Zeitung Heute : Die Göttin stirbt

Indiens Wirtschaftswachstum explodiert, die Bevölkerungszahl auch. Die verheerenden Folgen lassen sich am Ganges studieren

Rainer Kellers[Varanasi]

Gangotri stöhnt und ächzt, als Ganga seinem Schoß entspringt. Vor Anstrengung brechen Eisbrocken aus seinem narbigen Antlitz, und Schmelzwasser rinnt entlang der Furchen und Falten hinab in den munteren Quell. Wie stumme Taufpaten recken die Bhagirathi-Brüder ihre mächtigen Gipfel, um einen Blick zu werfen auf das Göttermädchen, das der Gletscher unter ihnen gebiert. Und gegenüber verneigt sich anmutig der stolze Shivling, ein Berg geformt wie das Phallussymbol des Gottes Shiva.

Es ist eine atemberaubende Kulisse, ein Amphitheater auf 4000 Metern Höhe mit Rängen nahe der Siebentausender-Grenze. Eine würdige Kulisse für eine Göttin. Denn genau das ist Ganga: eine Gottheit, die zur Erde kam, um den Menschen Erlösung zu bringen. So steht es in den heiligen Büchern der Hindus. Das Wasser des himmlischen Flusses – im Westen maskulin als Ganges bekannt – sei von solch außerordentlicher Qualität, dass es Sünden hinwegwasche und Seelen läutere, heißt es weiter. Es sei göttlicher Nektar, die Essenz der Reinheit.

Für Veer Bhadra Mishra ist es unvorstellbar, auch nur einen Tag ohne dieses Wasser zu sein. Auch wenn es hier, in Varanasi, rund 1200 Kilometer flussabwärts, keineswegs mehr so sauber ist wie an der Quelle. Rein ist es dennoch, jedenfalls in spiritueller Hinsicht. Und deshalb macht sich der hoch gewachsene, weißhaarige Brahmane wie jeden Tag auf den für ihn beschwerlichen Weg die steilen Stufen hinab zum Ganges. Schwer stützt er sich auf zwei jüngere Männer. Der 66-Jährige kann sein rechtes Bein kaum bewegen, seit die Kinderlähmung es verkrüppelte.

Es ist früh am Morgen. Gerade erst hat die Sonne über den Horizont geblinzelt, und noch liegen die Ufertreppen Varanasis im Dämmerlicht. Unten am Fluss herrscht aber schon Hochbetrieb. Aus den Gassen und Stiegen der Altstadt strömen die Menschen zum Ganges hin. Sie steigen hinein in den Fluss, sie beten und meditieren, sie opfern Blumen und Reis, putzen sich die Zähne oder seifen sich von Kopf bis Fuß ein. Alte Männer mit Brahmanenschnur kippen Wasser aus Kupferkannen über ihre bärtigen Häupter. Frauen in bunten Saris erledigen diskret ihre Morgentoilette. Und Kinder hüpfen von Mauervorsprüngen johlend in die bräunlichen Fluten. Jeder auf seine Weise verehrt den göttlichen Strom, der hier seine größte Heiligkeit erlangt. Denn Varanasi ist die Stadt des Lichts, die angeblich älteste durchgehend bewohnte Metropole der Welt. Shiva selbst soll sie zu seiner Wohnstatt erkoren haben. Wer hier stirbt und seine Asche im Ganges verstreuen lässt, so geht die Legende, muss sich nicht länger im Rad der ewigen Wiedergeburten quälen. Dass das Bad an diesem allerersten Wallfahrtsort gesundheitsschädlich ist, daran denkt kaum jemand an diesem Morgen.

Mishra hat das Ufer erreicht. Viele Gesichter wenden sich ihm zu. Respektvoll falten die Menschen die Hände zum Gruß. Manche beugen sich vor ihm nieder, berühren seine Füße und lassen sich segnen. Mishra lächelt stumm und würdevoll, wie es sich gehört für einen hochrangigen Geistlichen in Indiens heiligster Stadt. Er ist der Mahant, der Vorsteher des Sankat-Mochan-Tempels, eines der bedeutendsten Götterhäuser Varanasis.

