Die halbe Wahrheit : Ampelglück & Eberswalder

Von Esther Kogelboom

Ich habe sie schon immer gehasst, die Kreuzung am U-Bahnhof Eberswalder Straße, die keine normale Kreuzung ist, sondern eine Multikreuzung aus Danziger, Schönhauser, Eberswalder, Pappel, U-Bahn und Straßenbahn. Für meine Abneigung gibt es einen guten Grund: Um zu Fuß von der einen Seite auf die andere zu gelangen, braucht man je nach Ampelglück bis zu zehn Minuten, und man läuft Gefahr, einfach überrollt zu werden.

Weil meine Freundin mich neulich eindrücklich ermahnt hat, dass ich endlich wieder etwas gut finden soll, füge ich an dieser Stelle ein „andererseits“ ein:

Andererseits mag ich den Verkehrsknotenpunkt auch ein bisschen, denn nur an dieser Multikreuzung gibt es das Manolo, den besten Coffee-Shop der Stadt, der am Spätnachmittag zu einer Bar wird – und natürlich Konnopke, die einzige Currywurstbude der Welt, die stoisch am Samstagabend geschlossen bleibt. Obwohl zur Ausgehzeit etwa 100 000 Currywürste verkauft werden könnten. Doch der Feierabend ist denen heilig.

Rührend auch die Fahrradampeln, die so mit schwarzer Folie beklebt wurden, dass bei „Rot“ ein Herz aufleuchtet, und wenn das Herz leuchtet, ist da viel zu lesen: An den Ampelmasten und Laternenpfählen hängen Zettel mit Telefonnummern von Gitarren- und Gesangslehrern, Germanistikstudentinnen, Umzugshelfern und anderen Verzweifelten.

Interessant sind auch die Touristenströme. Augenblicklich wird die Kreuzung vor allem von jungen Skandinavierinnen überströmt.

„Woklölök istä eytiteyty Vaternsen?“ – „Mjölky–ularmitöt.“ – „Hihi!“ So tönt es überall.

Skandinavische Frauen sind wunderschön. Ich kann mir nicht erklären, warum, sie sind es einfach. Gern kleiden sie sich in grobmaschige, aber hauchdünne Strickwestchen, um den Zerbrechlichkeitseffekt bis ins Unermessliche zu steigern. (Ich finde Skandinavierinnen gut!)

Die Multikreuzungs-Schwedinnen in ihren Strickwestchen sind wahrscheinlich der Grund, warum auch berühmte und reiche Schauspieler mit Vorliebe dort verkehren. Ich möchte sogar so weit gehen: Die eigentlich unglamouröse Multikreuzung am U-Bahnhof Eberswalder Straße ist mit dem ersten Aufspringen der Kastanienknospen zu einer Art Open-Air-Paris-Bar des Ostens geworden.

So. Dieser längliche Vorspann mit all seinen Abschweifungen musste sein, denn ich geniere mich wirklich, zum Wesentlichen zu kommen: Til Schweiger hat mich mitten auf der Multikreuzung angelacht, im Vorbeigehen, einfach so. Für den Rest des Tages hatte ich unzerstörbar gute Laune.

Ich bin mir jedenfalls zu 70 Prozent sicher, dass es Til Schweiger war.

Es handelte sich ja bereits um meine dritte Til-Schweiger-Sichtung: einmal Sredzkistraße (in einem Tross Fremder), einmal Holmes Place am Gendarmenmarkt (mit Sporttasche), jetzt Multikreuzung. Damit ist Til Schweiger der Prominente, den ich in Berlin bis jetzt am häufigsten gesehen habe. Nur den Kiezbekloppten, den Pfandflaschensammler und den komischen Mann vom „Koof im Kiez“ habe ich öfter gesehen.

Ich spürte ein leises, von nagenden Peinlichkeitsmäusen umzingeltes Schuldgefühl.

Man kann doch nicht Til Schweiger gut finden, diesen Sascha Hehn des deutschen Blockbusters! Schweiger ist schließlich der Mann, der Frau und Kinder verlassen hat und die Kinder danach laut Dana als Darsteller für „Keinohrhasen“ (!) verpflichtete, ohne der Exfrau Bescheid zu sagen (vgl. „Bunte“ 11/08).

Zu spät. Ich finde Til Schweiger jetzt gut.

Tja.

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