Die Geschichte : Wie das Bier auf die Wiesn kam

In München beginnt das Oktoberfest. Es ist nicht das erste. 1810 feiern die Bayern königliche Hochzeit. Weil es so schön war, tun sie das bis heute immer wieder

Eine Postkarte aus dem Jahr 1897 zeigt München als Bierstadt.
Eine Postkarte aus dem Jahr 1897 zeigt München als Bierstadt.Abbildung: Verlag Carl Otto Hayd/Bier- und Oktoberfestmuseum München

Als die Münchner das erste Mal zum Feiern auf die Theresienwiese ziehen, hat die noch gar keinen Namen. Der „große Platz an der Straße nach Italien“ wird sie genannt – und liegt damals, 1810, hinter der südlichen Stadtgrenze, so wie das Dörfchen Schwabing hinter der nördlichen. München hat zu dieser Zeit nur rund 40 000 Einwohner, die mittelalterliche Stadtmauer ist gerade erst abgerissen worden, und das meiste, womit man die Stadt heute verbindet, existiert noch nicht: nicht das Neue Rathaus auf dem Marienplatz, nicht die Pinakotheken, weder die Leopold- noch die Maximilianstraße. München hat ein Jahrhundert voller Veränderungen und einen großen Aufstieg vor sich, und ein Teil dieses Aufstiegs beginnt am Mittwoch, den 17. Oktober 1810.

Es ist der fünfte Tag der Hochzeitsfeierlichkeiten. Die Gebäude überall in der Stadt sind geschmückt. Am Freitag zuvor haben sich der bayerische Kronprinz Ludwig – 24 Jahre alt, ein ebenso kunstsinniger wie schwieriger Charakter, der unter Schwerhörigkeit und einem Sprachfehler leidet – und die sechs Jahre jüngere Therese von Sachsen-Hildburghausen das Jawort gegeben. Einen Tag nach der Trauung spendierte das Königshaus an Tischen im Freien für jedermann Brot, Schaffleisch, Cervelatwürste, Bier und österreichischen Weißwein. Nun steht der letzte Programmpunkt an: ein Pferderennen, ausgetragen auf der erwähnten großen Wiese vor den Toren der Stadt. Ein Spektakel für das ganze Volk.

Es herrscht spätsommerliches Wetter, am Horizont zeichnen sich die zwei Türme der Frauenkirche und die Gipfel der Alpen ab. Das Brautpaar sitzt unter dem mit weiß-blauen Fähnchen geschmückten Dach eines osmanischen Audienzzeltes, das die Vorfahren einst von den Türken erbeuteten. Es steht direkt auf der Wiese, links und rechts davon Soldaten. Rund um das Oval des Platzes haben sich zehntausende Menschen versammelt – die ganze Stadt ist gekommen, aber auch Leute aus anderen Teilen Bayerns. Adelige, Bürger, Bauern. Die Stimmung ist ausgezeichnet, Einzelne rufen: „Da Kini, da Kini!“ Gemeint ist Max I. Joseph, erster bayerischer König, Vater des Kronprinzen, ein gemütlicher, volksnaher und sehr beliebter Monarch.

Zunächst lauscht die königliche Familie Gedichten und Liedern, die dem Brautpaar huldigen. Dann starten unter dem Jubel der Massen 30 Männer auf ihren Pferden, die Wiese zu umrunden. Am schnellsten ist der junge Franz Baumgartner, ein Lohnkutscher. Nach 18 Minuten und 14 Sekunden hat er die 3370 Meter der Rennbahn zurückgelegt. Als Preis erhält er 20 Dukaten.

Ausgerechnet dieser Franz Baumgartner war es, der die Idee für die ganze Veranstaltung gehabt hatte. Während seines Wehrdienstes hatte er seinem Vorgesetzten, einem Major, davon erzählt. Der wiederum trug den Vorschlag an den König weiter. Max I. soll sofort zugestimmt haben. Kein Wunder: Ein Fest wie das auf der Wiese vor München ist schließlich ganz im Sinne der Obrigkeit – und dass sich das Pferderennen dann auch noch als großer Erfolg herausstellt, erst recht.

