Die Geschichte : Kampf bis in den Tod

Olympische Spiele vor 75 Jahren: Werner Seelenbinder ringt um einen Platz auf dem Podest – dort will er die Nazis bloßstellen. Sein Plan scheitert. Später stirbt er auf dem Schafott.

Werner Seelenbinder im Kampf
Werner Seelenbinder im KampfFoto: ullstein bild

Am Eingang zum Stadion Neukölln stehen zwei riesige Ahornbäume Spalier. Drei türkische Jungs laufen mit ihren Sporttaschen rüber zum Fußballplatz, vorbei an der kleinen Lücke in der Hecke, die nur auffällt, weil daneben ein Schild steht. „Gedenkstätte Werner Seelenbinder.“ Ein schlichtes Grab, keine Blumen, ein bisschen Unkraut. Kurz nach dem Krieg, da wurde die ganze Arena so getauft: „Werner-Seelenbinder-Kampfbahn“. Doch dann kam der Kalte Krieg, und im eingemauerten West-Berlin ehrte man keine Kommunisten mehr, man ignorierte sie bestenfalls.

Selbst, wenn sie so mutig und ehrenwert waren wie Werner Seelenbinder. Jener Ringer, der 1933 öffentlich den Hitlergruß verweigerte und die Nazis bei ihrer größten Propagandaveranstaltung blamieren wollte. Bei den Olympischen Spielen in Berlin, die vor 75 Jahren begannen, am 1. August 1936.

Im westlichen Deutschland ist Seelenbinder bis heute weitgehend unbekannt. Auch wenn das Stadion Neukölln, wo seine Urne begraben ist, seit sieben Jahren wieder seinen Namen trägt. Auch wenn er Aufnahme gefunden hat in der Hall of Fame des deutschen Sports, neben braunen Günstlingen wie dem Läufer Rudolf Harbig, dem Fußballtrainer Sepp Herberger. Alle haben sie sich laut Deutscher Sporthilfe „durch Leistung, Haltung und gesellschaftliches Engagement in besonderer Weise verdient gemacht“.

Werner Seelenbinders Engagement endete in der Todeszelle.

Das kommunistische Deutschland hat ihn als Märtyrer verehrt. Straßen und Schulen trugen seinen Namen, seine Biografie „Der Stärkere“ war Pflichtlektüre, Stephan Hermlin hat ihm eine Hymne gedichtet. Die DDR hat ihn aber auch in eine Höhe gehoben, der er zu Lebzeiten kaum hätte gerecht werden können. Sie hat sich dabei perfider Mittel bedient. Sein Abschiedsbrief ist manipuliert worden, sein politisches Testament gefälscht.

Als wäre der wirkliche Seelenbinder nicht groß genug gewesen.

Es ist der 9. August 1936 in Berlin. Der Tag, an dem Jesse Owens seine vierte Goldmedaille gewinnt. 100 000 Menschen schauen zu, wie ein schwarzer Athlet Hitlers Rassenideologie der Lächerlichkeit preisgibt. Ein paar Kilometer weiter, in der Deutschlandhalle, arbeitet Werner Seelenbinder an seinem ganz persönlichen Affront gegen die Nazis. In den vergangenen Tagen hat er heimlich Flugblätter im olympischen Dorf verteilt, für den Fall eines Medaillengewinns plant er eine politische Aktion. Vielleicht wird er wieder den Hitlergruß verweigern, vielleicht „Rotfront!“ brüllen oder gar eine kurze Rede halten. Dafür hat er sich drei Jahre geschunden, hat er viele Genossen in dem Glauben lassen müssen, er habe sich arrangiert mit den braunen Machthabern. Alles für diesen Augenblick. Voraussetzung ist: Er muss aufs Podest.

Es läuft nicht gut für den Deutschen Meister. Für den Start im Halbschwergewicht hat er sechs Kilo abnehmen müssen. Kurz vor den Spielen werden Freunde verhaftet. Dazu kommt die ständige Angst vor der Enttarnung. Alles zusammen ist zu viel für Seelenbinder.

