Zeitung Heute : Die geschundenen Tagebaugebiete Sachsen-Anhalts verschwinden unter 25 Quadratkilometern Wasser

Karsten Frerichs

"Bitterfeld - Stadt am See" - noch hat im Süden Sachsen-Anhalts kein Tourismusmanager den Mut, diesen Slogan auf eine Broschüre zu drucken. Eher hinter vorgehaltener Hand sucht man nach griffigen Namen, um nach mühevoller "Reparatur" der geschundenen Industrieregion für den Landstrich zu werben. "Bitterfelder Meer" zählt wohl zu den Favoriten - bei einer 25 Quadratkilometer großen Wasserfläche in einem renaturierten Braunkohletagebau keine Übertreibung!

Zur Weltausstellung Expo 2000 ist das Städtedreieck Dessau-Bitterfeld-Wittenberg Korrespondenzregion. An 37 Einzelprojekten will die Expo 2000 Sachsen-Anhalt GmbH unter dem Titel "Verwandlungen" zeigen, wie die von Menschenhand zur Industrieregion geformte Landschaft nicht nur zu einem lebenswerten Umfeld, sondern darüber hinaus touristisches Ausflugsziel wird. Wo 1990 der Kollaps drohte, soll 2000 beispielhaft der Neubeginn in einem von der Geschichte überholten Industriezentrum dargestellt werden.

Der See vor den Toren Bitterfelds ist eines der Expo-Projekte. Bis 1991 waren hier über 80 Jahre lang insgesamt 315 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert worden. Die Mondlandschaft wird bis 2002 geflutet, Bitterfeld bekommt eine Uferpromenade, an der Landesgrenze zwischen Sachsen-Anhalt und Sachsen entstehen ein Naherholungsraum und Naturschutzgebiete. Der Mensch schützt die Natur vor sich selbst: Mit der Flutung durch das Wasser des Flusses Mulde wird der Aufstieg von Grundwasser in den ehemaligen Tagebauen verhindert. Das Wasser unter der einstigen DDR-Chemiestadt ist verseucht, die Folgen bei einem unkontrollierten Aufstieg wären unabsehbar.

"Nichts geschieht wegen einer Ausstellung", lautet der oberste Grundsatz der Expo-Macher in Sachsen-Anhalt. Und so sind die Vorhaben weit in die Zukunft gerichtet. Besonders ehrgeizig erscheint der Bau der 25 000 Zuschauer fassenden Veranstaltungsarena "Ferropolis" in der Nähe des 9000-Einwohner-Ortes Gräfenhainichen. Fünf riesige Tagebaugeräte bilden auf der Halbinsel eines künstlichen Sees die Kulisse für Theater und Konzerte. Die Besucher sollen aus dem 100 Kilometer entfernten Berlin mit der Bahn direkt bis vor die Tore von "Ferropolis" gebracht werden.

Schon seit einigen Monaten zu besichtigen ist die Wittenberger Martin-Luther-Schule. Im Neubaugebiet der Lutherstadt hat der Wiener Künstler Friedensreich Hundertwasser eine alte DDR-Plattenbauschule für rund zehn Millionen Mark nach seinen Vorstellungen umgestaltet.

Besucherprognosen für die Zeit der Expo 2000 gibt es in der einzigen Korrespondenzregion zur Weltausstellung nicht. Nur wenige Fachbesucher und Touristen werden 200 Kilometer vom Veranstaltungsort Hannover entfernt zu einer Stippvisite erwartet. Expo 2000 ist im Süden Sachsen-Anhalts Etikett dafür, eine Region für Einwohner und Touristen wieder lebens- und erlebenswert zu machen. "Wir machen unser eigenes Ding", klingt es fast trotzig. Auskunft: Fremdenverkehrsverband Anhalt-Wittenberg; telefonisch unter 03 40 / 220 00 44.

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