Zeitung Heute : Die Goldgräberzeit ist vorbei

Gut 15 Jahre ist das World Wide Web alt. Im Vordergrund steht nicht mehr nur die Speicherung von großen Mengen an Daten, die durch das Netz passen, sondern das Thema Sicherheit in seiner Vielfalt

Kai Kollwitz

Vom Forscherspielzeug zum Massenmedium – die Entwicklung, die das Internet genommen hat, hätte sich in den Anfängen wohl niemand in seinen kühnsten Träumen vorstellen können. Gut 15 Jahre ist das World Wide Web jetzt alt, die Goldgräberzeit ist vorbei – doch abgeschlossen ist die Entwicklung noch lange nicht. Das rasante Wachstum des Mediums hat unzählige Fragen aufgeworfen, von denen viele noch nicht beantwortet sind – technische genauso wie gesellschaftliche.

„Mit der Bandbreite, die heute ein UMTS-Handy hat, hat man früher ganze Fachhochschulen angeschlossen“, kommentiert Kai Hoelzner. Er arbeitet für das Deutsche Forschungsnetz, das als Dienstleister die Vernetzung der Hochschulen untereinander koordiniert und damit Speerspitze der technischen Weiterentwicklung des Internets hierzulande ist. War man vor zehn Jahren schon froh, wenn man via Modem elektronische Post empfangen und ein paar einfach aufgebaute Textseiten abrufen konnte, so ist heute DSL das Maß der Dinge – Radio, Videos und Spiele via Internet? Alles ist möglich.

Und die nächsten Quantensprünge sind bereits am Horizont erkennbar: In Stuttgart und Hamburg testet T-Com eine Technik namens V-DSL, die es möglich macht, noch einmal zehn Mal so viele Daten durch die Leitung zu schicken. Damit wird es zum Beispiel möglich sein, hochauflösende Bilder über das Internet zu übertragen – der Gang in die Videothek fällt dann aus: Was immer das Herz begehrt, wird eines nicht allzu fernen Tages per Knopfdruck verfügbar sein. Das Breitbandnetz, das T-Online gerade in Frankreich aufbaut, wird sogar bereits ganz regulär mit der neuen Technik funktionieren. Ende 2006 soll V-DSL bei unseren Nachbarn Standard sein.

So ist die Steigerung der puren Menge an Daten, die durch die Leitung passen, auch nichts mehr, was die Forscher in Begeisterung versetzen könnte. Dagegen ist Sicherheit ein großes Thema – ob es um den Schutz vor Ausfällen des Netzes geht, um die Abwehr von Spionageversuchen oder darum, normale User stärker vor Viren, Dialern und Betrugsversuchen zu schützen. Und es wird intensiv daran gearbeitet, immer neue Anwendungen ins Internet zu bringen – auch dann, wenn bei deren Erfindung noch niemand an das Netz gedacht hat. „Voice over IP, also das Telefonieren via Internet, ist so ein Beispiel“, erklärt der Netzwerker. „Wenn Sie wirklich wie in der Werbung vom Handy aus in der U-Bahn über das Internet telefonieren wollen, dann müssen dafür Schnittstellen entwickelt werden, über die die Verbindung hergestellt wird. Als Kunde erwarten Sie ja, dass sie einfach eine Nummer wählen können, ohne darüber nachzudenken, ob Sie jetzt auf einem normalen Anschluss anrufen oder auf einem, der über das Netz funktioniert.“ Eine weitere Vision, die Hoelzner spinnt, ist die der ärztlichen Diagnose via Internet. Schließlich gibt es auf der Erde Länder wie Australien, in denen der Weg zum Spezialisten mehrere hundert Kilometer betragen kann. Würde man hier die Diagnostik internetfähig machen, dann könnte der Landarzt die Untersuchung vornehmen, der Spezialist in der Hauptstadt würde sich um die richtige Deutung der Symptome und die anschließende Behandlung kümmern.

