Die Geschichte : Prinz Dandy

Edward VII. hat fast sein ganzes Leben auf den englischen Thron gewartet – doch er hat sich dabei gut amüsiert: mit Jagen, Gelagen und Frauen. Prinz Charles’ Ur-Uropa starb 1910. Ein Porträt

Edward VII in einer zeitgenössischen Karikatur.
Edward VII in einer zeitgenössischen Karikatur.Abb: Ullstein Bild

Armer Bertie.

Kein gutes Haar ließ die Mutter an ihm. Dumm und und faul und schwach, so schilderte Queen Victoria ihren ältesten Sohn Albert Edward, in der Familie nur Bertie genannt, in ihren Briefen an Tochter Victoria. Seinen Kopf fand sie zu klein, seine Nase zu groß, zu fett war er ihr auch. Kaum hatte sie mal seine freundliche Art, seine Warmherzigkeit gelobt, zog sie schon wieder den Knüppel raus. „Poor Bertie“, so spricht sie dauernd von ihm, als wäre er ein bisschen zurückgeblieben. „Der arme Bertie ärgert uns sehr.“

Ein Intellektueller würde er in der Tat nie werden, vom Bücherlesen hielt der 1841 Geborene auch als Erwachsener nicht viel. Aber selbst wenn er der schönste und klügste Prince of Wales aller Zeiten gewesen wäre – neben Victorias abgöttisch geliebtem Mann Albert von Sachsen-Coburg und Gotha („so groß, so gut, so fehlerfrei“) hätte er nie eine Chance gehabt. Albert Albert über alles.

Dieser hatte kaum eine bessere Meinung von seinem Sohn. Einen solchen Faulpelz habe er noch nie erlebt. Und „normalerweise ist sein Intellekt nicht mehr wert als eine Pistole, die ganz unten im Koffer liegt, wenn man in den Appeninen überfallen wird, wo es von Räubern nur so wimmelt.“

Gemeinsam hatten die Eltern das rigorose Erziehungsprogramm für den kleinen Thronfolger festgelegt. Zum Spielen blieb keine Zeit – der Prinz musste lernen. Montags bis samstags, von morgens um acht bis abends um sieben, selbst auf Reisen waren ihm keine Ferien vergönnt. Auf dem Stundenplan des Jungen standen Algebra, Ökonomie und Chemie, die Lektüre der Klassiker auf Deutsch, Englisch, und Französisch, das Schreiben von Essays über historische Themen, Kartenzeichnen, Latein, Klavierunterricht (vergeblich), Tanzen, Reiten. Kein Wunder dass der Junge jähzornig wurde und gern um sich schlug.

Als er, mit 13, das erste Mal nach Paris kam, erklärte er Napoleon III.: „Ich wäre gern Ihr Sohn.“

Nach Frankreich hätte Bertie tatsächlich besser gepasst als ins viktorianische England. Für nichts interessierte er sich zum Entsetzen seines Vaters so sehr wie für Fragen der Kleidung. Sechsmal am Tag, so heißt es, zog er sich um, regte sich auf, wenn ein Knopf an einer falschen Stelle saß. In Fragen der Mode gab er in England den Ton an. Ihm verdanken der Stehkragen und der Homburger ihren Aufstieg (nach Homburg fuhr er regelmäßig zum Kuren), ein großkariertes Karomuster trägt bis heute seinen Namen: Prince of Wales Check. Kein gesellschaftliches Ereignis ließ er aus, nach Henley fuhr er zur Ruderregatta, nach Ascot zum Pferderennen, auch dem Glücksspiel war er ausgesprochen zugetan. In Paris tanzte er im Maxim’s, lud Sarah Bernhardt ins Café Anglais und besuchte das Bordell. Im Theater, in das er so gern wie in die Oper ging, goutierte er vor allem leichte Kost. Auf dem Teller durfte es dann schon schwerer sein. Edward liebte das Essen so sehr wie die Frauen. Und diese ihn.

Die Aussicht, dass Bertie ihr Amt übernehmen würde, erfüllte Queen Victoria schon vor seiner Volljährigkeit mit Entsetzen. Also hielt die Mutter ihren ältesten Sohn fern von der Macht, wies die Regierungsmitglieder an, ihm keine vertraulichen Dokumente zu zeigen. Nicht einmal größere repräsentative Aufgaben mochte sie ihrem Sohn übertragen, obwohl sie selbst sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück hielt seit dem frühen Tod ihres geliebten Albert 1861.