Schon den ersten Kampf gegen den Letten Bietags verliert er, scheinbar ohne Gegenwehr, wie das Fachmagazin „Athletik“ moniert. Im Publikum steht einer auf und brüllt: „Der rote Hund will bloß nicht!“ Seelenbinder kämpft sich mit zwei Siegen zurück, wenn er jetzt den Schweden Cadier besiegt, reicht es noch. Doch kein Griff will ihm gelingen, auch nicht sein berühmter Hüftzug, den sie in der Sowjetunion ehrfürchtig „Seelenbinder“ nennen. Cadier gewinnt deutlich nach Punkten, holt sich die Goldmedaille. Seelenbinder wird Vierter, verpasst den Schritt auf das Siegerpodest.

Für die Nazis werden die Spiele ein gigantischer Propagandaerfolg. Für Werner Seelenbinder sind sie eine kleine Tragödie. Die große Tragödie folgt acht Jahre später. Am 24. Oktober 1944 lässt er sein Leben unter dem Fallbeil des Zuchthauses Brandenburg-Görden.

Werner Seelenbinder wird 1904 in Stettin geboren, er wächst auf im Berliner Bezirk Friedrichshain. Bis Mitte der 30er Jahre hinein bestimmt die Arbeitslosigkeit sein Leben. Die viele freie Zeit verbringt er beim Arbeitersportklub SC Berolina Neukölln. Der Arbeitersport führt zu Weimarer Zeiten ein von den bürgerlichen Vereinen abgekoppeltes Leben mit eigenen Meisterschaften und Auswahlmannschaften. 1928 gehört Seelenbinder zur deutschen Delegation bei der Spartakiade der Roten Sportinternationale in Moskau, der kommunistischen Konkurrenz zu den Olympischen Spielen. Nach der Rückkehr tritt er in die KPD ein.

Bis heute hält sich die Legende, Seelenbinder hätte nach der Zerschlagung des Arbeitersports am liebsten mit dem Ringen aufgehört. Die illegale KPD-Führung aber habe ihn schon damals damit beauftragt, sich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren, um dort nach einem möglichen Sieg das Regime bloßzustellen.

Wahrscheinlich bewegte sich die Causa Seelenbinder in einem sehr viel kleineren Rahmen. Martina Behrendt vom Berliner Sportmuseum hat in den Giftschränken der SED-Archive einen Brief von Seelenbinders Mentor Erich Rochler an die Forschungsstelle der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig gefunden. Rochler schreibt 1962 mit Hinweis auf strikte Geheimhaltung: „Die Partei hat einen solchen Beschluss nicht gefasst, weil wir zu diesem Zeitpunkt bis zu unserer Verhaftung im Jahr 1935 keinerlei Verbindung zum ZK hatten.“ Und: „Diesen Beschluss, die Olympiade 1936 vorzubereiten, hatten wir in eigener Verantwortung gefasst. Schon 1934 begannen die Überlegungen, mit welchen Mitteln und Methoden wir den zu den Olympischen Spielen anwesenden Sportlern zeigen und beweisen können, dass es auch noch ein anderes Deutschland gibt. Dazu gehörte auch der Auftrag an Werner Seelenbinder, sich so vorzubereiten, dass er mit seinen Leistungen in die olympische Kernmannschaft eingereiht wird. „Wir hatten solche Vorstellungen, (...) ans Mikrofon usw. heranzukommen und dort antifaschistisch zu wirken.“

Die Umstellung auf die neuen Verhältnisse fällt Seelenbinder schwer. Im Arbeitersport wird bis zum Schultersieg gerungen, bei den Bürgerlichen entscheidet eine Punktewertung. Einem Freund schreibt er: „Ich habe auch kein Interesse, mich umzustellen, denn es ist traurig zu sehen, wie sich immer mehr Zuschauer vom schönen Ringkampfsport abwenden, weil der Ringkampf durch die einseitige Punktwertung so leidet. Man sieht zu wenig Kampf.“

