Zeitung Heute : Die Göttin im Gewerbegebiet

Sie hängen sich an Fleischerhaken auf – und trotzdem fließt kein Blut: ein Fest im Hindu-Tempel von Hamm

Christina Sticht[Hamm]

Der Mann wird gleich rollen. Mit einem Lendenschurz bekleidet wird er sich auf dem Boden wälzen, einmal um den Tempel herum. In seinen Wangen steckt schon ein Metallpfeil, in seinem Rücken ein Fleischerhaken. Nein, er habe keine Schmerzen, sagt er. Der Mann heißt Asokan, einst lebte er in Sri Lanka, und jetzt steht er in Hamm in der prallen Sonne, Schweiß auf der Stirn. Nein, er habe auch keine Angst, sagt er. Schließlich rollt er der Göttin Kamadchi Ampal zu Ehren. Damit sie weiterhin so gut seine Frau und seine fünf Kinder beschützt. Asokan lebt seit 14 Jahren in Karlsruhe. Er ist Tamile, er ist aus Sri Lanka geflohen. Schon dort hat er sich selbst gegeißelt. Und sein Sohn, der ihn nun mit der Videokamera filmt, soll es ihm eines Tages gleichtun. Vorausgesetzt, der Priester erlaubt es ihm.

Das Wort des Priesters zählt viel unter den Tamilen in Deutschland. Er heißt Sri Paskaran, 43 Jahre alt, und er ist der Grund dafür, dass der größte Hindutempel auf dem europäischen Kontinent in Hamm-Uentrop, am östlichen Rande des Ruhrgebiets, entstanden ist. Seit 1985 wirkt er in Hamm. Paskaran begreift das als göttliche Fügung. Eigentlich wollte er mit dem Zug von Moskau nach Paris fahren, sagt er, aber dann stieg er in Hamm aus, weil er Hunger hatte. In der grauen Stadt habe ihm die Göttin Kamadchi Ampal einen Wink gegeben: Bau an diesem Ort mir zu Ehren einen Tempel! Paskaran fuhr nicht weiter nach Paris.

Die Göttin wohnt deshalb an der Autobahn Hannover-Oberhausen, in Blickweite eines stillgelegten Atomkraftwerks. In einem Gewerbegebiet erheben sich die zwei elfenbeinfarbenen Türme des Tempels, elf und 17 Meter hoch, mit Plastiken von Hindugöttern verziert. Das Haus hat ein Flachdach und fügt sich damit eigentlich nahtlos in die Nachbarschaft des Schlachthofs Westfleisch und der Baustoffhandlung Ytong ein. Aber es ist rot-weiß gestreift.

Die Umgebung stört die Gläubigen nicht, die schon am Sonntagmorgen in Scharen herbeiströmen. Viele haben für den Tempelbau gespendet, insgesamt hat er etwa 1,4 Millionen Euro gekostet. Die Frauen tragen prächtige Saris und Goldschmuck, die Kinder sind hübsch herausgeputzt. 15000 Menschen werden zum Tempelfest erwartet, an der Straße stehen Autos aus Belgien, Frankreich und der Schweiz. Es riecht nach Räucherstäbchen und verbranntem Öl. Priester in gelben Gewändern verteilen Schalen mit Opfergaben: Kokosnüsse, Bananen, Trauben. Kräftige Trommelschläge und der durchdringende Ton der Nadaswaram, eines Blasinstruments, begleiten das alles. Auf der Wiese nebenan verkaufen Händler scharfe Speisen, CDs und Decoder für das tamilische Fernsehen.

Das falsche Bild

Um elf Uhr formiert sich der Umzug, der drei Kilometer durchs Industriegebiet führt: die Siegenbeckstraße hinauf, rechts ab in die Zollstraße, an Lagerhallen vorbei, am Stoppschild geht es in die Lippestraße, wo die blumengeschmückte Sänfte mit der Statue der Göttin dann Westfleisch passiert. Am Straßenrand stehen auch deutsche Schaulustige. Inge Schulte-Wieschen zum Beispiel, Rentnerin aus Hamm, sieht den Tempel heute zum ersten Mal. Ihr verstorbener Mann hätte das bestimmt nicht mitgemacht, sagt sie. Nun ist sie mit einer Freundin aus hierher geradelt. „Die Mädchen sind so hübsch und elegant“, sagt sie. Und als die tanzenden Männer vorbeikommen, die auf ihren nackten Schultern mit Blumen und Pfauenfedern geschmückte Holzgestelle tragen, runzelt sie die Stirn. Es verschlägt ihr geradezu die Sprache, als sie den Mann entdeckt, der in der Luft baumelt. Festgehalten von den Fleischerhaken in seinem Rücken hängt er in einem Holzgerüst. Ein Traktor zieht es hinter sich her. Der Mann ist entrückt, es fließt kein Blut. „Das ist mir alles zu fanatisch“, sagt Frau Schulte-Wieschen.

Rolf-Dieter Terfort, 53, Versicherungskaufmann, steht auch an der Straße und er lädt die Rentnerin ein, doch mal eine Tempelführung mitzumachen. Denn im Moment mache sie sich ein falsches Bild von der Sache, sagt er. Terfort ist so etwas wie der Privatsekretär des Priesters. Er beschäftigt sich seit seiner Jugend mit dem Hinduismus. Ihn fasziniert die Ernsthaftigkeit des Glaubens, sagt er. Terfort ist stolz darauf, dass bis Ende des Jahres 70 Führungen gebucht sind: von Schülergruppen, Männergesangsvereinen, demnächst auch vom Oberlandesgericht Hamm.

Standortvorteil: Kanal

Aber ist das alles nicht völlig absurd? Die Göttin im Industriegebiet? Die vegetarischen Hindus neben dem Schlachthof Westfleisch? Für Terfort fügt sich das alles zusammen. „Das Wappen der Stadt Hamm ist rot-weiß wie die Tempelfarben“, sagt er. Das Wahrzeichen von Hamm sei ein Glaselefant. Im Grunde genommen habe alles darauf hingedeutet, dass sich eines Tages die Göttin hier niederlassen werde.

Und einen großen Vorteil hat die Lage im Industriegebiet. Am Montag, dem vorletzten Tag des Tempelfests, wird es rituelle Waschungen geben. Dann dürfen die Männer, die der Göttin zu Ehren gerollt sind und sich gequält haben, abtauchen. Danach, so sagen sie, fühlen sie sich wie neu geboren. Und das alles geschieht im Datteln-Hamm-Kanal, nur 300 Meter entfernt vom Tempel, unter der Autobahnbrücke. Der Nachteil vom Vorteil: Priester Paskaran muss dort immer besonders laut beten und singen, damit ihn das Getöse der Autos nicht übertönt.

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