Die Geschichte : Sebastian Haffner und der 20. Juli

„Beinahe“ – so überschrieb der Exilant Sebastian Haffner seinen Artikel über das Attentat auf Hitler. Er nennt diese Aktion „den tollsten Trick der Geschichte“ und sagt den Deutschen: Ihr habt keine anständige Elite mehr. Lesen Sie hier die ungekürzte Fassung, erschienen 1947 in der Vierteljahresschrift „Contact“.

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Sebastian HaffnerFoto: Teuto

22. 12. 1907 Sebastian Haffner wird als Raimund Pretzel in Berlin geboren.

1936 Der studierte Jurist kündigt den Staatsdienst und wird Autor.

1938 Mit seiner jüdischen Freundin emigriert er nach England.

1942 Unter seinem neuen Pseudonym veröffentlicht Haffner seinen ersten Roman („Germany: Jekyll and Hyde“) . Er wird Redakteur beim „Observer“.

1947 In England erscheint sein Artikel „Beinahe“, den wir hier mit freundlicher Genehmigung der beiden Kinder Haffners gekürzt veröffentlichen.

1954 Rückkehr nach Berlin. Er schreibt für den „Observer“, aber auch für verschiedene deutsche Zeitungen, Kolumne im „Stern“.

1978 Sein Buch „Anmerkungen zu Hitler“ wird ein Bestseller, weitere folgen, posthum erscheinen seine Erinnerungen „Geschichte eines Deutschen“.

1999 Haffner stirbt in Berlin.

Das Tatsachenmaterial für eine Geschichte der deutschen Verschwörung gegen Hitler liegt heute größtenteils zur Hand. Es ist die Geschichte einer Schattenregierung der deutschen Opposition, die nie zum Zuge kam, aber die sechs Jahre lang, vom Sommer 1938 bis zum 20. Juli 1944, im Geheimen existierte.

Im Laufe des Sommers 1939 entwickelten sich die Beziehungen der englischen Regierung zur deutschen Opposition in dem Maße, wie sich die offiziellen englisch-deutschen Beziehungen verschlechterten. Die Existenz einer deutschen Verschwörung war zur Zeit der Kriegserklärung in London wohlbekannt; und sie muss damals in den Erwägungen der englischen Regierung eine erhebliche Rolle gespielt haben. Während des Winters 1939/40 machte Chamberlain wiederholt öffentliche Friedensangebote an „eine deutsche Regierung, deren Wort man trauen kann“. In jenem Winter hatte die englische Regierung gute Gründe, mit einem bevorstehenden Staatsstreich in Deutschland zu rechnen. Als dieser Staatsstreich ausblieb und die deutschen Armeen stattdessen Frankreich überrannten, war unter den Reaktionen in englischen Regierungskreisen auch das Gefühl: „Man hat uns also betrogen.“

Was der Verschwörung damals einen so ungewöhnlichen politischen Auslandskredit eintrug, war der Eindruck von massiver Solidität, der von ihr ausging. Es war eine Verschwörung von Honoratioren. Die treibende Kraft war Dr. Gördeler. Ein hoher preußischer Beamter, nüchtern, grundehrlich, vielleicht ein wenig fantasielos; aber zugleich etwas wie ein Prediger aus der Lutherzeit, besessen von seiner Sache, weder rechts noch links blickend; und schließlich ein Mann von erstaunlicher Energie, Arbeitskraft und Organisationsgabe. Ihm war es zu danken, dass im Laufe der Jahre 1938/39 die Verschwörung Gestalt gewann und über die „Schattenregierung“ hinaus fast ein Schattenstaat wurde. Die entscheidende Aufgabe Gördelers und seiner Leute, von deren Lösung alles abhing, war, das Oberkommando des Heeres für die Verschwörung zu gewinnen. An dieser Aufgabe scheiterten sie. Als sich das Kriegsglück wendete, hatte die Verschwörung ihren Kredit im Ausland verloren. Die Friedensangebote an „eine vertrauenswürdige deutsche Regierung“ waren verstummt.

Im Winter 1942/43 formt sich etwas ganz Neues: eine Offiziersverschwörung – immer noch nicht unter den kommandierenden Generalen, sondern etwa auf dem Obersten- und Generalmajorsniveau. Verbindung mit der Gördeler-Gruppe besteht zunächst kaum.