Dank seines Bündnisses mit Napoleon regiert Max I. seit 1806 über ein Bayern, das so groß ist wie nie zuvor. Neben der Kernprovinz Altbayern gehören jetzt auch Franken und Teile Schwabens dazu, zwischenzeitlich sogar Südtirol und, allerdings erst ab 1816, die linksrheinische Pfalz. Aus dem kleinen Herzog- und Kurfürstentum ist ein souveränes Königreich geworden. Max I., beeinflusst durch Frankreich, von dem er sich jedoch rechtzeitig vor Napoleons Niederlage wieder abwendet, modernisiert das Land, schafft einen relativ liberalen Staat. In dessen Zentrum steht die Haupt- und Residenzstadt München, die immer mehr an Bedeutung gewinnt.

Aber Bayern ist nun kulturell nicht mehr so homogen wie vorher. Anders als die Altbayern sind zum Beispiel die Franken mehrheitlich evangelisch. Das neue, buntscheckige Land braucht verbindende Symbole. Ein gemeinsames, patriotisches Fest kommt da gerade recht.

Und so empfängt der König beim Pferderennen vor München Kinder aus allen Landesteilen, in ihrer jeweiligen Tracht. Und so ist Max I. ganz glücklich darüber, dass sein Sohn die protestantische Therese heiratet, die sich standhaft weigert, zu konvertieren. (Ludwig selbst ist weniger begeistert, aber er hasst, im Gegensatz zu seinem Vater, auch die Franzosen von ganzem Herzen.) Und so beschließt man, das erfolgreiche Pferderennen von nun an jedes Jahr zu wiederholen, als „baierisches Oktober-Nationalfest“, oder kurz: Oktoberfest. Der Platz an der Straße nach Italien erhält, der Prinzessin des jungen Königreichs zu Ehren, den Namen „Theresens-Wiese“. Über die Jahre wird daraus „Theresienwiese“. Für die Münchner ist es einfach „die Wiesn“.

Schon 1811 kommt zum Pferderennen das „Central-Landwirthschaftsfest“ dazu, eine Leistungsschau für Tiere und landwirtschaftliche Produkte. Auch ein Schützenfest wird fester Programmpunkt. Der Plan, mit dem Oktoberfest die Dynastie der Wittelsbacher, ganz Bayern und seine Einheit zu feiern, geht auf. Schnell ist es das größte Fest des Landes, mit stetig steigenden Besucherzahlen. Anfangs wird noch ein „Weitpreis“ für die längste Anreise verliehen, um Leute aus entlegeneren Teilen des Königreichs anzulocken. Doch bald, zumal nach dem Bau der ersten Eisenbahnstrecken, ist das nicht mehr nötig. 1860 kommen schon 100 000 Menschen auf die Wiesn.

Auch nachdem die Stadt München 1819 Ausrichtung und Organisation übernimmt, bleibt das Fest eine patriotische Veranstaltung und der königliche Pavillon ihr Mittelpunkt – das ganze 19. Jahrhundert hindurch. Max I. sitzt Jahr für Jahr gut gelaunt in seinem Zelt, während die Besitzer preisgekrönter Pferde und Ochsen an ihm vorbeidefilieren. Ebenso halten es, nach ihrer Thronbesteigung, sein weniger volkstümlicher und autokratisch regierender Sohn Ludwig und dessen Sohn Maximilian II.

Ludwig, der als König in ganz München zahlreiche Bauprojekte anregt (unter anderem die Universität, die Feldherrnhalle, den Königsplatz), lässt am Rande der Theresienwiese außerdem die Bavaria errichten, jene fast 19 Meter hohe und über 87 Tonnen schwere Bronzestatue, die dort bis heute steht – das personifizierte Bayern. Nur Ludwig II., der menschenscheue „Märchenkönig“, bleibt den Oktoberfesten meist fern.

