Zeitung Heute : Die große Grenzerfahrung

An jeder Station seines Aufstiegs hat sich Joschka Fischer neu erfunden. Und noch höhere Ziele gesucht. Jetzt braucht er alle Kraft, um etwas zu retten, was er eigentlich schon hinter sich lassen wollte

Hans Monath

Der Mann auf dem Podium kommt einem irgendwie bekannt vor. Beschwört wie dieser frühere deutsche Politstar mit knarzender Stimme sein Publikum, höhnt über den Gegner im Wahlkampf, reißt die Brauen hoch, rollt in gespielter Verzweiflung mit den Augen, greift mit dicken Fingern ganz plastisch die Argumente aus der Luft.

Auf die Attacke des ersten Zwischenrufers in der Essener „Lichtburg“ – Deutschlands größtem Filmtheater mit 1250 Plätzen – scheint er nur gewartet zu haben. „Nein, mein Lieber“, sagt er kumpelhaft und nimmt sich die Freiheit zur Selbstironie, die rot-grüne Bundesregierung könne die CDU-regierten Länder nicht zu Investitionen in Kindergärten zwingen: „Sonst gäbe es schon wieder einen Untersuchungsausschuss.“

Es ist einerseits kein Wunder, dass der untersetzte Mann im schwarzen Anzug an den in der Visa-Affäre verloren gegangenen Lieblingspolitiker der Deutschen erinnert. Im Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen wirft sich der Bundesaußenminister am Donnerstag in Essen und samstags in Gelsenkirchen für seine Partei ins Zeug, und dieser Minister heißt immer noch Joschka Fischer. Aber trotzdem ist es ein erstaunliches Schauspiel, wie der Joschka Fischer der Gegenwart dem Joschka Fischer besserer Zeiten wieder etwas ähnlicher wird. „Wer bin ich, dass ich gegen Polemik sein könnte?“, sagt er dem zweiten Zwischenrufer in Essen.

Lange hat der Außenminister in den vergangenen acht Wochen einen Fehler nach dem anderen gemacht, kapitale Fehler. Die Folgen dieser falschen Entscheidungen können das Ende seiner Karriere und das der rot-grünen Koalition herbeizwingen. Von einem Tag auf den anderen.

In der Visa-Affäre nämlich schwieg der sonst so meinungsfreudige Politiker erst lange, schob dann die Verantwortung auf Untergebene ab, erteilte sich selbst Generalabsolution, brachte im Gedenkstreit um einstige NSDAP- Mitglieder sein Amt gegen sich auf und mit seinem fatalen Krisenmanagement fast die gesamte Presse dazu.

So viel Wut und Hass gegen ihn hat sich aufgestaut, dass Joschka Fischer plötzlich wie eine Art Sandsack der politischen Republik scheint: Jeder darf nach Lust und Laune draufschlagen, Gegenwehr ist nicht zu befürchten. Sogar die Uralt-Geschichte von der Hunzinger-Spende an die Grünen nach einem Fischer-Vortrag macht tagelang Schlagzeilen.

„Das zeigt auch bei Joschka Fischer Wirkung, wenn er jeden Morgen die Zeitung aufschlägt und das lesen muss, gerade bei ihm“, sagt einer, der ihn lange kennt. Der Mann ist ein manischer Verschlinger von Gedrucktem, der Journalisten oft mit fuchtelndem Zeigefinger zur Rede stellt. Irgendwann mag sich dieser News-Süchtige nicht mehr alles zumuten, was da in den wichtigen Blättern über ihn, den „Superstar a.D.“ („Der Spiegel“), geschrieben steht. Wie ein Junkie, der allergisch auf seinen Stoff reagiert.

Ganz genau kann man zusehen, wie der gefallene Liebling leidet und all seine wichtigsten Fähigkeiten verliert. Erst die, Menschen in den Bann zu ziehen und zu überzeugen, und dann auch noch das Selbstbewusstsein und die Selbstkontrolle. Dank medialer Dauerbeobachtung bleibt kein Lapsus unbeschrieben: Wann er bei einem Auftritt die Hände nicht mehr aus den Taschen bekommt, sich verhaspelt und „Herr Merkel“ statt „Frau Merkel“ sagt, sich verbessern muss, unsicher an der Nase herumkratzt.

