Die halbe Wahrheit : Böse Menschen kennen keine Lieder!

Von Esther Kogelboom

Zu den Menschen, die ich absolut nicht verstehe, gehören die Herbstgenervten. Sicher sind Sie auch schon mal einem Herbstgenervten begegnet; vor seiner schlechten Laune gibt es kein Entkommen.

Meine Güte, es ist nur ein saisontypischer, vorübergehender Wetterwechsel und nicht die Apokalypse!

Das Dumme ist bloß: Schlechte Laune überträgt sich ungefähr so rasch wie eine Erkältung. Dabei steigt die Wahrscheinlichkeit, selbst mies draufzukommen, mit der Anzahl der schlecht Gelaunten, die man pro Stunde trifft.

Vorbeugen ist zum Glück möglich, indem man zum Beispiel einfach singt, so laut es geht, alte Schulfreunde googelt oder sich vollkommen isoliert.

Als meine Freundin eine Mail mit der Betreffzeile „Samstag Singstar?????“schickte, ahnte ich nicht, was genau passieren würde. Erst nachdem sie mich an ihre Playstation angeschlossen hatte, Knöpfe gedrückt hatte und mir ein Mikrofon in die Hand, wurde mir klar: Ich musste mich in Beyoncé verwandeln und „Crazy in love“ singen. Die Textzeilen rasten über den Bildschirm. Es lief furchtbar – bis Jay-Z mit seinem kurzen Rap-Solo einsetzte. Von da an lief es unbeschreiblich furchtbar:

„Young hova, Ya’ll know when the flow is loco, Young b and the r-o-c uh oh, O-G, big homie, The one and only, Stick boney but the pockets are fat like tony …“

Meine Freundin lachte, klopfte sich vor Vergnügen auf die Schenkel und kugelte über ihr Sofa. Das „Singstar“-Programm meldete „grausam“. Meine Freundin, die jeden Tag mehrere Stunden übt, brillierte schließlich mit einer einwandfreien Version des The-Clash-Klassikers „Should I stay or should I go“. (Ohne ihre Leistung schmälern zu wollen, möchte ich doch der Fairness halber darauf hinweisen, dass Jay-Z bei The Clash nicht mitgemacht hat. Leider, muss man in der Rückschau sagen.)

So sangen wir uns durch den Abend, und unsere Laune steigerte sich mit jedem Lied – bis nur noch ein tonloses Bonnie-Tyler-Krächzen aus uns rauskam.

Am nächsten Morgen wachte ich ohne Stimme auf. Mein Hals kratzte, es regnete, und Brot war auch nicht mehr da. Missmutig betrat ich eine Bäckerei. „Hallöchen“, flötete die Verkäuferin. „Was darf’s denn sein?“ Ich deutete mit dem Finger auf das letzte fränkische Krustenbauernbrot. Ich spürte, wie das Lächeln in meinem Gesicht nach und nach gerann. Es gerann zu dem zitronensauren Gesichtsausdruck eines typischen Herbstgenervten; stumpfer Blick, verkrampfter Kiefer, Stirnfalten.

Also klappte ich meinen Laptop auf und googelte Klassenkameraden aus der Grundschulzeit. Ich fand schnell raus, dass Jan V. eine eigene Homepage betreibt, auf der jedermann Fotos seiner Hochzeitsfeier anschauen kann. Volltreffer: Ein unscharfes Gruppenbild zeigte weitere Grundschulfreunde. Das waren eindeutig Holger F., Ann-Kathrin B. – und die schöne Kerstin L. war sogar Brautjungfer geworden! Ich grinste leicht vor mich hin und biss in mein Marillenmarmelade-Butterbrot.

Dann begann ich schwerfällig zu kombinieren: Es sah tatsächlich so aus, als hätte Jan V. alle zu seiner Hochzeit eingeladen. Alle, nur mich nicht. Ich schluckte. Es schmerzte. Zum Freund Herbstgenervtheit gesellte sich jetzt die gute Bekannte Selbstmitleid.

Ich rief meine Freundin an. „Hust. Hallo. Räusper“, hob ich an. „Stell dir vor …“ – „Ich kann jetzt nicht“, unterbrach sie mich barsch. „Außerdem hab ich nicht gefrühstückt.“

Ich beschloss, mich sicherheitshalber für den Rest des Tages vollkommen zu isolieren.

Unsere Kolumnistin, 32, bekommt laufend gute Ratschläge. An dieser Stelle überprüft sie jede Woche einen davon auf seinen Wahrheitsgehalt.

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