Zeitung Heute : Die Goldrute

Gehört so etwas in einen anständigen Garten?

Ursula Friedrich

Mein Garten ist zurzeit ein einziges gelbes Leuchten. Die Goldrute blüht, aus den Ritzen des Pflasters in der Garageneinfahrt, am Zaun entlang, zwischen dem roten und violetten Phlox. Anderthalb Meter hoch, in wunderschönen Wedeln. Aber kein Mensch bewundert mich dafür. Keiner bleibt stehen und fragt, was das für herrliche Blumen sind. Im Gegenteil – sie rümpfen die Nase. Und wenn sie was sagen, dann: „Passen Sie bloß auf, sonst haben Sie nächstes Jahr den ganzen Garten voll.“

In einem anständigen Garten blühen keine Goldruten. Goldruten blühen am Bahndamm, auf Schutthalden, in verwildertem Gebiet. Goldruten sind Wildblumen, könnte man höflich sagen. Oder unhöflich: Goldruten sind ein ordinäres Unkraut, zur Plage verkommenes Heilkraut. Wobei die Echte Goldrute kleiner ist und viel weniger attraktiv. Mit ihren größeren, rasch welkenden Blüten sieht die Echte immer etwas zerrupft aus. Aber sie wird als wertvolle Heilpflanze betrachet. Ihr Name „Solidago“ bedeutet „wundheilende Kraft“. Aus ihren blühenden Zweigspitzen gewinnt man einen Tee, von dem es heißt, dass Martin Luther ihn bei Unpässlichkeiten aller Art gerne trank.

Unsere – nennen wir sie die „falsche“ Goldrute – heißt zwar auch Solidago. Aber von Heilkraft spricht bei ihr niemand. Sie ist aus Kanada zu uns gekommen, wurde zunächst gern in den Gärten aufgenommen. Aber dann zeigte sich ihre Veranlagung, sich üppig zu vermehren, im Schatten wie in der Sonne. Sie beherrschte in kurzer Zeit ihre Umgebung. „Durch ihre eher unerfreuliche Wucherverbreitung“, steht in einem Pflanzenlexikon, „wurde sie unbeliebt.“

Einige wunderschöne Ausländer zogen wie die Goldrute bei uns ein, überzeugten durch ihre Schönheit und gingen den Gärtnern dann auf die Nerven – zum Beispiel das sibirische Springkraut. Dieses hat allerdings die Eigenschaft, dass es sich nach ein paar Jahren am selben Standort selbst ausdünnt, bis es verschwindet. O nein, solche Entwicklung nimmt unsere Goldrute nicht. Sie ist von unglaublicher Sesshaftigkeit und mehret sich mit Eifer. Die Leute, die mich warnen, haben also Recht. Aber solange sie so schön gelb in meinem Garten wogt und sich geduldig ausreißen lässt, bevor ihre Samen fliegen, kommen sie und ich recht gut miteinander aus.

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