Bei einer Pressekonferenz im Auswärtigen Amt klagt der Staatsmann Fischer, die deutsche Flagge im Hintergrund, in der Visa-Affäre werde ihm das Wort „im Maul“ umgedreht. Wie zurückgeworfen auf seine früheste Sprachebene wirkt der Mann da, entkleidet aller rhetorischen Schutzmäntel, die er sich auf dem langen Weg vom Metzgersohn über den Frankfurter Häuserkämpfer hin zum Vizekanzler umgehängt hat. Ein Meister der Sprache fleht die Journalisten platt an: „Das müsst ihr mir abnehmen!“

Und dann kommt noch dieses Bild dazu, das wie ein politisches Fanal wirkt: Nach dem Job-Gipfel im Kanzleramt erklärt Gerhard Schröder die Ergebnisse der groß-koalitionären Runde, der grüne Vizekanzler aber steht wie ein Schulbub daneben, darf nichts sagen, sondern dem Chef nur die Dokumentenmappe halten. Zweitrangig, abgemeldet, überflüssig.

Im Bundestag schwächelt er unter dem Eindruck der höhnenden Opposition. Dabei war doch er der Redner, der als Virtuose der Attacke im Gegensatz zu fast allen anderen gern zur Gegenseite hin sprach – provozierend, konfrontativ und so selbstbewusst, dass er keine Deckung brauchte. Jetzt aber sucht er Schutz und Bestätigung bei den eigenen Leuten, die bang aufschauen und spüren, dass hier etwas kippt.

Nun wird es ihm als Anbiederei ausgelegt, dass er Journalisten plötzlich freundlich grüßt, sich den Fernsehteams bereitwillig stellt, an denen er gewöhnlich leise knurrend vorbeirollt. Vorbei die Zeiten, in denen er Journalisten anbrüllte: „Sie schreiben doch nur Stuss, alles Stuss!“

Jetzt braucht er die Leute, auch die eigenen. „Er war freundlich, hat zugehört und nicht einen bösen Scherz gemacht“, berichtet eine Grüne aus einer Sitzung – eine Sensation. Auch die engen Mitarbeiter werden wichtiger, müssen Halt geben, raten, bitten, trösten, ermuntern. Als er, vor vier Jahren im Streit um seine Vergangenheit als Polizistenprügler, schon einmal mit dem Rücken zur Wand stand, war die Solidarität einiger weniger Helfer für ihn die wichtigste Erfahrung.

Mühsam rettete sich der Grünen-Patriarch in die Osterferien. Und kommt verändert wieder. Auch in Essen und in Gelsenkirchen ist der lange gefeierte und gefürchtete Debattenredner Fischer zwar von seiner besten Form noch weit entfernt. Die Attacken auf CDU-Vormann Jürgen Rüttgers (das „Kinder statt Inder“-Zitat muss herhalten) erheitern die Zuhörer. Das grüne Publikum ist erbaut, nicht begeistert. Und trotzdem wirkt der Minister bei seinen ersten Redeauftritten seit der Osterpause wieder freier, selbstsicherer. Hat sich der angezählte Politiker auf den langen Lauf zurück zu sich selbst gemacht?

Ganz unten war Fischer vor Ostern, körperlich am Ende. Statt sich in der Weihnachtspause zu erholen, wirbelt er wochenlang als Tsunami-Krisenmanager durch die Welt. Dass schon im Dezember der Bundestag den Untersuchungsausschuss eingerichtet hatte, scheint den davon bedrohten Minister wenig zu kümmern. Die wenigen in seiner Umgebung, die darauf drängen, er solle die Öffentlichkeit suchen, lässt er abblitzen. Die Grünen finden nicht die Kraft, ihren Meisterpolitiker zu überzeugen oder zu stellen.

