Die Geschichte : Tausende und eine Nacht

Es klingt so einfach: Am 9. November 1989 fiel die Mauer – und die Einheit wurde möglich. Tatsächlich war dieser Tag Resultat konfuser Entscheidungen und planlosen Handelns. Unser Autor rekonstruiert Stunden, die Geschichte schrieben. Ein Essay.

Hermann Rudolph
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Die Glienicker Brücke gegen 1 Uhr 30 am 10. November 1989.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Am 9. November 1989 unterbrach um 19 Uhr 15 in Paris der Direktor der Science Po, der berühmten Hochschule, die Vorlesung des Politologen Alfred Grosser. Seine Mitteilung an die Studenten war knapp: „Le Mur de Berlin est tombé“ und er erntete donnernden, lang anhaltenden Applaus. Noch am Abend machte sich ein halbes Hundert Studenten auf den Weg nach Berlin, um, wie Grosser schreibt, „wenigstens einmal in ihrem Leben an einer großen politischen Freude teilhaben zu dürfen.“ Fast überall in der Welt stieß die Maueröffnung auf ein begeistertes Echo. Nicht überall war die Reaktion so enthusiastisch wie in Frankreich, aber immer wurde sie aufgenommen als ein aufwühlendes, emotionales Ereignis. Tatsächlich nahm die ganze Welt an der Maueröffnung Anteil: Sie war ein Weltereignis.

Doch sie gehört zu den Ereignissen, bei denen auch diejenigen, die sie erleben, etliche Zeit brauchen, bis sie begreifen, was geschieht. Sie kam wie der Dieb in der Nacht, sie war, nach allem, was wir wissen, weder geplant noch gewollt, sondern die unverhoffte Folge konfuser Entscheidungen, aber sie wurde zu einem Vorgang, der Deutschland und Europa veränderte. Überdies vollzog sie sich gleichsam als historische Sturzgeburt: Zwischen der Frage eines italienischen Korrespondenten auf der Pressekonferenz des DDR-Ministerrates, die der Geschichte das Stichwort lieferte, und dem Entschluss des Grenzpolizisten, der am Übergang Bornholmer Straße die Schlagbäume öffnete, lagen nur wenige Stunden. Sie sind auf die Minute genau festgehalten: 18 Uhr 53 gab ZK-Sekretär Günter Schabowski auf die Frage nach dem neuen Reisegesetz der DDR seine merkwürdig verschlungene Antwort, die schließlich wie eine Bombe wirkte. 22 Uhr 30 kapitulierte ein Oberstleutnant mit den Worten „Wir fluten jetzt“ vor den Tausenden, die seinen Grenzübergang faktisch einzudrücken drohten.

Wie das Ereignis zum Ereignis wurde, wissen wir mittlerweile ziemlich genau. Es war die Folge eines Missverständnisses in der SED-Führung, das allerdings die Ratlosigkeit und die Hektik widerspiegelte, in welche die friedliche Revolution im Herbst 1989 und die Woge der Ausreisen aus der DDR Partei und Regierung gestürzt hatten. Sie reagierten darauf mit dem am 6. November vorgelegten Entwurf eines Reisegesetzes, der sogleich auf heftige Kritik stieß und gegen den noch am gleichen Tage – es war ein Montag, seit Wochen der Tag friedlicher Protestkundgebungen – in über 40 Städten der DDR in einem Umfang und mit Forderungen mobil gemacht wurde, die die SED-Herrschaft infrage zu stellen begannen.

Um den Druck auf Partei und Regierung zu verringern, brachte die SED-Führung im Eiltempo eine Regelung auf den Weg, die den DDR-Bürgern unkompliziertere Reisen in den Westen ermöglichen sollte; sie sollte allerdings erst am 10. November in Kraft treten. Auf den eben erst mit der Zuständigkeit für die Medien ausgestatteten ZK-Sekretär Günter Schabowski kam am späten Nachmittag die Aufgabe zu, die Öffentlichkeit in einer Pressekonferenz darüber zu informieren. Bei der Entscheidung selbst nicht anwesend, hatte er den Text an sich genommen, aber versäumt, ihn vor der Pressekonferenz zu lesen. Unsicher über den Inhalt, wurde er durch die Frage nach dem Zeitpunkt ihres Inkrafttretens zu der stotternden, vom ratsuchenden Blättern in seinen Papieren begleiteten Auskunft veranlasst: „Nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“

