete Zimtrinde.

Bis in die Gegenwart streiten Archäologen um die Frage, wo genau jenes Land Punt gelegen hat. Vermutet wird ein Standort an der Küste des heutigen Somalias. Unstrittig ist dagegen, weshalb die Ägypter so große Mengen Zimt benötigten: Sie würzten nicht nur Speisen, sondern balsamierten damit auch ihre Mumien, nutzten es für kosmetische wie medizinische Zwecke und als Räuchermittel. Außerdem profitierte Ägypten als Durchgangsstation des Gewürzhandels: Über Karawanenwege und die Schifffahrt im Mittelmeer verbreitete sich das Zimtgewürz, brachte Araber, Assyrer, Babylonier, Perser, Hebräer und andere Völker des Nahen Ostens in Kontakt, ließ sie aber auch Kriege führen.

Bei Punt handelte es sich sicher ebenfalls nur um einen Umschlagplatz. Tatsächlich wachsen Zimtbäume, von deren fingerdicken Zweigen ausschließlich die inneren Rindenteile Verwendung finden, vor allem auf der heutigen Insel Sri Lanka und in China.

PFEFFER GEGEN DAS VERDERBEN

„Hol dich der Teufel! Wer hat dich hierher gebracht?“ – Mit diesen Worten wurde der Mann empfangen, den der portugiesische Seefahrer Vasco da Gama als ersten an Land schickte. Nach einer abenteuerlichen Reise von zehneinhalb Monaten waren am 20. Mai 1498 vier Karavellen an der südwestindischen Küste vor Anker gegangen. Da Gama hatte seine Mannschaft in den Kerkern Lissabons unter den zum Tode Verurteilten rekrutiert. Die Vorhut an Land erklärte den Einheimischen ihr Ziel: „Wir kommen, um Christen und Gewürze zu suchen.“

Vasco da Gama war es als erstem Seefahrer gelungen, den Süden Afrikas zu umsegeln und entlang der Ostküste nach Indien zu gelangen. Es war eine der größten Entdeckungsfahrten der Geschichte – und der Beginn der Globalisierung. Wie Christoph Kolumbus und Fernando Magellan im Westen trieb Vasco da Gama im Osten die Suche nach dem kostbaren, mit Gold aufgewogenen Pfeffer über die Ozeane. Die gemahlenen Körner des tropischen, immergrünen Kletterstrauches waren nicht nur als magenfreundliches Heilmittel bekannt. Das scharfe Gewürz half vor allem, leicht verderbliches Fleisch genießbar zu machen. „Über ein stinkend Fleisch macht man gern ein Pfeffer“, galt als eigentlicher Sinn des Würzens.

Als „pippali“ wird Pfeffer bereits in den altindischen Sanskritschriften erwähnt. Die Griechen lernten das Gewürz im 4. Jahrhundert vor Christus durch die Feldzüge Alexanders des Großen in Indien kennen. Mit dem asiatisch-arabischen Fernhandel gelangte Pfeffer dann über den Golf von Aden und Alexandria in den Mittelmeerraum. Die Römer bauten Lagerhäuser, um die Reichen jederzeit damit zu versorgen. Jahrhundertelang lag der Handel in den Händen moslemischer Kaufleute; bald reichte er von der indischen Malabarküste bis nördlich der Alpen, oberitalienische Seestädte wie Venedig und Genua entwickelten sich zu Handelszentren. All das beendete Vasco da Gama mit seiner Expedition: Die neue Seeroute um das Kap der Guten Hoffnung machte alte Handelswege obsolet.

DAS RÄTSEL DER VANILLE

21 Jahre nach Vasco da Gama drang der spanische Edelmann und Konquistador Hernando Cortez von Kuba aus nach Mexiko vor. Er staunte, als ihm der Aztekenherrscher Montezuma ein wohlduftendes Getränk namens „xocoatl“ vorsetzte, das dieser selbst aus einem goldenen Becher trank. Ausgezogen, um Gold zu finden, entdeckte Cortez nicht nur die Vorläufer unserer heutigen Schokolade, sondern auch jene eigenartig süßlich-würzige Beigabe, mit der die Azteken und Tolteken ihre Kakaogetränke und Kakaobrei würzten: „vaynilla“, so das aztekische Wort für „Schötchen“, die sie für gesundheitsfördernd hielten und auch als Parfum nutzten. Das Gewürz wird aus den knapp 20 Zentimeter langen, schmalen Kapseln einer bis zu zehn Meter hoch rankenden, zu den Orchideen zählenden Kletterpflanze gewonnen. Nach der Ernte der noch unreif-gelben Früchte werden diese getrocknet und fermentiert; dabei färbt sich die Schote dunkelbraun und entwickelt das typische, süßliche Aroma.

