Die Geschichte : Martin Luther King in Ost-Berlin

Im September 1964 hat die Marienkirche am Alexanderplatz überraschenden Besuch. Amerikas prominentester Bürgerrechtler sagt: „Keine Grenze kann Gottes Kinder trennen.“

Stefan Appelius
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Martin Luther King 1964 in Berlin.Foto: pa/akg images

Grenzübergang „Checkpoint Charlie“, 13. September 1964, kurz nach 19 Uhr. Eine Limousine mit amerikanischem Kennzeichen hält an der Schranke. Im Fond sitzen ein dunkelhäutiger Mann und seine Frau. Die Wachen erstarren. Sie kennen den Mann, es ist Martin Luther King, das „Neue Deutschland“ hat über den amerikanischen Bürgerrechtler bereits berichtet, er gilt als ein potenzieller Bündnispartner im Westen. Er werde in der Hauptstadt der DDR erwartet, sagt King, leider habe er jedoch keinen Ausweis bei sich. Den haben ihm Mitarbeiter des State Departement zuvor abgenommen, um seinen Ausflug in den Osten zu verhindern.

Einer der Grenzer verschwindet im Abfertigungsgebäude. Es dauert eine gute halbe Stunde, bis er zurückkehrt. Die Dame müsse leider aussteigen. Für den Herrn Pfarrer werde man eine Ausnahme machen. „Irgendwie“ müsse sich der Amerikaner allerdings beim Grenzposten legitimieren. „Reicht Ihnen das?“, fragt King und legt seine American-Express-Kreditkarte vor. Der Grenzer nickt kurz. Dann öffnet sich die Schranke.

Der Besuch des Vorkämpfers für den gewaltlosen Widerstand kommt ungelegen. 14 Stunden zuvor, kurz nach Sonnenaufgang, liefern sich ostdeutsche Grenzer mit West-Berliner Polizisten und amerikanischer Militärpolizei ein Feuergefecht in der Nähe der Grenzübergangsstelle Heinrich-Heine-Straße. Minutenlang knattern automatische Gewehre in Kreuzberg. Im Verlauf der Schießerei gelingt es einem amerikanischen Sergeant, den von fünf Kugeln schwer verletzten 21-jährigen DDR-Flüchtling Michael Meyer aus Fredersdorf mit einem Seil über die Mauer in den Westen zu ziehen, während Volksarmisten mit Stahlhelmen die Laufgräben im Todesstreifen besetzen und zwei ostdeutsche Schützenpanzerwagen bedrohlich Position beziehen.

"Das ist unfassbar", sagt King

Als Martin Luther King von dem Zwischenfall erfährt, eilt er sofort an den Ort des Geschehens. Und der 35-Jährige ist nicht allein. Seit er an diesem Samstag auf dem Flughafen Tempelhof gelandet ist, ist er ständig von einem Riesenaufgebot an Reportern, Fernsehkameras und Mikrofonen umgeben. Sein Kampf gegen die Unterdrückung der Afroamerikaner und vor allem seine im Vorjahr in Washington vor einer Viertelmillion Menschen gehaltene Rede „I have a dream“ haben ihn prominent gemacht. Sein größter Erfolg liegt erst wenige Wochen zurück: die Aufhebung der Rassentrennung in den Vereinigten Staaten. Damit hat er sich auch hinter dem Eisernen Vorhang einen Namen gemacht. In Ost-Berlin wurde der Reverend für sein Engagement als „geistiger Vater“ einer „revolutionären Massenbewegung“ gefeiert.

King nimmt die Einschusslöcher in einer West-Berliner Hauswand in Augenschein, die nachträglich verputzten Stellen neben der Haustür der Stallschreiberstraße 42 kann man noch heute sehen. Er besucht eine Wohnung, in der Projektile einen Teil der Einrichtung zerstört haben. „Das ist unfassbar“, sagt er einem Reporter. Der Vorfall zeige, wie wichtig die internationale Entspannung sei. Die Methode des gewaltlosen Widerstandes könne überall funktionieren, aber: „Es gibt für die einzelnen Gebiete und Länder keine Rezepte der Anwendung. Ich jedenfalls weiß für Ihr Land kein solches Rezept.“

Gerhard Schmitt hat auch einen Traum: Einmal wieder ein volles Haus haben. Der 53-Jährige ist als Pfarrer in der DDR Kummer gewohnt. Seit Jahren versucht das Regime, die Position der Kirche zu schwächen. Aber Schmitt hält dagegen. Vor allem die Jugendweihe ist ihm ein Dorn im Auge. Und die Geschichtsbücher in der Schule hält er für Klassenkampf. Christliche Eltern dürften ihre Kinder nicht dorthin schicken, wo so etwas gelehrt werde, hat er noch vor wenigen Jahren erklärt. Doch dieser Kampf ist auf Dauer nicht zu gewinnen. Und Schmitt muss registrieren, dass es in seiner Kirche immer leerer wird.