Auf Dienstreise nach Asien und Australien ist Fischer, als der „Spiegel“ den Visa- Skandal zum Titel macht. Völlig fertig, müde und mit Angst im Bauch vor dem, was da auf ihn zurollt, kommt er wieder und kann nicht mehr ausweichen. Der erste Auftritt auf dem Bürgersteig vor der Berliner Grünen-Zentrale gerät zum Fiasko, er schiebt alle Verantwortung auf seine Mitarbeiter ab. Freund Daniel Cohn-Bendit, mit dem Fischer sich auch in dieser Krise berät, erklärt dessen Lage am Beispiel eines anderen Spielgestalters: „Zidane spielt auch grottenschlecht, wenn er physisch von der Rolle ist.“

Vor allem sieht Fischer sich als Opfer einer publizistischen Kampagne. Trotzig hält er seinen Verfolgern entgegen, dass der Weiterbestand der Koalition nicht in ihrer Macht liege: „Darüber entscheiden die Wähler an einem Sonntag im September 2006.“

Er fremdelt mit den Korrespondenten, seit jene Journalistengeneration nicht-konservativer Blätter allmählich abtritt, mit denen ihn sein politischer Werdegang und die linksliberale Prägung verbinden – für ihn waren sie ein verlässlicher Resonanzkörper. Doch nicht nur die Journalisten gehen auf Distanz. Auch die deutsche Gesellschaft schaut dem Drama teilnahmslos zu.

Müde und einfallslos sind die früheren Freunde geworden. Ausgerechnet der „taz“ fällt als Erstes auf, dass sich eigentlich niemand mehr für Rot-Grün in die Bresche werfen will, als habe sich auch das linke Milieu in Deutschland damit abgefunden: Dann ist es eben vorbei. Aus.

Auch in den Umfragen stürzt er ab. Es ist, als ob die Bürger erst in der Aufregung der Visa-Affäre entdecken, dass ihr Außenminister einer kleinen, seltsamen Partei angehört. Kann es wirklich sein, dass Joschka Fischer ein Grüner ist?

Es kann sein. Der Verursacher des Schadens zeigt anfangs wenig Gespür für die Verunsicherung, der angesichts der Rekordarbeitslosigkeit eben nicht die Grünen-Wähler, sondern die der SPD ausgesetzt sind. Die Union befeuert die Angst mit Horrorszenarien von Hunderttausenden ukrainischer Schwarzarbeiter, aber der Minister lädt den Konflikt ideologisch weiter auf und preist die Weltoffenheit als höchsten Wert.

Eine der ersten strategischen Entscheidungen von Fischers Krisen-Crew lautet: Wir müssen die Grünen halten; wenn sie von ihm abrücken, ist alles verloren. Die erste Parteirede in der Krise führt ihn Ende Februar nach Köln auf den Programmparteitag vor der Landtagswahl. Fischer ist nervös: Mit dem linken NRW-Landesverband verbindet ihn eine lange Geschichte erbitterter Kämpfe um Krieg und Frieden, manchem gilt er als Verräter. Erst kurz zuvor hat er endlich die wichtigsten Akten zur Visa-Politik gelesen und nun auch eine eigene Vorstellung davon, was da schief gelaufen ist.

Still ist es im Saal, als er spricht, ausgerechnet hier erstmals konkrete eigene Fehler in der Visa-Frage benennt. Gleichzeitig zieht Fischer eine Art Brandmauer zwischen sich und der Partei: Ausfluss grüner Überzeugungen, Ausfluss grüner Politik sei das Versagen in der Visa-Politik nicht: „Lasst euch das nicht einreden.“ Als er fertig ist, der Saal jubelt, geht der Oberrealo zuerst zu Landesparteichef Frithjof Schmidt. Nun drückt der bedrängte Minister dem alten Gegner die Hand, bedankt sich. Als eingefleischtem Machtpolitiker muss ihm klar sein, dass auch diese Unterstützung einen politischen Preis haben wird.

Eine Last ist ihm in Köln von der Schulter gefallen. Doch nicht nur die Union drängt inzwischen zur frühen Aussage vor dem Untersuchungsausschuss, auch rote und grüne Wahlkämpfer aus Nordrhein-Westfalen verlangen immer lauter, dass Fischer dem Druck von Opposition und Medien nachgibt und aus der Defensive kommt. Doch das dauert quälende Wochen lang – bis nach Ostern.

