Die Geschichte : Herr Baedeker irrt nie

Er wurde als Landstreicher verhaftet und ein Erbsenzähler genannt. Doch als Karl Baedeker 1859 starb, stand sein Name für ein neues Genre: den Reiseführer.

Andreas Austilat
301511_0_37138544.jpg
Karl Baedeker mit seinem Notizbuch.Bild: BaedekerVerlag

Geschlafen hat er in einer Scheune. Vielleicht sieht er deshalb ein wenig derangiert aus. Er ist jung, gerade 19 Jahre alt, und er stellt verdächtig viele Fragen: Wie viele Menschen leben hier und wie viele Pferde. Er interessiert sich für den Besitz der Einwohner, will wissen, wie oft der Postwagen fährt. Niemand im schlesischen Pilchow kennt den Burschen; die Polizei wird alarmiert, durchsucht ihn, findet zwei Notizbücher und nimmt ihn mit zum Verhör.

Der junge Mann weist sich als Karl Baedeker aus, Buchdruckerlehrling aus Berlin. Was hat er zu seiner Entlastung vorzubringen? Darüber steht nichts in den Pilchower Polizeiakten vom 5. Juni 1820. Aber es spricht einiges dafür, dass sich Baedeker ungefähr so verteidigt: Ich will einmal ein Handbuch für Reisende verfassen. Darin wird stehen, wie lange ein Schiff von Köln bis Koblenz braucht, wann und wo es unterwegs anhält. Ich werde aufschreiben, wo in Frankfurt man für wie viel Geld eine Mahlzeit bekommt, die diesen Namen verdient, und welche Bilder im Pariser Louvre man sich angucken muss. Die Gendarmen dürften herzlich gelacht haben. Wer soll sich 1820 für solch ein Buch interessieren?

Hans-Magnus Enzensberger behauptet in seinem berühmten Essay über Tourismus, dass das Wort „Tourist“ im Jahr 1811 das erste Mal für den deutschen Sprachraum nachzuweisen ist. Wer reist, der tut das in jener Zeit meist, weil er muss. Entweder zwingen ihn seine Geschäfte dazu oder irgendein Notfall. Fernweh, das ist im frühen 19. Jahrhundert noch das weitgehend unbekannte Leiden einiger weniger Romantiker. Romantiker sind selten in Pilchow.

Karl Baedeker wird verhaftet. Landstreicherei lautet der Vorwurf, dem sich seinerzeit jeder aussetzt, der ohne plausible Erklärung auf Deutschlands Straßen unterwegs ist. Aber er kommt schnell wieder frei, sein Vater, ein angesehener Buchdrucker und Verleger aus Essen, kann für ihn bürgen.

Und Karl wird seine Idee verwirklichen. Als er fast 40 Jahre später, am 4. Oktober 1859, stirbt, liegt eine bemerkenswerte Karriere hinter ihm. Sechs Reiseführer hat er verfasst, einige erscheinen sogar auf Englisch und Französisch, alle werden zigmal neu aufgelegt, manche in Regionalausgaben aufgeteilt. Baedekers Name ist Synonym für das ganze, junge Genre.

Dabei hat er den Reiseführer nicht einmal erfunden. Da kamen ihm andere zuvor. Ein gewisser Pausanias etwa, der bereits im zweiten nachchristlichen Jahrhundert einen zehnbändigen Griechenland-Reiseführer verfasste. Baedeker ist auch nicht derjenige, dem der erste deutsche Bestseller auf diesem Gebiet glückt. Das gelingt Heinrich August Ottokar Reichard schon 1801, als sein Buch „Der Passagier auf Reisen“ erscheint. Der „Passagier“ wird 60 Jahre lang immer wieder neu aufgelegt.

