DIE GESCHICHTE : Krieg um Libyen

Italiens großer Irrtum: 1911 dachten seine Militärs, sie würden in Nordafrika als Befreier gefeiert – doch es begann ein grausamer Konflikt mit Massakern und Luftangriffen

Afrikanische Söldner kämpfen für Italien.
Afrikanische Söldner kämpfen für Italien.Foto: ullstein bild - Avocat C. Abenia

Nur eine Woche zuvor hatten die italienischen Truppen schwere Verluste hinnehmen müssen. Nun sollte die Vergeltung folgen. Am 1. November 1911 startete der „Sottotenente“ Giulio Cavotti mit einem Eindecker in den Himmel über Libyen. Ziel waren die Oasen Ain Zara und Tadschura, heute Vororte von Tripolis. Und als er sie erreichte, warf der Pilot vier Zwei-Kilo-Bomben über Bord. Unterleutnant Cavotti hatte damit den ersten Luftangriff der Weltgeschichte geflogen.

Welchen Schaden er anrichtete, ist nicht genau bekannt. Eine türkische Zeitung aber schrieb über die Ereignisse in Libyen, damals noch Teil des Osmanischen Reiches, „dass das Flugzeug ein schreckliches Mittel der Zerstörung ist. Die neue Waffe wird Strategie und Technik revolutionieren“. Doch den Krieg beenden konnte die neue italienische Luftwaffe nicht. Dafür schrieb sie bald schon wieder Geschichte: Cavottis Kamerad Piero Manzini kehrte als erster Pilot überhaupt von einem Feindflug nicht zurück.

Kommen, sehen, siegen – ganz in der Tradition des antiken Imperium Romanum, so sah der Plan aus. Doch der vermeintliche Spaziergang einer mit den damals modernsten Waffen hochgerüsteten Armee geriet zum Desaster im Wüstensand. Dabei hatten vor allem Italiens radikale Nationalisten einen Platz an der Sonne Nordafrikas versprochen. Sie wollten sich und dem noch jungen Staat – Italien war 1911 erst seit 50 Jahren eine einige Nation – Respekt auf der internationalen Bühne verschaffen.

Die Vorstellung von „Grande Italia“ entsprach zunächst eigentlich nicht der Haltung des liberalen Ministerpräsidenten Giovanni Giolitti. Doch innenpolitisch zunehmend unter Druck, trat er 1911 außenpolitisch die Flucht nach vorn an. Als leichte Beute galt Libyen, letzter kolonialer Rest, den das einst so mächtige Osmanische Reich in Nordafrika noch kontrollierte. Ein Krieg gegen das Reich, aus dem später die Türkei hervorging, schien risikolos, erwartete man doch, dass die Araber rasch überlaufen, ja, die Italiener vielleicht sogar als Befreier vom osmanischen Joch begrüßen würden. Damit begann vor 100 Jahren ein Waffengang, dessen verheerende Folgen heute fast vergessen sind. Wenn überhaupt wird an das Nachspiel unter Mussolini und schließlich die Beteiligung der Deutschen mit dem Afrikakorps im Zweiten Weltkrieg erinnert.

Auch in der immer noch mehrheitlich auf den europäischen Kontinent konzentrierten Geschichtsschreibung deutscher Historiker finden sich kaum Darstellungen des Italienisch-Türkischen Krieges 1911/12, die den neueren Stand der Forschung widerspiegeln. Eine Ausnahme ist die letztes Jahr im Verlag C.H. Beck erschienene Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert des Münchner Historikers Hans Woller, die einen starken Fokus auch auf die außereuropäischen Regionen italienischer Politik legt.

Dabei hat sich vor einem Jahrhundert in Libyen ein Kapitel der italienischen Geschichte abgespielt, vor dessen Hintergrund die heutige militärische Zurückhaltung der Europäischen Union im libyschen Bürgerkrieg zwischen Gaddafis Regime und aufständischen Rebellen in einem neuen Licht erscheinen sollte. Denn die Analyse dieses verdrängten Kapitels ist elementar für das Verständnis der gegenwärtigen Situation in einer Region, die für den Westen wieder rasant an Gewicht gewonnen hat – sicherheitspolitisch wie ökonomisch.