Obwohl zunächst kaum jemandem klar war, was Schabowski meinte, elektrisierte die Formulierung die Nachrichtenjournalisten. Nach wenigen Minuten gingen die ersten, mit Eilvermerken versehenen Meldungen heraus. Da die Pressekonferenz vom DDR-Fernsehen übertragen worden war, erreichte die Szene im voll besetzten Saal des Pressezentrums in der Berliner Stadtmitte viele und löste – bei anhaltendem Rätseln – teils ungläubiges Staunen, teils sprachlose Überraschung aus. Auch die Fernsehanstalten verbreiteten sie postwendend in ihren Abendnachrichten: erst, 19 Uhr, die Heute-Sendung, eine halbe Stunde später die Aktuelle Kamera der DDR, dann zum Tagesschau-Termin um 20 Uhr die ARD.

Aber da war die Wirkungsgeschichte der verklausulierten Verlautbarung, eine beispiellose Kettenreaktion von sich jagenden Meldungen und Gerüchten, bereits in vollem Gange. Die Möglichkeit zur Ausreise war zur Grenzöffnung geworden, diese dann zu der Sensationsnachricht, dass die DDR die Mauer öffne – womit an dem eigentlichen Krebsschaden der DDR gerührt wurde: Dem Gefühl des Eingesperrtseins, das ihre Bürger über die Jahrzehnte verletzt und gedemütigt hatte. Während Schabowskis Erklärung beim ZDF noch als sechste Abendnachricht gelaufen war, mutmaßte eine halbe Stunde später der Regierende Bürgermeister von Berlin, Walter Momper, dies sei der Tag, den die Berliner 28 Jahre ersehnt hätten, und die Tagesschau brachte die Nachricht, gejagt von den Agenturmeldungen, um 20 Uhr bereits unter der Schlagzeile „DDR öffnet Grenze“ an erster Stelle ihrer Sendung. Wenig später wurde dem in Warschau beim Staatsbesuch weilenden Bundeskanzler Kohl die Nachricht überbracht. Noch am Abend stimmte in Bonn ein überwältigter Bundestag die Nationalhymne an.

Dabei hatte sich bis zu den Abendnachrichten der Tagesschau nur eine überschaubare Zahl von Menschen an den Grenzübergängen eingefunden. Doch je weiter die Nachricht von Schabowskis Äußerungen ihre Kreise zog, je mehr sie abgeklopft und debattiert wurde, desto mehr schwoll der Strom der Ost-Berliner an. Zum Brennpunkt dieses sich selbst verstärkenden Vorgangs entwickelte sich der Übergang Bornholmer Straße, in unmittelbarer Nähe des dicht bewohnten Prenzlauer Bergs. Dort versuchten die Grenzorgane erst, die Menschen zurückzuweisen und auf den nächsten Tag zu vertrösten, dann – als das erfolglos blieb – wenigstens den Druck abzumildern, indem sie einzelnen die Ausreise genehmigten, bewirkten aber damit das Gegenteil. Schließlich entlud sich die zunehmende Erregung der auf Tausende angewachsenen Menge in dem Ruf „Tor auf! Tor auf!“ und drückte so bedrohlich auf die Absicherungen, dass die Beamten resignierten und um 22 Uhr 30 den Übergang öffneten. Nur Minuten später, 22 Uhr 42, erklärte Hanns-Joachim Friedrichs zu Beginn der von ihm moderierten Tagesthemen – das Markenzeichen des deutschen Fernsehjournalismus in der bekanntesten Nachrichtensendung, mithin die offiziöse Stimme der deutschen Öffentlichkeit – , die DDR habe mitgeteilt, „dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind. Die Tore in der Mauer stehen weit offen“.

Davon konnte keine Rede sein. Denn zu diesem Zeitpunkt war der Übergang Bornholmer Straße der einzige, der geöffnet war. Auch der die Nachrichten illustrierende kurze Film konnte noch keine geöffnete Grenze zeigen, nur einen Reporter, dem West-Berliner Beobachter von einem Paar berichteten, das sie gesehen hatten, wie es überglücklich die Grenze an der Bornholmer Straße überquerte. Friedrichs’ Meldung spiegelte insofern Entwicklungen, die sich lediglich anbahnten. Doch sie gab damit einer sich zuspitzenden Situation den Stoß, der ihr zu einer Wirklichkeit verhalf, die in ihr längst angelegt war. Tatsächlich gaben die Grenzpolizisten nun binnen kurzem an den anderen Übergängen dem Druck nach. Eine Stunde später, um Mitternacht, waren alle Berliner Grenzübergänge zwischen Ost und West geöffnet. Danach begann die Besetzung der Mauer am Brandenburger Tor, mit der die Maueröffnung ihren spektakulären, symbolischen Höhepunkt erreichte. In die frühen Morgenstunden des 10. November fielen dann jene Szenen in West-Berlin, auf dem Kurfürstendamm und seinen Nebenstraßen, mit denen die Maueröffnung zum unvergesslichen Erlebnis von Tausenden wurde.

