Die Geschichte : Von der Venus zu Jesus

Mit Sandro Botticelli starb 1510 einer der wichtigsten Künstler der Renaissance. Er hatte für die Paläste der Florentiner gemalt – doch als sich die Machtverhältnisse änderten, wandelten sich auch Stil und Sujets seiner Bilder

Ernst Piper
Abbildungen: akg-images/Erich Lessing,
Abbildungen: akg-images/Erich Lessing,Foto: akg-images / Erich Lessing

Der Auftrag war wahrlich nicht alltäglich für einen Künstler. Doch Sandro Botticelli zögerte nicht, ihn anzunehmen. Die Anführer der gescheiterten Pazzi-Verschwörung sollte er malen, man hatte sie mit dem Kopf nach unten aufgehängt am Palast des Podestà, des Stadtkommandanten von Florenz. Nach einigen Tagen begannen ihre verwesenden Körper zu stinken. Aber ihre Schande sollte länger währen, weil der damals 33 Jahre alte Botticelli 1478 die Körper der Verräter im Bild festhielt.

16 Jahre lang waren seine Bilder an der Fassade zu sehen, den Florentinern zur Mahnung, bevor sie 1494 nach dem Sturz der Medici zerstört wurden. Diese 16 Jahre waren zugleich die zentrale Schaffensperiode des großen Renaissancekünstlers, in der er vor allem für seine wohlhabenden Gönner, und unter denen ganz besonders für die Familie der Medici die meisten seiner berühmten mythologischen Bilder wie den „Frühling“ und „Die Geburt der Venus“ schuf. Doch auch nach dem Abgang der Medici sollte Botticelli selbst in schwierigen und für ihn nicht ungefährlichen Zeiten in Florenz bleiben und malen – fast bis zu seinem Tod am 17. Mai 1510. Sein Alterswerk allerdings sollte ihm bei späteren Generationen den Ruf eines Opportunisten einbringen.

Florenz gehörte im 15. Jahrhundert neben dem Herzogtum Mailand, der Republik Venedig, dem Vatikan und dem Königreich Neapel zu den italienischen Großmächten. Es war eine Bürger- und Handelsstadt, in der die großen Patrizierfamilien den Ton angaben. Die Familie der Pazzi war im 14. Jahrhundert durch ihre Bankgeschäfte zu großem Reichtum gekommen. Zur Nummer eins reichte es indes nicht. Sie hatten nur die zweitgrößte Bank in Florenz, waren laut Kataster die zweitreichste Familie der Stadt – hinter den Medici.

1473 sahen die Pazzi die Chance, ihre Rivalen zu überholen, indem sie Papst Sixtus IV. auf ihre Seite zogen. Die Beziehungen der Medici zur Kurie waren schon zuvor belastet gewesen, denn der Papst hatte sich geweigert, Lorenzo de Medicis Bruder Giuliano zum Kardinal zu ernennen. Dabei war gerade Sixtus IV. ein Papst, der das damals übliche Maß an Nepotismus und Ämterkauf ins Extrem zu steigern wusste. Unter anderem ernannte er nicht weniger als fünf seiner Neffen zu Kardinälen. Einer von ihnen, Girolamo Riario, von Beruf Gemüsehändler, wollte Fürst werden. Diesen Plänen standen die Medici im Wege. Riario und sein Onkel Papst Sixtus IV. verbündeten sich mit den Pazzi.

Man einigte sich darauf, die beiden mächtigen Brüder Medici im Dom zu ermorden. Ein Hochamt zu Ehren eines Neffen von Girolamo Riario, der, obschon erst 16 Jahre alt, bereits das Amt eines Kardinals bekleidete, bot dafür die Gelegenheit. Am 26. April 1478 drangen die Verschwörer unter lautem Geschrei in den Dom ein. Giuliano de’ Medici und einer seiner Begleiter wurden ermordet. Auch Lorenzo sei tot, hieß es. Tatsächlich konnte er verwundet entkommen. Die Menge nahm Rache, mehrere Mitglieder der Familie Pazzi kamen ums Leben, ihr Florentiner Besitz wurde eingezogen.

