Zeitung Heute : Die geteilte Freude

Ein bisschen erleichtert, ein bisschen peinlich berührt, ein bisschen gedemütigt. Am Tag nach dem Fall von Bagdad gibt es nicht nur Euphorie. Wie reagieren die Kriegsgegner in aller Welt auf die Bilder von triumphierenden Soldaten, umgestürzten Saddam-Statuen und jubelnden Irakern?

Robert Rimscha

Wenn Mauern fallen und Tyrannen stürzen, wenn Diktatoren-Bilder im Staub landen, dann freuen sich die Freunde der Freiheit. Dann knallen Sektkorken, dann wird geprostet und gejubelt. Berlin, Paris, Moskau: Dass man hier Saddam Hussein für wenig mehr als einen Schuft erachtete, daran ließen die Regierungen trotz allen Protests gegen den US-geführten Krieg nie einen Zweifel. Freut man sich also nun in Regierungsdeutschland? Ruft man aus dem Kanzleramt nun im Weißen Haus an und gratuliert? Jeff Gedmin, Chef des Aspen-Instituts in Berlin, weiß, dass es nicht so ist: „Ist es nicht bedauerlich, dass heute der deutsche Bundeskanzler den amerikanischen Präsidenten nicht einfach anrufen kann?“

Rot-Grün hat es nicht leicht. Kann man den Sieg in einem Krieg bejubeln, wenn man diesen Krieg stets ablehnte? Andererseits: Kann man sich der Freude verweigern, wenn Saddam Hussein endlich von der Bildfläche verschwindet? Gert Weisskirchen, nicht der prominenteste aller Sozialdemokraten, aber immerhin einer der führenden Außenpolitiker seiner Partei, hat am Mittwochabend zugesehen, wie in Berlin lebende Iraker vor der US-Botschaft tanzten und sangen, sich freuten und Amerika dankten. „Das war nicht künstlich“, sagt Weisskirchen. „Das war frisch und ehrlich. Niemand kann daran vorbei, dass der Irak nun eine neue Chance hat. Wir atmen auf.“

Dennoch will eines nicht gelingen. Nun den transatlantischen Streit beiseite wischen und sich vorbehaltlos über das Ende Saddams freuen, das geht im rot-grünen Berlin nicht. Selbst jene, die ihre „Erleichterung“ bekunden, schieben stets ein „und trotzdem“ nach. Trotzdem hätte die Abrüstung des Irak auch friedlich gelingen können. Trotzdem war der Anti-Kriegs-Kurs richtig. Trotzdem war es klug, Bush zu trotzen. Die fortwährenden Vorbehalte erlauben bestenfalls eine beschränkte Pflichtfreude.

So schwankt die Stimmung zwischen der Betonung der Erleichterung und jener der fortwährenden Richtigkeit der Bedenken. Am einen Ende stehen, kaum mehr dem rot-grünen Lager zuzurechnen, Politiker wie Hans-Ulrich Klose, der über den Irak den großen Knatsch mit dem Kanzler riskierte und hernach per „FAZ“ erklärte, warum aber auch alles am Regierungskurs falsch sei. Klose wollte am Donnerstag seine klammheimliche Freude allein genießen und ließ nur verbreiten, er sei völlig unerreichbar. Am anderen Rand des Spektrums stehen jene, für die die Devise lautet: Der Kampf gegen den Krieg ist mit dem Ende des Krieges nicht vorbei. Der Kanzler selbst mahnt eindringlich vor dem Übermut der Sieger in Washington: „Ich warne vor Wiederholungen!“

Und es gibt den Rückzug in den bürokratischen Alltag. Nehmen wir Angelika Beer. Die Grünen-Chefin gab am Donnerstag eine Erklärung ab, in der zwar Hilfe für schwangere Frauen im Irak gefordert wurde, aber jeder Hinweis auf das Ende der Diktatur, jede Erwähnung des gestürzten Tyrannen und jede eventuelle Freude darüber fehlten.

Mit derlei Gefühlsvermeidung – oder eben mit gemischten Gefühlen – reagieren die Kapitalen der Kriegsgegner. Es gibt aber auch das ehrliche Aufatmen. Wenn Gerhard Schröder sagt, jeder Tag, den der Krieg früher ende, sei ein guter Tag, so kann ja niemand dieser Äußerung ihre Aufrichtigkeit absprechen.

Kaum lief das Bild vom Fall der Saddam-Statue über die französischen Bildschirme, hatten sich vor den Fernsehern in den Räumen der gerade tagenden Nationalversammlung Trauben von Abgeordneten gebildet. Die Stunde der „süßen Rache“ für die Amerikafreunde in Jacques Chiracs konservativer Partei, so konnten sie es am Donnerstag in der Zeitung lesen. „Ein Happy End“, jubelte ihr Anführer, Alain Madelin, und ein anderer Abgeordneter sagte: „Jetzt wird es Zeit, dass die französische Diplomatie ihren sturen Kurs gegenüber den USA korrigiert und zugibt, dass sie sich in vielen Punkten getäuscht hat.“ Die Friedensachse Paris-Berlin-Moskau habe sich spätestens jetzt als „historischer Irrtum“ herausgestellt.

„Chirac, der ungekrönte Friedenskönig“, feixte die Zeitung „Libération“. Entsprechend wortkarg reagierten die Regierung und ihre kritisierten Macher, Außenminister Dominique de Villepin und Staatschef Chirac. In einer ersten Erklärung aus dem Elysée-Palast ließ er immerhin verlauten: „Wir begrüßen das Ende des irakischen Regimes, aber nichts ändert sich an unserer Einstellung, dass der Krieg gegen den Irak nicht legitimiert war.“ Klarer wurde ein französischer Diplomat – die Befreiung des irakischen Volkes habe nichts zu tun mit der Besetzung des Landes durch eine ausländische Macht, sagte er – und gleichzeitig irgendwie unklar. Sabine Heimgärtner

In Moskau steckten sie Bush-Pappfiguren in Brand. Beileibe kein Häuflein aufrechter Linksextremisten, sondern Freunde der kremlnahen Partei „Einiges Russland“. Sie und die Gewerkschaften hatten am Mittwochnachmittag zu einer Anti-Kriegs-Demonstration aufgerufen. 100000 Menschen kamen. Bei dem für Samstag geplanten Umzug gegen den Krieg in Tschetschenien dagegen erwarten die Organisatoren ganze 5000 Teilnehmer. Offiziell, weil für die Demo-Genehmigung eine Teilnehmerzahl angegeben werden muss. Man würde es jedoch schon als Erfolg ansehen, sagt einer der Organisatoren aus der sozialliberalen Jabloko-Partei, „wenn 80 bis 100 Figuren kommen“.

Wladimir Putin äußerte sich bis Freitag mit keinem Wort. Dann jedoch wird er es tun, dann wird er Schröder treffen und Chirac. Sie werden über den Irak reden, sie werden alles analysieren, und am Tag darauf werden es vielleicht auch die russischen Zeitungen tun. Das haben sie nämlich bis jetzt vermieden. Keine wollte in die falsche Richtung vorpreschen. Elke Windisch

Mahmoud ist fassungslos. Der 33-jährige Jordanier sitzt in seinem kleinen Lebensmittelgeschäft im Ammaner Stadtteil Abdoun und rauft sich am Mittwochabend die Haare: „Wo sind die irakischen Soldaten, die Republikanischen Garden, die Geheimdienste, die Fedajin?“, fragt er. „Warum kämpfen die nicht?“ Die Jubel-Bilder aus Bagdad lassen den Mann restlos verwirrt zurück. Wie die meisten Menschen in der arabischen Welt. „In Umm Kasr haben sie tagelang gekämpft, in Basra auch – und in Bagdad sind Armee und Regierung wie vom Erdboden verschwunden.“ Mahmoud hat seit drei Wochen nur noch fern gesehen in seinem Laden, der Widerstand im Süden gegen die Invasion hat ihn stolz gemacht. Aber jetzt denkt er weiter. „Diese Demütigung betrifft ja alle Araber. Als Nächstes sind dann Syrien und vielleicht auch Jordanien dran“, sagt er. Er wolle jetzt ein paar Tage schlafen. „Vielleicht war dann alles nur ein böser Traum.“

In den Zeitungen wurde am Donnerstag die Frage gestellt, ob es einen „Last-Minute-Deal“ mit den Amerikanern gegeben habe. Nur so ließen sich das Untertauchen der Führung und die Abwesenheit der Armee erklären. In der Wochenzeitung „The Star“ steht: „Für Millionen Araber war Bagdad das Symbol für Stolz, Widerstand und eine gemeinsame Identität. Das Symbol ist gefallen und hat viele Hoffnungen und Träume begraben.“ Andrea Nüsse

Fassungslosigkeit und Wut in der arabischen Welt, ein bisschen Peinlichkeit, ein bisschen Erleichterung, daneben auch Demütigung in der westlichen Anti-Kriegs-Koalition – aus all diesen Facetten setzt sich die Stimmung zusammen.

Die Freude indes gelingt jenen in Berlin am besten, die zur Selbstkritik fähig sind. Zahlreich waren jene, die sicher waren, dass Hunderttausende im Irak sterben würden. Winfried Nachtwei, der grüne Außenpolitiker, gehört am Donnerstag zu den wenigen, die sich am meisten darüber freuen, dass sie selbst Unrecht hatten. Er sei „erleichtert“, dass er mit seinen „Befürchtungen falsch lag“, sagt er. Und dann folgt im Stakkato die ganze Widersprüchlichkeit der Gefühlslage: Er sei zornig über die Opferzahlen. Er sei beunruhigt über die Spätfolgen und politischen Begleitschäden des Feldzuges. „Richtige Freude“ empfinde er über den Kollaps des Saddam-Regimes. Auch er sah am Mittwochabend, wie sein Kollege Weisskirchen, die Tanzenden vor der US-Botschaft. Und daneben, geknickt, irritiert, fast gedemütigt, die Vorbeilaufenden aus der Friedensbewegung.

Gibt es ein Fazit? Nachtwei hat einen Begriff. „Gespaltene Freude“ – so gehe es ihm. Nicht nur ihm. Robert von Rimscha

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