Nordafrika geriet im 19. Jahrhundert ins Fadenkreuz europäischer Expansionswünsche. Im April 1881 waren französische Truppen in Tunesien einmarschiert und hatten ein Protektorat errichtet. Italien fürchtete, ganz Nordafrika würde unter französische und britische Kontrolle geraten – die Briten besetzten 1882 Ägypten. Doch um die Jahrhundertwende normalisierten sich die Beziehungen zwischen Paris und Rom, Nordafrika wurde in Interessengebiete aufgeteilt: Frankreich wandte sich nach Marokko, Italien erhielt mit Zustimmung der anderen europäischen Mächte freie Hand in Libyen. Es fehlte nur noch die günstige Gelegenheit.

Die bot sich im Frühjahr 1911. Die Franzosen bekämpften Unruhen in Marokko – für Italiens Nationalisten willkommener Anlass, eine groß angelegte Propagandakampagne für eine Militäraktion in Libyen zu starten. Einer ihrer radikalsten Wortführer, der Schriftsteller und Dramaturg Enrico Corradini, reiste eigens nach Nordafrika, um Tripolitanien und die Cyrenaika, also das Gebiet des heutigen Libyens, in zahlreichen Presseartikeln als ein Paradies mit reichen Bodenschätzen und fruchtbarem Ackerland zu schildern, wohlwissend, dass das Land zu den ärmsten Regionen der Welt zählte.

Doch Fakten interessierten auch viele italienische Zeitungen nicht. Da Jahr für Jahr hunderttausende Italiener ihre Heimat auf der Suche nach einem besseren Leben verließen, behauptete „La Stampa“: „In Tripolitanien liegt die Lösung des Problems der Emigration und des Südens.“ Tripolitanien könne „Millionen Italiener aufnehmen, die dort für sich und für das Vaterland arbeiten“. In dieser Medienkampagne sieht auch der italienische Historiker Angelo Del Boca, spezialisiert auf die Kolonialära seines Landes, eine Zäsur: Zum ersten Mal in der Geschichte Italiens wurden propagandistische Kommunikationsmittel so massiv eingesetzt, dass sämtliche Bevölkerungsschichten erreicht wurden. Und Libyen sollte nur der Anfang sein, wie der Dichter Gabriele D’Annunzio euphorisch betonte.

In diesem Italien des Frühjahrs 1911, berauscht an sich selbst und seiner vermeintlichen Machtentfaltung, drangen besonnene Stimmen nicht durch, weder von Wirtschaftsfachleuten, die sich eine realistische Sicht auf die begrenzten Ressourcen Libyens bewahrt hatten, noch von Militärexperten, nach deren Einschätzung ein Feldzug in Nordafrika mitnichten der erwartete „Spaziergang“ werden würde. Sie sollten recht behalten. Die italienischen Soldaten konnten zwar schnell den Küstenstreifen erobern. Ins Landesinnere vorzudringen gelang ihnen selbst dann nicht, als ihre Truppenstärke von 34 000 auf 100 000 Mann angestiegen war. Das lag nach Hans Wollers Analysen zum einen an der mangelhaften Planung und Vorbereitung des Feldzuges, zum anderen an rasch grassierenden Krankheiten wie der Cholera, die empfindliche Lücken in das Heer rissen. Hinzu kam der erbitterte Widerstand der osmanisch-arabischen Allianz. Denn statt die Italiener wie erwartet willkommen zu heißen, riefen die Beduinen unter der Führung der islamischen Senussi-Bruderschaft den „heiligen Krieg“ aus.

Die italienischen Soldaten hatten selbst zum Widerstand beigetragen. Italiens Offiziere begegneten den libyschen Stammesführern herablassend, selbst kleinere Anzeichen von Ungehorsam wurden mit brutaler Grausamkeit beantwortet. Den Höhepunkt erreichten die Exzesse, nachdem die italienischen Streitkräfte am 23. Oktober 1911 in einem Gefecht bei Sciara Sciat in der Nähe von Tripolis mehr als 500 Mann verloren hatten. Der Luzerner Historiker Aram Mattioli urteilt: „In einem regelrechten Pogrom ermordete eine aufgebrachte Soldateska innerhalb von fünf Tagen wahllos Tausende von Einheimischen, brannte ihre Häuser nieder und beschlagnahmte ihr Vieh.“

Zugleich nutzte Italien seinen libyschen Feldzug, um sich als Pioniernation des Luftkrieges zu profilieren. Zwei Luftschiffe und am Ende 28 Flugzeuge kamen zum Einsatz. Italiens Zeitungen begrüßten den ersten Bombenangriff auf Zivilisten in Libyen. Italienische Piloten flogen dort auch die ersten Aufklärungsflüge bei Nacht und 1912 die ersten Nachtbombardements. Italiens Luftwaffe wurde in Nordafrika zudem Vorreiter bei der Kooperation mit Marine und Heer, das rund 4000 Araber nach Süditalien verschleppte, wo sie in den Lagern der Strafinseln Ponza und Tremiti unter unmenschlichen Bedingungen interniert wurden.