Der Fall zeigt, wie gefährlich die Ränke der Mächtigen für die Beteiligten im Florenz des 15. Jahrhunderts werden konnten. Die Stadtrepublik war jedoch nicht nur Schauplatz blutiger Machtkämpfe. Die florentinische Renaissance gehört zu den absoluten Höhepunkten der menschlichen Kultur. Hier wirkten die Philosophen der Platonischen Akademie, baute Brunelleschi seinen unerhörte Weiten überspannenden Dom, hier wirkten Dante und Boccaccio, Leonardo da Vinci und Michelangelo. Und hier wurde 1444 oder 1445 Alessandro di Mariano Filipepi, genannt Botticelli, geboren. Den Namen hatte er von seinem älteren Bruder übernommen, den man ob seiner Leibesfülle „botticella“, das Fässchen, nannte.

Botticelli revolutionierte die noch immer stark byzantinisch beeinflusste Malerei, entwickelte neue Formen der Bilderzählung, schuf großartige allegorische Gemälde und war zugleich der bedeutendste Porträtist seiner Zeit. Vor allem die Frauengestalten, oftmals wunderschöne florentinische Patriziertöchter, erregten Aufsehen. Durch eine Veränderung der Perspektive übertrafen sie die traditionellen Madonnenbilder durch ihre ungewohnte Lebendigkeit.

Botticelli pflegte enge Verbindungen zum großen Geld. „Die Geburt der Venus“ schuf er für Lorenzos Landsitz in Castello, während „Der Frühling“ das Brautzimmer eines Angehörigen der jüngeren Medici-Linie schmückte. Die nahezu unbekleidete Venus trug die Züge von Simonetta Vespucci, die damals als die schönste Frau von Florenz galt.

Doch auch für andere Florentiner Familien arbeitete Botticelli. Die „Anbetung der Könige“ von 1475 hatte Guaspare del Lama in Auftrag gegeben, der mit Geldgeschäften ein Vermögen verdient hatte und allgemein als skrupelloser Wucherer galt. Botticelli hat sich mit orangefarbigem Umhang am rechten Bildrand selbst verewigt. Er blickt den Betrachter an. Außer ihm tut das nur ein grauhaariger Mann in der Gruppe rechts vor der Mauer: der Auftraggeber Guaspare del Lama. Es sind aber auch nicht weniger als fünf Medici auf dem Bild zu sehen. Der älteste, vor dem Christuskind kniende König ist der damals bereits verstorbene Cosimo, der den Aufstieg der Familie im 14. Jahrhundert begründet hatte, der zweite König in der Bildmitte ist sein Sohn Piero, der dritte König sein anderer Sohn Giovanni. Links von Cosimo steht die imponierende Gestalt seines Enkels Lorenzo und rechts dessen Bruder Giuliano, der bei der Pazzi-Verschwörung ums Leben kam .

Lorenzo „il Magnifico“, der Prächtige, förderte Botticelli über 20 Jahre lang. Formal war Lorenzo nur ein Bürger wie alle anderen, er beherrschte Florenz aber wie ein König, war Herr der größten Bank, beschäftigte tausende Arbeiter in seinen Manufakturen, förderte Kunst und Wissenschaft, veranstaltete gewaltige Karnevalsumzüge, feierte rauschende Feste, bei denen er eigene Gedichte vortrug.

Als Lorenzo 1492 mit nur 43 Jahren starb, zeigte sich sein Sohn Piero, mit dem Beinamen „Der Unglücksrabe“, der Situation in keiner Weise gewachsen. Soldaten des französischen Königs Karl VIII. standen vor der Stadt. Im November 1494 musste Piero fluchtartig Florenz verlassen, das sich wenig später eine neue, von den Interessen des mittelständischen Bürgertums geprägte Verfassung gab. Der neue starke Mann, der dem von den Medici entrechteten Bürgertum eine Stimme verlieh, war ein Dominikanermönch aus Ferrara, der Bußprediger Girolamo Savonarola.