Auch die Leistung ihrer teuren Supercomputer möchten die Forscher so bündeln können, dass aufwändige Simulationen von mehreren Maschinen auf der ganzen Welt simultan erledigt werden könnten. Im Moment müssen die Rechner dazu noch von Hand zusammengeschaltet werden. Die Wissenschaftler arbeiten an einem Verfahren, das Datenverteilung und Abrechnung der Kosten vollautomatisch erledigt. Doch manchmal geht es auch darum, überhaupt eine Verbindung zu bekommen: Weite Teile von Afrika und Asien sind nach wie vor weiße Flecken auf der Internet-Weltkarte und damit vom wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt abgekoppelt. Es sind schlicht keine Leitungen da, die den Zugang möglich machen würden. „Die Universität Kabul in Afghanistan ist erst seit kurzer Zeit online“, beschreibt Hoelzner. „Mit Hilfe eines Wissenschafts-Programms der Nato werden die Daten über einen türkischen Satelliten nach Hamburg überspielt. Dort kommen sie wieder auf die Erde und werden von dort aus weiter verteilt.“

Von der deutschen DSL-Gemütlichkeit ist so etwas natürlich weit entfernt. „In solchen Ländern haben Sie vielleicht einen Internet-Zugang auf dem Basar und der funktioniert mal und mal nicht. Eine IT-nahe Generation können Sie so natürlich nicht erziehen“, sagt Hoelzner und ergänzt: „Siemens hat Anfang der 90-er Jahre eine Glasfaserleitung nach China gelegt. Man ist seitdem immer wieder damit konfrontiert, dass Leute Stücke aus diesem Kabel schneiden und daraus Lampen bauen. Die Menschen an der Strecke wissen nicht, wozu diese Leitung da ist.“

„Digital Divide“, digitale Spaltung, ist der Fachbegriff, der für das Problem geprägt wurde, überhaupt einen Zugang ins Netz zu bekommen. „Das zu ändern, kostet viel Geld, viel Zeit und viele weitere Ressourcen“, meint Markus Beckedahl dazu. Der 28-Jährige ist Vorsitzender des Netzwerks Neue Medien und war an der Vorbereitung des ersten UN-Gipfels zur Informationsgesellschaft beteiligt.

Im Dezember 2003 legten die Vereinten Nationen in Genf einen Aktionsplan fest, nach dem bis 2015 weltweit zumindest Universitäten, Krankenhäuser, Schulen und Bibliotheken ans Internet angeschlossen werden sollen. Jeder zweite Mensch soll bis dahin nach dem Willen der UN über einen Internet-Anschluss verfügen. Nicht geklärt ist allerdings die Frage der Finanzierung – das soll ein zweiter Gipfel schaffen, der im November in Tunis stattfinden wird. Beckedahl ist allerdings äußerst skeptisch, ob sich das Ziel erreichen lässt: „Seit dem ersten Gipfel hat es nur wenig Entwicklung gegeben.“ Noch mindestens eine Generation werde es dauern, schätzt der Internet-Bürgerrechtler, bis das Netz auf der ganzen Welt angekommen sein wird.

„Ein Fünftel der Menschheit hat zurzeit noch nicht einmal Strom", fährt Beckedahl fort. Allerdings muss selbst das nicht bedeuten, dass sich keine Verbindung zum World Wide Web aufbauen lässt: So wurde in Laos der Prototyp eines Internet-Rechners entwickelt, der mittels Fahrrad angetrieben wird – eine halbe Stunde strampeln sorgt für eine Stunde Internet-Zugang. Die Anbindung des laotischen Hinterlands erfolgt über solarbetriebene Relaisstationen, die mit einem 30 Kilometer entfernten Krankenhaus vernetzt werden, das über einen Online-Zugang verfügt. Andere Konzepte arbeiten mit Richtfunkstrecken – die Antennen dazu lassen sich ganz simpel aus Materialien wie Draht und Konservendosen bauen, Übertragungen über Strecken von weit über 100 Kilometer wurden mit der Technik schon realisiert.

Doch auch da, wo der Zugang zum Internet technisch möglich wäre, gibt es oft Probleme. Viele Regimes verwehren ihren Bürgern den schrankenlosen Zugang – so ist es zum Beispiel auf Kuba für Privatleute fast unmöglich, an einen Internet-Anschluss zu kommen. Außerdem überwacht und zensiert der Staat hier, wie auch an vielen anderen Orten, das Internet. „China hat eine technische Zensur, die fast einmalig auf der Welt ist“, beschreibt Beckedahl, dessen Weblog zum Thema Internet-Zensur von der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ ausgezeichnet wurde. China setzt auf Filter-Systeme, die zum Beispiel Suchanfragen zu Begriffen wie „Tibet“, „Dalai Lama“ und „Falun Gong“ automatisch blockieren – eine Art gigantische Firewall. Zugelassen sind nur „gesunde und zivilisierte Nachrichten und Informationen, die der Verbesserung der Qualität der Nation dienen“, wie die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua berichtete.