Und auch den lastete sie ihrem Sohn an. Kurz zuvor war dessen Affäre mit einer jungen Schauspielerin bekannt geworden. Auch wenn Bertie dieser abschwor – Albert sei so krank vor Sorgen gewesen, so die Queen, dass er deswegen an Thyphus erkrankt und gestorben sei.

Armer Bertie. 59 Jahre und 74 Tage musste er warten, bis er endlich sein Amt antreten konnte, König von Großbritannien und Kaiser von Indien wurde – womit er alle Rekorde als Thronfolger im Wartestand brach und bis zum Januar letzten Jahres auch hielt, als Prince Charles ihn in dieser Rolle überholte. Zwei Leidensgenossen: Der 21. Prince of Wales hat kaum weniger unter dem mangelnden Zutrauen seiner Mutter und dem Spott der Medien zu leiden gehabt als sein Ur-Ur-Großvater.

Dabei hatte Edward zum Warten gar keine Geduld. So locker sein Lebenswandel auch war: Unpünktlichkeit konnte er gar nicht ertragen. Und außerdem hatte er keine Zeit zum Warten auf den Thron. Es gab so viel zu tun. Neben den schon erwähnten Passionen war er auch noch leidenschaftlicher Kartenspieler und Jäger – mit entsprechender Gesellschaft mussten an einem einzigen Tag auf seinem Landsitz schon mal 6000 Kaninchen dran glauben.

Und dann waren da ja noch die Frauen. 1863 hatte der Kronprinz die dänische Prinzessin Alexandra geheiratet, eine schöne, charmante, später allerdings zunehmend schwerhörige Frau, die innerhalb weniger Jahre sechs Kinder auf die Welt brachte. Bis zum Lebensende waren die beiden sich durchaus zugetan, sie teilten auch den Sinn für Humor. Und das, obwohl Bertie die Finger nicht von den Frauen lassen konnte. Die Zahl seiner Affären ist Legion.

Doch irgendwann wurde auch Bertie solide und beständig. 1898 lernte er die fast 30 Jahre jüngere Alice Keppel kennen, offenbar für beide Liebe auf den ersten Blick und bis zu Edwards letztem Atemzug vor 100 Jahren, am 6. Mai 1910. Die letzte Geliebte – „La Favorita“– war keine junge Schauspielerin, sondern eine Dame der guten Gesellschaft, Tochter eines Admirals, verheiratet und Mutter, die teilweise auch des Königs politische Beraterin wurde.

Alexandra scheint die Untreue ihres Mannes mit erstaunlicher Gelassenheit ertragen zu haben, auch weil sie froh war, dass die Geliebte ihren reizbaren Mann bei Laune hielt, wie dessen Biograph Christopher Hibbert schreibt. Als Edward im Sterben lag, ließ sie Alice Keppel schnell noch rufen, damit sie sich verabschieden konnte. „Schließlich“, so soll Alexandra kurze Zeit später gesagt haben, „hat er mich am meisten geliebt“.

Das Verhältnis wurde stillschweigend toleriert, man lud die Keppels und die Waleses zu den selben Festen ein. Und wenn Bertie wie jedes Jahr in die Sommerfrische nach Biarritz fuhr, dann machte auch die mondäne Alice Keppel, die immer eine Zigarettenspitze in der Hand hielt, dort Urlaub, in der Villa von Edwards Finanzberater Ernest Cassel. Ihre Kinder hatte sie selbstverständlich dabei, die nannten den Monarchen nur „Kingy“. Das Königlein.

Das ist er 1901 geworden. Queen Victoria hatte schon unzählige Thronjubiläen gefeiert und zehn Premierminister überlebt, als sie schließlich mit 81 Jahren starb. Auch wenn der Tod also alles andere als überraschend kam, verfielen viele plötzlich in Panik. „Gott helfe uns allen“, stöhnte ein Mitglied der Königsfamilie. Henry James, dieser feine amerikanische Schriftsteller, der England zu seiner Wahlheimat erkoren hatte, wurde regelrecht ausfallend; für ihn war Edward der Inbegriff des Vulgären, ein Fresssack, der seine fetten Patschefinger nicht von den Frauen lassen konnte.

