Zeitung Heute : Die Größe des Epigonen

Das navigierende Augenmaß von Helmut Kohl und die Kunst der günstigen Umwege

Peter Siebenmorgen

Alles und jedes ist über Helmut Kohl, den Kanzler der Einheit gesagt, nur, dass es noch kein sicheres, kein gemeinhin geteiltes Urteil über ihn gibt. Dies freilich liegt nur zum kleineren Teil daran, dass seine politische Lebensleistung gerade erst zur Vergangenheit erlebter Zeitgenossenschaft geworden ist. Denn jene historische Phase, in der die Teilung Deutschlands und des europäischen Kontinents überwunden und der Ost-West-Konflikt beseitigt wurden, ist unzweifelhaft abgeschlossen. Wenn es aber nicht in erster Linie die Nähe zu dieser jungen Vergangenheit ist, die das klare Urteil trübt, was ist es dann? „Non est ars, quae ad effectum casu venit“, heißt es bei Seneca: Was nur durch Zufall zustande kommt, ist keine Kunst. Die deutsche Einheit und die Europas aber war ein Geschenk, kann man in jeder Sonntagsrede vernehmen, auch in jenen, die der Einheitskanzler selbst gab und gibt.

Der Zweifel an Helmut Kohls politischer Lebensleistung lässt sich womöglich sogar noch verschärfen. War es nicht eine Sturzgeburt, die das vereinte Deutschland ins Leben brachte? Ging es nicht derart überhastet zu, dass die innere Einheit als Folge der Vereinigungsstrategie auf der Strecke blieb, bleiben musste?

Anders als der politisch-diplomatische Prozess, an dessen Ende die Wiedervereinigung stand, ist die Frage nach der inneren Einheit, die Frage danach, was das „neue“ Deutschland – in der geographischen Gestalt der durch die Vereinigung gewachsenen Bundesrepublik hatte es Deutschland zuvor nie gegeben – im Innersten ausmacht, zusammenhält oder spaltet, tatsächlich noch nicht beantwortbar. Denn dieser Vorgang, der gelingende oder scheiternde Versuch des Einswerden, ist längst nicht abgeschlossen. Aus den unübersehbaren Schwierigkeiten beim Streben und Trachten nach innerer Einheit, so diese dem Tempo bei der staatlichen Vereinigung geschuldet sind, ließe sich allerdings nur dann ein redliches Argument gegen Kohl und seine Einheitspolitik gewinnen, wäre das Fenster der Gelegenheit zur friedlichen Umgestaltung der geostrategischen Ordnung beliebig lange offen gewesen. Und eben dies war es nicht.

Womit freilich der größere Zweifel, ob die Einheit „Geschenk“, „Zufall“, Glück also und nicht „Kunst“, nicht Staatskunst und folglich auch nicht politische Leistung des „Einheitskanzlers“ gewesen ist, noch nicht ausgeräumt wäre. Allerdings kennt die Historie genügend Situationen, wo Herrscher und Mächtige sich eines „Geschenks“ der Geschichte unwürdig erwiesen: sei es, weil sie die Gunst der Stunde verkannten oder die Chance verspielten, sei es, weil sie vom Rausch des einen Glücks verwirrt die Welt in Unglück stürzten. Solange der Weltgeist, wenn es ihn denn gibt, der Menschen bedarf, um sich selbst ins Werk zu setzen, solange können eben jene Menschen dem Weltgeist bei seinen Segnungen auch einen kräftigen Strich durch die Rechnung machen. Dies nicht getan zu haben, dürfte der absolut unbestreitbare Minimalkonsens zur politischen Lebensleistung von Helmut Kohl umschreiben. Mit Blick auf die Geschichte aber ist diese erste Annäherung an den Kanzler der deutschen Einheit kein kleines Lob!

Vielleicht hilft es einen Schritt weiter bei der Suche nach einer angemessenen Würdigung, wenn man einen tieferen Blick in das hinein wirft, was Politik, zumal in dramatische Zeiten ausmacht.

