Die Geschichte : Kreuz des Südens

Seine Stücke machten Furore in Hollywood, so viel emotionale und physische Wucht lieferte nur er. Und so lebte Tennessee Williams auch

Klassiker: Liz Taylor und Paul Newman in „Katze auf dem heißen Blechdach“.
Klassiker: Liz Taylor und Paul Newman in „Katze auf dem heißen Blechdach“.Foto: Cinetext Bildarchiv

Tennessee – wie das schon klingt! Wie ein kleines Stück Musik, ein Versprechen. Auf Südstaatenpoesie.

Tom hatten ihn die Eltern genannt. So heißen vielleicht Footballspieler, aber nicht Schriftsteller. Und für Football interessierte der Junge sich nicht. Zum Ärger seines Vaters, eines Trinkers und Pokerspielers und Frauenhelden, der den kleinen Sohn als Miss Nancy verhöhnte. Der scheue Junge, von Diphterie und der überfürsorglichen Mutter lange ans Haus gefesselt, las lieber Geschichten und Gedichte oder dachte sich welche aus. Seine Fantasie kannte keine Grenzen: Im Kino wollte er gleich in die Leinwand steigen.

Der Vorname Tennessee ist, wie seine Theaterstücke, eine Erfindung mit tiefen Wurzeln in der Realität. In Mississippi wurde der Schriftsteller vor 100 Jahren, am 26. März 1911, geboren, unter seinen südstaatenaristokratischen Ahnen war auch ein Gouverneur von Tennessee. Der schwüle barocke Süden war der ideale Nährboden für seine Literatur, dieser Kontrast zwischen glorreicher Vergangenheit und rauer Gegenwart, zwischen Magischem und Animalischem.

Tennessee, den Spitznamen gaben ihm auch die Kommilitonen an der Uni in Iowa wegen seines weichen Südstaatensingsangs, den er bis ins Alter pflegte. Das erste Mal benutzte der Schriftsteller den neuen Namen, als er 1938 in einem Hotel in New Orleans abstieg, seiner geistigen Heimat, wie er die geliebte Stadt nannte, die so anders als alle anderen amerikanischen Städte war, so sinnlich, ja erotisch, so opulent und voller Musik. Hier lag der Stoff für seine Dramen auf der Straße – oder fuhr auf dieser herum. „Desire“ stand tatsächlich auf einer Straßenbahn, „A Streetcar named Desire“ („Enstation Sehnsucht“), nannte Williams dann sein berühmtes Stück, das in New Orleans spielt.

Die Rolle des Stanley Kowalski darin machte den jungen Marlon Brando – erst auf der Bühne, dann auf der Leinwand – berühmt, ihn und das hautenge T-Shirt, aus dem er mit seinem Testosteron schier zu platzen schien. Kein anderer Dramatiker des 20. Jahrhunderts hat im Kino so Furore gemacht wie Tennessee Williams. Auch „Katze auf dem heißen Blechdach“, „Glasmenagerie“, „Die Nacht des Leguan“ sind Klassiker, an denen noch heute jede Neu-Inszenierung auf der Bühne gemessen wird.

Einige der Stücke wurden in Hollywood leicht entschärft – so wird die Vergewaltigung Blanches durch Stanley in „Endstation Sehnsucht“ ebenso ausgeblendet wie Briggs Homosexualität (im Film „Katze auf dem heißen Blechdach“geht Paul Newman am Ende doch mit Liz Taylor ins Bett, um den von Big Daddy erwünschten Nachwuchs zu produzieren). Aber immer haben die Filme eine ungeheure emotionale Wucht, bersten von physischer und psychischer Gewalt. Die Intensität des Spiels von Darstellern wie Brando, Paul Newman und Richard Burton, von Liz Taylor oder Anna Magnani passte zur Intensität der lyrischen Texte.

Oft ist das, ähnlich wie bei Fassbinder-Filmen, kaum zu ertragen. Tennessee Williams mutet seinem Publikum viel zu, allein vom Zuschauen der Akteure, gefangen in der feuchten Hitze des Südens wie in ihren Welten und Familien, läuft einem der Schweiß runter. Sie küssen und sie schlagen, ja, sie verschlingen sich – und das nicht nur im übertragenen Sinne. In „Suddenly Last Summer“ wird der schwule Sebastian von den Kindern zerrissen, mit denen er ein gefährliches Spiel gespielt hat, in „Not About Nightingales“ werden renitente Häftlinge zu Tode gegrillt. Katzen kreischen, Menschen brüllen, Kinder trommeln. Für den Bewunderer Tschechows, der weg wollte vom traditionellen, für ihn langweiligen Naturalismus, der ein neues „Plastiktheater“ erfinden wollte, sind Geräusche und Musik, ebenso wie das Licht und die Worte elementarer Teil seiner Sprache. Als Zuschauer ist man versucht, genauso wegzulaufen wie die Figuren, die sich, je nach Temperament, in Gewalt, Illusionen, den Suff oder Wahnsinn flüchten. Als „Land, in dem die Neurosen blühen“ beschrieben Kritiker sein Universum.