Die andere Seite des Ereignisses bestand in einem drastischen Fall von Handeln durch Unterlassen: in der Unfähigkeit der DDR, auf die Entwicklung zu reagieren. Gewiss ist es die Frage, ob die Menschen überhaupt noch zurückzudrängen gewesen wären, nachdem sie die Mauer durchbrochen hatten. Unbestreitbar aber ist, dass nicht einmal der Versuch dazu gemacht wurde. Die amtliche Agentur ADN hüllte sich bis zwei Uhr früh in Schweigen. Nur das DDR-Fernsehen, notorisch schlecht frequentiert, versuchte das Thema auf die Reiseregelung zurückzuführen. Die DDR-Medien überließen den Westmedien die alleinige Interpretationsmacht. Aber auch die Partei- und Regierungsfunktionäre stellten sich faktisch tot. Während im Westen schon am frühen Abend eine Sondersitzung des Senats für 22 Uhr anberaumt wurde, beriet das ZK der SED hinter geschlossenen Türen über einen Aktionsplan – und schnitt sich damit von der Wahrnehmung dessen ab, was in Berlin geschah. Anders als der Regierende Bürgermeister, der kurz nach Mitternacht an der Invalidenstraße erschien, versuchte keiner der SED-Granden, auf die Menschen einzuwirken.

II.

So entstand eine sich selbst beschleunigende Dynamik, die Geschichte machte. Sie überrannte die bisherige Wirklichkeit mit ihren Prognosen, Erwartungen und Planungen. Nach dieser Nacht voller Jubel und Tränen war in Berlin und Deutschland nichts mehr so, wie es 28 Jahre lang, ja, seit der frühen Nachkriegszeit gewesen war. Doch die Maueröffnung offenbarte ihre Botschaft nicht in Ankündigungen und Manifesten, sondern in unbeschreiblichen Szenen, die eben deshalb so oft beschrieben wurden. Die jubelnden Menschen auf der Mauer am Brandenburger Tor, die Umarmungen von wildfremden Leuten, die Schritt fahrenden Autoschlangen auf dem Kurfürstendamm und das Begrüßungsgetrommel auf den Dächern der Trabis und Wartburgs – das alles verdichtete sich zu einem Schauspiel, das dem Geschehen voraus war und dessen Tragweite deshalb auch noch gar nicht ins Bewusstsein treten ließ.

Dass die Grenzübergänge geöffnet wurden, war ja zunächst nicht mehr als eine Kurzschluss- und Panikreaktion der Ost-Berliner Behörden. Doch sie bedeutete die größtmögliche Tabuverletzung, die in der geteilten Stadt möglich war. Mit dem Durchbrechen der Grenzübergänge und den rauschhaften Szenen der Begegnung warf die Stadt gleichsam die Duldungsstarre ab, mit der sie seit Jahrzehnten ihr Schicksal getragen hatte.

Die Maueröffnung änderte fast nichts – und alles. Tatsächlich gab es ja am Morgen danach die DDR noch, Volksarmee und Grenztruppen funktionierten und lösten sogar, wie gelernt, erhöhte Gefechtsbereitschaft aus, aber das Erlebnis dieser Nacht nahm der Macht die Wirkung. Die Besetzung der Mauerkrone am Brandenburger Tor durch die Menge rüttelte an dem Punkt der geteilten Stadt, der wie kein anderer die weltpolitische Konfrontation zwischen Osten und Westen symbolisierte. Sie brach gleichsam den Bann, den die Geschichte über Berlin gelegt hatte. Das massenhafte Auftauchen der Ost-Berliner im Westen der Stadt und ihre spontane Vermischung mit den West-Berlinern erschütterte die Gewöhnung an die Trennung. Zwar kehrten so gut wie alle Ost-Berliner zurück in die „Hauptstadt der DDR“, aber die aufgezwungene Scheidung in zwei Städte, zwei Systeme, zwei Welten bekam in dieser Nacht einen Stoß, von dem sie sich nicht mehr erholte. Und zum ersten Mal seit den bald 45 Jahren, in denen die Stadt unter alliierter Kontrolle stand, wurden die Deutschen wieder zum Subjekt des Geschehens: In dieser Nacht handelten die Berliner. Die Alliierten, die eigentlichen Herren der Stadt, traten nicht in Erscheinung.