Sehenswürdigkeiten sind Reichard in seinem „Reisehandbuch für Jedermann“ ziemlich gleichgültig. Dem Thema Straßenraub widmet er dafür einen eigenen Abschnitt: „Pistolen mit Doppelläufen sind die besten Waffen zur Verteidigung des Reisenden“, heißt es darin, und weil der Leser im Umgang mit der Waffe womöglich ungeübt ist, rät ihm Reichard, bloß nicht zu früh zu feuern, sondern zu warten, „bis man beim Räuber das Weiße im Auge erkennen kann.“ Die Verhältnisse auf Deutschlands Straßen sind halt so. Zwischen Reichards Erstausgabe des „Passagier“ und Schillers „Die Räuber“ liegen gerade einmal 20 Jahre.

Wer seinerzeit zum Vergnügen reist, ist in der Regel noch jung, von Adel und zur Vervollkommnung seiner Erziehung unterwegs. „Grand Tour“ nennen das die Engländer, und englische Gentlemen sind die Ersten, die sich auf den Weg machen. Aus Deutschland folgt zum Beispiel Hermann Fürst von Pückler dieser Mode, mit großem Gepäck und eigener Kutsche jubelt er, „ich bin frei, frei wie ein Vogel in der Luft“. Dann gibt es noch die, die Abenteuerlust und Bildungshunger hinaustreibt. Johann Gottfried Seume etwa, der marschiert 1803 zu Fuß von Leipzig nach Sizilien, sein „Spaziergang nach Syrakus“ ist auch eine Art Reiseführer, nur eben ohne Tipps.

Karl Baedeker schwebt etwas anderes vor. Und als sie denn endlich da sind, die Zeichen der neuen Zeit, erkennt er sie als einer der Ersten.

1835 fährt in Deutschland die erste Eisenbahn sechs Kilometer von Nürnberg nach Fürth. Drei Jahre später besteigt Baedeker das erste Mal eine Bahn und schreibt danach dem Vater: „Welche Lust gewährt das Reisen.“ Mitte der vierziger Jahre sind in Deutschland schon 1000 Kilometer Schienen verlegt. Die Eisenbahn wird für die Zeitgenossen so etwas wie der Billigflieger heute, sie macht das Reisen erschwinglicher.

In England wird Thomas Cook mit seinen Arrangements 1841 der Erfinder der Pauschalreise. In Deutschland nimmt Karl Baedeker schon mal vorweg, was „Lonely Planet“ und „Rough Guide“ 150 Jahre später für sich beanspruchen. Er erfindet die Individualreise. Und so wie Tony und Maureen Wheeler in den 1970er Jahren in ihrem „Lonely Planet“ den Fahrplan jeder Dschungelhaltestelle abdrucken, nimmt auch Baedeker seine Leser an die Hand. Seine Idee: Wer mein Handbuch aufschlägt, braucht keinen Führer mehr. Der findet sich allein zurecht.

„Wer Mahagonystühle, Marmortische und Plüschsofas nicht entbehren kann“, schreibt er in der „Rheinreise“, dem ersten von ihm herausgegebenen Reiseführer, „möge sich in die großen Gasthöfe begeben und sich über hohe Preise dann nicht beschweren.“ Der bescheidene Reisende aber „wird mit diesem Buche in der Hand die guten Häuser bald herausfinden“. Und das Beste daran: Seine Zeche wird nur halb so hoch sein wie die der Ahnungslosen.

Baedeker sagt seinen Lesern, wer wie viel Trinkgeld bekommt und wann man die Rechnung lieber überprüfen sollte. Er rät dazu, auf Rheinschiffen gut auf den Fahrschein aufzupassen – weil man sonst beim Aussteigen noch mal bezahlt. Und einen Trick hat er auch noch parat: Wenn der Zimmerservice eine neue Kerze für die Nacht bringt, sollte man ausdrücklich nach einer halb abgebrannten fragen. Die neue taucht sonst mit fünf Silbergroschen auf der Rechnung auf. Immerhin ein Drittel des Zimmerpreises.

Natürlich bleibt das Reisen im 19. Jahrhundert etwas für die bessergestellten Stände. Zwölf Tage etwa veranschlagt Baedeker für eine Reise durch Holland, um „einen flüchtigen Überblick“ zu erlangen. Die Kosten für den Trip setzt er mit rund 36 Talern an, für einen Handwerker sind das sechs Wochenlöhne.