Und das Bier? Um das geht es zunächst nur am Rande. „Schon bei der zweiten Wiesn wurden aber kleine, einfach gezimmerte Bretterbuden aufgestellt, an denen Händler Bier aus Holzfässern ausgeschenkt haben“, erzählt Rudolf Hartbrunner, seit 25 Jahren Stadtführer in München. Im Bier- und Oktoberfestmuseum, das sich unweit vom Marienplatz im ältesten noch erhaltenen Haus der Stadt befindet, ist dokumentiert, wie das Bier aufs Oktoberfest kam. Hier erklärt der 59-jährige Hartbrunner unter Holzbalken aus dem Jahr 1348, dass Bayerns Biertradition gar nicht so weit zurückreicht, wie man glauben mag. „Bayern war bis Ende des 16. Jahrhunderts eher ein Weinland; sogar in München hat man Wein angebaut, an der Donau sowieso, und man hat viel importiert“, sagt er. „Wegen einer Klimaverschlechterung war der Anbau irgendwann nicht mehr möglich. Die Bierproduktion wurde dann von den Herzögen gefördert. Es war die Zeit des Merkantilismus: Man wollte möglichst viele Produkte selbst herstellen und außer Landes verkaufen.“

Dann zeigt Hartbrunner auf einen hohen Tonkrug in einer Glasvitrine. „Mit solchen Krügen ist man im 19. Jahrhundert aufs Oktoberfest gegangen, die hat man selbst mitgebracht und dann wurde das Bier da hineingefüllt.“ Die Leute tranken anfangs vor allem im Freien, saßen auf Bänken und Stühlen. Anders als heute erschienen die meisten eher im Anzug, „im Sonntagsstaat“, wie Hartbrunner sagt. Die Tracht als typische Oktoberfest-Kleidung ist eine Erfindung späterer Jahre.

Die Wiesn des 19. Jahrhunderts muss man sich so vorstellen: Kanonendonner kündigt die Ankunft des Königs an, die Festwiese ist erfüllt vom Geruch nach Bier, Schnupftabak und Steckerlfischen, man hört Musik von Dudelsack und Klarinette – und die Stimmen hunderter Menschen. 1831 ist der Komponist Felix Mendelssohn-Bartholdy zu Besuch und schwärmt in einem Brief: „Wenn in München sonst schon die Tage und die Zeit so schnell forteilen (…), so ist das im Octoberfeste erst recht der Fall. Man geht da jeden Nachmittag um 3 Uhr auf die weite, grüne Theresienwiese hinaus, wo es von Menschen wimmelt, und kommt vor Abend nicht fort; denn überall gibt es Bekannte und etwas zu sprechen oder zu sehen: einen Wunderochs, ein Scheibenschießen, ein Wettrennen, schöne Ringelhäubchen u. a. m.“ Auch der Schriftsteller Friedrich Hebbel ist angetan, als er 1836 über die Theresienwiese streift, diese Ansammlung „von Zelten und Buden aller Art; Garküchen, Konditoreien, Wein- und Bierschenken“: „Der Münchener weiß, daß man in den Himmel nicht zu früh kommen kann“, schreibt er.

Mit der wachsenden Popularität des Festes, das bald etwa zwei Wochen dauert, wollen auch immer mehr Verkäufer ihr Geschäft machen. Zählt man 1819 neben einigen fliegenden Händlern exakt zwölf Bierwirte, einen Weinwirt, zwei Cafetiers, drei Likör- und einen Früchtehändler, vier Konditoren, sechs Köche und drei Bäcker, so gibt es gut sechs Jahrzehnte später 401 Verkaufsstände, Wirts- und Schaubuden.