Das war ein Theater der neuen Art, sehr roh und sehr zart zugleich, nackter Realismus, gepaart mit Poesie. Auf die Frage, worum es in „Endstation Sehnsucht“ geht, antwortete Tennessee Williams: „Nun, ich glaube, es ist ein Plädoyer für das Verständnis zerbrechlicher Menschen“. Der zerbrechliche Mensch, das ist Blanche, die Nymphomanin, die sich an ihren schönen Traum klammert – Belle Reve, so hieß die verlorene Südstaatenplantage der Familie – und am Ende wahnsinnig wird.

So ein  zerbrechlicher Mensch ist auch Laura in der „Glasmenagerie“. Und deren Vorbild, Rose, des Dramatikers geliebte Schwester, die, hübsch und lebendig, den jüngeren Bruder einst unter ihre Fittiche genommen hatte. „The couple“, das Paar, wurden die beiden Unzertrennlichen genannt. Und sie rückten noch enger zusammen, als sie aus dem Paradies ihrer frühen Kindheit gezerrt wurden. Die ersten Jahre, so lange der Vater als Handlungsreisender unterwegs war, lebten sie mit der Mutter bei den Großeltern in einer Welt der Geborgenheit, der Literatur und Musik. Jetzt aber hatte Cornelius eine feste Stelle in der Schuhfabrik, und holte die Familie nach St. Louis, die fremde, ja, feindliche Großstadt im Mittleren Westen, in der die Kinder wegen ihres Akzents verspottet wurden, und wo sie unentwegt von einer Wohnung in die andere zogen, keine davon besonders groß oder schön.

Die Ehe der Eltern war die Hölle, Sex, den die prüde Mutter, „Miss Edwina“, als reine Strafe empfand, ein Dauerstreitthema. Und Rose wurde als Teenager wunderlich. Aggressiv, obszön, haltlos, kam sie schließlich in eine Anstalt. Die Diagnose: Schizophrenie. In den 40er Jahren wurde sie der damals modernen, stark umstrittenen Lobotomie unterzogen, einer Hirnoperation, die die Patientin still legte. Bis zu ihrem späten Tod, 1996, hat sie in der Anstalt gelebt.

Tennessee kümmerte sich um sie, auch über den eigenen Tod hinaus. Rose war sein wichtigster Lebensmensch, immer wieder taucht sie in seinen Stücken auf, als zarte Seele, als überspannte Südstaatenschönheit, so zerbrechlich wie die Figuren der Glasmenagerie. So verletzlich wie er selbst. „Wounded Genius“ heißt ein Dokumentarfilm über den Autor, der von sich sagte, er könne nur aus dem eigenen Fühlen heraus schreiben.

Die Kunst, glaubte Tenessee Williams, war für ihn ein Ventil, das seiner Schwester fehlte. Er schrieb wie ein Besessener, schrieb und schrieb und schrieb, immer und überall, die Reiseschreibmaschine war der beständigste Begleiter des Getriebenen. Als der Vater ihn aus dem Studium zurückpfiff und in die Schuhfabrik zum Arbeiten schickte, schrieb er die ganze Nacht und das Wochenende durch, bis er zusammenbrach und sich bei den innig geliebten Großeltern erholte. Erst schrieb er Gedichte und Kurzgeschichten, dann Einakter und abendfüllende Dramen, zwischendurch mal ein Drehbuch („Baby Doll“) oder einen Roman („Mrs. Stone und ihr römischer Frühling“), nebenbei noch Briefe und Tagebuch. Er schrieb einen Hit nach dem anderen und dann einen Flop nach dem anderen. Nach John HustonsVerfilmung der „Nacht des Leguan“ (1964) mit Richard Burton, Ava Gardner und Deborah Kerr war es aus mit dem Erfolg. Die Stücke wurden sperriger, experimenteller, und wenn eines überhaupt auf die Bühne kam, wurde es meist ganz schnell wieder abgesetzt. Mit Gusto zerrissen die Kritiker die Dramen. Tennessee Williams schrieb weiter. Erst in letzter Zeit, auch zum 100. Geburtstag, werden die späten Stücke wiederentdeckt.