Dann erträgt er es nicht mehr, jeden Tag geprügelt zu werden, ohne zurückschlagen zu können, gefesselt zu sein von der juristischen Logik seiner Berater für den Ausschuss, die vor einer frühen Aussage warnen. Fischer springt endlich, sagt Ja zum frühen Termin, denn der Unionsobmann im Ausschuss, Eckart von Klaeden, zeigt in der Woche nach Ostern strategische Schwäche und zieht seine Drohung zurück, den Gegner mit juristischen Mitteln vor das Gremium zu zwingen. Von diesem Moment an liegt die Initiative bei Rot-Grün: Keiner plaudert das Vorhaben aus, die Union wird kalt erwischt, als die Koalition am Donnerstag nach Ostern eine Fischer-Aussage noch im April vorschlägt. Der Minister, der offiziell in Demut abwartet, was der Ausschuss ihm aufträgt, genießt an diesem Tag die Wirkung des Coups. Er und seine Mitarbeiter bereiten schon Gegenschläge vor. Sie sollen, zeitlich abgestimmt, auch Unionspolitiker treffen, die sich besonders hervortun in der Hatz auf Fischer.

Jetzt ist er freier, das Tableau ordnet sich. „Ja, durch das Schlimmste ist er durch“, sagt nun einer seiner langjährigen Mitstreiter.

Während sich im Streit um die Gedenkpraxis die publizistischen Stimmen zugunsten Fischers mehren, breitet der Minister im Interview mit der „Zeit“ seine strategische Aufstellung aus: Übertreibungen der Opposition weist er zurück, seine Fehler in der Visa-Politik benennt und bedauert er, die Missstände seien abgestellt, die Bürger sollen sie bewerten im Vergleich zu seinen Leistungen als Außenminister in den Konflikten um Kosovo, Afghanistan, Irak. Da kann er auf eine Mehrheit bauen. Die konservative „Welt“ zeigt sich beeindruckt: „Die Union wird es schwer haben, diesen Riegel zu knacken.“

Noch etwas macht Fischer in diesem Interview: Er rückt nach Wochen des Schweigens deutlich ab von der China-Politik des Kanzlers und zeigt sich zweifelnd gegenüber der Aufhebung des EU-Waffenembargos. Partei und Öffentlichkeit sollen wieder einen Minister erleben, wie sie ihn kennen: ein authentischer Kämpfer für eigene Ziele und Werte, notfalls bereit zum Konflikt.

Seine Embargo-Formel – „Der Kanzler weiß, dass ich hier eine skeptischere Haltung habe“ – aber ist so diplomatisch, dass ein Konflikt mit Schröder nur schwer hineingedeutet werden kann. Den will auch keiner. Der Kanzler steht in der Visa-Affäre unbedingt und aus vollem Herzen zu seinem Stellvertreter – nach innen und nach außen. Er habe „volles Vertrauen“ zu Fischer, hat er sehr früh erklärt. „Schröder sieht das so: Sie haben ein Jahr lang mich gejagt, jetzt jagen sie den Joschka, da muss der durch“, sagt einer, der mit beiden gut auskommt.

Nach dem Embargo-Signal atmet die Partei auf. Zwar geht es im Visa-Ausschuss mit Fischers Kopf um nichts weniger als den Fortbestand der rot-grünen Koalition. Die Grünen aber bangen mehr um die eigene Glaubwürdigkeit in der Menschenrechtspolitik. „Das treibt unsere Anhänger viel stärker um als diese Visa-Sache“, freut sich ein Grünen-Stratege nach dem „Zeit“-Interview.

Je sicherer Fischer seiner eigenen Partei wieder ist, umso mehr kommuniziert er wieder mit dem ganzen politischen Spektrum. Jetzt zeigt sich: Auch das Bangen um die Grünen hat ihn gefesselt. Jetzt wird er wieder strategischer, spricht vor grünem Publikum in Nordrhein-Westfalen auch breitere Schichten direkt an: „Ich appelliere an die Wähler der SPD“, sagt er in der „Lichtburg“, bevor er weiterfliegt zur Papst-Trauerfeier nach Rom. Auch die Grünen, so melden es am nächsten Tag die Zeitungen in NRW, versprechen mehr statt weniger Solidarität.