Wenn es stimmt, dass die Sprache verräterisch ist, so ist aus dem Sprachgebrauch, reden wir über Politik, Verstörendes, skeptisch Stimmendes zu lernen. Denn keine Lebenswelt wird in der politischen Metaphorik derart häufig und vielgestaltig, ganz selbstverständlich obendrein, zur Beschreibung und Charakterisierung des Politischen herangezogen wie jene der Nautik. Ständig bewegen sich die Politiker in schwerer See, sie müssen sich als sturm- und wetterfest erproben, denn allenthalben droht der „wind of change“ das Schiff vom Kurs abzubringen. „Klippen“, die zu umschiffen sind, und „Untiefen“ drohen allerorten. Wenn einer wie Helmut Kohl am Ende seines Politikerdaseins von sich selbst sagt, er habe „Kurs gehalten“, nie seinen Kompass verloren, so wäre damit bereits das äußerste an erbringbarer Kulturleistung des Politischen in einer durch und durch von im Grunde unbändigbaren Natur- und Urgewalten geprägten Umwelt benannt.

Bei den bisher benannten Redewendungen handelt es sich um nachgerade klassische, spätestens seit der griechischen Mythologie im abendländischen Kulturraum gebräuchliche Metaphern (nicht zu vergessen der Sirenengesang, der selbst den tapfersten Durchquerer der Meere um die Orientierung zu bringen vermag – eine Gefahr, die gleichermaßen, den Blondinen von der Loreley etwa sei es gedankt, bei Befahrung von Flüssen wie dem Rhein zu gewärtigen ist). In neuerer Zeit sind weitere Aspekte und Abschattierungen der maritimen Wirklichkeit hinzugekommen, um politische Phänomene und Entitäten zu begreifen, in Sprache zu fassen: der standhafte Kapitän, der unerschrockenen Steuermann, seit Bismarcks Ende gehen zudem regelmäßig die Lotsen von Bord. Zu stehenden Redewendungen verfestigt haben sich zudem der „Schiffbruch“, der in der Politik besonders oft zu beklagen ist, die „Ebbe“ (vornehmlich in der Staatskasse) und überhaupt allenthalben „Gezeitenwechsel“. Gemächliche Zeiten in der Politik erweisen sich nicht selten als „trügerische Ruhe“, als „Ruhe vor dem Sturm“. Und seit Peter Glotz es ausgesprochen hat, ist allseits bekannt, dass sich die Großapparate und -parteien unserer Tage zusehends durch die „Unbeweglichkeit des Tankers“ auszeichnen. Vergleichsweise läppisch mutet dagegen jenes Westerwelle-Wort an, mit dem der FDP-Chef vor ein paar Jahren seinen alleinigen Führungsanspruch bei den Liberalen begründete, da gelte: „Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, ist einer der die Sache regelt“. Origineller als diese Umwidmung eines Satzes von Ernest Hemingway ist da schon die Diagnose des Edmund Stoibers, der in den Reihen seiner politischen Freunde und Bekannten so manchen „Leichtmatrosen“ am Werke sieht.

Schließlich, ohne Anspruch auf nur annähernde Vollständigkeit, wären noch einige universal verwendbare Begriffe zu nennen, ohne die die politische Sprache nicht auskommt: die Flut (etwa von Anträgen, Gesetzen oder Verwaltungsvorschriften), die Welle (vornehmlich der Entrüstung) oder die Woge (hauptsächlich der Zustimmung und Begeisterung) – um von politischen Strömungen gar nicht erst anzufangen.

Die Sprache der Nautik und des Maritimen hat sich aber nicht nur zu vorherrschenden Metaphorik des Politischen herausentwickelt. Sie passt auch bestens zur Beschreibung des Fortgangs der Geschichte. Zum einen mit Blick auf das Ausgesetztsein des Staatsmanns: Eine berechenbare Zukunft gibt es nicht, das Wetter kann er nicht beeinflussen, die Topologie, in der er sich fortbewegt ist gesetzt, praedominant, allenfalls durch Uferbefestigungen oder Kanalisierungen am Rande, nicht jedoch in ihrem Wesen veränderbar. Tiefenströmungen kann man ausweichen, beseitigen lassen sie sich nicht. Solchen Kräften ausgesetzt, kann Staatsmann wie Seemann eben nur versuchen, das Beste aus der Lage zu machen, erzwingen kann er nichts. Bei Windstille muss er auf frische Lüfte warten, bei Sturm die Segel einziehen und die Masten abschlagen. Ist in der Geometrie die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten die gerade Strecke, so ist Politik wie Seefahrt die Kunst der günstigen Umwege.