Seine ersten deutschen Meisterschaften am 20. August 1933 sind ein Heimspiel für Seelenbinder. Gerungen wird in den Festsälen am Märchenbrunnen in Friedrichshain. Als er nach einem dramatischen Turnier als Sieger geehrt wird und die Kapelle das Deutschlandlied spielt, bleibt sein rechter Arm unten. Im Defa-Film „Einer von uns“ spielt Günther Simon den Ringer, mit beiden Händen umklammert er trotzig einen mickrigen Pokal. Die Wahrheit ist wahrscheinlich profaner. Die Siegestrophäe ist eine Plastik zweier kämpfender Stiere aus Bronze, Marmor und Elfenbein und lässt sich schwerlich mit einer Hand greifen.

Dreieinhalb Wochen nach den Meisterschaften wird er verhaftet. „Seelenbinder sitzt seit dem 14.9.33 im Kolumbiahaus (Kdo. Gestapo) ein. Er steht im Verdacht, die Kampfgemeinschaft für rote Sporteinheit illegal weiterzuführen.“ Dieser undatierte Eintrag ist alles, was die Gestapo-Akten hergeben über Seelenbinders Aufenthalt in einem der ersten wilden Konzentrationslager am Berliner Columbiadamm.

Nach kurzer Haft wird er entlassen, darf aber vorerst nicht mehr ringen. Mit dem Argument, Seelenbinder sei eine Medaillenhoffnung für die prestigeträchtigen Olympischen Spiele, setzten einflussreiche Freunde im Ringer-Verband eine Aufhebung der Sperre durch. Sofort kommt er in den Genuss von Privilegien. In Hohenlychen kuriert Seelenbinder eine Knieverletzung aus. Operiert wird er von Himmlers Leibarzt Karl Gebhardt, der nach dem Krieg hingerichtet wird, weil er Häftlingen die Knochen zertrümmern ließ, um Heilmethoden für Kriegsverwundungen zu erforschen.

Im August 1935 wird Seelenbinder zum zweiten Mal Deutscher Meister, er darf mit der Nationalmannschaft nach Schweden. Es ist sein erster Auslandseinsatz, im doppelten Boden seiner Sporttasche versteckt er Flugblätter und Briefe.

Mit der Olympiamannschaft wird Seelenbinder zum Empfang bei Hitler in die Reichskanzlei geladen. 1944 wird er diesen „Empfang beim Führer“ in seinem Gnadengesuch anführen. Zu DDR-Zeiten behauptet ein Genosse, Seelenbinder habe abgesagt: „Bin unpässlich, kann nicht kommen.“ Die Zeitung „Sport im Bild“ präsentiert dazu das Faksimile einer gefälschten Postkarte.

Seelenbinder wird noch drei Mal Deutscher Meister. Mit der Nationalmannschaft reist er zu internationalen Turnieren, bei den Europameisterschaften 1937 in Paris und 1938 in Tallinn wird er jeweils Dritter, aber dann, mit 34 Jahren, ist es genug. Ende 1938 schreibt er einem Freund: „In Zukunft werde ich wohl für den Sport nicht mehr so viel Zeit aufbringen, da ich jetzt gut bezahlte Arbeit habe, aber abwechselnd von 6–14 und von 14–22 Uhr arbeiten muss.“ Im Mariendorfer Eisenwerk Wannheim lässt er sich zum Schweißer ausbilden und stellt seine Tätigkeit als Kurier ein.