Rastlos zog er umher, hatte zwar ein Haus mit Swimmingpool in Key West, aber auch da hielt er es nicht lange aus, lebte in Hotels, verbrachte die Sommer in Europa. Bewundernd erzählte er von einem amerikanischen Schriftstellern, der in Tahiti das gefunden hatte, was ihm selber fehlte: „a home of the heart“. Wenn überhaupt, war das Schreiben sein Zuhause. William, klein und zäh, schrieb an gegen die Angst, nicht mehr schreiben zu können, die ihn in schon in jungen, erfolgreichen Jahren verfolgte, und gegen die Furcht, verrückt zu werden.

Für Aufsehen sorgte er am Ende nur noch mit seinen 1975 erschienenen Memoiren. Eine Auftragsarbeit, die er um des Geldes willen annahm, um sich dann genussreich in seinen sexuellen Abenteuern zu suhlen. Tennessee Williams zum Abgewöhnen, geschwätzig, unkonzentriert, ohne Poesie. Ein Erfolg sind die Konfessionen dennoch geworden: So viel Sex wollte sich das Publikum nicht entgehen lassen.

Blanche DuBois in „Endstation Sehnsucht“ fand Thornton Wilder zu komplex für eine Bühnenfigur . „Aber Thornton“, erwiderte Tennessee dem Kollegen, „Menschen sind komplex.“ Das wusste er aus erster Hand. Der Poet war sensibel und launisch, hypochondrisch und emphatisch, hysterisch und liebevoll. Vor allem zum Großvater, einem lebenslustigen kunstsinnigen Pfarrer, der den Jungen als 17-Jährigen auf seine erste große Reise, nach Europa mitnahm, und die oft Wochen miteinander verbrachten. In „Nacht des Leguan“ hat der Enkel ihm ein zärtliches Denkmal gesetzt. Sein Vermögen vermachte der Autor Rose und der University of the South, damit eine Stiftung im Andenken an den Opa bedürftige Schriftsteller fördere.

Gleichzeitig wuchs sein Misstrauen anderen gegenüber, bis hin zum Verfolgungswahn. Mit vielen Gefährten hat er sich überworfen, Truman Capote zum Beispiel, auf den er eifersüchtig war, oder Audrey Wood, seiner Agentin über Jahrzehnte hinweg, die zu ihm hielt, als noch keiner was von ihm wissen wollte, ihm Stipendien organisierte, ihm, der sich mit allen möglichen Jobs über Wasser hielt, einen lukrativen Vertrag in Hollywood verschaffte, ihn bei allen Phasen des Schreibens begleitete. 1971 kündigte er ihr.

Auch von Frank Merlo trennte er sich, seiner einzigen langjährigen Beziehung. Der Arbeitersohn und Kriegsveteran war sein komplettes Gegenteil, so extrovertiert und easygoing wie er selber schüchtern war – „der Bürgermeister von Key West“ wurde Merlo genannt, der sich um alle praktischen Dinge des Lebens kümmerte, für Stabilität in den späten 40er und den 50er Jahren sorgte. Er war so monogam wie der Schriftsteller promisk – ein Tag ohne jemanden abgeschleppt zu haben, sei für Tennessee ein schlechter Tag, bemerkte ein Freund einmal.

Dem Freund hat Williams „Rose Tattoo“ gewidmet, eins der ganz raren Stücke mit Happy End. Ihrer Beziehung war ein solches nicht vergönnt. Nachdem der Dichter sich von seinem Gefährten getrennt hatte, erkrankte dieser an Lungenkrebs und starb. Williams versank in einer tiefen Depression. Schon in den 50er Jahren hatte er an einem einzigen Tag gern mal sechs Cocktails, sechs Glas Wein und einen Schwang Beruhigungs- und Aufputschmittel geschluckt. Jetzt wurde seine Sucht immer schlimmer, „The Stoned Age“ nannte er diese Periode später. Irgendwann ließ ihn der jüngere Bruder in die Psychiatrie zwangseinweisen, aus der er nach drei Monaten Entzug wieder entlassen wurde. Der radikale Schritt hat ihm, da sind sich fast alle einig, das Leben gerettet. Aber für Tennessee war es der schlimmste Vertrauensbruch. Davor hatte er den größten Horror: eingesperrt zu werden.

Bei Tennessee Williams, meinte ein Kritiker, hatten die Stücke viel Ähnlichkeit mit seinem Leben - und das Leben immer mehr Ähnlichkeit mit seinen Stücken. Gestorben ist der Dramatiker dort, wo er so oft lebte, in einem Hotel, am 25. Februar 1983. In New York, ausgerechnet. Mit der Stadt, in der er seine größten Bühnenerfolge feierte, konnte er nichts anfangen, zu nördlich, zu spröde war sie ihm. Erstickt ist er an der Kapsel eines Medikamentenverschlusses.

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