Mit zittrigen Beinen steigt er hinein in den Ganges. Sein Blick ist in die Ferne gerichtet, seine Lippen bewegen sich im tonlosen Gebet. Einmal, zweimal taucht er unter. Dann setzt er sich auf die unterste der Treppenstufen und beginnt seine allmorgendliche Verehrung der fließenden Göttin. Als jedoch der Höhepunkt des Rituals ansteht, als er Wasser mit der hohlen Hand zum Mund führt, schließen sich seine Lippen, und das Wasser rinnt ungetrunken am Kinn herab. Zu genau weiß Mishra, was er sich antäte, tränke er das Wasser. Schließlich ist der Hohepriester zugleich auch Ingenieur für Hydraulik und hat ein halbes Leben lang Wassermanagement an der Universität von Varanasi gelehrt. Den göttlichen Nektar, den Mishra als Brahmane inbrünstig verehrt, muss er als Wissenschaftler als Kloake bezeichnen, als giftigen Cocktail aus Abwässern, Chemikalien und Schwermetallen.

Was ist geschehen mit dem Ganges auf seinem Weg nach Varanasi? Ein Blick zurück zur Quelle.

Rein und sauber strömt Ganga aus den Höhen des Himalaja hinab in die Niederungen. Es ist ein kräftiger, jugendlicher Fluss, in den sich viele andere Gebirgsbäche ergießen. Doch schon bei Rishikesh, am Ausgang der Berge, erlebt der Ganges die Schizophrenie der Menschen, die ihn anbeten, aber zugleich als Abwasserkanal missbrauchen. „Man kann eine Göttin doch gar nicht verschmutzen“, rechtfertigen sie sich und versenken mit einem Lächeln Abfälle in ihr. Später, bei Haridwar, dem „Portal der Götter“, tut man dem Ganges weit Schlimmeres an. Er wird fast vollständig entleibt. Über einen mächtigen Kanal fließt ein Großteil seines Wassers nach Westen ab, bewässert dort Felder und löscht den unstillbaren Durst des Molochs Delhi.

Der seichte Lauf, der übrig bleibt, quält sich durch die heißen Ebenen Nordostindiens, wird hie und da ein wenig mit Nitraten, Pestiziden und Abwässern belastet, bis er von der Industriemetropole Kanpur endgültig den Todesstoß empfängt. Giftige Ausflüsse von den 450 Gerbereien der Stadt und täglich 350 Millionen Liter ungeklärte Abwässer beenden jedes Leben im Ganges. Verwesend treibt er hunderte von Kilometern dahin, bis ihm bei Allahabad der Schwesterfluss Yamuna wieder Leben einhaucht. Dann jedoch bricht die Zweieinhalb-Millionen-Stadt Varanasi über den Ganges herein.

Mahant Mishra hat sein Bad beendet, ist die lange Treppe bis zu seinem Haus hinaufgehumpelt und hat sich ganz in Weiß gekleidet. Jetzt sitzt er in seinem Empfangszimmer, umgeben von einem halben Dutzend Zuhörer, und berichtet davon, wie bedeutsam „unsere Mutter Ganga“ für einen gläubigen Hindu, ja für ganz Indien sei. „Sie ist eine der Grundfesten unseres Landes“, sagt er, und das attraktive Altherrengesicht ist so voll würdigem Ernst, dass niemand im Raum auch nur zu hüsteln wagt. „Die Menschen kommen zum Fluss, um Schönheit und Göttlichkeit zu erfahren. Sie erhoffen sich diesseitige Freude und Erlösung im Jenseits. Für einen Hindu ist das die Essenz des Lebens.“ Wieder Stille, als Mishras tiefe Stimme verklungen ist. Er schaut von einem zum anderen und fährt fort, doch diesmal zittert seine Stimme vor Erregung. Er redet von Verschmutzung, von Verbrechen gegen die Umwelt und vom Tod des Ganges. Mit ihm stürben die Traditionen der Hindus, ihr Glaube und die Identität der ganzen Nation.