Dabei gehörten zum Erlebnisgehalt dieser Nacht noch gar nicht die großen Perspektiven, die der Mauerfall aufriss. Noch spielte keine Rolle, was zum Thema der nächsten Wochen und Monate wurde – nicht die deutsche Wiedervereinigung, nicht das Ende des Ost-West-Konflikts und nicht einmal die Einheit der Stadt. Allenfalls die Parteigänger der DDR erfühlten die Bedeutung des Ereignisses. „Jetzt ist es aus“, sei ihm durch den Kopf geschossen, als er bei der Heimfahrt die Menschen Richtung Grenze strömen sah, bekannte später Wolfgang Rauchfuß, ein gerade ins Politbüro aufgerückter Wirtschaftsfachmann, und Gregor Gysi erinnerte sich, dass er zu seiner Lebensgefährtin gesagt habe: „Das ist der Anfang vom Ende der DDR.“ Für die West-Berliner ergab sich aus der Maueröffnung kaum mehr als der Eindruck einer ungeheuren, ambivalenten Situation. „Die Lage hatte sich in einer Nacht von Grund auf gewandelt“, urteilte Dieter Schröder, der Chef der Berliner Senatskanzlei, „aber niemand wusste, wie tragfähig dieser Grund sein würde.“ Die Verantwortlichen auf der West-Seite befanden sich angesichts der Vorgänge in einer Rolle, die sich am besten mit der des Beobachters „eines gewaltigen Erdrutsches, wenn nicht gar eines Erdbebens vergleichen“ ließe. „Die Welt um uns war in Bewegung, aber die Richtung und die darauf einwirkenden Kräfte waren noch keineswegs deutlich zu erkennen.“

Allerdings hatten die Wochen und Monate davor mit immer neuen, überraschenden Ereignissen gezeigt, dass der Boden nicht mehr sicher war, auf dem die DDR stand. Ihr mittel- und osteuropäisches Umfeld und sie selbst befanden sich seit Monaten in heftiger Bewegung, und die Manöver der DDR-Führung machten mehr und mehr den Eindruck von Rettungsaktionen auf einem sinkenden Schiff. Nach alledem war man auch im Westen auf Veränderungen eingestellt. Zumal in West-Berlin, das seit Monaten ein Ziel von Flüchtlingen war. Knapp zwei Wochen vor der Maueröffnung hatte Schabowski gegenüber Momper bei einem von Manfred Stolpe, dem Konsistorialpräsidenten der Evangelischen Kirche, arrangierten Gespräch bereits angekündigt, dass eine liberalere Reiseregelung in Arbeit sei. Seither bereitete sich die Verwaltung auf einen „Tag X“ vor. Aber der meinte eine Invasion von Besuchern – nach offiziellen Schätzungen bis zu 300 000, insgeheim rechnete man sogar mit 500 000, unter ihnen eine nicht geringe Zahl, die entschlossen sei, die DDR zu verlassen. Die Überlegungen richteten sich deshalb vor allem darauf, wie man den Ansturm bewältigen konnte, zumal er vermutlich auf das erste Adventswochenende und damit die vorweihnachtlichen Einkaufstage fallen würde. Besonders hingebungsvoll beschäftigte man sich mit der Frage, was getan werden könne, wenn etwa mehrere Hundertschaften von Trabis zusätzlich die Luft verunreinigen würden. Eine Schließung des Kurfürstendamms für den Verkehr wurde erwogen und wegen des befürchteten Umsatzrückgangs wieder infrage gestellt. Immerhin würden 300 000 Besucher 30 Millionen D-Mark Begrüßungsgeld abholen, die es seit 1987 einmal im Jahr für alle Besucher gab und die schließlich in West-Berlin ausgegeben würden. Aber die Besucher – so beruhigte sich der Kommentator des Tagesspiegels – „kämen ja nicht alle auf einen Schlag“.