„Der König ist liebenswürdig, heiter und nicht ohne Würde“, meinte der für die Inszenierung der Staatsakte zuständige Lord Esher – „aber zu menschlich.“

Doch gerade seine Menschlichkeit machte ihn, wenn nicht in der Politik, so doch in der Bevölkerung zu einem beliebten Monarchen. Damit hatte niemand gerechnet: dass der Bonvivant und Partylöwe einen gar nicht so schlechten König abgeben würde. Mit demselben Enthusiasmus wie vorher ins Leben (das er auch jetzt nicht vernachlässigte) stürzte er sich nun in sein Amt. Vor allem als Diplomat konnte er einige Erfolge verbuchen. Schon immer war der ruhelose Edward leidenschaftlich gern gereist: Berlin, Wien Paris, Marienbad, Cannes, St. Petersburg… Auf seinen großen Reisen nach Indien und Amerika als junger Prince of Wales hatte seinem Land viele Sympathien eingebracht. Und nicht zuletzt durch die (von der Mutter geschickt eingefädelten) Eheschließungen seiner Geschwister und seine eigene war er praktisch mit sämtlichen Königshäusern auf dem Kontinent verwandt. „Europas Onkel“ wurde er deswegen oft genannt. „Uncle of Europe“, so hat auch Gordon Brook-Shepherd seine Biographie betitelt, in der er Edward VII. als letzten englischen Monarchen bezeichnet, „der einen starken persönlichen Einfluss auf die Außenpolitik ausgeübt hat“. Für den Historiker war der arme Bertie ein europäischer Staatsmann.

Als dessen größte Leistung gilt der Abschluss der legendären Entente Cordiale 1904, des „Herzlichen Einverständnisses“ zwischen Frankreich und Großbritannien. Später gewann er auch Russland als Bündnispartner dazu.

Das Verhältnis zu Deutschland war dagegen eher angespannt, schon der strenge Vater hatte ihn vorbelastet. (Wobei es heißt, dass Edward, der schon als ganz kleiner Junge Deutsch lernen musste, noch als Erwachsener im Englischen das R sehr germanisch rollte.) Vor allem seinen Neffen Wilhelm II. konnte er nicht leiden, den Sohn seiner Schwester Victoria, die Friedrich Wilhelm von Preußen geheiratet hatte. Schon bei Edwards Hochzeit war der vierjährige Wilhelm unangenehm aufgefallen. Zu Queen Victoria sagte er „Ente“, in der Kirche schmiss er mit Sachen rum, Edwards Brüdern biss er kräftig ins Bein.

Immer wieder gab es politische Differenzen. Im Streit um Schleswig-Holstein zum Beispiel, auf das sowohl Deutsche wie Dänen Anspruch erhoben, stand Edward fest auf der Seite seiner dänischen Frau und ihrer Familie, auch im französisch-preußischen Krieg machte er klar, wo seine Sympathien lagen.

Interessanter- oder konsequenterweise wurde nur ein Jahr nach des Königs Tod die deutsch-britische King Edward VII. Stiftung gegründet, um den Austausch und das Verständnis zwischen den Ländern zu fördern. Treibende Kraft war Sir Ernest Cassel, der als 16-Jähriger nach England gekommen war, ein erfolgreicher Geschäftsmann und Edwards Finanzberater, der den König noch am Tag seines Todes besucht hatte, und der mit 100 000 Pfund den Grundstock für die Stiftung legte. Der Hamburger Bankier Max Warburg legte noch mal zwei Millionen Reichsmark obendrauf. Summen, von denen die Stiftung heute nur noch träumen kann.

Die Nähe des Monarchen zu Ernest Cassel war für viele Briten ein Skandal: Dieser war nämlich Jude und damit eigentlich nicht gesellschaftsfähig. „Liebte Inder, Juden und Kinder“ wird der Historiker Hugh Thomas Jahrzehnte später in einer kuriosen Aufzählung der Pluspunkte des Königs schreiben (auf der Negativliste stehen unter anderem Aberglaube und cholerisches Temperament). Das gehört zu den zahlreichen Widersprüchen Edwards VII: dass er einerseits ein Konservativer war, sich aber andererseits über die Slums in London empörte oder forderte, die Inder anständig zu behandeln.

Hugh Thomas lobt übrigens auch Edwards Loyalität gegenüber seinen Freunden, seinen Sinn für Humor, das phantastische Gedächtnis für Menschen. Außerdem habe er Hunde geliebt, „immer ein gutes Zeichen“. Sein Foxterrier Caesar war fast ständig, selbst auf Reisen, an seiner Seite, schlief in einem Sessel an seinem Bett und lief beim Begräbnis hinter dem Königssarg her.

Die Beerdigung war ähnlich imposant wie die Krönung Edwards VII. Für die hatte Edward Elgar, Berties Lieblingskomponist, den er bald danach auch adelte, „Land of Hope and Glory“ arrangiert, das zur inoffiziellen britischen Nationalhymne wurde. Edward VII. brachte Glanz und Gloria zurück in die britische Monarchie.

Was die Kinder angeht: In der Tat scheint Edward ein liebevollerer Vater und Großvater als sein eigener Vater Albert gewesen zu sein. Vor allem auf seinem Landsitz Sandringham in Norfolk, auf dem Queen Elizabeth II. noch heute gern ihre Sommerferien verbringt, erlebten sie offenbar sehr glückliche, entspannte Tage, durften Kinder und Enkel durchs Haus toben. Edward VII. selbst fuhr mit dem Dreirad die Auffahrt hoch und runter, empfing viele Gäste. In Sandringham, schreibt der Biograph Christopher Hibbert, „there was a special Gemütlichkeit“.

„Sehr robust“, so wird die Blutjohannisbeere beschrieben, die den Namen King Edward VII. trägt. Dass dieser mit 68 Jahren an einer schweren Bronchitis starb, ist vielleicht weniger verwunderlich, als dass er überhaupt so alt wurde. Noch vor dem Frühstück steckte sich der Kettenraucher die erste Zigarre, die er eigentlich permanent im Mund hatte, an (bei seiner Mutter herrschte striktes Rauchverbot). Noch am Tag seines Todes versuchte er eine zu rauchen, aber da hat sie ihm nicht mehr geschmeckt. Dass er am Ende kaum noch Luft kriegte, hing allerdings auch mit seiner Figur zusammen: Bevor er auf die Jagd ging, verschlang er zum Frühstück Teller voller Bacon and Eggs, Schellfisch und Huhn, zum Abendessen wurden zwölf Gänge serviert. Und der Hausherr griff bei jedem beherzt zu.

Das Zeitalter, dem er seinen Namen gab, war mit seinem Tod noch nicht abgeschlossen. Das Ende des munteren Edwardian Age kam mit Beginn des Ersten Weltkriegs. Für viele gilt die kurze Epoche als Inbegriff des Hedonismus – sorglos, dekadent, eine einzige große Party. Für die anderen markiert es den Vorabend des Ersten Weltkriegs. Ob Edward VII. nun als Friedensstifter oder Wegbereiter des Kriegs in die Geschichte eingehen soll, auch darüber herrscht keine Einigkeit. Fest steht nur, dass das Edwardianische Zeitalter den raschen Übergang vom 19. bis 20. Jahrhundert markiert. Nach dem Tod seiner Mutter entrümpelte Edward erst einmal ordentlich deren Schlösser, ließ neue Bäder einbauen, Kutschenhäuser in Garagen verwandeln. Mit Wonne ließ er sich in seinem Mercedes chauffieren, je schneller, desto lieber.

Die meisten kennen ihn inzwischen gar nicht mehr – oder nur noch als Zigarre oder Zigarillo, die seinen Namen und sein Konterfei tragen. Bis heute viel berühmter ist sein Enkel, Edward VIII. Der quittierte sein Amt nach nicht einmal einem Jahr, um seine Geliebte, die geschiedene Amerikanerin Wallis Simpson zu heiraten und fortan auf dem Kontinent zu leben.

„Das haben wir anders geregelt“, soll Alice Keppel gesagt haben. So wie ihre Urenkelin: Camilla Parker Bowles.

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