Doch trotz des massiven Einsatzes überlegener Waffensysteme und der Rekrutierung somalischer und eritreischer Söldner kamen die Italiener nicht über den libyschen Küstenstreifen hinaus. Das hinderte Rom aber nicht, Libyen bereits im November 1911 offiziell zu annektieren. Als das dafür notwendige Gesetz vier Monate später im Parlament zur Abstimmung vorgelegt wurde, stimmten 431 von 470 Abgeordneten für die Annexion. Auch hieran lässt sich nach Wollers Untersuchungen erkennen, wie sehr der nationalistische Taumel Italiens die Sinne seiner Bürger verwirrt und das Gefühl für Recht und Freiheit betäubt hatte, das in der Gründergeneration des lange geteilten Landes einst so lebendig gewesen war. Bereits 1914 stellte der deutsch-italienische Soziologe Robert Michels fest, dass die Eroberung Libyens das „Nationalgefühl der Italiener“ verändert habe: Es sei hochmütig und aggressiv geworden, urplötzlich seien „imperialistische Gefühle“ erwacht, „unter den fortschrittlichen Nationen Europas – koste es, was es wolle – jenen Platz zu besetzen“, der Italien „aufgrund seiner Zivilisation und seines Genies“ zustehe.

Auf die Situation in Libyen hatte die Verabschiedung des italienischen Annexionsgesetzes keinen Einfluss. Ein Friede war nicht in Sicht. Daher trug Italien den Krieg nun vor die Tür des osmanischen Gegners: Im April und Mai 1912 besetzten italienische Einheiten die griechische Inselgruppe Dodekanes. Rom drohte mit weiteren Offensiven. Das Osmanische Reich stimmte am 18. Oktober 1912 der Abtretung von Tripolitanien und der Cyrenaika an Italien im Friedensvertrag von Ouchy am Genfer See zu.

Doch der Krieg war damit immer noch nicht zu Ende. Denn die arabischen und berberischen Stämme fühlten sich keineswegs an diesen Vertrag gebunden. Ihre Guerillataktik brachte den italienischen Truppen weiter Verluste bei. Sie wurden mit Repressalien beantwortetet, die nach Wollers Einschätzung „noch schrecklicher waren als die schrecklichsten der anderen Kolonialkriege“, die europäische Mächte im 19. Jahrhundert führten.

Es sollte bis zum Sommer 1914 dauern, dass sich die Italiener zumindest in Tripolitanien als Herren der Lage fühlen konnten. In der Cyrenaika, dem Ostteil des Landes von Benghasi bis zur ägyptischen Grenze, blieb ihnen dies weiterhin verwehrt, zumal mit dem Ersten Weltkrieg die vom Osmanischen und vom Deutschen Reich unterstützte „große Revolte der Araber“ begann und die italienischen Truppen in Europa gebraucht wurden.

Wie hoch die Verluste waren, die Italien erlitt, ist nicht genau bekannt. Schätzungen gehen von fünf- bis zehntausend Soldaten aus. Ungleich größer waren die Opfer, die die einheimische Bevölkerung zu beklagen hatte. Zu den Zehntausenden, die in Gefechten und Guerillakämpfen starben, rechnet Woller die Menschen hinzu, die verhungerten, da ihr Land verwüstet und ihre traditionellen Handelsverbindungen zerstört wurden: Allein in der Cyrenaika sank die Zahl der Einwohner von 300 000 im Jahr 1911 auf 120 000 nur vier Jahre später. Und das Leiden der Libyer hatte damit noch kein Ende. Als Mussolini in den 20er Jahren die Wiedereroberung Libyens anordnete, kam die Luftwaffe zurück, diesmal warf sie Giftgas über den Oasen ab. Nomaden wurden in Konzentrationslagern interniert, ihr Vieh geschlachtet. Trotzdem konnte der italienische Gouverneur erst 1932 in Rom verkünden, die Region sei unter Kontrolle.

Bis heute gilt die Gewalteskalation in Libyen vor 100 Jahren als ein Thema, über das man in Italien ungern spricht. Auch in diesem Sinne war Roms nordafrikanisches Abenteuer das Vietnam Italiens.

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