Es sind eingeübte Worte. Oft schon hat Mishra sie gesprochen. Der Brahmane, der bereits im zarten Alter von 14 Jahren Mahant wurde, kämpft seit Jahrzehnten für die Rettung der fließenden Göttin. Vermutlich ist er der Erste überhaupt gewesen, der ihr Leiden thematisiert hat. Schon Mitte der 70er Jahre begann er, auf die Misere des heiligen Stroms aufmerksam zu machen – ohne dass sich jemand dafür interessiert hätte. In den frühen 80ern dann führten die explodierenden Bevölkerungszahlen und die Industrialisierung des Landes zu einer immer größeren Verschmutzung des Ganges. Mishra wollte dem nicht länger tatenlos zusehen und gründete 1982 die „Sankat Mochan Foundation“. Ziel der Organisation war es, der Politik die Lage am Ganges vor Augen zu führen und sie zum Handeln zu bewegen.

Drei Jahre später zeigte die Kampagne Erfolg. Rajiv Gandhi und sein Kabinett beschlossen den GAP, den Ganga Action Plan, das größte Umweltschutzprogramm in der Geschichte Indiens. In allen Städten am Ganges und seinen Nebenflüssen sollten Klärwerke, Pumpstationen und Kanäle gebaut werden, damit „kein einziger Tropfen verunreinigten Wassers“ mehr in den Fluss gelangt, wie Gandhi sagte. Heute klingen die Worte des später ermordeten Premiers wie Hohn. Gerade in Varanasi, der Stadt, die von Beginn an im Zentrum des GAP stand, ist der Ganges heute stärker verschmutzt als je zuvor.

Wie ein Tumor sitzt die heilige Stadt an der Seite des Ganges und lässt ihre fauligen Säfte in den Strom fließen. Fast an jedem der 84 Badeplätze strömt bräunliches Abwasser aus Rohren oder offenen Kanälen. Manche Uferabschnitte dienen als Müllkippe, andere als Toilette. Kleider werden im Fluss gewaschen. Büffel kommen her zum Baden. Und überall schwimmen Plastiktüten mit den Opfergaben von täglich 60 000 Pilgern im Wasser. An den beiden Verbrennungsstätten türmt sich zudem die Asche der Verblichenen. 40 000 Tote werden hier jedes Jahr verbrannt, 15 000 Tonnen Asche jeden Monat im Fluss versenkt. Nicht selten treiben auch unverbrannte Leichen oder Tierkadaver im Wasser. Die Göttin erstickt buchstäblich unter so viel Zuneigung.

Japanische Experten haben jüngst berechnet, dass in Varanasi täglich 240 Millionen Liter Abwasser anfallen. Ein Großteil davon, 65 Prozent, gelange unbehandelt ins Wasser. Und dies dürften noch optimistische Zahlen sein. Nach Angaben des „Central Pollution Control Board“, der obersten Überwachungsbehörde für Umweltstandards in Indien, lag die Zahl der Fäkalbakterien im Jahresdurchschnitt bei sagenhaften 167 000 Kulturen je 100 Millilitern. Mishra nennt noch höhere Zahlen. Nach Messungen seines eigenen Labors schwimmen stadtauswärts in jedem Tropfen Wasser 1,5 Millionen Bakterien – dreitausendmal mehr, als die Weltgesundheitsorganisation für Badegewässer zulässt. Durchfallerkrankungen, Polio, Hepatitis und Typhus sind denn auch weit verbreitet in der Stadt des Lichts.

„In Varanasi wurde der GAP begonnen. Und hier ist er gescheitert.“ Mishras Bassstimme rumpelt durch die billige Lautsprecheranlage auf dem Platz gleich am Fluss. Die kleine Menge applaudiert, und der Mahant schaut unter seinen weißen Brauen streng ins Publikum. Die „Institution of Engineers Varanasi” hat zum Vortragsabend geladen, und Mishra ist Ehrengast. Während über den Köpfen der versammelten Expertenschar Falken Jagd auf Fledermäuse machen, nimmt der Mahant den GAP ins Visier.

