Zeitung Heute : Die Gewalt vor dem Fenster

Schock am Tatort – das Potsdamer Verbrechen

Dirk Becker[Potsdam]

Am Sonntag, kurz nach 16 Uhr, klingelt die Kriminalpolizei an seiner Tür. Zwei Beamte fragen Stefan Körner, ob er Angaben zu dem Überfall am frühen Morgen vor seiner Haustür machen könne. Zwei Personen hätten an der Straßenbahnhaltestelle S-Bahnhof Charlottenhof auf einen anderen eingeschlagen, sagen sie. Genaues würde er aus Funk und Fernsehen erfahren. Stefan Körner schüttelt den Kopf. Sonntagfrüh, kurz nach vier, da schlief er tief und fest.

Zwei Tage später schüttelt Stefan Körner noch immer den Kopf. Er hat Radio gehört, die Nachrichten im Fernseher verfolgt, auf dem Tisch vor ihm liegen Zeitungen. Die „schwere Körperverletzung“, von der die Kripobeamten sprachen, hat jetzt ein Gesicht bekommen. Der 37-jährige Ermyas M., Deutscher afrikanischer Herkunft, verheiratet mit einer Potsdamerin, Vater zweier Kinder, wurde am Sonntagmorgen in Potsdam von zwei Schlägern fast zu Tode getreten. Ein schweres Schädel- und Gehirntrauma, Knochenbrüche, ein verletztes Auge und Erbrochenes in der Lunge diagnostizierten die Ärzte, als der bewusstlose M. ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Ein Taxifahrer sah die beiden Täter, wie sie auf den am Boden Liegenden eintraten. Als er anhielt, flüchteten sie. Kurz vor dem Überfall rief M. seine Frau an. Der Anrufbeantworter hat Teile des Gesprächs mit den beiden Schlägern aufgenommen. Bevor sie auf M. eintraten, nannten sie ihn „Scheiß-Nigger“. Die Polizei, die noch nicht weiß, wer die Täter sind, will die Aufnahme heute ins Internet stellen.

Schaut Stefan Körner aus dem Fenster, sieht er den Tatort. „Ich weiß, was dort geschehen ist, doch etwas in mir weigert sich, das zu glauben“, sagt der 33-Jährige. Stefan Körner ist geschockt, er ist wütend, und er weiß, dass er machtlos ist. Er sucht nach Worten für seine Gefühle, nach Erklärungen für das, was vor seinem Fenster passiert ist. Er ist entsetzt, dass ein Mensch fast zu Tode geprügelt wurde. Und erschrocken darüber, dass dies ausgerechnet im Stadtteil Potsdam-West geschah.

Auch für Katharina Hoffmann ist es schwer zu begreifen, dass so ein Verbrechen in ihrer Gegend passieren konnte. „Man rechnet damit eher in ländlichen Gebieten“, sagt die 25-jährige Studentin.

In Potsdam-West wohnen Studenten, junge Familien, zum Park Sanssouci hin die Gutverdienenden. Hier gibt es Öko-Läden und linke Wohnprojekte. Aber Probleme mit Rechtsradikalen? Die gibt es in der Stadt immer wieder. Im Mai des vergangenen Jahres stoppten 15 Rechte eine Straßenbahn in der Innenstadt, um zwei Linke mit Bierflaschen zu Boden zu prügeln. Vor wenigen Wochen erst wurden die Urteile gesprochen.

Stefan Körner weiß, dass es in Potsdam immer wieder zu Übergriffen von Rechten kommt. Doch ist ihm das jetzt wenig Trost. „Ich schlief, und ein Mensch wurde aus seinem Leben gerissen.“ Wie M. hat er zwei Kinder.

Stefan Körner fragt sich, wie Ermyas M.s Kinder damit zurechtkommen, dass ihr Vater im Koma liegt. Ermyas M., der seit 1987 in Deutschland lebt, der kurz vor dem Abschluss seiner Doktorarbeit über Wasserwirtschaft steht. Der den Verein Buntstifte gründen will und für September eine Vortragsreihe plant, um Kindern und Jugendlichen in Potsdam Afrika näher zu bringen. Ermyas M., der im Babelsberger Fußballklub kickt und die interkulturelle Woche in Potsdam mit organisiert, der irgendwann nach Afrika reisen wollte, um dort mit seinem Wissen über die Wasserwirtschaft zu helfen. Dieser Mann wurde vor Stefan Körners Fenster fast zu Tode geprügelt. Körner schüttelt den Kopf. Am Abend will er eine Kerze in sein Fenster stellen. Irgendetwas muss er schließlich tun.

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