Doch auch mit Blick auf den Fortgang der Geschichte passen die Begriffe von Fluss und Meer. Vieles wiederholt sich, und doch ist es immer wieder ein wenig anders – die Richtung des Winds, seine Stärke, der genaue Ort, an dem dies geschieht. Es ist eben nicht jene „ewige Wiederkehr des Gleichen“, von der Nietzsche sprach, die die Geschichte ausmacht, sondern die Unterscheidbarkeit des Neuen vom Bekannten, selbst wenn es nur ein klein wenig anders ist. Erfahrungswerte helfen jenen weiter, gewiss, die in den Sielen der Geschichte arbeiten, aber eben doch nur als Orientierungspunkt zur Unterscheidung und Identifizierung jenes Neuen, für das es keine Lehrbücher gibt. Erfahrungsgesättigte Tugenden sind da hilfreiche Konstanten für den Handelnden, schematische Handlungspläne hingegen nicht.

Der Umweg, den die deutsche Geschichte nach 1945 bis zur der Erlangung staatlicher Einheit 1990 erzwungen hat, war im weltgeschichtlichen Maßstab eher klein, doch den Zeitgenossen erschienen er unendlich; das Ziel schien in unerreichbare Ferne zu rücken. Bald schien es so, als sei das Ziel verloren, ohne das dies einer hätte sagen dürfen – auch die nicht, die das Ziel nicht nur verloren sahen, sondern dies auch aufgegeben hatten. Für die Union bedeutete dies in den fünfziger und sechziger Jahren – vor allem in der Hochzeit der Ära Adenauer – besondere Mühe. Denn die konsequente Westpolitik des Gründungskanzlers setzte sie dem Vorwurf aus, es mit der Einheit gar nicht ernst zu meinen, diese zugunsten des Westintegration abgeschrieben zu haben.

Die Formel, dass die Wiedererlangung der Einheit nur auf der Grundlage gemeinsamer Stärke des Westens einmal werde möglich sein, beruhigte vielleicht gerade einmal die hartgesottenen Parteigänger von CDU und CSU. Selbst ein „Immer daran Denken, nie darüber Reden“, war ihnen schwer abzunehmen, denn dafür wiederum redeten sie zu oft über die Einheit als politisches Ziel; Adenauer stellte seinen vierbändigen Erinnerungen, die im wesentlichen nur seine Westpolitik zur Darstellung brachten, gar die sperrige Widmung voraus: „Meinem Vaterland“.

Dass die Union, seit Helmut Kohl 1982 Bundeskanzler wurde, bei leichten Nuancen, eben jene Deutschland- und Ostpolitik fortsetzte, die sie zuvor den Sozialdemokraten als eine Art nationalen Verrat angelastet hatte, nährte nunmehr den Verdacht von anderer Seite, dass die Einheit der Union nichts mehr wert sei. Der Milliardenkredit an die DDR, von Strauß 1983 verhandelt und von Kohl im Kanzleramt gegengezeichnet, tat ein weiteres. Wer jetzt noch von der Einheit Deutschlands als politisches Ziel rede – und sei es auch nur an Sonn- und Feiertagen –, unterliege entweder einer politischen Lebenslüge oder betreibe schlichte Demagogie. Glaubwürdigkeit entsprang daraus jedenfalls nicht, auch nicht für Kohl, der durch den Empfang Erich Honeckers auf der protokollarischen Ebene eines Staatsbesuchs sein Übriges dazu beitrug, die Wiedervereinigung als verlorenes Ziel – zuerst aus den Augen und jetzt auch aus der Erreichbarkeit verloren – zu begreifen.

Noch in der Phase des beginnenden Umbruchs 1989 begab sich Helmut Kohl auf einen Weg, der sich bald als letzter kleiner Umweg zur Einheit erweisen sollte, zunächst jedoch in doppelter Hinsicht als Abweg verstanden werden konnte. Als der Kanzler seinen 10-Punkte-Plan präsentierte, der auf konföderale Strukturen zwischen der längst verendenden DDR und der Bundesrepublik zielte, galt dies den einen als hinter der Zeit. Denn längst hallte durch die Straßen von Leipzig das gewandelte Motto der Bürgerrechtler „Wir sind ein Volk“. Intensivierte, gleichwohl grenzüberschreitende Zusammenarbeit klang da ein bisschen kleinmütig. Anderen wiederum ging Kohl viel zu weit, weil er sich aktiv in den beginnenden Prozess der Umwälzung einzumischen begann. Und das sei gefährlich, weltpolitisch, und bevormundend für die Bürger der DDR obendrein.