Wenig später waren sie da, wenn nicht alle, so doch überwältigend viele, und die Arbeit an dem offenen Brief, mit dem der Regierende Bürgermeister Walter Momper die Berliner auf das bevorstehende Ereignis hatte vorbereiten wollen, wurde eingestellt. Mit einem Male waren aber auch die Bedenken über die Belastungen durch die Besucher wie weggeblasen, verdrängt von der ungleich größeren Herausforderung der über die Stadt hereingebrochenen Freizügigkeit. Nun bewegte kaum etwas die Stadt so sehr wie die gleich neun neuen Übergänge, die die DDR nach dem Schockerlebnis dieser Nacht einrichtete, darunter Potsdamer Platz und Glienicker Brücke, die sogleich zu Ikonen des Geschehens wurden. Ihre Bilder gingen um die Welt – der schmale, von Menschentrauben bedrängte Durchlass im Zentrum der Stadt, hinter dem sich dem Blick die gewaltige Brachfläche der Grenzanlagen in der Mitte Berlins öffnete, und die Verbindung von Berlin nach Potsdam über die Havel, die einst die Teilung mit dem Spektakel des Austauschs von Agenten illustriert hatte. Das Wochenende verwandelte die Inselstadt West-Berlin schließlich in einen brodelnden Menschenkessel. Er bestätigte die nächtliche Grenzöffnung gleichsam qua Masse: geschätzte zwei Millionen Besucher, „stehender Fußgängerverkehr auf Kurfürstendamm und Tauentzien“ – wie der Polizeisprecher registrierte –, Volksfeststimmung überall. Die Ost-West-Trennung, die ein halbes Jahrhundert über der Stadt gelegen hatte, löste sich für rauschhafte zwei Tage auf. Sie ließen fast vergessen, dass der Sickerstrom der Flüchtlinge, der an der DDR zehrte, sich fortsetzte – noch immer meldeten sich pro Tag 2000 im Notaufnahmelager Marienfelde.

III.

In Berlin zeigte sich allerdings auch, dass die Deutschen noch in einem weiteren Sinne auf die Maueröffnung nicht vorbereitet waren. Während bereits die ersten Mauerstücke fielen, offenbarte sich ein tiefer Riss in der politischen Gesellschaft. Zunächst konnte sich das Berliner Abgeordnetenhaus nicht auf eine gemeinsame Resolution zum Mauerfall einigen, weil unter den Parteien die Meinungen massiv auseinandergingen, ob darin die deutsche Einheit überhaupt erwähnt werden solle. Das hatte die CDU vorgeschlagen, die SPD hätte es auch noch mitgetragen, wenn auch unwillig, doch dagegen stand der vehemente Widerstand ihres Koalitionspartners, der Alternativen Liste, die fest von der Gebotenheit der deutschen Zweistaatlichkeit überzeugt war. Bei dem Kompromiss, auf den man sich nach langem Ringen einigte, wurde dann die Einheit durch die ausweichend-umwegige Erwartung ersetzt, dass das deutsche Volk zu „der Gestaltung seines Zusammenlebens gelangen kann, für die es sich in Ausübung seines Selbstbestimmungsrechts entscheidet“. Der Dissens entlud sich in einem Eklat. Auf der nachfolgenden Kundgebung vor dem Schöneberger Rathaus, mit der das politische Berlin und die führenden Politiker der Bundesrepublik das historische Ereignis hatten würdigen wollen, wurde Bundeskanzler Kohl von Teilen der Menge ausgepfiffen, die danach angestimmte Nationalhymne ging in Protestgeschrei unter.

Der Vorgang, so blamabel wie symptomatisch, warf nicht nur einen Schatten über diesen Tag, sondern demonstrierte die Unterschiedlichkeit der politischen Positionen, die während der Zeit der Teilung entstanden waren. Für das alternative Milieu, das die Stimmung auf dem Platz bestimmte, war die Einheit nicht nur kein Thema mehr, sondern ein Anti-Thema, Inbegriff eines politischen Anachronismus, den es mit Spott und Häme überschüttete. Doch die Zweifel reichten weit in die SPD hinein. Selbst der Regierende Bürgermeister Walter Momper, der am Morgen im Bundesrat in Bonn das enthusiastische Wort gefunden hatte, die Deutschen seien in dieser Nacht das glücklichste Volk der Welt gewesen, legte am Nachmittag den Akzent darauf, den 9. November als einen „Tag des Wiedersehens“ zu feiern, nicht als „Tag der Wiedervereinigung“. Dagegen war Willy Brandts Rede schon ganz auf seine berühmte Einheits-Formel gestimmt – „nun wächst zusammen, was zusammengehört“ –, die er wenig später am Brandenburger Tor formulierte.