Jetzt bemüht sich Fischer ganz intensiv, seine Partei als Kraft darzustellen, die das drängende Thema Arbeitslosigkeit sehr wohl im Blick hat. „Wir sind die Stimme der ökologischen Interessen, nicht gegen die Wirtschaft, das weiß die Wirtschaft ganz genau, sie schweigt nur vornehm, wenn es in Richtung Wahlen geht“, ruft er am Samstag auf dem kleinen Parteitag in einem Nebenraum der Arena von Schalke04. Und in Anwesenheit des Thyssen-Krupp-Betriebsratsvorsitzenden Thomas Schlenz sucht er den Schulterschluss mit den Sozialdemokraten: Die Grünen, so verspricht er dem Mann und seinem Milieu, sind „voll dafür, dass wir starke Gewerkschaften und Betriebsräte haben, die ihrer Verantwortung gerecht werden“.

Die Aufstellung ist jetzt günstiger, die Union steht unter Zugzwang, muss spätestens in der kommenden Woche entscheiden, ob sie bei Fischers Auftritt Ende April Fernsehkameras zulassen möchte. Sie will eigentlich dem politischen Instinktmenschen Fischer keine Gelegenheit geben, die Menschen direkt anzusprechen. Davon kann er nur profitieren. Aber die Öffentlichkeit gegen das Angebot der Koalition aussperren, nachdem man Fischer so lange Vertuschung vorgeworfen hat?

Der Auftritt wird schwer. Mit oder ohne Kameras ist die Aussage zu einem so frühen Zeitpunkt der Ausschussarbeit ein Furcht erregendes Risiko, das haben ihm viele Berater gesagt. Denn immer besteht die Gefahr, durch später aussagende Zeugen oder noch auftauchende Akten widerlegt zu werden und als Lügner dazustehen. Ein falscher Satz, eine falsche Erinnerung, ein falscher Eindruck kann die ganze Koalition kippen an diesem Montag in zwei Wochen.

Die Jäger werden jedes Wort, jeden Satz gleichsam mit dem Mikroskop untersuchen. Alles hängt an Fischers Performance an diesem Tag. Wie geht man um mit einem solchen Druck, außer dass man wochenlang Akten liest, jede Frage vorwegnimmt, in Rollenspielen alle möglichen Szenarien durchprobt?

Auf jeder Station seines Wegs nach oben hat sich Fischer neu erfunden, hat sich gewandelt und noch höhere Ziele gesucht. Eigentlich wollte er nach 2002 weg auf die europäische Bühne. Das hat nicht geklappt. Dafür hat er gelegentlich wissen lassen, dass er in Großkrisen telefonisch noch den Job des Nato-Generalsekretärs und den des EU-Außenvertreters nebenbei hat miterledigen müssen. Woher nimmt er nun die Kraft, da es nichts anderes zu verteidigen gilt als das, was er schon erreicht hat und eigentlich hinter sich lassen wollte, den Job des Außenministers, die rot-grüne Koalition in Deutschland?

Es gibt ein Muster, wie Fischer tiefe politische Krisen gelöst hat, die den Fortbestand der rot-grünen Bundesregierung bedrohten: Er fand im Zusammenspiel mit seinen Diplomaten zwei Mal einen Ausweg, der nicht nur die Versöhnung mit den Gegnern in seiner eigenen Partei, sondern auch eine wichtige Weiterentwicklung der deutschen Außenpolitik bedeutete: Im existenziellen Streit um den Kosovo-Einsatz gelang es ihm, eine Perspektive für die Zeit nach dem Krieg aufzuzeigen, indem die Deutschen die Russen mit einbanden. Der Widerstand der Grünen gegen Anti-Terror-Kampf und Afghanistan-Krieg schwand, als mit der von Fischer mit initiierten Petersberg-Konferenz die Vertreter des befreiten Landes ausgerechnet in Deutschland ihre Nachkriegsordnung frei entwickeln konnten.

In der Visa-Krise aber kommt die Gefahr nicht von außen, sie kommt von innen. Es gibt keinen kreativen Ausweg, das Sachproblem will das Auswärtige Amt längst gelöst haben. Die Affäre zu überstehen und gar noch die Bundestagswahl zu gewinnen, verlangt von Joschka Fischer mehr Energie, Einsatz und Geschick als er aufbringen müsste, wenn er den Job des EU-Außenministers und den des UN-Generalsekretärs zusammen bewältigen wollte.

So besehen, ist auch die Visa-Krise eine Herausforderung, der er sich ganz allein gestellt hat. Jetzt nimmt er sie an. „Was meine Verantwortung betrifft“, sagt er in Essen: „Feuer frei!“

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