Wie weit der 10-Punkte-Plan tatsächlich jene road map zur Einheit gewesen ist, als die sie im nachhinein gern angesehen wurde, kann dahin stehen. Im Moment seiner Präsentation selbst erwies er sich als absoluter Glücksgriff: Er wirkte beschleunigend, ohne in einer instabilen Lage zu provozieren; er wirkte aber auch mäßigend, weil er das eigentliche Ziel, die staatliche Einheit der Deutschen, verschwieg, jedenfalls keine verfrühte Beutestimmung im Westen (mit Blick auf die Sowjets und die immer noch waffenmächtige SED-Diktatur) anstachelte.

Die entscheidende Kraft, die zum Untergang der DDR und zur Vereinigung führte, entstand und entfaltete sich zweifellos im Inneren des Mauerstaats – wie überhaupt der Wind des Wandels in Europa von Osten her wehte. Doch aus den so günstig stehenden Winden hätte sich rasch ein zerstörerischer Sturm entfalten können – wann hat es ein Imperium in der Weltgeschichte schon einmal zugelassen, sang- und klanglos unterzugehen, ohne andere in Mitleidenschaft, gar mit ins Verderben zu reißen?

Das navigierende Augenmaß von Helmut Kohl in jenen Wochen und Monaten, das Schiff nicht voll in den Wind zu stellen, sondern abzuwarten, bis sein Herannahen nicht als Bedrohung für irgendwen, sondern als Wohltat im Grunde für alle verstanden werden konnte, ist das eine. Und das macht seine historische Größe im Moment des Glücks aus.

Nicht minder interessant und gleichermaßen historische Größe markierend, ist, wie er in den davor liegenden Jahren ganz offenkundig nie das Ziel aus den Augen verloren hatte, auch wenn viele daran, und nicht wenige an ihm selbst zweifelten. Das völlige Verkennen des Staatsmanns Kohl in Zeiten, bevor er großer Staatsmann werden konnte, liegt vielleicht auch daran, dass der Sinn für das, was das Bürgerliche in Politik und als politischer Verhaltensstil ausmacht, verloren gegangen ist.

Anders als den konservativen Politiker zeichnet seinen bürgerlichen Gegentyp kaum das Kämpferische für eine in weiter Ferne liegende, unerreichbare Sache aus, schon gar nicht das wilde Aufbegehren gegen eine Welt in Unordnung. Vielmehr handelt es sich um einen Politikertypus, der in sich ruht – mit durchaus klaren, einfachen Vorstellungen, wie die Dinge eigentlich sein sollten, jedoch gepaart mit praktischer Lebenskunst, sich auch im unvollkommenen Interim einrichten zu können. Das Ziel stets zu sehen, ohne sein Erreichen erzwingen zu wollen, das prädestiniert ihn, den historischen Moment, die Gunst der Stunde besser als andere zu erkennen.

Kohl ist mit diesem durch und durch bürgerlichen Sinn und Stil der Politik tatsächlich der kongeniale Nachfolger Adenauers. Diesen hat es geschmerzt, das sein Wille zur Einheit, sein politische Strategie dorthin, nicht anerkannt wurden, doch er konnte damit leben. Ähnlich erging es Kohl, der noch viel fundamentaler herabsetzende Kommentare über sich ergehen lassen musste, bevor es zur Einheit kam. Am Ende behielt er Recht, während die meisten Autoren ihre Leitartikel und Bücher über Kohl gern ungeschehen gesehen hätten.

Nur Johannes Gross, ein Konservativer, für wahr kein Kohl-Verehrer, konnte gut mit seinen Sätzen leben, die er über den CDU-Vorsitzenden und seinerzeitigen Oppositions-Chef, ein Ritter der traurigen Gestalt, in den späten 70-er Jahren geschrieben hatte. Helmut Kohls „Programm und Person“ seien, „es muss gesagt sein – epigonal“.

Um diese Pointe richtig zu verstehen, müsse man freilich „an die Alten erinnern, für die das Wort Epigone nicht allgemein Nachgeborener oder gar Nachahmer bedeutete, sondern jenen Söhnen galt, die vollbrachten, was die Väter versucht hatten: die gegen Theben auszogen und siegten.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar