Die Geschichte : Vom Himmel geholt

Sie ist eine Sensation: 1911 macht Melli Beese als erste deutsche Frau den Pilotenschein – und fordert damit die Männer heraus. Eine Tragödie

Erwin Starke
Melli Beese heiratet 1913 den Franzosen Charles Boutard. Das wird ihr ein Jahr später, nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, zum Verhängnis.
Melli Beese heiratet 1913 den Franzosen Charles Boutard. Das wird ihr ein Jahr später, nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, zum...Foto: Museum Treptow

Drei Tage vor Heiligabend sitzt Melli Beese mittags vor einem Blatt Papier. Es soll ihr Abschiedsbrief werden. Draußen ist es kalt und frostig geworden, aber der Kachelofen in der Ecke spendet Wärme. Ihr Mann, Charles Boutard, von dem sich Melli Beese vor Monaten getrennt hat, will sie heute besuchen, hier in ihrem Pensionszimmer in Berlin-Schmargendorf. Was soll sie ihm schreiben? Dass sie entschlossen ist, ihr Leben zu beenden, weil sie keine Hoffnung mehr sieht, je wieder zu fliegen? Weil sie nicht mehr dazugehört zu der verschworenen Gemeinschaft der Piloten? Neben dem leeren Papier liegt ein Revolver. Er ist bereits geladen.

In diesem Dezember 1925 ist Amelie Hedwig Beese, genannt Melli, 39 Jahre alt. Wenn sie ihre Fliegerkombination trägt und der Kopfschutz mit Brille darüber ihre vollen, dunklen Haare verdeckt, könnte man sie für eine 20-Jährige halten. Ihr Gesicht hat noch jugendliche Züge, auch wenn sich die Anstrengungen der Vergangenheit in dunklen Augenringen deutlich abzeichnen. Auf Fotos wirkt sie unnahbar und stolz, den Blick stets in die Ferne gerichtet. Stolz ist sie zeit ihres Lebens, bis hin zum Eigensinn, das weiß sie selbst.

Nach den Härten der vergangenen Jahre sollte das karge Zimmer in der Friedrichsruher Straße, in dem sie nun über ihren Abschied von der Welt nachdenkt, eigentlich Ausgangspunkt zu einer neu gewonnenen Zukunft sein. Einer Zukunft, in der sie wieder fliegen würde, in der sie nicht mehr von Gelegenheitsarbeit, dem Vorführen von Motorrädern, leben müsste. Sie wollte anknüpfen an die Zeit, in der sie zu den Pionieren der deutschen Luftfahrt gehörte. Jetzt weiß Melli Beese, dass es diese Zukunft für sie nicht geben wird.

Als sie 1910 mit der Fliegerei beginnt, gelten die Maschinen noch als Sensation. Otto Lilienthal hat erst kurz vor der Jahrhundertwende mit seinen Gleitflügen bewiesen, dass der Mensch mit Flügeln vom Boden abheben kann. Auch die Konstruktion des Benzinmotors liegt keine 20 Jahre zurück, der erste offizielle Motorflug der Geschichte gerade mal sieben Jahre. Die frühen Maschinen ähneln Seifenkisten mit Flügeln. Der Rumpf des populären Wright-Doppeldeckers besteht aus einem nach unten offenen Holzlattengerüst, mit dem die stoffbespannten Tragflächen durch eine Vielzahl von Verstrebungen und Spanndrähten verbunden sind. Die Piloten sitzen vollkommen ungeschützt, den Motor direkt hinter oder neben sich. Dessen Leistung ist so gering, dass ein kleines Luftloch, jede Bö sonnenerwärmter Luft zum Absturz führen können. Melli Beese steht im Laufe der Karriere an vielen Gräbern von Fliegerkameraden. Hier zeigt sich, so schreibt Beese in ihren Erinnerungen, „der volle, unwiderrufliche Ernst“ des „selbstgewählten Loses“.

Auch sie selbst muss mehrere Bruchlandungen überstehen. Die erste am Abend des 12. Dezember 1910. Robert Thelen, ihr Fluglehrer, nimmt sie als Passagier in seinem Wright-Doppeldecker mit, zieht einige Runden über Johannisthal bei Berlin, damals der modernste Flugplatz Europas mit Tanklagern und Geschwindigkeitsmessern. Als Thelen landen will, reißt ihm die Antriebskette eines Propellers. Der verbliebene ist zu schwach, um die Maschine in der Luft zu halten. Robert Thelen setzt zur Notlandung an, doch die letzten zehn Meter stürzt die Maschine wie ein Stein zu Boden. Der Lehrer bleibt unverletzt, Melli Beese bricht sich Beine, Rippen und Nasenbein. Gegen die Schmerzen bekommt sie Morphium. Der Beginn einer lebenslangen Abhängigkeit. Robert Thelen wird Beese nie wieder mit auf einen Flug nehmen. Er spricht auch kein Wort mehr mit ihr. Sie muss sich einen neuen Ausbilder suchen.