Allerdings war zu diesem Zeitpunkt noch kein Politiker bereit, die Wiedervereinigung als unmittelbares politisches Ziel zu postulieren. Zu groß waren die Ängste, damit den noch ganz labilen, unabsehbaren politischen Prozess zu gefährden, zu schattenhaft war das Ziel selbst geworden. Auch Helmut Kohl bewegte sich unsicher zwischen der Respektierung der Bewegung der DDR-Bürger, die dabei seien, sich ihre Freiheit „selbst zu erkämpfen“, wofür er unsere „volle Unterstützung“ versicherte, und der Beschwörung der gemeinsamen Zukunft. Nimmt man den Stand zum Maßstab, den die deutschlandpolitischen Debatten bis zum 9. November erreicht hatten, so gingen die Erwartungen zu diesem Zeitpunkt kaum weiter als bis zu einer freieren DDR mit Rechtsstaat, Mehrparteiensystem und Reisefreiheit. Für Berlin waren sie vermutlich noch ungefährer: Natürlich mehr Zusammenarbeit zwischen Osten und Westen, zumal in praktischen Fragen, vielleicht eine neue Perspektive für die Existenz der Stadt, doch selbst das vereinte Berlin war noch nicht viel mehr als eine Fata Morgana.

Aber die Maueröffnung und die Überflutung West-Berlins durch die DDR-Bürger am Wochenende stellten die Deutschen ja auch vor Fragen, die zu denken sie kaum noch in der Lage waren. War die Wiedervereinigung der beiden Staaten in Deutschland denn wirklich eine reelle Perspektive? Oder – so wie sich die Dinge entwickelt hatten – lief es nicht eher auf eine Kooperation hinaus, eine Einheit in der Zweiheit? Berlin war nicht nur der Schauplatz des Wunders, sondern exemplifizierte auch die Fragen, die sich nun stellten. Gewiss hatte die Maueröffnung gezeigt, dass das Bewusstsein, dass Berlin eine Stadt sei, wach geblieben war, und Ost- und West-Berliner die Überzeugung einte, Berliner zu sein. Aber war die Erfahrung, im jeweils anderen Berlin gelebt zu haben, nicht ebenso stark, wenn nicht stärker? Ganz abgesehen von der Frage, ob denn Berlin eine Stadt werden könne, solange zwei deutsche Staaten bestanden, zu denen die beiden Berlins gehörten? Wie sollte der Status der Stadt aussehen, wenn die friedliche Revolution in der DDR zu einem eigenständigen Staat neben der Bundesrepublik führen würde – was viele wollten, nicht zuletzt unter den Aktivisten des Umbruchs? Aber der Ruf der Demonstranten in der DDR „Wir sind das Volk“ war zur Zeit der Maueröffnung ja auch noch nicht in die historische Kurve eingebogen, die aus ihm die Einheits-Forderung „Wir sind ein Volk“ machte.

Doch die Entwicklungen drängten darüber hinaus. Die Maueröffnung verwandelte die Stadt in eine pulsierende, wuselnde Zone von Erwartungen und Überraschungen. Das eben noch eingemauerte Berlin wurde zur offenen Stadt, zum aufgerissenen Gelände. An den Übergängen stauten sich Besucherschlangen, die Trabis und Wartburgs aus Ost-Berlin und dem Umland überwältigten die Stadt in Rudeln, zehntausend pro Wochentag, fünfzehn- bis zwanzigtausend am Wochenende. Der 9. November hatte die Mitte der Stadt wieder ins Blickfeld gerückt: eine surreal verfremdete Landschaft mit Gebäudekanten und Brandmauern, Abbrüchen und Leerräumen zwischen den Städten, mitten im Zentrum, die noch einmal die kahlen Stadtlandschaften heraufbeschworen, mit denen der Maler Werner Held das zerschlagene Berlin der Trümmerzeit festgehalten hatte. Und nichts stand so für diese Zeit zwischen den Zeiten wie die atemberaubende Brache zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz, umgeben von Mauer, Sperrzone und den Plattenbauten: ein riesiger Krater an der Grenzzone der beiden Berlins, der sichtbar machte, was für ein ungeheuerlicher Vorgang sich hier ereignet hatte. Ein Offenbarungseid der Geschichte.