In dieser Offiziersverschwörung weht von Anfang an eine sehr viel schärfere Luft. Wir stoßen jetzt auf eine neue Generation hochaktiver Männer in den dreißiger und vierziger Jahren, nicht Honoratioren um die sechzig. Subtile Ideen über die Notwendigkeit, Unordnung und Gewalttat zu vermeiden, sind ihnen fremd. Für sie ist es selbstverständlich, dass zunächst einmal Hitler getötet werden muss.

Was den politischen Inhalt betrifft, so ist die Situation zunächst auf den Kopf gestellt: Vorher, eine fertige Regierung auf der Suche nach Männern, die bereit sind, für sie zu putschen. Jetzt auf einmal ein fertiger Putsch auf der Suche nach einer Regierung. Indessen, die vierzigjährigen Stabsoffiziere und die sechzigjährigen Honoratioren verstanden einander nicht allzu gut. Gördelers Gruppe wurde akzeptiert – zögernd mehr oder weniger akzeptiert, als Übergangsregierung; und inzwischen suchte man weiter. Diese Suche führte schließlich, im ersten Halbjahr 1944, als Graf Stauffenberg die Führung der Offiziersverschwörung übernommen hatte, zu einer neuen Verbindung, die wenig mit dem ursprünglichen Gördeler-Kabinett zu tun hatte. Diese neue Verbindung war der Kreisauer Kreis.

Der Kreisauer Kreis – er hatte seinen Namen nach dem schlesischen Gut der Moltkes, seinem Treffpunkt – war von Hause aus keine „Verschwörung“. Er plante keinen Staatsstreich. Die jungen Politiker, Geistliche und Gewerkschaftler, die ihn formten, hatten andere Ideen. Ihrer Meinung nach musste man den Nationalsozialismus sich ausbrennen lassen und die unvermeidliche totale Niederlage abwarten. Ihre Aufgabe sahen sie darin, in der Zwischenzeit neue politische Kader zu bilden, die nach dem Zusammenbruch ein neues politisches Fundament legen, eine Versöhnung zwischen Siegern und Besiegten einleiten und Deutschland wieder in das Gefüge Europas eingliedern konnten.

Als politische Denker stellen die jungen Männer von Kreisau – Männer in den dreißiger und vierziger Jahren, Altersgenossen der rebellierenden Stabsoffiziere - die alte Gördeler-Gruppe weit in den Schatten. Sich als praktische Politiker zu bewähren, haben sie keine Gelegenheit gehabt: Sie sind fast alle tot.

Graf Moltke war nicht nur der Wirt der Gruppe; er war ihr Haupt. Ein Mann der Umsicht und Besonnenheit, kühl, staatsmännisch und weitblickend, riet er von jeder vorzeitigen Revolte ab. Im Januar 1944 kam er unter Gestapoverdacht und wurde verhaftet. Bald danach machte sich ein ebenso mächtiger, aber entgegengesetzter Einfluss in Kreisau geltend: Graf Stauffenberg, der um diese Zeit der unbestrittene Führer der Offiziersverschwörung geworden war. Ihm gelang es, dem Kreis die Politik des Abwartens auszureden, ihn in die Militärverschwörung hineinzuziehen und ihn den nicht allzu begeisterten Männern um Gördeler aufzuzwingen.

Graf Stauffenberg war damals 37 Jahre alt, Oberst im Generalstab und, nach einer raschen Kriegskarriere, neuernannter Stabschef des Ersatzheeres. Dass er ein glänzender Offizier war, ist allgemein bezeugt, ebenso, dass er eine ungewöhnliche Macht über Menschen hatte. Er konnte harmlose junge Offiziere, die er nie zuvor gesehen hatte, mit einem lächelnden Wort zu Hochverrätern machen, und graubärtige Generäle akzeptierten seine Autorität. Zugleich vereinte er all die Fäden der bis dahin wirren Militärverschwörung in seinen Händen – oder vielmehr, in seiner Hand, er hatte einen Arm und ein Auge in Tunis verloren.

Das Attentat bildete die „Initialzündung“ des Putschplans.