Die Spanier versuchten, Vanillepflanzen nach Europa zu importieren. Doch der Anbau missglückte. Über Jahrhunderte blieb Mexiko so der einzige Vanillelieferant der Welt – zumal die Spanier nun unter Androhung hoher Strafen verboten, Setzlinge auszuführen. Erst im frühen 19. Jahrhundert gelang es, das Geheimnis der Vanille zu lüften: Der Direktor eines holländischen Versuchsgartens auf der Insel Java entdeckte, dass die schmalen Blüten ausschließlich von langschnäbeligen Kolibris sowie Bienen der Gattung Melipone bestäubt werden können. Beide Arten aber fehlten außerhalb Mexikos. Der Holländer half sich mit der aufwendigen künstlichen Bestäubung von Menschenhand, indem er den Pollenstaub mit zugespitzten Bambusstäbchen auf die Blütennarbe übertrug.

Heute wächst Vanille – als Königin der Gewürze gerühmt – außer in Mexiko auch auf Java, Sri Lanka und Tahiti sowie vor allem auf den Vanilleinseln Réunion, Mauritius, Madagaskar und den Seychellen. Von diesen stammt ein Großteil unserer Bourbon-Vanille.

SCHLACHT UM DIE NELKE

Im 15. Jahrhundert gab es Streit zwischen den Seefahrernationen Spanien und Portugal. Beide beanspruchten die Weltmeere für sich – und die Gewürze der darin liegenden Inseln. Papst Alexander VI. versuchte zu schlichten und empfahl eine gedachte Linie nahe des 47. westlichen Längengrads im Atlantik als Grenze: Alles östlich davon gehöre Portugal, der Westen dagegen werde Spanien zugeschlagen. Die Aufteilung wurde 1494 im Vertrag von Tordesillas festgeschrieben. Strittig blieben allerdings die Molukken, jene Reichtum verheißenden Gewürzinseln am anderen Ende der Welt, heute Teil Indonesiens.

Der Portugiese Fernando Magellan wollte Fakten schaffen, mit einer kleinen Flotte um den Globus segeln und verschiedene Gewürze, vor allem die begehrten Nelken, zurückbringen. Als Magellans abenteuerliches Ansinnen am portugiesischen Hof kein Gehör fand, segelte er 1519 mit fünf Karavellen und 230 Mann im Auftrag der verfeindeten Spanier los – also in westlicher Richtung.

Nelken waren bereits im Altertum auf verschlungenen Wegen ins Abendland gelangt. Schon Römer hatten damit ihre Geflügelgerichte verfeinert. Der Name geht auf das Wort „Nägelein“ zurück, weil die getrockneten Blütenknospen kleinen Nägeln ähneln. Durch die Kreuzzüge wurden die zarten Rispen der zu den Myrtengewächsen zählenden, bis zu 20 Meter hohen Bäume dann in weiten Teilen Europas zum begehrten Luxusgut.

Der Reichtum, den sich Fernando Magellan mit seiner Reise erhoffte, blieb ihm versagt. Er starb im April 1521 auf den Philippinen, sechs Monate, bevor der Rest seiner Mannschaft schließlich die Molukken erreichte. Im Tausch gegen Tuchballen, Gläser und Messer füllten sie die Laderäume der zwei verbliebenen Schiffe mit Säcken der getrockneten Gewürznelken. Doch auch portugiesische Schiffe hatten es inzwischen bis zu den Molukken geschafft, sie hatten die östliche Route gewählt. Beide Flotten schlugen sich auf die Seite verfeindeter Inselvölker, den Nelkenkrieg auf den Molukken entschieden letztlich die Portugiesen für sich. Von den ursprünglich 230 Männern Magellans kehrten nur 18 nach Spanien zurück. Sie waren die ersten Seefahrer, die den Globus komplett umrundeten und damit jeden Zweifel an dessen Kugelgestalt ausräumten.