Zu dieser Zeit ist auch das Vergnügungsprogramm schon umfangreich: Besucher können Lose kaufen, kegeln, Karussell fahren oder derben Veranstaltungen wie dem blutigen Kampf zwischen zwei Hunden zusehen. Im Bier- und Oktoberfestmuseum ist ein Plakat aus späteren Jahren ausgestellt, das für eine Schau mit den „drei dicksten Mädchen“ wirbt; darauf zu sehen sind: Elsa im roten Kleid (zirka 380 Pfund), Elvira im dunkelblauen Kleid (420 Pfund) und Berta im gelben Kleid (450 Pfund).

Der entscheidende Wandel, der das Oktoberfest mehr oder weniger zu dem macht, was es heute ist, kommt im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts; Bayern ist jetzt Teil des deutschen Reichs, die Industrialisierung läuft auf Hochtouren, die Bevölkerung wächst rasant. Auch die Bierherstellung wandelt sich. „Damals geht es weg von der handwerklichen Tradition, Brauen wird stattdessen zu einem industriellen Prozess“, sagt Stadtführer Hartbrunner. Mit Unterstützung von Gabriel Sedlmayer, Besitzer der Spatenbrauerei, gelingt es dem Münchner Carl von Linde in den 1870er Jahren, künstlich Kälte zu erzeugen. Dank dieser Erfindung lässt sich der Brauprozess erstmals steuern. Für die Branche ist das eine Revolution. Außerdem wird Bier nun auch in Flaschen abgefüllt, kann mit der Bahn exportiert werden.

Wie Sedlmayer investieren einige clevere Münchner Unternehmer in Brauereien und neue Techniken – und schaffen damit jene großen Biermarken, die es bis heute gibt, von Löwenbräu bis Hacker Pschorr. Zu diesen „Bierbaronen“ gehört etwa auch Franz Xaver Zacherl, der das Brauhaus der Paulaner Mönche übernimmt und sein Salvatorbier bald nach Berlin, Wien und sogar bis nach Griechenland fahren lässt.

Für München ist Bier um 1900 herum zum wichtigsten Wirtschaftsfaktor und Exportprodukt geworden. Von 802 000 Hektolitern im Jahr 1860 hat sich der jährliche Absatz auf 3 230 000 Hektoliter gesteigert. Der Exportanteil ist von 0,8 auf 47,7 Prozent gestiegen. Hofbräu und Spaten gehören zu den ersten Unternehmen überhaupt, die ein eigenes Logo entwickeln. Ja, ganz München wird zur Marke, die man in aller Welt mit Bier in Verbindung bringt, die Münchner sprechen stolz von der „Bierstadt“. Und das Oktoberfest, wo die großen Brauereien nun mit den Wirten kooperieren und ihr Bier verkaufen lassen, hat entscheidenden Anteil daran. „Die Wiesn wurde schnell in anderen Teilen Deutschlands und im Ausland bekannt. Das bedeutete Werbung fürs Münchner Bier, welches wiederum aufs Oktoberfest aufmerksam machte“, sagt Hartbrunner.

Statt kleiner Bierbuden entstehen jetzt, mit Unterstützung der mächtigen Brauereien, große „Bierburgen“ (mit Ziegeln eingedeckte Holzbauten) und schließlich riesige Festhallen. Deren Konstruktion geben die Brauereien zum Teil bei namhaften Architekten in Auftrag. Augustiner etwa lässt 1903 eine dreischiffige, 2000 Quadratmeter große Halle bauen, in der Platz für hunderte Menschen ist.

Um die Jahrhundertwende ist die Wiesn damit zum Bierfest geworden. 1898 entsteht das bis heute in jedem Bierzelt gesungene „Ein Prosit, ein Prosit der Gemütlichkeit! Oans – zwoa – drei – gsuffa!“ Doch die ungeteilte Freude währt nicht lange. Schon im Jahr darauf gründet sich der „Verband zur Bekämpfung betrügerischen Einschenkens e. V.“.

Das Bier- und Oktoberfestmuseum München befindet sich in der Sterneckerstr. 2, Tel. 089/24 23 16 07.

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