Es wird zur Tragik seines Lebens, dass er nach diesem Rückzug ins Private einen alten Freund trifft. Alfred Kowalke hat in der KPD Karriere gemacht. Bei einer konspirativen Reise nach Berlin trifft er 1941 eher zufällig Seelenbinder. Kowalke braucht ein Quartier. Seelenbinder bringt ihn unter. Doch ein Spitzel verrät den ehemaligen Ringer. Am 4. Februar 1942 wird Werner Seelenbinder von einem vierköpfigen Gestapokommando verhaftet. Die Nazis jagen ihn durch acht Gefängnisse, sie foltern ihn und zerschlagen ihm die Nieren. Eine Leipziger Zeitung vermeldet: „Im Halbschwergewicht hat Altmeister Werner Seelenbinder sich auf sein verdientes Altenteil zurückgezogen.“

Einmal bietet sich die Möglichkeit zur Flucht. Dank bestochener Gefängniswärter kann Seelenbinder die Familie seines Bruders besuchen. Er zeigt seinem Neffen die Striemen auf dem Rücken und sagt: „Vergiss nie, was die Nazis deinem Onkel angetan haben.“ Dann kehrt er ins Lager zurück. Eine Flucht lehnt Seelenbinder ab. Er fürchtet Repressalien gegen befreundete Häftlinge und geht ohnehin von einem geringen Strafmaß aus.

Doch dann kommt der 20. Juli 1944, die von Stauffenberg angeführte Verschwörung, und fortan kennt das Regime keine Gnade. Zur Verhandlung vor dem Volksgerichtshof werden halb tot geschlagene Zeugen herangeschleppt, sie geben zu Protokoll, Seelenbinder habe der Partei einen Dienst erweisen wollen und Kowalke ein Quartier besorgt. Seelenbinder bleibt ruhig, er fragt: „Welche Partei? Ich bin in keiner Partei“, aber am 5. August 1944 wird das Todesurteil verkündet.

Zur Vollstreckung wird Seelenbinder nach Brandenburg verlegt. Sein Bruder Erich darf ihn ein letztes Mal besuchen, er berichtet, dass der einst 90 Kilo schwere Athlet auf 60 Kilo abgemagert sei. Seelenbinder will kein Märtyrer sein. Im Todestrakt verfasst er das erste von drei Gnadengesuchen: „Ich möchte es auf meinem beliebten und ehrenvollen Namen nicht haften lassen, als Hochverräter und wegen Feindbegünstigung auf dem Schafott zu enden. Ich bitte deshalb darum, durch schwersten Fronteinsatz beweisen zu dürfen, dass ich ein guter Deutscher bin.“

Alles vergebens. Am 24. Oktober 1944, um 11 Uhr erhält Seelenbinder die Nachricht, dass „der Reichsminister der Justiz vom Gnadenrecht keinen Gebrauch macht“. In der DDR hieß es, Seelenbinder habe auf dem Weg zum Fallbeil eine letzte Botschaft an die Mithäftlinge gerichtet: „Genossen, Kameraden! Bald werde ich nicht mehr unter den Lebenden verweilen. Meinen Kampf für Frieden und Sozialismus muss ich mit dem Leben bezahlen. Ich habe keine Angst vor dem faschistischen Henkerbeil, doch ich bin traurig, dass ich den Zusammenbruch des Faschismus und den Sieg des Sozialismus in Deutschland nicht mehr miterleben kann. Mein Wunsch, die rote Fahne durch Berlin tragen zu dürfen, bleibt mir unerfüllt, doch die Kameraden, die an meine Stelle treten, werden genauso stolz das rote Banner der Freiheit tragen. Genossen, lasst mich in euren Herzen weiterleben!“

Auch das ist eine Fälschung. Seelenbinders Mentor Erich Rochler schreibt 1962 an die DHfK, dass „ein Todeskandidat keine so lange Erklärung abgeben konnte“. An Seelenbinders Stelle habe ein Mithäftling das politische Testament in dessen Sinne verfasst. Sein Abschiedsbrief an den Vater verschwindet nach dem Krieg in den Archiven der SED. In der veröffentlichten Version fehlen ein paar Zeilen – vielleicht, weil sie darauf hindeuten, dass Seelenbinder nicht nur den Widerstandskampf im Kopf hatte.

Was bleibt, ist das Protokoll des Brandenburger Zuchthauses: „Die Vollstreckung dauerte von der Vorführung bis zur Vollzugsmeldung 8 Sekunden.“ Werner Seelenbinders Hinrichtung trägt die Nummer 1502. Bei Kriegsende sind es 1798.

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