Den Nelkenhandel dominierten nun zunächst die Portugiesen. Diese wurden aber – geschwächt durch fortwährende Auseinandersetzungen mit den Spaniern – Ende des 16. Jahrhunderts von den Holländern verdrängt. Mithilfe einer starken und straff organisierten Handelskompanie behaupteten diese mehr als ein Jahrhundert lang ihr Gewürzmonopol auf den Molukken. Die Nelkenkulturen mussten bewacht werden, mit ihnen zu handeln, war anderen Nationen untersagt. Wer es gar wagte, Samen und Pflanzen zu entführen, musste mit der Todesstrafe rechnen. Das Nelkenmonopol hielt bis Juni 1770: Da gelang es dem Franzosen Pierre Poivre, 70 belaubte Bäume und Kisten voller Stecklinge von den Molukken zu bringen. Er ließ sie auf französischem Territorium, der Insel Mauritus, anpflanzen. Dort wachsen heute noch Nelkenbäume.

MUSKAT GEGEN INSEL

Als sich Kapitän Nathaniel Courthope, ein englischer Abenteurer, am 23. Dezember 1616 dem winzigen Eiland Run bis auf zehn Meilen genähert hatte, konnte er sie bereits riechen. Ihr würziger Duft schwebte weit aufs Meer hinaus. Hier, mitten im Archipel der Molukken, wuchsen auf den sechs Inseln der Banda-Gruppe Muskatbäume; hier erntete man die in Europa begehrten Nüsse, die in den Handelszentren London und Antwerpen in Gold und zum 600-fachen Wert ihres Einkaufspreises aufgewogen wurden. Muskat war bereits seit dem Altertum als Heil- und Rauschmittel in China und Indien bekannt; über arabische Händler gelangten die knapp drei Zentimeter kleinen braunen Samen, die sich unter dem Fruchtfleisch aprikotfarbener Früchte verbergen, im Mittelalter auch nach Europa. Nachdem die Portugiesen 1511 die bis zu 15 Meter hohen Muskatbäume auf den Banda-Inseln selbst entdeckt hatten, wurden die Nüsse kurz darauf auch von Magellans dezimierter Mannschaft nach Spanien gebracht. Bald entbrannten um das Gewürz heftige Kämpfe auf den Meeren und den Molukken, erst zwischen Portugiesen und Spaniern, dann zwischen Holländern und Engländern, die sich gegenseitig den Gewürzhandel streitig machten.

Nachdem Kapitän Nathaniel Courthope auf der Insel Run im Auftrag der „East India Company“ die englische Flagge gehisst hatte, kämpfte er fünf Jahre lang mit nur 30 Mann gegen eine holländische Übermacht. Schließlich wurde er verraten und umgebracht. Die Engländer ergaben sich trotzdem nicht und schafften es am Ende sogar, die Insel Run und deren Muskatbaumbestände unter ihrer Kontrolle zu halten. Es folgte der wohl schwerste Fehler in der holländischen Kolonialgeschichte – und ein schlechtes Geschäft auf beiden Seiten.

Um in den Besitz der Muskatnuss-Insel zu kommen, erklärte sich Holland 1667 zu einem Tausch bereit: Der Staat verzichtete auf ein nahezu unbekanntes Eiland, das am anderen Ende der Welt in seinen Besitz gekommen war und von ihm „Nieuw Amsterdam“ genannt wurde. „Mannahatta“, wie die Insel am Hudson-River bei den indianischen Ureinwohnern hieß, sollte sich unter den Briten und kaum ein Jahrhundert später in den sich unabhängig erklärenden Vereinigten Staaten zum pulsierenden Zentrum New Yorks entwickeln.

Über beinahe denselben Zeitraum hinweg behaupteten holländische Handelskompanien ihr Muskatnuss-Monopol auf den Gewürzinseln vor allem gegen Briten und Franzosen. Weder mit ihren Konkurrenten noch mit den Einheimischen gingen die Holländer dabei zimperlich um. Auf den Molukken versklavten sie die Arbeiter und begrenzten die Muskatnuss-Ernte auf die kleinen und mithin leichter zu kontrollierenden Banda-Inseln. Um den Preis künstlich hochzuhalten, verbrannten sie in Amsterdam sogar Speicherbestände.

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