Savonarola gelang es mit seinen donnernden Predigten für einige Jahre, die für ihre Leichtlebigkeit bekannten Florentiner in seinen Bann zu schlagen. Anstelle sinnenfroher Karnevalslieder ertönten nun geistliche Gesänge in den Straßen. Die wohlhabenden Bürger legten Schmuck und prächtige Gewänder ab. In einer spektakulären „Verbrennung der Eitelkeiten“ wurden Spielkarten, unzüchtige Bücher, Schminktische, Kostüme und Musikinstrumente dem Feuer überantwortet. Eine von Savonarola geschaffene Kinderpolizei, gewissermaßen die Prätorianergarde der puritanischen Revolution, überwachte den sittlichen Lebenswandel der Bürger, nicht zuletzt der eigenen Eltern, und trieb regelmäßig mit rigorosen Mitteln Almosen ein.

Was aber wird aus einem wie Botticelli, wenn seine bisherigen Auftraggeber sich plötzlich hüten, ihren Wohlstand zur Schau zu stellen? Lange Zeit hieß es, er sei durch das Auftreten des wortgewaltigen Bußpredigers so beeindruckt gewesen, dass er seine kühnen, modernen Bilder auf den Scheiterhaufen der „Eitelkeiten“ geworfen habe. Tatsächlich ließ er sich dazu wohl nicht hinreißen.

Goethe bezeichnete Savonarola später als „fratzenhaftes, phantastisches Ungeheuer“, Historiker, deren Sympathien den Medici gehörten, sahen in ihm einen bornierten Kleinbürger, dem für das ganze prachtvolle Gebäude von Kunst und Kultur jedes Verständnis fehlte. In der Tat war ihm das großspurige Mäzenatentum eines Lorenzo de’ Medici fremd, der mit Künstlern glänzen wollte wie andere mit dressierten Hunden. Der Bettelmönch aus Ferrara war ein rigoroser Verfechter des christlichen Armutsideals, zugleich ein kompromissloser Vertreter einer sittenstrengen Lebensführung und Gegner sexueller Ausschweifung, gegen die er zu Felde zog. Er propagierte eine „Renovatio Christianismi“, eine Rückbesinnung auf die Ideale des frühen Christentums, verbunden mit einer Laienfrömmigkeit, die gleichermaßen vom reformerischen Humanismus wie der Bibel inspiriert war.

Unter Savonarolas Einfluss habe Botticelli sich nur noch religiösen Themen gewidmet und das Malen vernachlässigt. So berichtet es der Maler und Kunsthistoriker Giorgio Vasari im 16. Jahrhundert in seinen berühmten Künstlerbiografien. Vasari wurde allerdings erst geboren, als Botticelli schon tot war, er musste sich auf die Berichte anderer verlassen. Tatsächlich hatte Botticelli keineswegs aufgehört zu malen, doch Themen und Stil seiner Arbeiten wandelten sich. Wenn man die „Anbetung der Könige“ von 1475 mit der „Mystischen Geburt“ von 1501 vergleicht, ist der Unterschied eklatant. Auf dem späten Gemälde sind – mit Ausnahme von Maria, Josef und dem Christuskind – alle menschlichen Gestalten verschwunden, selbst die Heiligen drei Könige, von den Medici ganz zu schweigen. Engel umgeben stattdessen den Stall. Er habe dieses Bild in einer Zeit gemalt, in der Italien von Unruhen erfüllt war, vermerkt Botticelli in der Inschrift auf dem Gemälde. Aus derselben Zeit stammt das Bild „Christus als Schmerzensmann mit Engelsnimbus“. Auch hier ist der Heiland dem Bereich des Menschlichen entrückt.

Große Zeiten prophezeite Savonarola den Florentinern, wenn sie nur wieder auf den Pfad der Tugend fänden. Zu den Idealen der ersten Christen sollte die Stadt zurückkehren, ein Spiegel der Religion für die Welt werden. Mehrfach hat Botticelli diese Vision aufgegriffen, so in dem Holzschnitt „Savonarolas Vision des Kreuzes“ von 1496. Hinter dem Christus am Kreuz sieht man die drei heiligen Städte Jerusalem, Rom und Florenz, wobei über Jerusalem und Florenz die Sonne scheint, während auf Rom ein heftiges Gewitter herniedergeht. Das war als Kritik an dem Borgiapapst Alexander VI. zu verstehen, während dessen Regentschaft sich das Leben im Vatikan durch einen bis dahin unerreichten moralischen Tiefstand auszeichnete.

