Die Grünen : Funktionspartei ohne Aura Von Tissy Bruns

Schwarz-Grün in Hamburg, Rot- Grün-Rot in Hessen. Neue Konstellationen zeichnen sich ab – 25 Jahre, nachdem die ersten grünen Abgeordneten in den Bundestag gewählt wurden. Mit Sonnenblumen, Petra Kelly, Rotation und Quote, begleitet von Faszination, Spott, Hoffnung und Antipathien. Alles schien möglich. Jetzt ist alles möglich. Aber dieses „Möglich“ hat einen ganz anderen Klang.

Eine Generation nach 1983 ist eine epochale Regierungsbeteiligung der „Öko-Paxe“ schon Vergangenheit. Die Entwicklung in Hamburg ist nicht nur die folgerichtige Fortsetzung des Weges von der innovativen Randerscheinung in die berechenbare Mitte. Die Kombination mit der hessischen Koalitionsbildung zeigt zudem, dass die grüne Partei sich in einer Zäsur befindet. „Schwarz-Grün“ war lange Zeit Chiffre für ein „anderes“ Projekt in der Gesellschaft, die Verbindung des konservativen, bürgerlichen, liberalen Potenzials in beiden Parteien zu einem neuen Impuls. Dazu sollten die Grünen vor allem das Ökologische und Emanzipatorische beisteuern, dem sich die CDU lange verweigert hat, und die CDU ein Werteverständnis, dem Familie, Bildung, Institutionen viel bedeuten, mehr jedenfalls, als der Anti-Gestus der grünen Gründerjahre vorgesehen hatte.

Doch längst haben sich beide Parteien in diesen Fragen so angenähert, dass ihre Verbindung noch weniger Spannung als die zwischen SPD und Grünen bietet, um eine Koalition zum Projekt aufzuladen. Das Rot-Grüne war ja schon, als es zur Bundesregierung wurde, so weit abgeschliffen, dass es zu doppelter Staatsbürgerschaft, Atomausstieg und schwuler Ehe gerade noch reichte. Die wirklichen rot-grünen Weichenstellungen waren die Beteiligung an militärischen Auslandseinsätzen (im Fall des Irak ihre Verweigerung) und die Reformpolitik, die richtig war, aber mit den Träumen der 80er und 90er Jahre nichts zu tun hatte.

Der grüne Charme jener Jahre bestand aber unverändert darin, gewissermaßen jenseits der Realpolitik ein ungewöhnliches Band zu stiften. Während die großen Volksparteien durch die mehr oder minder geschickt ausbalancierten Interessen großer sozialer Gruppen zusammengehalten wurden, wuchsen die Grünen zu einer kleinen Volkspartei, die von den postmateriellen Wünschen und Hoffnungen ihrer Anhänger getragen wurde. Die Politik auf den Ministerbänken bedrohte das gelegentlich. Aber gerade ihr Hauptprotagonist, Joschka Fischer, war immer auch der Erste seiner Partei, der sich in dieser Rolle romantisch heroisieren konnte: innen grün, außen Minister.

Soziologisch wurde diese besondere grüne Parteiqualität treffend mit dem Bild einer Wählerschaft beschrieben, die von der ökologisch angehauchten Zahnarztgattin bis zum linksorientierten Sozialarbeiter reichte. Es gab so etwas wie die grüne Transzendenz, ganz anders als bei den anderen Parteien, die sich dem Tagwerk pragmatisch ergeben und darüber hinaus nichts zu bieten haben.

Längst zählen die Grünen selbst zu den Etablierten. Doch richtig sichtbar wird das erst in einer Parteienlandschaft, die auf einmal ganz andere Macht- und Entwicklungsfantasien freisetzt. Die Projektionsfläche für Enttäuschungen über die politische Kaste in der Mitte liefert auf einmal eine andere Partei, die Linke. Die Grünen verlieren ihre Aura. Deshalb beschleunigt Hessen Hamburg und umgekehrt. Dort werden Regierungen gebildet, nicht Projekte geboren. In beiden Koalitionen sind die Grünen Funktionspartei – und müssen es sein.

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