Die Kirche hat eingeladen - nicht der Staat

Was er an jenem Sommerabend erlebt, das wird er bis an sein Lebensende nicht vergessen. Nur ein paar Schritte vom Roten Rathaus entfernt, vor dem Eingang der altehrwürdigen Marienkirche, drängen sich die Menschen. Es müssen mehr als tausend sein. Der Anfang des Jahres neu ernannte Generalsuperintendent für Ost-Berlin bahnt sich nur mühsam einen Weg ins Innere seiner Kirche, vorbei am Eingang, an dem eine Tafel mit Steckbuchstaben den „Ökumenischen Gottesdienst“ mit Dr. Martin Luther King ankündigt. Die Kirche – und nicht irgendeine staatliche Institution – hat den prominenten Reverend nach Ost-Berlin eingeladen.

Auch im Innern des Gotteshauses ist alles voller Menschen, die dicht gedrängt erwartungsvoll miteinander tuscheln – darunter auffallend viele Jugendliche, die sich normalerweise eher selten hierherverirren. Erst vor wenigen Tagen hat Gerhard Schmitt seine evangelischen und freikirchlichen Amtsbrüder in Ost-Berlin dazu aufgefordert, in ihren Gemeinden intensiv für den Besuch des Amerikaners zu werben.

Nicht einmal ein Jahr ist es her, da wurde ein damaliger Pfarrer der Marienkirche festgenommen und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Man warf ihm „fortgesetzten Menschenhandel“ und die Unterstützung des West-Berliner Büros der CIA vor. Mitarbeiter der Volkspolizei und des Staatssicherheitsdienstes durchwühlten ohne Erlaubnis kirchliche Amtsräume und drangen auf der Suche nach ausländischen Pässen selbst in die Gruft des Gotteshauses ein.

Das Gotteshaus ist überfüllt

Diese rigiden Methoden sind kein Einzelfall. Seit Jahren geht das SED-Regime mit der Abrissbirne gegen jahrhundertealte Kirchengebäude vor. In jüngster Zeit waren die Luisenstadtkirche in Berlin und St. Katharinen in Magdeburg an der Reihe. Sie müssen im Rahmen der „sozialistischen Neugestaltung“ der Innenstädte verschwinden.

Auch Gerhard Schmitt wird auf Schritt und Tritt überwacht, darunter etliche hauptamtliche Mitarbeiter aus dem Mielke-Ministerium und kirchliche Zuträger. In einer Stasi-Akte heißt es über den Patenonkel des zu dieser Zeit noch gänzlich unbekannten Joachim Gauck, des späteren ersten Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR: „Schmitt gehört zu den aktivsten Gegnern aller progressiven Bestrebungen in den Kirchen der DDR; er leistet den politisch-klerikalen Kräften in Westdeutschland besonders dadurch Dienste, dass er an der Ausarbeitung von Konzeptionen ganzer Kampagnen weltanschaulicher Art gegen die DDR sich beteiligt.“

Inzwischen ist die Menschenmenge vor der Marienkirche ganz unüberschaubar geworden, obwohl der Gottesdienst erst in einer Stunde beginnen soll. Gerhard Schmitt in seinem schwarzen Lutherrock mit dem silbernen Kreuz auf der Brust verschafft sich vor dem Hauptportal der Kirche Ruhe. Er müsse das Gotteshaus wegen Überfüllung schließen, erklärt er den wartenden Menschen. Wegen des großen Andrangs werde Dr. King heute Abend aber noch einen weiteren Gottesdienst in der nahe gelegenen Sophienkirche abhalten, kündigt er an.

My Christian Friends in East Berlin

Da geht ein Raunen durch die Menge. Die Limousine nähert sich. In Sekundenschnelle ist der Wagen umringt. Mit Mühe gelingt es Schmitt, den prominenten Gast und seinen Dolmetscher durch das Gedränge in die Marienkirche zu schleusen. Ein Teilnehmer erinnert sich, dass es an jenem Abend in der Marienkirche so eng gewesen sei, dass man in dem riesigen Kirchenraum „kaum noch Luft“ bekommen habe.