Ursprünglich wollte Melli Beese Bildhauerin werden. Dazu geht sie 1905, im Alter von 19 Jahren, nach Stockholm. Zu Hause bei ihren Eltern in Dresden, der Vater ist ein namhafter Architekt, haben Frauen zu dieser Zeit noch keinen Zutritt zur Universität. Bereits in Schweden interessiert sich Melli Beese für die Fliegerei, jede Meldung über die Entwicklung neuer Maschinen saugt sie in sich auf. Zurück in Dresden entschließt sie sich, Pilotin zu werden. Im Herbst 1910 reist sie schließlich nach Johannisthal. Dort ist im Jahr zuvor der erste reguläre Flugplatz Deutschlands eröffnet worden. Ein Magnet für Piloten, Ausbilder und Konstrukteure. Auf der Suche nach einer Schule vor Ort wird ihr mehrfach mitgeteilt, dass man eine Frau nicht ausbilden wolle. Paul Engelhardt, Chef der Wright-Werke, lehnt Pilotinnen grundsätzlich ab. Da könne man der Frau ja gleich die Befähigung zum Offizier zusprechen, sagt er.

Von Anfang an muss sich Melli Beese gegen den Widerstand der Männer und die gesellschaftlichen Grenzen weiblicher Selbstbestimmung durchsetzen, in einer Zeit, in der Frauen im Deutschen Kaiserreich kein Wahlrecht haben, auch nur bedingt geschäftsfähig sind, in der eine Lehrerin, die heiraten will, automatisch aus dem Schuldienst entlassen wird. Bei der Flugschule Robert Thelens wird Melli Beese schließlich gegen eine Gebühr von 4000 Mark aufgenommen. Dieses kleine Vermögen geben die Eltern: „Schweren Herzens ließen sie mir auch diesen Wunsch“, wird Beese später in ihren Erinnerungen aufschreiben. Nach dem Absturz mit Thelen am Steuer und seiner Weigerung, Beese weiter auszubilden, wechselt sie zu den Rumpler-Werken. Die bauen das Model „Taube“ des Österreichers Igo Ettrich nach, das als eines der ersten Flugzeuge in größerer Stückzahl gefertigt wird. Es ist knapp zehn Meter lang, hat 14 Meter Flügelspannweite, zwei Personen finden darin Platz. Auch Melli Beese fliegt fortan nur noch in der „Taube“. Ihr Lehrer wird Hellmuth Hirth, der erfolgreichste deutsche Flieger vor dem Ersten Weltkrieg. Ihr erster Start berauscht sie. „Leben und Tod in der eigenen Hand – in einer Unmittelbarkeit, wie es in keinem anderen Sport der Fall ist“, schreibt sie hinterher.

Die Ausbildung zieht sich über Monate hin. Alle männlichen Schüler werden ihr vorgezogen, und schafft Melli Beese es doch einmal hinters Steuer, hat das Flugzeug meist einen Defekt. Wie sich herausstellt, versuchen die Männer, ihre Ausbildung nach Kräften zu sabotieren. Einmal manipulieren sie die Zündkerzen des Motors, ein anderes Mal saugen sie vor dem Start so viel Kraftstoff aus dem Tank, dass der Motor während des Flugs abstirbt – Beese gelingt in dieser lebensgefährlichen Situation eine Notlandung. Wutentbrannt stürmt sie anschließend auf Hellmuth Hirth zu und stellt ihn zur Rede. Der zeigt Verständnis – aber nicht für Beese, sondern für ihre Kollegen. Sie könne den Männern die Feindschaft nicht verdenken, sagt Hirth. Wenn eine Frau fliege, nehme sie den Männern schließlich „den Nimbus“.

Melli Beese will trotzdem die Flugprüfung ablegen. An ihrem 25. Geburtstag, dem 13. September 1911, nutzt sie die Abwesenheit ihres Lehrers. Frühmorgens startet Melli Beese die „Taube“. Zwei Zeugen sind schnell gefunden und bescheinigen ihr, alle vorgeschriebenen Übungen in der Luft erfüllt zu haben. Als ihre Schulkameraden auf dem Platz eintreffen, erhält Beese gerade die Flugzeugführerlizenz. Als erste Frau und als 115. Pilot insgesamt in Deutschland.