Selbst das Schicksal der Grenze blieb zunächst im Ungefähren. Dass die Mauer verschwinden werde, lag in der Luft – im wörtlichen Sinne, denn überall in Mauernähe war das helle Klopfen der Mauerspechte zu hören, die sie Stück für Stück demolierten. Zwar gab es auch einzelne Stimmen, die die Mauer als Denkmal erhalten wollten. Sogar der Gedanke, sie zu einer Promenade zu machen, tauchte auf. Doch noch lange stieß selbst der Gedanke, sie wenigstens in Beispielen zu bewahren, auf heftigen Widerstand. Dabei markierte sie noch immer die Besatzungszonen und war Währungs- und Zollgrenze. Bis in den Dezember hinein reichte in Ost Berlin – auf dessen Terrain sie stand – die Fantasie nicht weiter als bis zur Ersetzung der Mauer durch einen Zaun. Und während sich Vaclav Havel, der Held der tschechoslowakischen Revolution, bei seinem Berlin-Besuch Anfang Januar 1990 darüber wunderte, dass es die Mauer noch gab, hoffte Manfred Gerlach, Vorsitzender der liberalen Blockpartei LDP und zeitweiliger Staatsratspräsident, „auf eine weniger schroffe Markierung“, und der Ost-Berliner Oberbürgermeister Krack wollte wenigstens das „Betonartige“ dieser Grenze korrigieren.

Doch das Tempo, in dem bisher Unvorstellbares in Deutschland zum Ereignis wurde, riss die Vorstellungen immer rascher ein, die bisher DDR und Bundesrepublik besetzt hatten. Die mutig gewordenen DDR-Medien konfrontierten ihre Obrigkeit mit den Übergriffen der Polizei während der 40-Jahr-Feier, und die Enthüllungen über das komfortable Leben der DDR-Nomenklatura brachen wie verheerende Stürme ein in das Bild des armen, aber ehrlichen Staatswesens, das die DDR von sich gezeichnet hatte. Die DDR begann zu kollabieren. Ende November öffnete Kohl mit seinem 10-Punkte-Programm zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas einen Weg, der aus der zunehmend als stagnierend empfundenen Situation herausführte. Rechtzeitig zum Advent konstituierte sich im Bonhoeffer-Haus in Ost-Berlin unter dem Herrnhuter Stern der Zentrale Runde Tisch. Eine Sporthalle in Hohenschönhausen wurde zur Arena für die beispiellose Selbstdemontage der SED: Die eben noch allmächtige Partei erwies sich in einer chaotischen Sechszehnstunden-Sitzung – die eine Woche später fortgesetzt wurde – als ratloser Haufen, gerettet von einem bis dahin unbekannten Rechtsanwalt namens Gysi; er übernahm den Vorsitz der neuen, PDS genannten Partei, wie eben ein Anwalt einen wenig aussichtsreichen Fall übernimmt.

Ein denkwürdiger Auftritt des Kanzlers in Dresden vor der Ruine der Frauenkirche machte eine Woche vor Weihnachten klar, dass die deutsche Einheit nicht mehr aufzuhalten war. Zwei Tage vor dem Fest wurde das Brandenburger Tor geöffnet: ein Spektakel im Regen, das sich auf den Fotos zu einem dramatischen schwarz-weißen Panorama unter Schirmsilhouetten verwandelte, mit den Regierungschefs und Bürgermeistern aus West und Ost, aber auch schon nahe am Umkippen in einen chaotischen Massenauflauf. Noch vor Jahresende wurde eine DDR-Außenhandelsfirma mit der Vermarktung der Mauer betraut. Es war eine Baustofffirma, und es gab dem sich seit dem 9. November vollziehenden Prozess einen ersten, aber angemessenen Abschluss, dass die Mauer, der „antifaschistische Schutzwall“ der DDR, wieder in die Hände der Baustoffindustrie zurückfiel. Bereits zu Weihnachten konnte man in Filene’s Basement in Boston für 12,95 Dollar ein 60 Gramm schweres Mauerstück kaufen, verpackt in einem Gedenkkästchen.

IV.

