Zeitung Heute : Die große Hilfe

Johannes Christ

Mehrere deutsche Hilfsorganisationen haben gestern eine Bilanz ihrer Tsunami-Hilfe gezogen. Was ist aus den Spenden von damals geworden?


Während der ersten drei Monate brauchten die Opfer des Seebebens vom 26. Dezember 2004 zunächst das Nötigste zum Leben. Die Hilfsorganisationen verteilten in den Küstenstreifen Indiens, Sri Lankas, Indonesiens und Thailands Lebensmittel, Medikamente, Zelte und Moskitonetze – aber auch Leichensäcke für die mehr als 200 000 Toten. „Es ist uns gelungen, eine Katastrophe nach der Katastrophe zu verhindern“, berichtete Dieter Garlichs, der Geschäftsführer von Unicef Deutschland, am Freitag.

Nach der Nothilfe begann aber erst die eigentliche Herausforderung: der Wiederaufbau. Millionen Menschen hatten ihr Haus an die Flutwelle verloren. Noch immer leben laut Unicef über 200 000 Menschen in Zelten und Baracken. Häuser, Wasserleitungen, Schulen und Krankenhäuser müssen jetzt neu gebaut oder renoviert werden. Kein Wunder also, dass der größte Teil der 670 Millionen Euro an deutschen Spenden noch immer auf den Konten der Hilfsorganisationen schlummert. Die „Aktion Deutschland Hilft“ (ADH) beispielsweise gab bisher nur 47 Millionen von insgesamt 125 Millionen Euro aus. Die ADH will sich bis 2009 in der Region engagieren.

„Es wäre fatal, alle Reserven schon jetzt aufzubrauchen“, warnt auch Ingeborg Schäuble. Die Präsidentin der Welthungerhilfe will statt öffentlichkeitswirksamer Effekte lieber langfristige Wirkungen erzielen. Zunächst sollen die Betroffenen wieder in Lohn und Brot gebracht werden. „Wenn junge Menschen im Handwerk ausgebildet werden, können sie beim Wiederaufbau helfen und haben eine berufliche Perspektive“, sagte Schäuble. Tatsächlich mangelt es in den zerstörten Gebieten an Fachkräften. Viele Maurer, Schreiner und Zimmerleute versuchen ihr Glück in strukturstärkeren Gegenden. Erschwerend kommt hinzu, dass die große Nachfrage nach Baumaterial die Preise in die Höhe getrieben hat. Auch religiöse Konflikte, die Folgen jahrelanger Bürgerkriege und ungeklärte Eigentumsverhältnisse stellen die Aufbauhelfer vor enorme Schwierigkeiten.

Viele beschweren sich außerdem über die mangelnde Koordinierung zwischen den einzelnen Hilfsorganisationen. Der Generalsekretär der Welthungerhilfe, Hans-Joachim Preuß, sieht gerade im beispiellosen Spendenaufkommen eine Ursache dafür. Viele Organisationen kamen dadurch in die Lage, sich erstmals in Südostasien zu engagieren. „Manchen von ihnen fehlte die professionelle Erfahrung mit der Region“, kritisiert Preuß.

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