Zwei Wochen später nimmt sie bereits an den Wettbewerben der zweiten Flugwoche von Johannisthal teil. Hier gelingt ihr der Durchbruch. In den Zeitungen wird sie regelrecht gefeiert. „Am gestrigen dritten Tag der Berliner Flugwoche hat die schneidige Pilotin Fräulein Melli Beese abermals einen Rekord auf ihr Konto gebracht“, schreibt eine. Oder: „Alle Achtung! Was das kleine Fräulein auf ihrer Rumpler-Taube leistet, könnte manchen ihrer männlichen Berufskollegen zur Ehre gereichen.“ Am Ende erreicht Melli Beese von 24 Teilnehmern den fünften Platz. Sicher wäre sie in der Wertung noch weiter nach vorne gekommen, wenn man ihr am letzten Wettbewerbstag nicht – als einzigem Teilnehmer – den Start verboten hätte. Es regne zu stark, heißt es offiziell.

1912 gründet Beese mit dem Franzosen Charles Boutard ihre eigene Flugschule. Im Januar 1913 heiraten sie. Die Qualität ihrer Ausbildung spricht sich herum und beschert der jungen Firma genügend Schüler, um davon leben zu können. Melli Beese kümmert sich zunehmend um die technische Weiterentwicklung der selbst produzierten Flugzeuge vom Typ „Taube“, erhält mehrere Patente zugesprochen.

Als Anfang August 1914 der Erste Weltkrieg über Europa hereinbricht, zerstört dieser auch das Leben von Melli Beese. Aufgrund ihrer Ehe gilt sie rechtlich als Französin und wird von einem Tag auf den anderen zur feindlichen Ausländerin. Ihre Schule wird geschlossen, die Flugzeuge und das Werkzeug werden beschlagnahmt oder zerstört. Boutard verbringt mehrere Monate in Gefängnissen und Lagern, bis beide nach Wittstock ausgewiesen werden. Er erkrankt an Tuberkulose, und auch sie leidet arg unter den unwürdigen Verhältnissen und einer „Hölle kleinlichster Nadelstichpolitik“ durch die dortigen Behörden, wie sie später schreibt. „Erst die Revolution befreite uns aus unserer Qual. Wir standen jedoch vor einem zertrümmerten Leben, krank, aller eigenen Mittel und Besitztümer beraubt – man hat uns buchstäblich zugrunde gehetzt.“

Es folgen jahrelange, demütigende Pfändungsverfahren gegen sie. Im November 1920 leistet Melli Beese den Offenbarungseid. Sie fordert Schadensersatz vom Staat – für die zerstörten Flugzeuge, für die ausgefallenen Übungsstunden, insgesamt will sie drei Millionen Reichsmark. Doch das Verfahren zieht sich jahrelang hin.

Ihre Fluglizenz von 1911 besitzt nur noch Erinnerungswert. Zu rasant hat sich die Technik weiterentwickelt. Als Melli Beese das Fliegen lernte, waren die gängigen Motoren 50 PS stark. Jetzt sind es oft mehr als 200. In die Tragflächen wurden Steuer- und Landeklappen eingelassen, die Flugzeuge reagieren sensibler auf jede Bewegung der Pilotenhand. Als Beese im Herbst 1925 nach Schmargendorf zieht und das kleine Pensionszimmer anmietet, will sie auf dem Flugplatz Staaken eine neue Lizenz erwerben. Und dann von vorn beginnen. Im Oktober steigt sie zu ihrem ersten Alleinflug in einem modernen, schnellen Doppeldecker auf. Bei der Landung unterschätzt sie die Geschwindigkeit. Die Maschine wird stark beschädigt, die Pilotin bleibt unverletzt. Aber die Hoffnung, dass Melli Beese noch einmal zurückkehren kann in den Zirkel der besten Piloten, ist jetzt verschwunden.

Ihr Mann, Charles Boutard, hat da schon mit der Fliegerei abgeschlossen. Er hat erkannt, dass er zu alt ist, um Anschluss zu finden. Er wird sich später ein viertüriges Cabrio kaufen, in Berlin Taxi fahren. Für Melli Beese ist das keine Option. Ein Leben ohne Fliegen, ohne die Kameradschaft und Anerkennung unter Fliegern, ist für sie kein Leben. In ihrem Pensionszimmer in Schmargendorf schreibt Melli Beese auf das Blatt Papier nur wenige Worte: „Fliegen ist notwendig. Leben nicht.“ Dann nimmt sie den Revolver in die Hand und drückt ab.

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