In seiner Begrüßung sagt Schmitt, dass es vor Gott keinen Wertunterschied zwischen Schwarz und Weiß gebe und fügt hinzu: „Wir wissen um unsere Schuld als deutsches Volk. Aber wir haben auch einen besonderen Nerv dafür bekommen, im Völkergeschehen darauf zu achten, wenn irgendwo auf der Welt Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder auch ihres Glaubens um ihre Rechte und Menschenwürde kämpfen müssen.“ Das sind klare Worte, die Schmitt eine weitere Eintragung in seine Stasi-Akte sichern. Viele Jahre später schreibt er in seinen unveröffentlichten Erinnerungen: „Für uns selbst war die Begegnung mit M. L. King eine Stärkung, für mich persönlich eine Bestätigung meines Einsatzes.“

Als Schmitt verstummt, richten sich alle Blicke auf den Amerikaner. Es herrscht gebannte Stille. King öffnet den Mund und sagt: „My dear Christian Friends in East Berlin“. Da setzt plötzlich der Kirchenchor ein, und lauthals ertönt der Spiritual „Go down Moses“, in dem sich immer wieder der bemerkenswerte Satz „Let my people go“ wiederholt. Den Gottesdienstbesuchern scheint es, als ob die dreischiffige gotische Hallenkirche in ihren Grundfesten bebt.

"Eines Tages werde wir frei sein"

Dann wird es wieder ganz still. Er überbringe Grüße aus West-Berlin und aus Amerika, sagt King. Er sei zu kurz in Berlin und wisse zu wenig, um sich zu trauen, „das Wort Gottes für Eure Situation“ zu sprechen. „Es ist wahrhaftig eine Ehre, in der Stadt zu sein, die Symbol der Teilung durch Menschen auf dieser Erde ist. Hier sind auf beiden Seiten der Mauer Gottes Kinder, und keine durch Menschenhand gemachte Grenze kann diese Tatsache auslöschen.“ Der Reverend spricht über das Leben der Afro-Amerikaner in den Vereinigten Staaten. Es ist die gleiche Predigt, die er ein paar Stunden zuvor schon vor 20 000 Menschen in der West-Berliner Waldbühne gehalten hat.

Die Gemeinde zu seinen Füßen lauscht in gebannter Stille. „Überall, wo Menschen die trennenden Mauern der Feindschaft abbrechen, da erfüllt Christus seine Verheißung“, sagt King, und fügt hinzu: „In diesem Glauben können wir aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung hauen. In diesem Glauben werden wir miteinander arbeiten, miteinander beten, miteinander für die Freiheit aufstehen in der Gewissheit, dass wir eines Tages frei sein werden.“

Nachdem das letzte Hallelujah verklungen ist, eilen viele Menschen zur Sophienkirche, um auch den zweiten Gottesdienst mitzuerleben. Andere bleiben, zu Dutzenden, um Autogramme zu ergattern, Fragen zu stellen oder ein Händeschütteln zu erhaschen. Frauen drängen nach vorn. Sie umarmen den Amerikaner, es entsteht ein undurchdringliches Knäuel an Leibern. „Come again – please!“, ruft einer. Der Bürgerrechtler – im schwarzen Anzug, mit grau gestreifter Krawatte – geht geduldig auf die ihn umgebenden Menschen ein, während Kameras klicken und suchende Hände in die Luft ragen.

Die Stimmung ist gelöst, geradezu fröhlich

Inzwischen drängen sich auf den seitlichen Emporen der nahe gelegenen Sophienkirche schon derart viele Menschen, dass es an ein Wunder grenzt, dass sie nicht einstürzen. Zuschauer stehen auf den Gängen, sitzen auf der Barriere der Empore, hocken um Altar und Taufbecken. Einige haben ihr Abendbrot aus mitgebrachten Taschen ausgepackt. Gottesdienste sehen anders aus. Dies ist vielmehr ein Happening, ein politisches Ereignis. Als King schließlich mit einiger Verspätung erscheint, schmettern ihm nicht enden wollende Choräle entgegen, andere applaudieren, während er auf die Kanzel steigt.

Anschließend wird King in das Evangelische Hospiz am Bahnhof Friedrichstraße gefahren. Im Restaurant des Hotels sitzen die Kirchenleute im kleinen Kreise dicht gedrängt beisammen. Weinflaschen werden entkorkt, ein Imbiss gereicht. Die Stimmung ist gelöst, geradezu fröhlich. Zu später Stunde erscheint Schmitts Tochter Gesche, auch sie erhält ein Autogramm, sogar mit Widmung.

Erst kurz vor Mitternacht steigt Martin Luther King wieder in seine Limousine, um durch die Friedrichstraße über den Checkpoint Charlie zurück ins noble Gästehaus des Berliner Senats am kleinen Wannsee zu gelangen – am nächsten Morgen sitzt er schon im Flieger nach München. Die fünf Stunden von Ost-Berlin bleiben sein einziger Besuch hinter dem Eisernen Vorhang.

Einen Monat später, Mitte Oktober 1964, wird in Oslo verkündet, dass Martin Luther King den Friedensnobelpreis erhält. Für die „Time“ ist er der „Mann des Jahres“. Seinen Kampf gegen die Rassentrennung setzt er fort. Vier Jahre später wird Martin Luther King von einem weißen Rassisten in Memphis im US-Bundesstaat Tennessee erschossen.

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