Zeitung Heute : Die große Lüge

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Von Kurt Sagatz

Lügen haben im Internet vor allem eins: kurze Wege. Mit keinem anderen Medium lassen sich Botschaften jeder Art weltweit so einfach und schnell verbreiten, egal, ob es sich dabei um Wahrheit oder Fälschung handelt. Von diesen nahezu unbegrenzten Möglichkeiten machen vor allem Extremisten Gebrauch. Das galt in der Vergangenheit für Holocaust-Leugner wie Garry Lauck oder William Pierce von der „National Alliance“. Und das gilt in der Gegenwart in gleicher Weise für die abenteuerlichen Behauptungen, Amerika und die dort lebenden Juden hätten die Anschläge vom 11. September 2001 selbst organisiert, um das Weltgeschehen nach ihren Vorstellungen zu verändern.

Rabbi Abraham Cooper vom Simon Wiesenthal Center in Los Angeles nennt die im Internet kursierenden Behauptungen kurz die „Große Lüge“. Der Trümmerstaub hatte sich noch nicht ganz auf New York gelegt, da wurde im Netz bereits darüber diskutiert, dass 4000 Juden an diesem 11. September nur deshalb nicht zu ihrer Arbeit im World Trade Center gegangen seien, weil sie bereits zuvor von den drohenden Anschlägen wussten. Später dann wollten besonders findige Internet-Nutzer herausgefunden haben, dass die Flugnummer eines der Unglücksmaschinen übersetzt in den Word-Zeichensatz Windings die Symbole für einen Davidstern, zwei Türme und einen Totenkopf ergeben. So viel jedenfalls ist sicher: Der 11. September hat auch das Netz nachhaltig verändert.

Hilfen für Ermittlungsbehörden

Belegt wird dies nun auch vom Internet-Report des Wiesenthal Center für das Jahr 2002. „Digital Hate“ heißt die CD, und auf der Hülle sieht man das zweite Flugzeug, kurz vor dem Einschlag in den New Yorker Wolkenkratzer. Seit sechs Jahren gehört es zu den Kernaufgaben des Centers in Los Angeles, das Internet nach Dokumenten des Hasses zu untersuchen. Seit vier Jahren gibt das Zentrum die jährlichen Analysen als Hilfen für jene Behörden weltweit heraus, zu deren Aufgabengebiet die Überwachung des Internets gehört. Erstmals wurden dabei auch deutsche Seiten aufgeführt. Monat für Monat durchstöbern die Mitarbeiter dabei rund 25 000 Websites. Rund 3300 davon, 700 mehr als beim letzten Mal, wurden diesmal als problematisch eingestuft. So wie die Webseiten von Terrorgruppen im Iran und im Nahen Osten, mit denen Selbstmordattentäter rekrutiert werden. Oder die arabischen Seiten, auf denen muslimische Geistliche Fatwas aussprechen und zum Massenmord an Zivilisten aufrufen, wie Cooper berichtet.

Dass fundamentalistische Organisationen verstärkt die neuen Medien nützen, ist die eine Seite. Die andere handelt von „Einsamen Wölfen“, die ihren fanatischen Kampf als Einzelpersonen ausfechten. In den letzten Jahren hätten viele rechte Organisationen in Amerika erkannt, dass die direkte Anwerbung von Mitgliedern im eigenen Land problematisch ist. Jeder Aufruf, an einer Versammlung beispielsweise von „Aryan Nation“ teilzunehmen, sei auch von den Behörden nachzulesen gewesen. Mit der Folge, dass die Organisationen infiltriert werden konnten. Dem Prinzip der direkten Mitgliedschaft werde somit verstärkt die strukturelle Mitgliedschaft entgegengestellt, wiederum organisiert über das Internet. Sympathisanten erhalten über das Web alle Informationen und Argumentationsmuster, um im Sinne der Bewegung agieren zu können, allerdings ohne feste Zugehörigkeit.

Geldquelle Internet

Der Kreativität der Szene scheinen dabei keine Grenzen gesetzt zu sein, wie diverse ideologisierte Gewaltspiele zeigen. Aber auch die Geschäftstüchtigkeit der Szene hat zugenommen. Längst hätten die Macher der braunen Seiten erkannt, dass man die jugendliche Zielgruppe nicht mit Hitler-Bildchen, sehr wohl aber mit Musik erreichen kann. Damit wird nicht allein Propaganda, sondern vor allem Geld gemacht. Sogar so viel, dass es sich lohnt, solche Webseiten zu erwerben. Geschehen ist dies beispielsweise bei „Resistance Records“, die für 200 000 Dollar von William Pierce gekauft wurden. CDs, T-Shirts, Propaganda-Material haben sich inzwischen zur begehrten Ware entwickelt. Das geht so weit, das einige rechte Webseiten nur noch nach vorheriger Angabe der Bankverbindung besucht werden können. Ein Beispiel ist der so genannte Adolfus-Bund. Für die Seitenbetreiber habe dies gleich zwei Vorteile, so Cooper. Zum einen werden darüber die eigenen Aktivitäten finanziert, zum anderen zwingt man die Nutzer so, sich zu erkennen zu geben. Allerdings stehen die Seitenbetreiber dann aber auch in der Pflicht, ihre Einnahmen zu versteuern. Wer dies nicht tut, macht sich strafbar. Da hilft dann auch der erste Verfassungszusatz der USA mit dem „Freedom of Speech“ nicht weiter.

Mehr zum Thema unter:

www.wiesenthal.com

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