Problematisch ist die Rolle, die westliche Unternehmen im Zusammenhang mit der Zensur spielen. So wurden die Filtersysteme teilweise von US-Firmen geliefert und auch Konzerne wie Google oder Microsoft zensieren in ihren chinesischen Joint Ventures bereitwillig Suchergebnisse oder Weblogs, um in dem riesigen Wachstumsmarkt unbehelligt von der Regierung arbeiten zu können.

Wo auf der Welt welche Inhalte zensiert werden, dazu gibt es naturgemäß nur sehr ungenaue Angaben. Aber: „Die Zensur hat in den letzten Jahren definitiv zugenommen“, berichtet Ronald Deibert, Professor im kanadischen Toronto und einer der Initiatoren der Initiative Opennet, die versucht, Fälle von Zensur zu dokumentieren. Zu Singapur, Iran, Bahrain, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten hat die Initiative Dossiers erstellt, Vietnam, Tunesien und Usbekistan nennt zusätzlich „Reporter ohne Grenzen“ – ohne Anspruch auf Vollständigkeit natürlich.

Aber auch für Meinungsfreiheit und die Informationsübermittlung aus totalitären Staaten spielt das Internet inzwischen eine wichtige Rolle: „In Ländern, in denen die Medien zensiert oder unter Druck gesetzt werden, sind Blogger oft die einzigen wirklichen Journalisten“, steht auf dem Umschlag einer Broschüre, die die Organisation in diesen Tagen herausgebracht hat. Im „Handbuch für Blogger und Cyber-Dissidenten“ gibt „Reporter ohne Grenzen“ Hinweise dazu, wie Informationen via Internet öffentlich gemacht werden können, ohne dass der Verfasser sich dem Risiko aussetzt, identifiziert und bestraft zu werden.

Allerdings hat die Diskussion darüber, ob alle Internet-Inhalte öffentlich zugänglich sein dürfen, längst auch die westliche Welt erfasst. Auch Google musste bereits eingestehen, auf Druck von Scientology eine Seite aus dem Index genommen zu haben, die sich kritisch mit der Organisation auseinander setzt – und was von Google nicht gelistet wird, ist für den Großteil der Internet-Nutzer schlicht nicht existent. Auch der Düsseldorfer Regierungspräsident Jürgen Büssow versuchte, die Provider dazu zu zwingen, den Zugang zu bestimmten rechtsextremen Websites zu sperren, Bayerns Innenminister Günther Beckstein forderte vor einigen Tagen, den Zugang zu Seiten zu blockieren, die Anleitungen zum Bombenbau enthalten. Wie das technisch möglich sein könnte, spezifizierte der CSU-Politiker nicht näher. Doch zeigen die Vorgänge in jedem Fall, dass eine Grundsatzdiskussion mit ungewissem Ausgang bevorsteht.

„Ich bin weniger besorgt darüber, dass überhaupt etwas gefiltert wird, sondern ob das legal geschieht und ob es eine Übersicht darüber gibt“, kommentiert Opennet-Mann Seibert. Denn dass Manipulationen am Netz automatisch öffentlich werden, ist ein Trugschluss. So ließen zwei Studenten der Stuttgarter Merz-Akademie im Rahmen ihrer Diplomarbeit schon 2001 den gesamten Internet-Verkehr ihrer Hochschule über einen zwischengeschalteten Server laufen, über den abgerufene Seiten systematisch verändert wurden. Kaum einem der anderen Studenten fiel auf, dass etwas nicht stimmte – und das, obwohl die Diplomanden sogar eine Routine einsetzten, die auf sämtlichen abgerufenen Websites die Namen der Bundeskanzler Kohl und Schröder gegeneinander vertauschte und Titel wie „Präsident“ gegen Nazi-Funktionsbezeichnungen auswechselte. „Abschließend müssen wir erwähnen, dass wir selbst andauernd auf unsere eigenen Wort-Manipulationen hereingefallen sind“, heißt es lakonisch in der Dokumentation des Versuchs.