Zum Ende seiner Schaffenszeit, in den Jahren 1500 bis 1505, widmete sich Botticelli einer Serie von Bildern, die Szenen aus dem Leben des Heiligen Zenobius zeigten. Zenobius war im vierten Jahrhundert der erste Bischof von Florenz gewesen und wurde neben Johannes dem Täufer als zweiter Stadtpatron verehrt. Als Botticelli diese Bilder malte, war Savonarola bereits tot. 1498 war er nach Interventionen des Papstes auf dem Platz vor dem Palazzo Vecchio hingerichtet worden. Die Stadt war in diesen Jahren erfüllt von Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern des Predigers. Den Medici gelang erst 1512 die Rückkehr nach Florenz.

Botticellis Zenobius-Zyklus darf man als Ausdruck eines florentinischen Patriotismus interpretieren. Zugleich kehrte der Renaissancemaler mit diesen Tafelbildern zurück in die traditionelle Welt der Heiligenlegenden. Hatte die Wendung vom Profil zum Dreiviertelprofil die Porträts der schönen Florentinerinnen – sei es als Venus, Minerva oder Judith – ungeahnt verlebendigt, hatten selbst die Madonnen etwas menschlich Lebensvolles, so sind die späten Bilder seltsam erstarrt, die Illusion der Dreidimensionalität will sich nicht mehr einstellen.

Botticelli hat der Nachwelt in seinen frühen Werken einen ekstatischen Rausch der Farben, Motive und Formen hinterlassen. Dieses Fest der Sinne entsprach der Stimmung der Zeit. Er malte einen nackten Frauenkörper, der als erste Aktdarstellung der Kunstgeschichte gilt. Seine heidnischen Allegorien um Frühlingsfest und Venuskult passten zur Wiederentdeckung der Antike, waren glanzvolle Höhepunkte im Florenz des Karneval und der Philosophen. Doch 1492 starb nicht nur Lorenzo de’ Medici. Im selben Jahr wurde auch Amerika entdeckt. Für Italien, im 15. Jahrhundert die führende Finanzmacht Europas, begann eine lange Periode der Instabilität und des zunehmenden Bedeutungsverlusts. Die Party war vorbei.

Das letzte Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts war die letzte Schaffensperiode Botticellis. Es war eine Zeit militärischer Auseinandersetzungen, politischer Konflikte, sozialer und wirtschaftlicher Umbrüche. Der Bettelmönch und der Buchhalter, der weltabgewandt-asketische und der bürgerliche Widerspruch gegen die verschwenderisch lebenden Renaissancefürsten, aber auch gegen die verweltlichte Kirche trafen aufeinander und vereinigten sich unter religiösen Diktatoren wie Girolamo Savonarola.

Sandro Botticelli war ein Mann des öffentlichen Lebens, ein Kunstunternehmer mit einer großen Werkstatt. Er malte, was seine Auftraggeber – die Medici, der Papst oder wer auch immer – von ihm wollten. Die Brüche der Zeit erscheinen als Brüche in seinem Werk. Doch ein politischer Wendehals, wie manche ihm unterstellen wollten, war er nie.

In den letzten Jahren vor seinem Tod im Jahr 1510 malte Botticelli nicht mehr. Vasari beschreibt ihn als einen Mann, der von körperlichen Gebrechen gezeichnet in Armut lebte. Ob es so war, wissen wir nicht. Wir kennen nur das außerordentliche Werk eines Malers, das bis heute nichts von seiner Anmut und seiner Strahlkraft verloren hat.

Der Autor ist Historiker und lehrt an der Universität Potsdam. 2009 erschien sein Buch „Savonarola. Prophet der Diktatur Gottes“.

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