„Dieser Plan“, sagt er mit Zorn in der Stimme, „ist der Beweis für das Versagen der indischen Bürokratie.“ Ohne jede Expertise, ohne jede wissenschaftlich fundierte Analyse sei der GAP geplant worden. Und tatsächlich: Es ist kaum zu glauben, wie viele Fehler beim GAP gemacht wurden und immer noch gemacht werden. So haben die Planer die Abwassermengen der Städte sträflich unterschätzt, weil niemand das Bevölkerungswachstum einkalkulierte. Die Kläranlagen sind aber nicht nur hoffnungslos überlastet, sie stehen auch oft stundenlang still, weil sie von der höchst unzuverlässigen Energieversorgung abhängig sind. Varanasi leidet besonders darunter, da das Abwasser hier mit erheblichem Energieaufwand über das Steilufer hinweg ins Hauptsiel gepumpt werden muss. Stehen die Pumpen still, rauscht der ganze Dreck der Stadt wie ein Sturzbach in den Ganges. Völlig unverständlich ist zudem, dass keines der GAP-Klärwerke über Einrichtungen verfügt, die Fäkalbakterien wirksam herausfiltern. Schließlich kommen noch die allgegenwärtigen Probleme Indiens mit Korruption, Veruntreuung und Zweckentfremdung staatlicher Mittel hinzu. Der GAP, dessen Infrastruktur allein schon über 50 Milliarden Rupien (etwa eine Milliarde Euro) gekostet hat, ist 20 Jahre nach Inkrafttreten am Ende.

Was die Regierung freilich nicht davon abhält, weiteres Geld hineinzupumpen. Allein für Varanasi sind Ausgaben von über zwei Milliarden Rupien bewilligt. Dass sie noch nicht verbaut wurden, liegt an jenem streitbaren Wasseringenieur. Mishra nämlich hat auf Bitten der Stadtverwaltung eine alternative Methode der Abwasserbehandlung für Varanasi entwickelt. Nach den Plänen eines kalifornischen Wissenschaftlers will er vor den Toren der Stadt ein so genanntes „integriertes Teichsystem“ installieren. Es besteht aus vier großen Teichen, in denen das Abwasser auf natürlichem Wege – durch Mikroalgen und Bakterien – gereinigt werden soll. Das System verwendet Sonnenenergie und kommt angeblich ohne Strom aus. Statt die Abwässer wie bisher über das Steilufer zu pumpen, soll unten am Fluss ein Siel errichtet werden, das das herabfließende Abwasser auffängt und zu den Teichen lenkt.

Die Stadtverwaltung war begeistert von Mishras Idee. Die zuständige Wasserbehörde jedoch wollte sich die Hoheit über das Abwasser nicht nehmen lassen. Mittlerweile beschäftigt die Frage, wer Varanasis Kloakenströme reinigen darf, die Gerichte. Und die lassen sich bekanntlich Zeit.

Das Ingenieurtreffen ist vorüber. Mishra hat viel Beifall bekommen und wurde vom Vorsitzenden als Inspiration für die gesamte Zunft gelobt. Jetzt sitzt er müde in einem Nebengebäude des Sankat-Mochan-Tempels und zupft an einer Sitar herum. Vom Tempel her schallen Preislieder zu Ehren Hanumans, des Affengottes, herüber. Unangerührt steht ein Becher mit Pistazieneis neben dem Mahant. Hanuman liebt Süßigkeiten, seinem obersten Diener in Varanasi jedoch steht heute nicht der Sinn danach. Ohne von der Sitar aufzublicken, spricht er leise davon, wie gerne er den endlosen Kampf gegen die Verschmutzung des Ganges aufgeben würde. Er hätte mehr Zeit für seine Familie und könnte sich ganz dem Ritualdienst und der Musik widmen. „Aber, wie könnte ich aufhören?“, fragt er und lächelt wehmütig. „Es ist mein Karma, mich für den Ganges aufzuopfern. Vielleicht geschieht ja eines Tages ein Wunder. Dass die Berliner Mauer fallen würde, damit hat auch niemand gerechnet.“

Und die Göttin Ganga? Ihr dürften das Gezänk der Menschen, ihre Zuneigung und Rücksichtslosigkeit längst zu viel geworden sein. Wenn Ganga verunreinigt ist, wird sie zum Himmel zurückkehren, hatte der Schöpfergott Brahma einst gesagt. Fragt sich nur, worauf sie eigentlich noch wartet.

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