Tourismus ist noch kein Massenmarkt. Groß genug, einen Verleger zu ernähren, ist er schon. Kein Zufall, dass Baedeker zuerst die „Rheinreise“ veröffentlicht. Die fertige Vorlage eines Gymnasialprofessors gehörte einem Koblenzer Verlag, den Baedeker gekauft hatte. Koblenz wird der Stammsitz seines Unternehmens. Und der Rhein verspricht reichlich Kundschaft. Waren 1827 nur 18 000 Reisende auf dem Fluss unterwegs, sind es 20 Jahre später eine Million, wie Baedeker schreibt.

Auch das trägt zu seinem Erfolg bei: Er erkennt die guten Ideen anderer und macht sie sich zunutze. In England bringt John Murray die „Red Books“ heraus, und ist mit dieser Reiseführer-Reihe auf der Insel erfolgreich. Baedeker und Murray werden Brieffreunde, kooperieren sogar eine Zeitlang, bis die Konkurrenz zu groß wird. Von Murray übernimmt Baedeker zweierlei: den typischen roten Einband und das Bewertungssystem. Er führt die Sterne ein – einer bedeutet „ sollte man gesehen haben“, zwei „da muss man hin“.

In einer Sache aber macht ihm keiner was vor. Seine Genauigkeit, die grenzt ans Pingelige. Und er vertraut vor allem sich selbst. Die folgenden Bände basieren fast ausschließlich auf seinen eigenen Reisen. Die tritt er ohne seine Frau an. Wahrscheinlich, weil sie sich um die beiden Söhne kümmert. Vielleicht ist er aber auch einfach nur sparsam. „Die Begleitung von Damen auf Reisen erhöht die Kosten natürlich beträchtlich“, schreibt er in einem seiner Bücher.

„Holland“ und „Belgien“ erscheinen 1839. „Der holländische Gastwirt ist ein wenig speziell“, schreibt Baedeker, und „der Kellner heißt durch ganz Holland Jan.“ Wie schwierig das Unterfangen ist, sieht man schon daran, dass allein die Wechselkurse fast eine Seite in Anspruch nehmen. Baedeker versucht Licht ins Dickicht der nebeneinander kursierenden Münzen, der Dukaten und der Taler, der seeländischen Reichstaler und der Wilhelm d’Ors zu bringen. Beim Silber muss er trotzdem passen: „Genauere Kenntnis der Silbermünzen ist nur bei einem längeren Aufenthalt zu erlangen.“

Die Natur erscheint ihm dort „als hartherzige Schwiegermutter“. Aber die geziegelten Straßen findet er vorzüglich und kein Land sonst „mag auf so engem Raume die bedeutendsten Städte aufzuweisen haben“. In Belgien wiederum lobt er die Küche, warnt den Reisenden trotzdem: „Sämtliche Speisen kommen zur gleichen Zeit auf den Tisch, und wer da nicht zugreift, sondern den Bescheidenen macht, läuft Gefahr, entweder hungrig aufzustehen, oder von mancher Schüssel nur den Anblick gehabt zu haben.“

1844 erscheint sein Hauptwerk: „Deutschland und der österreichische Kaiserstaat“. Baedeker festigt seinen Ruf, sich nicht nur in fremde Seelen einzufühlen („Tee trinkt der Österreicher nur wenn er krank ist“), sondern es überdies ganz genau zu nehmen. Auf der Treppe des Mailänder Doms steckt er sich alle 20 Stufen eine Erbse in die Tasche, um bloß nicht durcheinander zu kommen. Es gibt schon damals Leute, die ihn dafür einen Erbsenzähler nennen. Kein Weg ist ihm zu lang, für „Paris“, seinen letzten selbst verfassten Band verbringt er 13 ½ Stunden auf dem Friedhof Père Lachaise, auf dem damals noch kein Jim Morrison und kein Gilbert Bécaud, dafür aber ein Molière liegt. Baedeker lässt kein Grab aus, der Friedhof ist ihm zwei Sterne wert.

