Zeitung Heute : Die Gesellschaft Stadt und Land baut Ökologie von der Stange - sparsam und bezahlbar

Christof Hardebusch

Wer die Besonderheit dieser Siedlung erkennen will, muss sich von ihr entfernen. Erst dann entdeckt der Betrachter die Sonnenkollektoren, die in Reih und Glied auf den Reihenhäusern am Treptower Mohnweg liegen. Die "Energiesparhäuser" der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft "Stadt und Land" sind ein Beispiel für ökologischen Reihenhausbau in Berlin.

Die Solaranlage auf dem Dach ist groß genug, um jeden zweiten Liter Wasser zu erwärmen, der aus Dusche oder Kran fließt. Dadurch fällt die Rechnung für warmes Wasser bei einem Haushalt mit vier Personen um gut 100 DM günstiger im Jahr aus. Im Rahmen der Eigenheimzulage legt der Staat noch einmal acht Jahre lang je 100 DM Ökozuschlag oben drauf.

Sparen stand auch bei der Heiztechnik dieser Häuser im Vordergrund: 50 Kilowattstunden Energie pro Quadratmeter und Jahr reichen aus. Das entspricht dem Gegenwert von fünf Litern Heizöl. Konventionelle Häuser verbrauchen das Doppelte, Niedrigenergiehäuser bis zu zweieinhalb Liter mehr. Sparsam sind die Häuser, weil sie gut verpackt sind. Die Außenwände tragen einen Vollwärmeschutz, und die Isolierfenster lassen nur wenig Energie ins Freie entweichen. Für Frischluft sorgt eine Lüftungsanlage. Sie tauscht fortwährend den Sauerstoff im Haus aus, und Filter reinigen die von außen nachströmende Luft. Das kommt besonders Allergikern zugute. Aber auch die Bausubstanz profitiert von der Anlage. Denn in schlecht gelüfteten Räumen sind oft Stock- und Schimmelflecken zu befürchten. In diesen Niedrigenergiehäusern messen sogar Sensoren die Feuchtigkeit in den Räumen. Ist sie zu hoch, blasen die Ventilatoren einen Extraschub trockene Frischluft ins Haus.

Die 25 Energiesparhäuser im Treptower Ortsteil Altglienicke gehören zu einem Wohnpark mit insgesamt 60 Eigenheimen. Mit ihren 113 Quadratmetern Wohnfläche sind sie sechs Quadratmeter größer als die Nachbarhäuser - und teurer: Inklusive 174 Quadratmeter großem Grundstück kostet das Reihenmittelhaus 459 000 DM. Das Nachbarhaus ohne Solar- und Lüftungsanlage ist für 393 000 DM zu haben. Die Energiespartechnik schlägt also mit einem Aufpreis von rund 200 DM pro Quadratmeter Wohnfläche zu Buche. Die Mehrkosten stören Käufer wenig. Nur sieben der 25 Ökohäuser fanden bisher noch keinen Interessenten. Dagegen steht von den übrigen 40 Reihenhäusern die Hälfte leer. "Die Interessenten reagieren sehr positiv auf die ökologischen Vorteile der Häuser", sagt Ulrich Haaker, der die Häuser für die Gesellschaft Stadt und Land verkauft. Zudem habe die Mehrzahl der Käufer Anspruch auf die Förderkredite der Investitionsbank Berlin. Für diesen Kreis von Interessenten erhöhten die Extrakosten die Monatsbelastung kaum.

Bei künftigen Projekten will Stadt und Land den Energieverbrauch der Eigenheime weiter senken. Das Unternehmen begrenzt sein ökologisches Engagement allerdings auf Maßnahmen, die einer Vermarktung der Häuser nicht im Weg stehen. Autos sind in der Siedlung keine Poller in den Weg gestellt. In den Häusern liegt die Küche im Erdgeschoss. Eine Holztreppe führt zum Wohnzimmer und zu einem der Kinderzimmer im ersten Stock. Im zweiten befinden sich das Schlafzimmer der Eltern und ein zweites Kinderzimmer. Ebenfalls im zweiten Geschoss liegt ein Abstellraum.

Im Dachboden findet der Käufer den Bewag-Anschluss für die Fernwärme, eine Terrasse mit Sichtschutz auf beiden Seiten und eine noch nicht ausgebaute "Dachkammer". Das Wort trifft es nicht ganz, denn ausgebaut bietet die "Kammer" stattliche 32 Quadratmeter - ein Zimmer mit Aussicht. Der Blick schweift allerdings nicht über Bauernhöfe oder Komposthaufen, sondern fällt auf mehrgeschossige Miethäuser.

Die Lage der Häuser ist gewiss städtisch zu nennen: Ab und zu ziehen Düsenmaschinen am Horizont vorbei Richtung Flughafen Schönefeld. Zu hören sind sie nicht: Der Wohnpark liegt nicht in der Einflugschneise. So urban wie ihre Lage sind die Häuser selbst. Als das Land Berlin die Baugrundstücke für Eigenheimprojekte ausschrieb, verlangten die Politiker ausdrücklich nach dem "städtischen Haus". Also keine Sattel- oder Walmdächer, kein falsches Fachwerk oder andere ländlichen Gestaltungsmerkmale. Der Bauherr trug diesem Wunsch dadurch Rechnung, dass er die Häuser mit Flachdächern deckte: Futuristisch anmutende Sichtblenden aus Stahl und Glas schützen die Gartenterrassen vor neugierigen Blicken.

Diese Rohre verschwinden dann im Gartenboden. Erst der Blick nach oben erschließt den Sinn dieser Konstruktion. Die Rohre führen das Wasser aus den Regenrinnen am Dach direkt in den Garten. Üblicherweise erfolgt die Entwässerung über das städtische Kanalsystem. Dort mischt sich der Regen mit schmutzigen Abwässern und fließt zur Kläranlage. Ein kostspieliges und überflüssiges Verfahren, wie die Altglienicker Energiesparhäuser zeigen. Dort gelangt das Regenwasser gleich wieder in seinen natürlichen Kreislauf.

Die derzeit gültige Wärmeschutzverordnung 95 erlaubt der Heizung von Reihenmittelhäusern ein Energieverbrauch von rund 100 Kilowattstunden (kWh) pro Quadratmeter und Jahr. Sind es nur 75 kWh, darf das Haus das Etikett "Niedrigenergiestandard" tragen. Ob Niedrigenergie- oder Passivhaus, nicht immer stimmt der vom Verkäufer angegebene Energieverbrauch.Neutrale und kostenlose Beratung finden Käufer oder Bauherren bei der "Berliner Bürgerberatung Umwelt und Energie", Telefon: 301 60 90. Weitere Informationen gibt es beim Passivhaus-Institut Darmstadt: (06151) 826 990 und beim Niedrigenergie-Institut Detmold: (05231) 390 70.

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