Die Grünen : Auf in die Wallstreet

Die Grünen? Da war doch mal was von wegen Alternative. Unser Kolumnist Helmut Schümann wundert sich, wie unverhohlen die Partei vor der eigenen Vergangenheit kapituliert und sich in die Jetztzeit katapultiert.

Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Karikatur: Tagesspiegel

Und nun alle: Grün, grün, grün sind alle meine Kleider. Ansonsten steht Grün für die Hoffnung. Und selbst wenn das Kinderlied lediglich die Farbe des Jägers besingt, gibt doch der Blick aus dem Fenster zu aller grünen Hoffnung Anlass. Auch ist Grün die Farbe des Geldes. Des Dollars in allen vorhandenen Noten. Am Dollar hängt es, zum Dollar drängt es anscheinend immer noch alle.

Ab und an gibt es Abgeordnetenfahrten nach Berlin, vergangene Woche gab es so eine zur hiesigen Partei der Hoffnung, den Grünen also, aus dem Rheinland waren die Interessierten angereist. Da Grün zu Grün sich gern gesellt, ist es nur folgerichtig, dass die Reisenden im „Wall Street Hotel“ untergebracht waren. Dessen Zimmerböden sind mit Dollarnoten ausgelegt, keinen echten und auch nur bescheidenen Ein-Dollar-Noten, aber deutlich mit dem Konterfei George Washingtons bedruckt. Jüngere Menschen, die das hiesige Parteiensystem nur als Alle-Parteien-sind-gleich-System kennen, wird die Verbindung von Grünen zu Dollars vielleicht nicht verwundern. Ihnen sei kurz eine Mär aus alten Zeiten erzählt. Als es sich nämlich begab, dass sich eine Schar von politikverdrossenen Menschen vor vielen, vielen Jahren auf- und im Bundestag breitmachte, um mit Norwegerpullover, Rauschebart, zu stillenden Kindern und Strickliesel eine völlig andere, ich sag mal, alternative, Umsetzung von Volksvertretung vorzuleben. Tempi passati.

Die rheinische Reisegruppe wurde von einer jungen Pressesprecherin der Grünen in die Jetztzeit katapultiert. In der ist nach Auskunft der Pressesprecherin ihre Partei die Partei der Leistungsträger der Gesellschaft. Das nimmt sonst die FDP für sich in Anspruch. Und die AfD. „Wir haben uns weiterentwickelt, wir sind moderner geworden“, sagte die junge Frau noch, woher soll sie es auch wissen in ihrem Überschwang? Man muss den Grünen zugutehalten, dass solche Reisen vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Referat 404, organisiert und finanziert werden. Und vielleicht ist der Teppich im „Wall Street“ gar nicht von türkischer Kinderhand gewoben, sondern ganzheitlich handgeknüpft. Aber das macht das Image-Problem nicht kleiner. Im Kinderlied geht es übrigens weiter: „Rot, rot, rot sind alle meine Kleider.“

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