Zeitung Heute : Die große Leere

MEIN KLASSISCHES LEBEN

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Von Christine Lemke-Matwey

Ich erinnere mich nicht genau, wann sie eingesetzt hat, die große Flucht. Es ist jedenfalls eine Weile her, dass ich anfing, mich zu wundern. Immer mehr mir bekannte Menschen schleppten plötzlich immer mehr und immer monströsere Dinge durch die Stadt. Als müssten sie sich und ihre letzte Haut retten. Immer mehr Menschen schnallten sich plötzlich Bügelbretter und Sofas um die Leiber, balancierten Winterreifen auf den Köpfen oder stopften ihre Kleider mit Geschirr, Besteck und Ikea-Katalogen aus. Und immer mehr Menschen sahen plötzlich extrem verhetzt aus. Apocalypse now? Berlin, unser schönes neues Berlin – vergiftet, verseucht und von allen guten Geistern verlassen?

Das war zum Beispiel dieser Mann, schütteres Bleichhaar, rotkarierte Fliege, der am Potsdamer Platz einen riesigen Instrumentenfrachtkoffer vor sich her schob. Eines dieser grauen Ungetüme, auf denen „Atomkraftneindanke“-Sticker kleben und Logos von japanisch-koreanischen Musikfestivals, und in denen normalerweise Harfen oder Kontrabässe auf Reisen gehen. Der Mann schwitzte stark, vor Anstrengung war er schon ganz violett im Gesicht. Besorgt trat ich näher. Sind Sie Musiker, fragte ich, oder sind Sie vielleicht Manager, ja sind Sie am Ende Generalintendant? Kann ich helfen, wo müssen Sie denn hin? Der Mann ließ ab von seinem Werk und musterte mich aus erloschenen Äuglein: „Weg.“ Ich verstand nicht ganz: weg? Einfach nur weg? Aber warum? Und wohin? Ein Bordstein vereitelte endgültig jedes weitere Fortkommen. Ich packte mit an. Er schnaufte zustimmend: „Weg. Nix wie weg. Alle wollen doch weg von hier. Und ich will zurück nach Köln.“ Mir fiel ein, dass die vielen vielen Menschen mit ihrem vielen Hausrat weder am Bahnhof Zoo noch in Tegel oder Schönefeld jemals gesichtet worden waren. Sie bestiegen keine Verkehrsmittel, sie wurden auf keiner brandenburgischen Landstraße als Fußreisende aufgegriffen, sie wurden nicht vermisst – sie waren einfach nur weg. In diesem Augenblick kam uns eine Frau entgegen, sie hatte ein Bücherregal geschultert. Ich weiß nicht mehr, wie es eigentlich dazu kam, aber plötzlich verlor die Frau die Balance, riss den Mann und mich mit zu Boden, der Frachtkoffer platzte auf – und ein Sammelsurium von Kameras, Stativen, Fotoalben und Scheinwerfern kullerte über den Asphalt. Fluchend sammelte der Mann alles wieder ein. Dann verschwand er.

Heute, da Berlin nahezu menschenmusikermanagergeneralintendatenleer ist, habe ich viel Zeit zum Nachdenken. Dieser Mann, tja, könnte Franz Xaver Ohnesorg gewesen sein. Denn der war mal, für eine kleine Zeit, Intendant der Berliner Philharmoniker, und zwar als solcher der „meistfotografierte“. Oder so ähnlich. Jetzt müsste mir aber doch mal jemand auf die Sprünge helfen. Stimmt das so? Hallo? Huhu? Ist da noch wer?

Die Autorin ist Musikredakteurin des Tagesspiegel.

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