Solche Anekdoten machen ihn zur Legende. In der englischen Übersetzung des Librettos zu Jacques Offenbachs Operette „La Vie Parisienne“ heißt es gar: „Kings and governments may err but never Mr. Baedeker.“ Und als er 1859 stirbt, lassen seine Söhne die Leser wohl ganz bewusst darüber im Unklaren, wer die Bände eigentlich verfasst, die nun erscheinen. Es sind durchaus namhafte Archäologen, Kunsthistoriker und Geografen. Auf dem Einband allerdings steht nach wie vor der Name Karl Baedeker.

Jacques Offenbach ist nicht der einzige Prominente, der die Reiseführer mit dem roten Einband schätzt. Mark Twain hat auf seinem „Bummel durch Europa“ den Band „Schweiz“ in der Tasche, auch der Maler Adolph von Menzel bekennt sich zur Lektüre: Auf seiner Reise durch Belgien sei es ihm „in keiner Weise schlecht oder nur unbequem ergangen, Baedekers Handbuch ist dafür wirklich ein arcanum“, schreibt er einem Freund und meint damit so etwas wie einen Geheimtipp. Dabei macht Menzel sich später lustig über die bildungsbeflissenen Touristen der frühen Jahre, die ihre Reiseziele mit dem Baedeker in der Hand abhaken. Etwa auf seinem 1892 entstandenen Bild „Fahrt durch die schöne Natur“.

Auch andere distanzieren sich mehr oder weniger geglückt, betonen, wie wenig sie einen Baedeker nötig hätten. Karl May etwa. „Ich verlasse mich auf keinen Dolmetscher und keinen Baedeker”, lässt er Kara Ben Nemsi sagen, sein literarisches Alter Ego in „Durch die Wüste”. Das war gelogen. Als er selbst in Ägypten ist, schreibt May den Lieben daheim aus einem geheimnisvollen Bischari-Lager, „ehe ich in den Sudan entschwinde“. In Wahrheit wird er den Stadtrand von Assuan kaum verlassen. Das Bischari-Lager hat er aus dem Baedeker „Ägypten“, erstmals 1877 erschienen: „Lager der Bischarin“, heißt es darin, „eine Viertel Stunde östlich der Stadt (Esel hin und zurück 5 Piaster)“.

Warum auch nicht. Ganz andere Helden lesen im Baedeker. T. E. Lawrence zum Beispiel, besser bekannt als Lawrence von Arabien, führt ständig die englischsprachige Ausgabe von „Palästina und Syrien“ mit sich (1875 als erster außereuropäischer Band erschienen), während er mit seinen arabischen Bundesgenossen gegen die Türken Krieg führt.

Eine Erwähnung im Baedeker konnte Segen bedeuten, etwa für die Gastronomen, deren Haus gelobt wurde, oder Fluch. So beschwerte sich die Handelskammer von Neapel 1866 beim preußischen Gesandten über einen Angriff auf die Ehre Italiens: Karl Baedeker verbreite in ganz Europa, „dass in Neapel das Plündern von Reisekoffern häufig vorkomme“.

Der war da eigentlich schon sieben Jahre tot. Aber das mochte sowieso keiner glauben. Noch bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts erreichten Briefe den Verlag, die an den Gründer selbst adressiert waren. Dabei arbeitete zu jener Zeit schon kein Nachfahre mehr im Haus. Eva Baedeker verkaufte nach dem Tod ihres Sohnes Florian, Ururenkel von Karl, ihre Anteile Anfang der 80er Jahre an Langenscheidt, heute gehört das Unternehmen zur MairDumont-Gruppe.

Geblieben ist der Name des großen Reisenden, über den die Londoner „Times“ einmal schrieb: „Karl Baedeker hat die moderne Welt ebenso entscheidend verändert wie Hegel und Marx.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben