Zeitung Heute : Die Gewalt in den Hirnen der Schüler bekämpfen

Der Tagesspiegel

Von Uwe Schlicht

75 000 Euro streicht Berlin für das renommierte internationale Institut für Schulbuchforschung in Braunschweig. 75 000 Euro erscheinen angesichts der Millionen, die sonst im Haushalt gestrichen werden, nicht viel. Für das internationale Georg- Eckert-Institut in Braunschweig ist das eine Menge Geld. Das kleine Institut beschäftigt nur 30 Mitarbeiter und verfügt über einen bescheidenen Etat von 1,5 Millionen Euro, aber in Europa gibt es keine vergleichbare Einrichtung. Berlin bürdet mit seinem Rückzug aus der Finanzierung dem Land Niedersachsen jetzt zusätzliche Lasten auf, denn das Georg -Eckert-Institut wird zwar von den meisten deutschen Ländern getragen, aber es gibt einige Länder, die, aus welchen Gründen auch immer, sich nicht an der Finanzierung beteiligen. Für die springt dann automatisch Niedersachsen ein.

Deutsch-polnischer Vergleich

Das ist seit der Gründung des Georg- Eckert-Instituts so. Damals tobten noch die Auseinandersetzungen um die deutsch-polnischen Schulbuchempfehlungen, die erstmals 1976 veröffentlicht wurden. Bayern war das nicht recht und so beteiligte sich Bayern von Anfang an nicht an der Finanzierung mit dem Argument, so ein Institut für den Vergleich der Schulbücher sollte eher bei der Kultusministerkonferenz angesiedelt werden. Baden-Württemberg schloss sich den Bedenken an. Aber Niedersachsen bestand auf der völligen Unabhängigkeit des Schulbuchinstituts. Nach der Wiedervereinigung trat zwar Mecklenburg-Vorpommern dem Georg-Eckert-Institut bei, konnte jedoch die Gelder nicht aufbringen.

Jetzt tanzt auch Berlin aus der Reihe der Länder, die sich nicht mehr an der Finanzierung beteiligen wollen. Das kann durchaus Signalwirkung auf andere ärmere Länder in Deutschland haben, denen es auch schwer fällt, Gelder für überregionale Aufgaben aufzubringen. Aber auch im Ausland wird man es mit Sorge registrieren, dass ein Institut, das sich der internationalen Schulbuchforschung widmet, in Deutschland nicht mehr so gesichert erscheint wie bisher. Das erklärte der stellvertretende Leiter des Georg- Eckert-Instituts, in Braunschweig, Falk Pingel, gegenüber dem Tagesspiegel.

Das Georg-Eckert-Institut ist in den letzten Jahren mit vorbildlichen Initiativen mehrfach in die Schlagzeilen der Zeitungen gekommen. Jüngst erst mit dem Schulbuchvergleich zwischen den Balkanländern Kroatien, Serbien, Herzegowina, Albanien und Kosovo, wo als Folge des jahrelangen Bürgerkriegs auch in den Schulbüchern Klischees und hasserfüllte Darstellungen aus Vergangenheit und Gegenwart aufgedeckt wurden - frei nach dem Motto, schuld sind immer die anderen.

An Empfehlungen für neue Lehrpläne und Schulbücher in den Balkanländern arbeitet das Georg-Eckert- Institut mit finanzieller Unterstützung diesmal durch Sondermittel aus dem Stabilitätspakt. Sonst ist einer der wichtigsten Finanziers für internationale Vorhaben das Auswärtige Amt in Berlin oder die Unesco.

Israel und Palästina

Aktuell ist auch der Schulbuchvergleich zwischen Israel und den Palästinensern. Wiederum handelt es sich um ein heikles Terrain, in dem ein unerklärter Krieg tobt und Opfer auf beiden Seiten zu beklagen sind. Die Folge: Die Opfer sind jeweils Anlass zu neuem oder vertieftem Hass und Misstrauen. Auch hier soll durch einen Schulbuchvergleich und Empfehlungen für neue Formulierungen versucht werden, die Spirale von Hass und Gewalt nicht gleich in den Hirnen und Herzen der Schulkinder wachsen zu lassen.

Die deutsch-polnischen Schulbuchempfehlungen sind inzwischen so weit vorangeschritten, dass es jetzt um umfangreiche Quellensammlungen geht, die den Lehrern für den Unterricht in beiden Ländern zur Verfügung gestellt werden können. Neuerdings gibt es auch Gespräche zwischen Deutschen und Tschechen über Schulbücher, in denen auch das dunkle Kapitel der Vertreibung der Sudentendeutschen nach 1945 aufgearbeitet werden soll.

Falk Pingel, der stellvertretende Leiter des Georg-Eckert-Instituts, zeigte sich enttäuscht über den neuesten Schritt des Landes Berlin. Noch vor vier Wochen habe Berlin bei den Haushaltsberatungen für das Jahr 2003 gegenüber Niedersachsen erklärt, dass es das Georg- Eckert-Institut auch weiterhin finanzieren wolle. „Offensichtlich finden beim Sparen keine Abstimmungsgespräche statt. Die Betroffenen werden vor vollendete Tatsachen gestellt", kritisiert Falk Pingel. „Wenn unsere Finanzierung in Deutschland wackelt, dann werden unsere internationalen Partner wie die Unesco sich ihr weiteres Engagement oder ihre Auftragsvergabe überlegen."

Das würde die Einwerbung von Drittmitteln gefährden, die bei einem Rückzug des Staates aus der Finanzierung für die Weiterbeschäftigung von Mitarbeitern immer wichtiger werden. „Niemand zweifelt zwar an der internationalen Anerkennung des Instituts und alle wollen auch Aktionen gegen Ausländerfeindlichkeit unterstützen. Wenn es aber an die Finanzierung geht, dann ist das Engagement nicht mehr so sicher."

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