Die halbe Wahrheit : Das Romantik-Tal des Todes

Esther Kogelboom

Die Tourismusindustrie hat ein doch eher konventionelles Konzept von Romantik. Darauf komme ich, weil meine Freundin mir bei einem Teller Feigenpasta ihr schreckliches Leid geklagt hat. Sie will mit ihrer Daueraffäre ein Wochenende heraus aus Berlin, vielleicht an die Ostsee oder ins Erz gebirge. Das hatte sie sich puppenleicht vorgestellt – bis sie die Internetseiten der Hotels anklickte.

„Rosenblätter, die im Schaumbad schwimmen, eine Flasche Sekt im Kühler und mit Schokolade über zogene Erdbeeren …“, zählt meine Freundin entnervt auf, während sie behutsam einen Rosmarinzweig vom Pastagebirge auf den Tellerrand zieht. „Die sind doch verrückt.“

Sie würde gern wissen, wann und warum sich diese „Aufmerksam keiten“ als ultimative Requisiten eines sogenannten romantischen Wochenendes durchgesetzt haben, sagt sie. Erdbeeren im Winter seien schlicht das Allerletzte. Und überhaupt: Paare, die erst kurz zusammen sind, brauchten zum Glücklichsein definitiv keine Rosenblätter, und Paare, die schon länger zusammen sind, würden von diesen Arrangements peinlich berührt, weil arg unter Druck gesetzt. Meine Freundin entwirft ihr persönliches Horrorszenario: „Gerade eben hat der Olle noch zu Hause vor der Vierschanzentournee abgehangen und jetzt wartet er an der Ostsee mit einem Rosenblatt auf dem Kopf im Schaumbad auf eine Fußmassage? Nee, besten Dank.“

Wir überlegen, was wir in Hotelzimmern als Romantik-Arrangement auslegen würden, kommen aber leider nur darauf, worauf wir verzichten können: den Ganzkörperspiegel in dem kurzen Flur zwischen Zimmertür und Bett, in dem man traditionell schrecklich aussieht, den Schreibtisch mit seinen integrierten Steck dosen für Technologien des letzten Jahrtausends, das holzige Studentenfutter in der Minibar, die Haare ver filzende Haarspülung, das Schild mit dem Hinweis auf die Handtuchhandhabung, die rutschfeste Noppenmatte für die Dusche, das Pay-TV und den Tresor.

„Ich kenne so ein Hotel, das auf all diese Dinge verzichtet“, sagt meine Freundin resigniert. „Es steht an der Danziger Straße und kostet im Monat 370 Euro kalt.“

Wir bestellen mehr Rotwein, und sie erzählt von der bisher romantischsten Nacht mit ihrer Dauer affäre. Es war in einem „Motel 6“ im glühend heißen Tal des Todes im US-Bundesstaat Nevada. Die Klimaanlage machte ohrenbetäubenden Krach, die Getränke waren längst warm geworden, die Stimmung pegelte dafür gegen null.

Schlecht gelaunt habe sie in ihren Kulturbeutel gegriffen, um ihrem verbrannten Gesicht die nötige Nachtpflege angedeihen zu lassen – doch statt in ihre Tiegel voller geschmeidiger Bio-Emulsion griff sie in ein dschungelcampartiges Insektengemisch aus Larven, Maden und Miniwürmern, die sich blitzschnell in der kargen Nasszelle ausbreiteten.

Ihre Daueraffäre habe sofort hingebungsvoll jedes einzelne Vieh zwischen zwei Toilettenpapierblättern zermalmt und die Kadaver aus ihrer Sichtweite getragen, während sie selbst sich im Pool desinfiziert hatte. „Seitdem weiß ich“, sagt meine Freundin mit vollem Mund, „dass es sich nicht bloß um eine einfache Affäre handelt.“ In dieser Nacht im „Motel 6“ sei der Mann, ohne es zu wissen, in den Status „Daueraffäre“ vorgerückt.

Beim Espresso sind wir uns ziemlich sicher: 1. Keine noch so süße Erdbeere hätte auslösen können, was ein Konglomerat krabbelnder Mehrzeller bewirkt hatte. 2. Romantik kann man nicht arrangieren und stellt sich gern genau in dem Moment ein, wenn kein Beteiligter damit rechnet. 3. Konservierungsstoffe in Kosmetika sollten nicht generell verteufelt werden.

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