Zeitung Heute : Die große Durchleuchtung

GORKI THEATER Marek Harloff spielt den Hans Castorp in der Adaption von Thomas Manns „Zauberberg“

Patrick Wildermann

Rückgratlos, eitel und selbstverliebt sei der Mann, findet Marek Harloff, kurzum, ein ziemlicher Loser. Er sagt das lächelnd, natürlich freut er sich darauf, diesen fragwürdigen Gesellen zu spielen, den Hans Castorp aus Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“, den er zurzeit in der Regie von Stefan Bachmann probt. Eine Suche nach der verlorenen Zeit wird die Beschäftigung mit Castorps Schicksal, denn wie man weiß, laufen die Uhren in Manns morbidem Bergsanatorium recht eigenwillig, auch die Hauptfigur erlebt die Stunden bald als „ausdehnungslose Gegenwart“. Sicher, das Buch ist eigentlich ein unbezwingbares Monument, ein Überklassiker, an den auch die Zuschauer hohe bis überzogene Erwartungen stellen werden, aber das empfindet Harloff, der gut gelaunte Castorp-Kritiker, nur als Herausforderung.

Mit Schwergewichten der Weltliteratur besitzt er durchaus Erfahrung. Am Deutschen Nationaltheater Weimar war er vor Jahren der Mephisto in Goethes „Faust“, die Titelrolle verkörperte Thomas Thieme. Es sind viele Bilder aus dieser Inszenierung im Gedächtnis geblieben, unter anderem, wie Harloff als smarter Beelzebub über die Bühne flaniert und lauthals „Freiheit“ von Marius Müller-Westernhagen singt. Auch Harloff selbst erinnert sich gern daran zurück, vor allem an das Zusammenspiel mit dem Bühnen-Berserker Thieme, der eine Art Mentor wurde und ihm Sicherheit gab: „Ich wusste, selbst wenn ich scheitere, Thieme boxt uns da raus.“

Ursprünglich wollte Marek Harloff gar nicht Schauspieler werden, obwohl – oder weil – er aus einer Theaterfamilie stammt: Großvater, Bruder und Cousine sind Schauspieler, der Vater ist Regisseur, ein Cousin Autor. Marek hingegen begann, Musik zu studieren, auch klassischen Gesang, die Musikliebe ist ihm erhalten geblieben, die Opernbegeisterung nicht. Er probierte damals manches aus und brach es wieder ab, und irgendwann, erzählt er, habe er gemerkt: „Eigentlich läufst du die ganze Zeit nur vor dem Vergleich mit deinem Bruder weg.“ Also bewarb er sich auf mehreren Schauspielschulen, wurde jedoch abgelehnt. Er hatte dann einen Privatlehrer, den man sich ein bisschen vorstellt wie den verknöcherten Hassenreuter aus Hauptmanns „Ratten“, wenn Harloff von ihm erzählt. Regelrecht gebrochen habe der ihn, und nach sechs Wochen hieß es: „Aus Ihnen wird nie was werden.“

Ein Freund seines Großvaters, der Schauspieler und Regisseur Gerlach Fiedler, fügte dann die Scherben des Selbstbewusstseins im Laufe eines Jahres wieder zusammen. Geld wollte der neue Lehrer nicht, also brachte Harloff ihm als Lohn für die Unterrichtsstunden eine Flasche Wein mit, ein Brot, selbstgemachte Marmelade, je nachdem. Seine Ausbildung, sagt er heute, sei die Zeit mit Gerlach gewesen, „und die fünf Jahre neben Thieme auf der Bühne.“

Man hat in der jüngeren Vergangenheit nicht sehr viel gehört vom Schauspieler Marek Harloff. In einigen bemerkenswerten deutschen Filmen war er dabei, in Vanessa Jopps „Komm näher“ zum Beispiel, oder Ann-Kristin Reyels’ „Jagdhunde“, er hat in der Adaption des Skinhead-Romans „Weine nicht“ am DT auf der Bühne gestanden, und er hätte viel präsenter sein können – bloß wollte er das nicht. Harloff konzentrierte lieber seine ganze Energie auf die Band TempEau, die er als Sänger und Bassist zusammen mit zwei Ex-Mitgliedern der Gruppe „Selig“ gegründet hat. Der große Erfolg blieb allerdings aus, was Harloff egal gewesen wäre, wie er betont, „ich hätte das radikal durchgezogen, auch wenn ich nebenher hätte kellnern müssen“. Man glaubt ihm das, so unprätentiös, auch reflektiert, wie er wirkt. Nur teilen eben nicht alle den unbedingten Willen, den Harloff im Gespräch Thieme attestiert und offensichtlich auch selbst besitzt: „Leidenschaftlich arbeiten, sich rückhaltlos in eine Sache werfen und dann irgendwann anfangen zu fliegen.“

Patrick Wildermann

Premiere 27.9., 19.30 Uhr

Weitere Vorstellung 30.9., 19.30 Uhr

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