Am Donnerstag, den 20. Juli 1944, einem heißen und wolkenlosen Tage, flog Stauffenberg morgens von Berlin nach Rastenburg in Ostpreußen, Hitlers Hauptquartier. Um etwa 12.30 Uhr wurde er bei Hitler vorgelassen, stellte seine Aktentasche mit einer geschärften Zeitbombe darin nahe Hitlers Platz gegen ein Tischbein, ließ sich von einem Mitverschworenen hinausrufen, wartete draußen auf die Explosion, sah die Baracke, die er verlassen hatte, in die Luft fliegen, sah, wie Hitler, anscheinend tot, auf einer Bahre hinausgetragen wurde, bluffte sich durch die drei „Sperrkreise“ von Wachen hindurch ins Freie und flog zurück nach Berlin, um die Leitung des Militärputsches zu übernehmen. Um etwa 4.30 Uhr landete er in Berlin, erfuhr als Erstes, dass das verabredete Stichwort für den Putschplan noch nicht hinausgegangen war (ein gefährlicher Zeitverlust von drei Stunden), und gab sofort Befehl, die Funksprüche loszulassen. Sein Vorgesetzter, der Kommandierende General des Ersatzheeres Fromm, vorher zum Mindesten ein wohlwollender Mitwisser, weigerte sich im letzten Augenblick mitzumachen. Er zweifelte, ob Hitler wirklich tot war. Stauffenberg, mit zwei anderen Offizieren, überwältigte ihn, schloss ihn in seinem Arbeitszimmer ein und begann darauf in seinem Namen Befehle an die Panzereinheiten des Ersatzheeres auszusenden. Die Befehle lauteten, auf Berlin zu marschieren. Sie wurden befolgt. Die Truppen marschierten.

Die nächsten Befehle gingen an die Truppenteile in den großen Provinzstädten und den Hauptstädten im besetzten Europa. Sie lauteten dahin, den militärischen Ausnahmezustand zu verhängen und die Gestapo am Ort zu verhaften. Auch diese Befehle wurden vielfach befolgt. In Paris zum Beispiel war die Gestapo noch am folgenden Tage unter Arrest und die Armee Herr der Lage. Schließlich wurde das Berliner Wachregiment in Marsch gesetzt, um die Ministerien zu zernieren (einzuschließen); zunächst wiederum mit Erfolg. Um etwa 7.00 Uhr abends sah es aus, als ob der Putsch gelingen würde – trotz einer inzwischen ausgegebenen Radiomeldung, dass Hitler das Attentat überlebt habe.

Aber in diesem Augenblick ging etwas schief, und was nun geschah, war entscheidend. Ein Bataillon des Berliner Wachregiments ging zur Gegenseite über und marschierte zur Bendlerstraße. Im Kriegsministerium brach Verwirrung aus. Eine Offiziersgruppe im Gebäude leitete eine Gegenaktion ein. Mit Rufen: „Für oder gegen den Führer?“ gingen sie von Raum zu Raum und schossen, wenn die Antwort unbefriedigend schien. Stauffenberg wurde in seinem Arbeitszimmer, von wo er den Putsch leitete, angeschossen und verwundet. Es gelang ihm aber, seine Angreifer abzuschütteln und aus dem Raum auszubrechen. Als Nächstes sah man ihn mit großen Schritten durch das Treppenhaus laufen, halb betäubt und überall Blutspur lassend, in dem Versuch, seine Freunde zu sammeln und die Sache mit Handpistolen auszufechten. Nicht viel später wurde General Fromm befreit, übernahm das Kommando, setzte ein Standgericht ein und ließ Stauffenberg und drei andere Führer der Verschwörung in den Hof führen und erschießen. Es ging jetzt auf Mitternacht. Stauffenberg hatte einen vollen Tag gehabt. Nun ruhte er.

Unter den Ereignissen dieses Tages ist eins von so grimmig grandioser Ironie, dass es eine nähere Betrachtung verdient. Das ist der Zwischenfall, der schließlich den Tag entschied.

Um die Ironie dieses Zwischenfalls voll zu würdigen, müssen wir uns über eins klar sein: Der Putsch vom 20. Juli beruhte im Wesentlichen auf einem Trick – vielleicht dem tollsten und frechsten Trick der Geschichte. Er hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit der majestätisch-ordnungsmäßigen Ausübung militärischer Befehlsgewalt, die Gördeler einst vorgeschwebt hatte. Die Armee marschierte, jawohl, und sie marschierte in aller militärischen Ordnung; aber sie marschierte auf Befehle, in denen man vergeblich nach irgendeiner militärischen Ordnung suchen würde. Diese Befehle erfolgten im Namen des Kommandierenden Generals des Ersatzheeres, General Fromm, aber General Fromm hatte sie niemals erteilt, ganz abgesehen davon, dass er kein Recht dazu gehabt hätte, sie zu erteilen; er saß gefangen in seinem verschlossenen Zimmer, mit einem Posten vor der Tür. Wer die Befehle wirklich erteilte, war ein junger Generalstabsoberst; und die Armee marschierte blind. Stauffenberg hatte sie, mit der Nachricht von Hitlers Tod, für einen Augenblick aus dem Gleichgewicht gebracht, und durch Bluff einen unkritisch-mechanischen Gehorsam für Befehle erwirkt, die keine waren; in allem Wesentlichen handelte er nicht anders als der Hauptmann von Köpenick.

Das Schicksal wollte es, dass dieser Plan durch eine noch wildere Parodie militärischer Ordnung durchkreuzt werden sollte. Das Heer hatte sich auf den Befehl eines Generalstabsobersten in Marsch gesetzt. Was es zum Halten brachte, war kein Befehl Feldmarschall Keitels, oder auch nur General Fromms, sondern die halb versehentliche Privatinitiative eines Standortmajors und Bataillonskommandeurs, eines gewissen Remer.

Major Remer – kein Nazi, aber auch kein Verschworener, einfach ein unpolitischer Durchschnittsoffizier – kommandierte das Bataillon, das Befehl hatte, unter andern Berliner Behörden das Propagandaministerium zu zernieren. Er ließ sich widerstrebend von einem Untergebenen überreden, erst einmal zu Goebbels zu gehen, ehe er seinen Befehl ausführte. Er ließ sich dann – immer noch widerstrebend von Goebbels überreden, erst einmal Hitler anzurufen. Und schließlich ließ er sich am Telefon nicht nur von Hitler überzeugen, dass er, Hitler, wirklich am Leben war, sondern ließ sich telefonisch für diesen einen Tag das Kommando über das Ersatzheer übertragen, mit dem Befehl, seine bisherigen Kommandeure zu verhaften und die Armee von Berlin wegzuhalten, und mit Kommandogewalt über jeden höheren Offizier, ob General oder Feldmarschall, zu betrauen. Diesen Befehl führte er aus.

Es wurde viel telefoniert an jenem Tag. Stauffenberg telefonierte fast den ganzen Nachmittag. Es gibt einen Augenzeugenbericht darüber, wie er, vermittels seines Telefons, den örtlichen Kommmandanten des Ersatzheeres spielte wie ein Virtuose auf seinem Instrument – bald scharf kommandierend, bald gut zuredend, bald aufmunternd, mit einem Scherz hier und einem anerkennenden Wort da, und wie er immer wieder erreichte, was er wollte, und immer wieder seine unheimliche Macht über Menschen erwies. Man ist versucht, neben dieser Szene, als Pendant, jenes noch fantastischere Telefongespräch zwischen Hitler und dem unbekannten Major Remer zu stellen, in dem eine noch dämonischere Macht über Menschen ausgespielt wurde – und Stauffenberg überspielte.

Die Vorstellung von Kolonnen und Regimentern, die Stunden um Stunden von allen Punkten der Landkarte aus auf Berlin zu marschieren, auf nichts als das Geheiß eines telefonierenden Stabsobersten, ist toll genug; aber bald gibt es ein noch tolleres Bild. Die Kolonnen stocken, halten, drehen schließlich um – auf was hin? Auf die Beschwörung eines wild gestikulierenden, unwahrscheinlich kleinen Majors, der sich wie ein Wahnsinniger gebärdet und mit umschlagender Stimme schreit: „Befehl vom Führer! Befehl vom Führer!“

Wir erleben eine Tragödie: Wir sind an ihrem Höhepunkt – und können uns für einen Augenblick kaum des Gefühls erwehren, einer Militärposse beizuwohnen.

Was folgt, ist Finsternis. Stauffenberg hatte, meteorgleich, eine funkelnde Spur durch den Himmel gezogen: aber alles, was er erreicht hatte, war, seine Mitverschworenen, so lange vom Schicksal aufgespart, hinter sich ins Verderben zu reißen.

In der Nacht des 20. Juli fand im Hofe des Kriegsministeriums ein rasches standrechtliches Massaker statt. Stauffenberg mit drei seiner engsten Freunde hatte den Todesreigen angeführt, während drinnen im Hause der alte Generaloberst Beck, nobel und erfolglos bis zum letzten Augenblick, vergeblich mit drei Schüssen ein Ende zu machen versuchte und schließlich von General Fromm den Gnadenschuss erhielt. Später in der Nacht wurden noch 31 Offiziere im Hofe erschossen. Dies war der Anfang.

Das Schlachtfest war lang und gründlich. Alte Rechnungen wurden wieder aufgemacht. Männer, die längst ihre Verbindung mit der Opposition verloren hatten, wurden aus ihrem Dunkel gezerrt, um zu sterben. Die inneren Stufungen und Entwicklungen der Verschwörung behandelte man mit souveräner Gleichgültigkeit; Männer der Rechten und Männer der Linken, Aktivisten und Zauderer, wirkliche Verschwörer und solche, deren ganzes Verbrechen in gefährlichen Gedanken bestand, Generale, die nie ganz Ja gesagt hatten, harmlose Leutnants, die Stauffenbergs Lächeln nicht hatten widerstehen können – alle wurden ohne Ansehen der Person gehängt.

Mit der Zeit wurde das Gemetzel mehr und mehr sinnlos. Schon im Juli 1944 war etwas wie Torschlusspanik aus der Hast und Leidenschaft herauszuspüren, mit der der Nationalsozialismus sich daranmachte, seine Feinde aus der Welt zu schaffen. Später wurde es immer klarer, dass Henker und Opfer in dem Rennen zum Todespfosten Brust an Brust lagen. Im Februar 1945 erschlug eine Bombe den Präsidenten des Volksgerichtshofs, ehe noch sein letztes Opfer in der Hinrichtungskammer angekommen war; man konnte ein Symbol darin sehen.

Um diese Zeit war es völlig klar, dass das Naziregime nicht mehr in Selbstverteidigung tötete; man tötete, um nicht überlebt zu werden. Noch im März, noch im April 1945 hielten die Hinrichtungen der Juliverschwörer mit den Selbstmorden der Nazifunktionäre Schritt. Einige der Verschworenen, die im Vernichtungslager Flossenbürg am 9. April 1945 aufgehängt wurden, hörten in den letzten Minuten den Donner amerikanischer Kanonen näher und näher kommen.

Das Ende des Krieges fand die Führung der deutschen Opposition ausgelöscht.

Für den Augenblick scheint es, als ob sich die Tragödie der deutschen Opposition nur in einem fühlbar macht: in der schauerlichen Lücke, die sie zurückgelassen hat. Was diese Lücke bedeutet, fühlt man, wenn man die politische Landschaft des heutigen Deutschland mit der des Steinschen Preußen nach 1807 oder selbst der Weimarer Republik nach 1919 vergleicht. Damals setzte, in beiden Fällen, Niederlage und Zusammenbruch neue Eliten frei. Die potenzielle politische Elite des nachhitlerischen Deutschland aber verendete im letzten Kriegsjahr am Galgen; und seine Elite ersetzt sich langsam und schwer.

Indessen hat diese verlorene Elite doch noch etwas anderes als eine Lücke hinterlassen: eine Geschichte. Es ist keine glanzvolle Geschichte. Der eine kurze Moment des Glanzes und der Tat, den sie enthält, führt unmittelbar zur Katastrophe und ist vielleicht, von einem möglichen Gesichtspunkt aus, nur das Ergebnis eines furchtbaren Fehlers. Es ist eine Geschichte des „Beinahe“ – quälend und tief unbefriedigend, herzbewegend und beunruhigend. Beunruhigend vor allem: Man kann sie nicht leicht innerlich beiseitelegen, und man findet es fast unerträglich, es bei ihrem vorläufigen Ergebnis bewenden zu lassen. Es ist eine Geschichte, die noch eine Fortsetzung zu verlangen scheint, eine Auflösung der furchtbaren Dissonanz zwischen Bemühung und Erfolg, mit der sie vorläufig endet.

Vielleicht liegt in dieser Qual und Beunruhigung, diesem Verlangen nach Fortsetzung und Auflösung die heimliche Fruchtbarkeit dieser Geschichte. Vielleicht ist dies die Form, in der die Toten des 20. Juli weiterwirken. Was sie bewirken werden, kann heute noch niemand sagen.

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