Zeitung Heute : Die Guten finden immer einen Job

In der Biotechnologie machen die Besten den Spagat zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zur Karrierestrategie

Maren Peters

Anne Faßbender wusste schon früh, dass sie nach der Schule „irgendetwas Technisches“ machen wollte. Nach Leistungskursen in Mathe und Biologie hatte die Erfurterin eigentlich vor, Umwelttechnik zu studieren. „Aber viele Leute haben mit gesagt, dass das die Ersten sind, die rausgeschmissen werden, wenn gespart wird.“ Sie hat sich lieber für etwas vermeintlich Krisensicheres entschieden: Biotechnologie an der TU Berlin.

Inzwischen nähert sich die 27-Jährige dem Ende ihrer Ausbildung. Ihre Promotion schreibt sie bei dem Berliner Biotech-Unternehmen Epigenomics, hält sich aber auch den Weg zurück an die Uni offen. Hier die private Wirtschaft, dort die Forschung an Hochschulen oder öffentlichen Instituten – das sind die beiden klassischen Karrierepfade, die Biowissenschaftlern heute – und auch noch in zehn Jahren – offen stehen: In beiden Bereichen wird neben exzellentem Fachwissen auch Management-Know-how erwartet. Denn nach Jahren rasanten Wachstums erlebt die junge Branche gerade die schlimmste Krise ihres Bestehens: die ersten deutschen Biotechfirmen sind schon wieder pleite. Die besten Einstiegschancen haben Kandidaten, die auch die betriebswirtschaftlichen Aspekte der Biotechnologie berücksichtigen.

Was waren das für goldene Zeiten, als die Forscher dem menschlichen Genom auf die Spur kamen, die Börse boomte und an jedem zweiten Tag eine neues Biotechnologie-Firma in Deutschland gegründet wurde. Dank üppig fließender staatlicher Fördermittel setzte ab Mitte der 90er Jahre auch in Deutschland ein Gründungsrausch ein. Zehn Jahre später zwar als in den USA, aber immerhin. Es herrschte Aufbruchstimmung. Nach Jahren der Flaute konnten Biologen und Chemiker, Laboranten und technische Assistenten plötzlich gar nicht schnell genug fertig werden mit ihrer Ausbildung, so händeringend wurden sie von den vielen kleinen Unternehmen gesucht. Eiligst wurden auch neue Studien- und Ausbildungsgänge geschaffen, um den Bedarf der Boombranche befriedigen zu können. Um die besten Absolventen zu ködern, lockten die Genfirmen die High Potentials mit Aktienoptionen - und versprachen, sie beim Börsengang reich zu machen.

Zeit der Bewährung

Wenige Jahre später redet keiner mehr vom Reichwerden. Die Zahl der Unternehmen ist nach dynamischen Wachstumsjahren im vergangenen Jahr erstmals gesunken, von 365 auf 360 Biotechfirmen, wie der aktuelle Biotechnologie-Report 2003 der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young („Zeit der Bewährung“) zeigt. Auch Pleiten gibt es plötzlich. „Aufgrund von Schwierigkeiten bei der Finanzierung und wegen immer noch fehlender eigener Umsätze kämpfen viele Firmen heute ums Überleben“, sagt Ernst & Young-Experte Alfred Müller. Viele kleine Biotech-Firmen werden den Kampf verlieren.

Und trotzdem, meinen Experten, lohnt sich der Berufseinstieg noch immer. „Die jungen Leute sollten sich nicht abschrecken lassen", sagt Professor Bernd Seizinger, der Chef des börsennotierten Biotech-Unternehmens GPC aus Martinsried bei München. Der studierte Mediziner promovierte am Münchner Max-Planck-Institut in Psychologie und arbeitete danach 15 Jahre lang in den USA. Seizinger rät Berufsstartern, sich nicht kurzfristig zu orientieren, sondern zu überlegen, was in fünf oder zehn Jahren gefragt sein könnte. Es sei nicht entscheidend, ob man Biotechnologie, Medizin oder Chemie studiere, sagt der Professor. „Wichtiger ist zu lernen, wie man mit Strukturen umgeht. Und sich nicht zu früh festzulegen, sondern flexibel zu bleiben." Er selbst hat den Spagat zwischen Wissenschaft und Wirtschaft hinbekommen. Heute führt Seizinger eine Firma mit weltweit 200 Mitarbeitern – und hält nebenbei eine Gastprofessor für Molekularbiologie an der Universität Princeton.

Auch DIB-Experte Klockner rät Berufsanfängern, sich weniger daran zu orientieren, wo es gerade einen Mangel gibt – „das kann nach dem Ende der Ausbildung schon ganz anders aussehen“. „Wer sich nur am Mangel orientiert, wird später oft nur Mittelmaß. Wer das macht, was ihm Spaß macht, wird wirklich gut – und findet immer einen Job.“

Branchenbeobachter rechnen damit, dass zwar die Zahl der Biotechnologie-Firmen in den nächsten Jahren zurückgehen wird, dafür aber größere und qualifiziertere Unternehmen entstehen werden. Um die Firmen zu vermarkten, Verhandlungen mit privaten Investoren und Pharmakonzernen zu führen, werden neben exzellenten Forschern und Bioinformatikern, die die vielenDaten analysieren, vor allem „Wissenschaftler gefragt sein, die sich auch mit wirtschaftlichen Aspekten auseinander setze“, sagt DIB-Experte Klockner. „Da gibt es einen gewissen Engpass.“

Forschung und Wirtschaft sind allzu oft noch Parallel-Welten. „Eine zusätzliche Wirtschaftsausbildung kann ich mir nicht vorstellen“, sagt auch Anne Faßbender. „Ich stehe mehr auf Forschung.“ Andererseits kann sich die Wissenschaftlerin wie viele ihrer Kommilitonen gut vorstellen, später als Projektleiterin in einem Unternehmen zu arbeiten. Die Doktorandin setzt aufs Jobtraining. „Da wächst rein“, hofft sie.

Inzwischen gibt es aber auch kombinierte Studiengänge, wie Wirtschafts-Chemie, den etwa die Universitäten Kaiserslautern und Düsseldorf anbieten. Eine andere, noch neue Möglichkeit ist, einen Master-Abschluss in einer Naturwissenschaft zu machen und danach einen Bachelor in Wirtschaft draufzusetzen. Den Bedarf erkannt hat auch die Fern-Uni Hagen, die für Berufstätige einen über fünf Semester laufenden Fernstudiengang „Betriebswirtschaft für Naturwissenschaftler“ anbietet. Aber die 80 Semesterwochenstunden neben dem Job zu absolvieren, erfordert viel Disziplin, die Abbrecherquote ist entsprechend hoch. Viele setzten daher lieber auf „Learning-by-Doing“ im Beruf. Kleine Firmen bieten in der Regel ein geringeres Einstiegsgehalt, sind dafür aber flexibler als große Pharmakonzerne.

Gerade für Absolventen, die sich die Option erhalten wollen, in der Forschung zu arbeiten., ist der Doktor-Titel dringend zu empfehlen. „Wenn man konkurrenzfähig sein will, ist die Promotion wichtig“, sagt Anne Faßbender. „Viele Arbeitgeber sehen das als notwendige Berufserfahrung.“ Sie selbst denkt daran, nach der Promotion vielleicht zum Postdoc ins Ausland zu gehen – bis sie zurückkommt, sind die Zeiten hoffentlich besser. Anne Faßbender lässt es auf sich zukommen: „Hauptsache, es macht mir Spaß.“

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