Als historisches Ereignis ist dieser 9. November schwerlich zu überschätzen. Entsprechend weit greifen seither die Versuche aus, seine Bedeutung im geschichtlichen Kontext zu markieren. Er leitete nicht nur das Ende der deutschen Teilung ein, sondern stand als enthusiasmierendes Zeichen auch über der Aufhebung der Teilung und der Wiedervereinigung Europas. Denn die Durchbrechung der Trennung an jenem Punkt, an dem sie aufs Sinnbildlichste, eben durch eine Mauer mitten in einer Stadt, sichtbar gemacht worden war, verlieh dem Mauerfall eine überschießende Ausstrahlung, die den ganzen, in Bewegung befindlichen Kontinent und die daran anteilnehmende Welt mitriss. So vermochte dieses Ereignis auch für Vorgänge zu stehen, die weit über das Geschehen in dieser kühlen Novembernacht in Berlin und Deutschland hinausgingen. Mit ihm schlug auch die letzte Stunde der Jalta-Welt der ost-westlichen Teilung einschließlich der Blockbildung, die die Welt für ein halbes Jahrhundert in ihrem Kalten-Kriegs-Griff gehalten hatte. Und in ihm wurde das Scheitern des Kommunismus sinnfällig – jenes machtgewordenen, ideologischen Anspruchs, den eine Partei am Ende des Ersten Weltkriegs erhoben hatte und der nach dem Zweiten Weltkrieg zeitweise ein Sechstel der Erde dominierte. Danach war es auch keineswegs abwegig, das Jahr 1989 – wie es Ralf Dahrendorf tat – mit dem Blick auf die Revolution von 1789 zu begreifen.

Dieser Rang des 9. Novembers ist nicht abzulösen von seiner dramatischen Ereignishaftigkeit. Sie rührte nicht zuletzt von den Bildern her, die das Ereignis hervorbrachte. Mit den fassungslos-begeisterten Menschen beim Durchqueren der Grenzübergänge und dem Tanz auf der Mauer am Brandenburger Tor drang es – dank Fernsehen und Reporter-Fotos – sogleich, sozusagen in „Echtzeit“, in die Tiefenschichten des kollektiven Bewusstseins der halben Welt ein. Kaum je stand auch ein nach Zeitablauf und Akteuren so begrenzter Vorgang in einem solchen, der Kausalität spottenden Verhältnis zu seinen Wirkungen. Auf „ca. 68 000 Bürger“ bezifferte das Ministerium für Staatssicherheit unter dem 10. November die Zahl derer, die die Grenze in dieser Nacht passierten, 45 000 davon seien in der Nacht zurückgekommen, auf nicht mehr als rund 4000 Menschen schätzte die Polizei die Zahl der Teilnehmer an dem Freudenfest in West-Berlin in der Frühe des 10. November.

Dieses Profil des Tages trägt dem Umstand Rechnung, dass der Mauerfall tatsächlich – wie das der Historiker Hans-Hermann Hertle mit seiner vorzüglichen Analyse des Mauerfalls belegt – eine „nicht beabsichtigte Folge sozialen Handelns“ war. Er verdankte sich einem Bündel von Zufällen, die alle Erwartungen und Kalkulationen durchschlugen. Natürlich vollzog sich diese Wirkung nur, weil die Erschütterung der Verhältnisse in der DDR und Ostmitteleuropa bereits weit fortgeschritten war, und es spricht alles dafür, dass beide früher oder später auch ohne Mauerfall zusammengebrochen wären. Aber dass diese absehbare Entwicklung als Konsequenz eines nicht absehbaren Geschehens eben an diesem Tage zum Ereignis wurde und mit ihm die Geschichte gleichsam einen Sprung tat, begründet nicht zuletzt seinen historischen Charakter.

Natürlich ist der 9. November 1989 vor allem ein Ereignis für die Deutschen. Es gehört dazu, dass eine große Zahl anderer Ereignisse auf dieses Datum fällt – und also für uns mit dem Tag der Maueröffnung zusammenfällt: in erster Linie das November-Pogrom 1938, dann die Ausrufung der Republik 1918, schließlich auch der Hitler-Putsch 1923. Gewiss ist keine zwingend historische Beziehung zwischen diesen Daten herzustellen, es sei denn mit der banalen Feststellung, dass alles mit allem zusammenhängt, und mit der allerdings nicht zu bestreitenden Einsicht, dass die November-Daten von 1923 und 1938 Meilensteine des Unglücksgefälles der deutschen Geschichte sind. Aber ist das Datum deshalb eine bloße Laune der Geschichte? Vielleicht soll man es besser als einen Kunstgriff der Geschichte nehmen, der zusammenbringt, was zusammengehört. Er gibt einen konzisen Begriff davon, was es bedeutet, wenn von den Höhen und den Tiefen dieser Geschichte die Rede ist.

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