Die halbe Wahrheit : Amerika & Presswurst

Von Esther Kogelboom

Es geht nicht mehr, das Boot ist voll. In Berlin-Mitte gibt es genug Hostels. Trotzdem wird gerade an jeder Straßenecke ein neues gebaut, so dass, wenn alles fertig ist, die Amerikaner sich bald selbst besichtigen können und Mitte zum 51. Stern auf der amerikanischen Flagge wird.

Im Restaurant kriegt man wortlos die englische Speisekarte hingeknallt. Ständig muss man doofe Fragen beantworten („Where are the Galleries?“, „Where is the Tacheles?“, „Where is the Beachbar?“ „How do I get to Schönefeld?“). Ich komme aus dem Wegweisen nicht mehr raus, und dann ist alles „pretty awsome“, „flippin’ cool“ oder „fuckin’ great“.

Ich mache inzwischen einen großen Bogen um Amerikaner. Ich will nicht sagen, dass ich sie hasse – nein, der einzelne Pub-Crawler ist sicherlich ein hochsensibler, belesener, zuvorkommender, liberaler Mensch. Es ist ja auch toll, dass man sich hier schon mit 16 in aller Öffentlichkeit und ohne braune Papiertüten um sein Getränk zu wickeln, zulaufen lassen kann, aber ich möchte nicht wissen, was es kostet, in New York – einer Stadt, in der schon das Betätigen der Hupe hunderte Dollar Strafe kostet – in einen fremden Hauseingang zu pinkeln.

Wer fährt schon noch nach Mexiko zum Spring Break, wo Mitte doch ein einziger, permanenter Spring Break geworden ist?

Zum Glück gibt es hier schon seit längerem American Apparel, für alle Amis, die Heimweh bekommen.

Am Wochenende war ich auch mal in dem Geschäft an der Münzstraße und probierte zum Spaß einen Schlauch an. Die Schneider von American Apparel haben sich wahrscheinlich gedacht, für Frauen reicht es, wenn sie einfach einen Schlauch aus Stretchstoff entwerfen, den können die dann als Top, als Kleid oder als Rock anziehen. Sicherheitshalber machen wir ihn in allen Farben, die es gibt. Pro Schlauch kassieren wir 70 Euro, dann machen wir Läden auf der ganzen Welt auf und vermehren uns wie die Kaninchen.

Ich presste mich also in einen schwarzen Schlauch. Natürlich sind in den Unisex-Umkleidekabinen keine Spiegel, damit man auch rauslaufen und sich den anderen Kunden als schimmelige Presswurst präsentieren muss.

Der Schlauch war noch nicht mal den Versuch wert, und meine Laune verschlechterte sich sekündlich auf einer nach unten offenen Skala – bis ich begriff, dass es offenbar neuerdings als wahnsinnig cool gilt, beim American-Apparel-Exhibitionismus mitzumachen: Neben mir drehten sich zwei weitere Frauen in Schläuchen vor dem Spiegel, und denen schien es gar nichts auszumachen, von den Leuten in der Warteschlange dabei beobachtet zu werden. Obwohl sie genauso presswurstig aussahen wie ich.

„Mariah Carey is a flippin’ Strohhalm against you“, I said to myself and sighed.

Auf dem Rückweg fiel mir ein anderer Laden auf: California Vintage. Ich nahm meine Sonnenbrille ab, um zu entziffern, was darunter stand: auch American Apparel nämlich, aber diesmal ganz klein. Hä?, dachte ich, das kann doch nicht sein. Ich steuerte neugierig Richtung Eingangstür.

Bei California Vintage verkaufen sie zum Beispiel gebrauchte Jute- Säcke mit geflochtenen Ledergürteln, die angeblich aus L. A. oder San Fran oder Frisco importiert werden, in Wirklichkeit aber – und dafür lege ich beide Hände ins Feuer – bei Nacht und Nebel von Hilfs-Modeleuten auf Poppers aus Humana-Containern in Hohenschönhausen gezogen werden.

Ein ganz neues Berufsbild: „Humana-Container-Scout, Regionalleiter Ost, für California Vintage by American Apparel gesucht. Bitte im Store melden.“

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