„Das Internet ist weniger frei als vor zehn Jahren“, hat Beckedahl beobachtet. Aber trotzdem ist er optimistisch: „Das Netz hat ganz neue Kommunikationsmöglichkeiten geschaffen“ – und zwar nicht nur in Staaten ohne Meinungsfreiheit. „Weblogs zum Beispiel ermöglichen soziale Interaktion über das eigene Umfeld hinaus und verbinden Menschen mit den selben Interessen, die sich sonst nie begegnet wären – und wenn es nur das eigene Katzenhobby ist.“

Weblogs oder Blogs sind im Internet geführte öffentliche Tagebücher, in die der Blogger all das einträgt, was ihm erwähnenswert erscheint oder was er der Welt mitteilen möchte – ob einem bestimmten Thema untergeordnet oder einfach frei nach Schnauze. In der deutschen Blog-Szene etablieren sich nach dem Beginn vor etwa drei Jahren langsam die ersten Marken. Das Online-Magazin Spreeblick etwa, das Lawblog, in dem ein Anwalt amüsante Einblicke in seine Arbeit oder Betrachtungen zum deutschen Rechtssystem gibt oder auch bildblog.de, das als Kontrollinstanz Geschichten der Bild-Zeitung nachrecherchiert und oft genug auf haarsträubende Unwahrheiten stößt.

„Jeder hat die gleiche Chance und ein paar werden ihren Weg machen“, glaubt Don Alphonso, der mit Rebellmarkt und blogbar.de zwei der erfolgreicheren deutschen Blogs betreibt. In ein bis zwei Jahren, schätzt er, könnte es soweit sein, dass die ersten Blogger in der Lage seien, über Werbeeinblendungen ihren Lebensunterhalt zu verdienen. „Blogs haben einen bestimmten Fokus, den die Massenmedien nicht abdecken, die meisten Blogger sind einfach Rampensäue.“

Mitteilungsdrang und ein gewisser Altruismus sind die Triebfedern der Blogger. Und überhaupt gerät Netz-Aktivist Beckedahl richtiggehend ins Schwärmen, wenn es darum geht, was über das Internet schon alles in der freiwilligen und ehrenamtlichen Zusammenarbeit vieler Menschen geschaffen wurde – Linux etwa, das freie und kostenlose Betriebssystem, dessen Grundlagen von dem Finnen Linus Torvalds geschaffen wurden. Unzählige Programmierer entwickeln das System kontinuierlich weiter, wegen seiner guten Handhabbarkeit und seiner Stabilität ist es auch im professionellen Bereich zum ärgsten Konkurrenten der Microsoft-Produkte geworden.

Allerdings weisen solche Projekte auch auf eine weitere ungelöste Frage, über die sich die Welt im Zusammenhang mit dem Internet noch wird einigen müssen: Dem Konflikt zwischen einer Industrie, die versucht Urheberrechte zu schützen, um ihre Erlösmodelle zu sichern, und einer Szene, die das digitale Material zunehmend auch als Steinbruch begreift, um daraus Neues zu schaffen. „Remix-Kultur“ nennt Beckedahl das. Die britische BBC etwa hat ihre Entscheidung zum Thema schon getroffen: Sie hat damit begonnen, ihre Bildarchive zu öffnen. Wenn das Material nicht kommerziell oder zu politischen Zwecken verwendet wird, steht es jedermann frei, mit Bildern des Fernsehsenders etwas Neues zu schaffen.

Auch das freie Netz-Lexikon Wikipedia ist ein Beispiel für solch netz-gemachte Gemeinnützigkeit. In dem Online-Nachschlagwerk kann jeder Einträge zu Themen veröffentlichen, in denen er sich kompetent fühlt. Das Werk ist bereits dabei, professionell gemachten Lexika den Rang abzulaufen: „Was da in vier Jahren geschaffen wurde, ist unglaublich“, meint Beckedahl. „Da entsteht etwas vollkommen Neues. Eine Informationsgesellschaft auf der Basis von Tauschen und Teilen.“

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